15.06.1970

„UNS VERSTEHT KEINER SO RICHTIG“

Helmut Schmidt reist mit einer Fahndungsliste über Land.
Der Verteidigungsminister und Oberbefehlshaber der Bundeswehr sucht in seinen Kasernen, Fliegerhorsten und Marinestützpunkten nach Generalen und Admiralen, die künftig ihr Vaterland gegen bewaffnete Angriff e von außen verteidigen und ihre Mit-Bürger in Uniform vor politischen Angriffen von innen bewahren sollen.
Auf dem Personalpapier, das im Truppenjargon "Löwen-Liste" heißt, sind alle 201 Führungspositionen verzeichnet -- 110 Generale des Heeres, 64 der Luftwaffe und 27 Admirale der Marine. Hinter jeder Kommandostelle stehen zwei bis drei Namen potentieller Anwärter.
Vor jedem Truppenbesuch und vor jedem Generals-Meeting im Ministerium auf der Bonner Hardthöhe checkt Sozialdemokrat Schmidt in seinem Kandidaten-Katalog, "wen ich mir heute genauer ansehen muß".
Während seiner Amtszeit bis 1973 quittieren 59 Generale und Admirale aus Altersgründen den Dienst. Darüber hinaus muß Schmidt Ersatz einplanen für Führungskräfte, die mangels Leistungskraft oder aus Gesundheitsgründen seinem "supersonischen Arbeitstempo" (Luftwaffeninspekteur Johannes Steinhoff) nicht gewachsen sind, Personal-General Dr. Konrad Stangl: "Der Minister setzt Arbeitsfristen so knapp, daß sie an den Rand der Kräfte gehen."
Vor drei Wochen präsentierte der Personalverwalter dem Minister Vorschläge für den ersten großen Beför-
* Oben: Generale Uechtritz, Hildebrandt, Domröse bei einer Geländebesprechung; unten: Heeres-Inspekteur Schnez beim Marine-Ball.
derungsschub in der Armeespitze. Schmidt, ermüdet von siebenstündiger Weißbuch-Debatte im Bundestag, entzog sich am späten Abend des vorletzten Dienstag der Stammtischrunde seiner Fraktionsgenossen: "Ich hab' keine Zeit mehr, ich muß heute nacht noch 25 Generale befördern."
Das Personalpalaver endete -- zu mittlerweile gewohnter Schmidt-Stunde morgens um drei -- nur mit einem Teilergebnis. Erst in der vergangenen Woche war entschieden, wer auf die Kommandoplätze rückt, die 22 Generale und Admirale am 1. Oktober räumen.
Längst schon hatten sich Politiker und laufbahnbewußte Soldaten darauf gespitzt, ob der neue Wehrminister mit seinem ersten großen Personalmanöver eine neue Marschrichtung weisen, progressive Offiziere fördern und die Karriere restaurativer Militärs abblocken würde. Doch allzu hochgespannte Erwartungen konnte Schmidt nicht erfüllen. Für einen personalpolitischen Durchbruch fehlt ihm die Manövriermasse. Die wichtigsten Posten im Revirement:
-- Die Generalmajore Hans Hinrichs, 55, Kommandeur der Führungsakademie in Hamburg, und Dr-Ing. Helmut Schönefeld, 54, Kommandeur der 4. Panzergrenadier-Division in Regensburg, werden Kommmandierende Generale des 1. und 11. Korps in Münster und Ulm;
* Generalmajor Franz Pöschl, 52, Kommandeur der Luftlande-Division in Bruchsal, wird stellvertretender Kommandierender in Ulm;
* die Brigadegenerale Hans-Georg Lemm, 51, und Rüdiger von Reichert, 52, sowie Oberst Heinrich Schwiethal, 51, werden Divisionskommandeure in Diez, Regensburg und Bruchsal;
* Generalmajor Rudolf Jenett, 55, Befehlshaber des Territorialkommandos Nord, übernimmt die Führungsakademie;
* Generalmajor Hans-Joachim von Hopffgarten, 54, Brigadegeneral Gerd Schmückle, 52, und Flottillenadmiral Berthold Jung, 54, bekommen Nato-Kommandos in Karup (Dänemark), Casteau (Belgien) und Kiel;
* die Flottillenadmirale Armin Zimmermann, 52, und Paul Hartwig, 51, werden Befehlshaber und Stellvertreter des Flottenkommandos in Glücksburg;
* Generalmajor Horst Gentsch, 53, befehligt künftig die 6. Luftwaffen-Division.
Mit dem Avancement von Hinrichs erzielte Schmidt in seinem eigenen Haus und unter Truppengeneralen einen Überraschungseffekt. Kaum jemand hatte für den bisherigen Kommandeur der Generalstabsschule eine herausragende Stellung in der Heeres-Hierarchie erwartet. Schmidt dagegen: "Hinrichs hat eine breite internationale Erfahrung und ist draußen immer hervorragend beurteilt worden."
Auf der Hardthöhe interpretieren die Personaltaktiker den Aufstieg des Führungsakademikers als Wechsel auf die Zukunft: "Wenn Hinrichs noch etwas werden soll, muß er jetzt schleunigst in die Truppe." Tatsächlich zählt der General bereits zu den Favoriten seines Ministers für die Nachfolge des Heeres-Inspekteurs Albert Schnez und selbst des Bundeswehr-Generalinspekteurs Ulrich de Maizière.
Gleiche Zukunftshoffnungen dürfen die Generalmajore Dr.-Ing. Schönefeld und Dr. rer. pol. Karl Schnell, 53, hegen. Aber während Schönefeld sich schon vom 1. Oktober an als Kommandierender General bewähren kann, muß sich der jetzige Divisionskommandeur Schnell, der noch keine internationale Stabsarbeit verrichtet hat, "erst einmal den Wind der Welt um die Nase wehen lassen" (Schmidt).
Der Verteidigungsminister läßt inzwischen bei der Nato eine angemessene Position für diesen Spitzenkandidaten auskundschaften. Bis dahin soll Schnell "Bildungsurlaub machen, ein halbes Jahr lang mal rumreisen" (Schmidt).
"Wirklich ein Löwe" ist nach Meinung seines Oberbefehlshabers auch Generalmajor Ernst Ferber, 55, der in einigen Wochen Generalleutnant wird und als Vize von Schnez schon jetzt dem Sessel des Heereschefs am nächsten ist. Als der Minister diesen General im Dezember vergangenen Jahres nach Bonn holte, renommierte er vor der SPD-Fraktion im Bundestag: "Diese Ernennung müßt Ihr doch mal richtig sehen. Wer die Bundeswehr kennt, weiß, was das bedeutet." Eine Etage unter dem Spitzenquartett Hinrichs, Schönefeld" Schnell und Ferber stehen bereits die nächsten vier Anwärter auf dem Sprung, die Generale
* Horst Hildebrandt, 51, laut Schmidt "hochintelligent und immer freundlich";
* Franz Pöschl, "ein Mann aus der Truppe, der auf mich einen hervorragenden Eindruck gemacht hat" (Schmidt);
* Hans-Georg Lemm (Ritterkreuz mit Eichenlaub und Schwertern), der schon mit 43 Jahren, fünf Jahre früher als sonst üblich, Brigadegeneral wurde;
* Gerd Schmückle, der als Strauß-Sprecher vor acht Jahren Schmidts Zorn erregte, den der Minister gleichwohl jetzt auf einen wichtigen Allianzposten beförderte. Für den höchsten Militärrang in der Nato hat Schmidt unterdessen den Luftwaffen -- Inspekteur Steinhoff empfohlen. Der Starfighter-Pilot hat gute Aussicht, als zweiter Deutscher nach Adolf Heusinger Chairman der alliierten Befehlszentrale (Military Committee) zu werden.
Für diesen Fall hält sich der Nachfolger Steinhoffs in der deutschen Luftwaffen-Führung schon bereit: Generalmajor Günther Rau, 52, jahrelang Chef des Starfighter-Arbeitsstabs, dann Starfighter-Kommodore und Divisionskommandeur, jetzt Stabschef der 4. Alliierten taktischen Luftflotte in Ramstein/Pfalz.
Die Chancen des sozialdemokratischen Bundeswehr-Oberbefehlshabers, eine ebenso funktionstüchtige wie politisch risikofreie Generalität heranzubilden, sind trotz dieses scheinbar reibungslos verlaufenden Revirements begrenzt. Schmidt muß es schwerfallen, für weitere Vakanzen einen Generalsnachwuchs zu finden, der einerseits seinen fachlichen Ansprüchen genügt: "Vielseitig verwendbar, umfassend gebildet, international eingeführt und ideenreich."
Andererseits sollen die Aufsteiger auch das überkommene Klischee vom deutschen General in der deutschen Öffentlichkeit korrigieren können: "Uns wird leider immer noch pauschal nachgesagt, wir seien dumm und kriegslüstern" (Generalinspekteur Ulrich de Maizière).
Für den Genossen Schmidt, der auf der Hardthöhe das Kanzleramt nicht aus dem Visier läßt, hängt die politische Zukunft primär davon ab, ob ihm bei seiner Personal-Auslese eine gediegene Kombination gelingt. In jedem Zweifelsfall wird er auf herausragende Fachleute verzichten müssen, sofern sie nicht davor gefeit sind, in Reden und Studien politisch auszurutschen und damit den Politiker Schmidt gegenüber der gerade bei seiner Person besonders argwöhnischen Partei-Linken zu desavouieren.
Tüchtige Technokraten können der Bundeswehr, deren Ansehen in der Welt bis heute aus den Leistungen deutscher Soldaten auf den Schlachtfeldern der Vergangenheit herrührt, vielleicht zu respektabler militärischer Bedeutung verhelfen. Sie können die Armee aber nicht zu einer respektierten und integrierten Gruppe der pluralistischen deutschen Gesellschaft wandeln.
Die Ansprüche der Progressiven in SPD, Gewerkschaft und Presse, die nach den Affären um Albert Schnez, Hellmuth Grashey und Heinz Karst Remedur von Helmut Schmidt gefordert hatten, konnte der bedrängte Minister auch mit dem neuesten Generalsschub nicht erfüllen.
Nach siebeneinhalb Amtsmonaten kontert der von seinen enttäuschten Genossen. "Schmidt-Schneze" apostrophierte Wehrminister "meine linken Kritiker, die bisher keine substantiellen Personalvorschläge gemacht haben": "Wo soll ich denn die gewünschten Generale hernehmen? Wenn ich sie machen könnte, hätten wir vielleicht in vierzig Lebensjahren eine ideale Generalität. So aber muß ich mit dem leben, was wir haben."
Die Unzufriedenheit des Ministers mit den Generalen, die er bei Einnahme der Hardthöhe vorgefunden hat, liegt nicht zuletzt in dem System begründet, nach dem diese befördert wurden: Unter den Eignungskriterien für einen General können Zivilisten sich alles oder nichts vorstellen.
Personalchef Stangl, Bruder des katholischen Bischofs von Würzburg und promovierter Jurist, den Zivilisten als liebenswürdigen Plauderer schätzen, den Soldaten aber für undurchsichtig halten, zählt als "mitentscheidende Fähigkeiten" auf: Ein General müsse "aufgeschlossen und geistig jung sein", eine "sehr lockere Hand in der Menschenführung, dazu ein warmes Herz" haben.
In Wahrheit jedoch wurde nach bescheideneren Kriterien befördert. Ein Generalmajor mit vielen Pluspunkten auf Schmidts Check-Liste. " Man wünschte sich zwar Generale, die gute Vorgesetzte, von ihrer Aufgabe überzeugt und ihrem Job fachlich gewachsen waren. In der Regel aber war man schon zufrieden, wenn sie eine dieser Eigenschaften hatten, und verzieh dann Schwächen in den beiden anderen."
So sehen es auch entmachtete Christdemokraten aus der zivilen Führungsspitze des Verteidigungsressorts. Rückblickend taxieren sie, daß derzeit bestenfalls jeder zweite General den vielfachen Ansprüchen genügt, die Waffensysteme einer hochtechnisierten Armee und Rekruten aus einer liberalen Wohlstandsgesellschaft stellen.
Um trotz aller Hemmnisse zumindest das Leistungsniveau der in naher Zukunft nachrückenden Generalität zu heben, haben Helmut Schmidt und sein Parlamentarischer Staatssekretär, Ex-Studienrat Karl Wilhelm Berkhan, neue Maßstäbe für Beurteilungen gesetzt. Die "Löwen-Listen"-Schreiber prüfen, ob ihre Generals-Kandidaten
* sich "an allen unseren Denkprozessen mit den heterogensten Faktoren, an tausenderlei Diskussionen beteiligen" können (Schmidt);
* zwischen Kriegsende und Bundeswehr-Eintritt "studiert haben oder in Handel, Handwerk oder Industrie gut vorangekommen sind" (Berkhan).
Die beiden Sozialdemokraten wollen sichergehen, daß ihre Generale wenigstens "fachlich auf der Höhe der Zeit sind" (Schmidt).
Denn die Generale von heute müssen nicht nur -- wie ihre Vorgänger in Wehrmacht und Reichswehr -- Truppenführer, Ausbilder und Erzieher, sondern auch Waffentechniker, Betriebswirte, Organisatoren des zentralen Managements und militärische Diplomaten sein.
Fortschreitende Technisierung und wachsende Kampfkraft wandelten die Funktionen der Generalität. Unter König Wilhelm I. kommandierten in Preußen 1869 drei von vier Generalen Truppen, in Reichswehr und im Heer der Wehrmacht befehligte noch jeder zweite General einen Grollverband.
Unter Helmut Schmidt sitzen die meisten der Generale nur noch in Stäben, Ämtern und Schulen. Damit sie ihrer Truppe nicht völlig entfremden, sollen die Büro-Generale jeweils nicht länger als drei Jahre hinter ihren Fichtenholz-Schreibtischen hocken.
In Hitlers Wehrmacht umfaßte die Rangklasse der Generale noch fünf Dienstgrade (vom Generalmajor über Generalleutnant, General, Generaloberst bis zum Generalfeldmarschall). Die Bundeswehr hingegen begnügt sich mit vier Stufen: Brigadegeneral (ein goldener Stern), Generalmajor (zwei Sterne), Generalleutnant (drei). General (vier).
Die Chancen eines Leutnants, sich einmal mit goldenen Generalssternen schmücken zu können, stehen 1:97. Er kann es zum Kompaniechef bringen, über die Führungsakademie und verschiedene Stabstätigkeiten zum Bataillonskommandeur aufsteigen, schließlich über den höheren Stabsdienst bis an die Spitze einer Brigade oder einer Unterabteilung im Ministerium avancieren; etwa jeder fünfte Oberst schafft dann den Aufstieg in die Generalität. Außer Kenntnissen und Begabung waren dafür bislang eine gute
* General Hildebrandt, Kommandeur der 1. Panzergrenadierdivision in Hannover.
Portion Glück und politische Affinität zur Spitze des Hauses vonnöten.
Leutnants vergleichbarer Armeen haben ungleich größere Chancen. Die Nato-Staaten Frankreich und Italien zum Beispiel haben -- relativ zur Größe ihrer Streitkräfte -- doppelt beziehungsweise dreimal soviel Generale wie die Bundeswehr. Selbst das 100 000-Mann-Heer des Weimarer Staates, das nur ein Viertel der Bundeswehr-Stärke und keine Spitzenoffiziere an internationale Stäbe abzustellen hatte, leistete sich 44 Generale.
128 Brigadegenerale (in der Marine: Flottillenadmirale) befehligen im Heer 8 der 33 Brigaden; die restlichen 25 Brigaden werden aus Haushaltsgründen nur von Obristen kommandiert, die im Monat 700 Mark weniger verdienen. Überdies sitzen Brigadegenerale als Unterabteilungsleiter -- wie Ministerialdirigenten -- im Elf-Etagen-Pentabonn auf der Hardthöhe, wo sie sich beispielsweise um Innere Führung und Personal, Feindnachrichten oder Logistik (Nachschub) kümmern; sie residieren als Militärattachés in Washington, London und Paris oder dienen in Generalstabsabteilungen der Nato-Oberkommandos.
Die 53 Generalmajore (Marine: Konteradmirale) befehligen die achtzehn Divisionen von Heer und Luftwaffe, leiten Nato-Generalstabsabteilungen, amtieren als stellvertretende Inspekteure oder Stabschefs in den Führungsstäben Helmut Schmidts, dirigieren die sechs Wehrbereichskommandos.
Die 18 Generalleutnants (Marine: Vizeadmirale) sind Inspekteure der drei Bundeswehr-Teile, kommandieren die drei Korps des Heeres und die Luftwaffengruppen Nord und Süd, die Kriegsflotte, sitzen in Spitzenpositionen der Nato und verwalten die zentralen Ämter von Heer, Luftwaffe und Marine, die den Truppen-Betrieb nach den Weisungen der Inspekteure regulieren.
Vier goldene Sterne zieren nur den Bundeswehr-Generalinspekteur Ulrich de Maizière, 58, sowie den Nato-Oberbefehlshaber Europa-Mitte, Jürgen Bennecke, 57.
Im Dritten Reich waren die Oberbefehlshaber von Heer, Luftwaffe und Kriegsmarine ranggleich mit den Reichsministern, als Feldmarschälle sogar darüber. In der Bundesrepublik hingegen ist der ranghöchste Soldat, Maizière, den beiden zivilen Hauptabteilungsleitern für Verwaltung und Rüstung gleichgestellt und bezieht ein Gehalt, das zwischen dem eines Staatssekretärs und dem des Bundesgerichtspräsidenten liegt: 6030 Mark monatlich*.
Die deutschen Generale, die im Kaiserreich erste Diener ("Der erste Stand im Staate") ihres Souveräns waren und noch im Dritten Reich einen der angesehensten Berufe ausübten, sind heute von der Spitze der Gesellschaftsordnung weit entfernt.
Sie gelten nicht mehr als Gestalter des Staates, sondern fungieren nur noch als Berater der politischen Führung; sie sind nicht mehr fast unumschränkte Befehlsgeber, sondern dienen nur noch als Exekutiv-Organe, deren Kompetenzen durch Gesetz und parlamentarische Kontrolle eng begrenzt werden.
Nur bei 17 Prozent der Bundesbürger haben Offiziere "großes Ansehen", bei 45 Prozent hingegen hat ihr Beruf -- nach einer Umfrage des Allensbacher Instituts für Demoskopie -- nur "geringes Ansehen".
Generale werden nach den Allensbach-Ermittlungen geringer geschätzt als Ärzte, Ingenieure, Geistliche, Bergarbeiter, Richter, Oberschuldirektoren und Künstler. Schlechter angesehen als Bonns Offiziere sind nur noch Bonns Politiker, die lediglich von 15 Prozent der Bundesbürger geachtet werden.
Auch besondere Ehrerbietung mögen die Deutschen ihren Generalen nicht mehr erweisen. Auf eine Emnid-Frage, wem die Bundesbürger einen Ehrenplatz zuweisen würden, wenn sie zwischen Generaldirektor, Professor, Minister, Prinz, Bischof oder General zu wählen hätten, entschieden sich nur drei Prozent für den Vaterlandsverteidiger. Prinzen rangieren höher.
Wie der Bundesbürger mit Adelstick, so glaubt auch die Generalität an den Wert sozialer Herkunft und hält sich auf ihre etwas zugute: 39 Prozent sind Akademikersöhne, 18 Prozent üben denselben Beruf wie ihr Vater aus, 15 Prozent entstammen Fabrikanten- und zwölf Prozent Beamtenfamilien des mittleren Dienstes. Die Generale kommen mithin aus Elternhäusern mit mehr gesellschaftlichem Ansehen als die höheren AA-Beamten oder die Richter an Oberlandesgerichten.
All dies vermag dem Ansehen der Generalität in der Öffentlichkeit nicht aufzuhelfen, Lebenslang der Bundes-
* Ein Brigadegeneral (dem zivilen Ministerialdirigenten entsprechend) erhält ein monatliches Grundgehalt von 4000 Mark, ein Generalmajor (zwischen Ministerialdirigent und Ministerialdirektor) verdient 4240 Mark und ein Generalleutnant (Ministerialdirektor) 4780 Mark.
wehr zu dienen, so erfuhren die Allensbacher Befrager, ist "kein Beruf, das ist etwas für Versager, Faulenzer oder Adelige".
Resümee der Demoskopen: "Der Berufssoldat erscheint ... somit als ein Beamter, der im Konkurrenzkampf der freien Wirtschaft nicht bestanden und sich auf eine gesicherte und bequeme Stellung bei der Bundeswehr zurückgezogen hat.
Um diesem Eindruck entgegenzuwirken, wiederholt der Generalinspekteur Ulrich de Maizière unablässig in Reden und Schriften: "Der Offizierberuf ist ein geistiger Beruf."
Doch für diese Maizière-These hat die Bundeswehr-Führung bislang nur dürftige statistische Belege vorgebracht. Danach haben nahezu alle Generale Abitur gemacht, 19 Prozent sogar ein Universitätsstudium abgeschlossen.
Der Vorwurf, nur ihren Kommiß-Betrieb im Kopf zu haben und ansonsten restaurativen Vorstellungen nachzuhängen, ist für die meisten Generale zum Trauma geworden. Bei jeder Gelegenheit attestieren sie sich geistige Interessenvielfalt, musische Neigungen und demokratische Gesinnung.
Maizière läßt jeden wissen, daß er daheim gern Klavier spielt und über Kybernetik diskutiert, Johannes Steinhoff stellt seine Freizeit-Malerei aus, Albert Schnez profiliert sich in "Jasmin" als Goethe-Leser,
Viele Generale, die ihre Büro-Wände zumeist mit Uniform-Stichen schmücken, erzählen mehr als beiläufig, daß sie nach ihrer Pensionierung gern Kunstgeschichte, Archäologie oder Historie studieren möchten -- getan hat es jedoch noch keiner.
Statt dessen leben die meisten, zwischen 55 und 60 Jahren pensioniert, von ihren Ruhestandsbezügen. Oder sie verdingen sich als Investment-Präsident, wie der letzte Heeresinspekteur, Generalleutnant a. D. Josef Moll, bei der IOS; meistens dienen sie Rüstungsfirmen als Lobbyisten so Steinhoff-Vorgänger Werner Panitzki bei der Vertriebsfirma für Luft- und Raumfahrtgerät "Europavia", Ex-Truppenamtschef Hellmuth Mäder bei Rheinmetall und dem US-Helikopter-Produzenten Bell, der ehemalige Chef der "Zentralen deutschen Verbindungsstelle" in Portugal, Herbert Becker ("Ohren-Becker"), ebenfalls bei Rheinmetall.
Für solche Zuerwerbs-Generale (Heeresinspekteur Schnez: "Arbeit schändet nicht. Ich möchte wieder in die Industrie, wenn ich hier ausscheide"), die erst Hitler, Adenauer, Erhard und Kiesinger gedient haben und nun endlich auch verdienen wollen, werfen die Waffen- und Flugzeugfirmen bis zu 5000 Mark Monatsgehalt aus.
Zu angesehenen Management-Jobs in der Wirtschaft und Industrie ist noch kein Bundeswehr-General a. D. aufgestiegen. Kenntnisse und Fähigkeiten der Militärs reichen in der wirtschaftlichen Wettbewerbsgesellschaft offenbar nicht aus.
Selbst den Generalinspekteur Maizière, der 1972 pensionsreif wird, erreichte bis heute keine Industrie-Offerte, Er will zwar als Altenteiler "bestimmt noch etwas tun", aber keine Arbeit annehmen, "die dem Amt des Generalinspekteurs abträglich ist -- also nicht als Lobbyist tätig werden oder für tausend Mark Personalchef eines mittleren Industriebetriebs werden".
Wie kaum eine andere Führungsgruppe hatte die erste Generals-Generation der zweiten deutschen Republik -- Heusinger, Speidel, Laegeler, Röttiger, Kammhuber, Ruge -- versagt.
Von den Amerikanern zur schnellen Aufrüstung ermuntert, wollten Konrad Adenauer und Theo Blank den Alliierten Im Blitztempo eine neue deutsche Streitmacht offerieren: 500 000 Soldaten in vier Jahren.
Den naiv-großsprecherischen Theo-Blank-Gehilfen war dieses Superprogramm so recht nach ihrem Geschmack. -- Generalstabsoberst a. D. Bogislaw von Bonin, im Haus Blank Chef der militärischen Planungsabteilung, prahlte: "Das machen wir glatt. In Rußland haben wir in knapp vierzehn Tagen eine ganze Division auf die Beine gestellt."
Besonnenere Militärs kalkulierten solider. Heusinger und dessen damaliger Stabshelfer Maizière sahen Hindernisse: In dieser knappen Frist sei eine sorgfältige Auswahl des Offizier-Angebots aus dem Zweiten Weltkrieg und dessen Umschulung auf die inzwischen beschleunigt fortgeschrittene Waffentechnik nicht zu bewerkstelligen.
Überdies begriffen sie, daß die neue Armee auf Rekruten angewiesen sein werde, die von der "Ohne mich"-. Kampagne infiziert und mithin wehrunlustig sein dürften.
Heusinger warnte immer wieder: "Ohne die SPD geht es überhaupt nicht."
In "mehreren deutlichen Denkschriften" (Maizière) an Adenauer und Blank trugen die militärischen Sachkenner ihre Bedenken vor. Doch der Kanzler und sein Verteidigungsminister bestanden auf ihrem überzogenen Plan. Maizière heute: "Wir waren damals gegenüber dem Primat der Politik loyal. Wir waren nicht Gestalter, sondern Berater der Politik."
Konsequenzen ihres Gehorsams, "unter den gegebenen Umständen mit den gegebenen Mitteln unser Bestes zu tun" (Heeres-Inspekteur Röttiger 1956): In zwei Jahren wurden zehntausend ehemalige Offiziere auf Lebenszeit reaktiviert.
Wer in der Bundeswehr als Oberst oder noch höher wieder anfangen wollte, mußte den vom Bundestag dekretierten Personalgutachter-Ausschuß passieren. Ihm saß nominell der Zentrums-Staatssekretär a. D. Wilhelm Rombach vor, für den Offizier-Personalien unbeschriebene Blätter waren.
Die Ausschußarbeit steuerte Rombachs Vize, General der Panzertruppen a. D. Adolf Kuntzen, der in der Reichswehr und in der Wehrmacht (bis 1938) als Abteilungschef des Heerespersonalamts über die konservative Exklusivität des Offizierkorps gewacht hatte. Seine Urteile über die Bundeswehr-Bewerber fällte er anhand seiner Taschen- und Notizbücher aus der Vergangenheit.
Kuntzens Verdienst: Die Bundeswehr blieb -- im Gegensatz zum Auswärtigen Amt -- frei von Nazis und auch frei von Offizieren, die nach Reichswehr-Maßstäben moralisch gefehlt hatten.
Diese Ausschuß-Methoden jedoch hielten selbstbewußte, im Zivilleben reüssierte Offiziere von der Rückkehr in die Armee ab. General a. D. Wenck: "Ich denke gar nicht daran, mich diesem Friedhofs-Ausschuß zu stellen, Die schnüffeln nachher sogar noch nach, ob ich wohl mal in Buenos Aires im Puff gewesen sein könnte."
Das Ausleseverfahren bewahrte die Bundeswehr freilich nicht davor, daß Generale nur deshalb in Spitzenpositionen gelangten, weil sie vor anderthalb Jahrzehnten als Generalstäbler in Korps, Armeen und Heeresgruppen exzellent funktioniert hatten.
Der erste -- provisorische -- Heeres-Inspekteur Hellmuth Laegeler genügte im Bundeswehrdienst den Führungsansprüchen nur insoweit, als er nie jemandem auffiel.
Generalleutnant Hans Röttiger, zweiter Heeres-Inspekteur, in der Wehrmacht als Mitschöpfer der Panzerwaffe berühmt und vom SPD-Abgeordneten Helmut Schmidt an die
Mit Verteidigungsminister Blank und den Generalen Heusinger und Laegeler bei seinem ersten Truppenbesuch, In Andernach 1956.
Heeresspitze lanciert, hatte seine Nervenkraft in Krieg und Nachkrieg verbraucht -- was im Ministerium freilich als völliger Mangel an Energie und Initiative erst nach seinem Dienstantritt auffiel.
Der vierte Heeresinspekteur, Josef Moll, der während der 1966er Generalskrise um den ÖTV-Erlaß unerwartet vom Stellvertretenden Chef der Teilstreitkraft auf rückte, verbrachte seine zwei Amtsjahre mit Popularitätshascherei: Er wollte den Zapfenstreich abschaffen und die Kasernenhöfe in Grünanlagen umgestalten.
Beispielhaft für personalpolitische Fehlgriffe war schließlich auch die Berufung des Generalleutnants Leo Hepp zum Kommandierenden General des 11. Korps in Ulm.
Zu seinen Truppen zählte die Nagolder Fallschirmjägerkompanie des Oberleutnants Jürgen Schallwig, deren zackiger Kommißbetrieb den General animierte, ausgerechnet diesen strammen Haufen internationalen Besuchern als Musterkompanie vorzuführen.
Nachdem die Soldatenschinderei in dieser Einheit ruchbar geworden war, suchte Hepp sich auf ebenso spektakuläre wie gesetzwidrige Weise aus der Affäre zu ziehen. Er usurpierte die Organisationsgewalt, die auch für den Bereich der Verteidigung nur den politischen Verfassungsorganen in Bonn zusteht, und strich die Kompanie Schallwig aus der Kriegsgliederung seines Korps. Der damalige Generalinspekteur Foertsch: "Unerhörter Vorgang."
Foertsch-Nachfolger Heinz Trettner reiste wenig später nach Nagold. Ein Leutnant attackierte in der Diskussion mit Trettner den Kommandierenden Hepp: "Herr General, der Fisch stinkt zuerst beim Kopfe."
Mit seiner Machtanmaßung war Hepp weit von der General-Linie des ersten Bundeswehr-Jahrzehnts abgewichen. Denn seine intelligenteren Kollegen waren von Anfang an darauf bedacht, eher leise zu treten, als den Verdacht aufkommen zu lassen, das Militär beanspruche mehr Rechte als zivile Staatsdiener.
Als Musterschüler der Demokratie trieben sie ihr Wohlverhalten bis zur Selbstverleugnung.
Überdies erwiesen sich in der Alltagspraxis die Beamten des Verteidigungsressorts alsbald den gleichgestellten Soldaten überlegen. Denn im Gegensatz zu den Bürokraten, die zumeist viele Jahre mit ein und derselben Aufgabe befaßt sind, wechseln die Offiziere aus Gründen des Avancements in der Regel nach drei Jahren die Stellung und sind mithin den versierten Beamten im Verwaltungsbetrieb unterlegen.
Oft genug resigniert ein Ministerial-General schon nach wenigen Amtswochen: "Uns versteht keiner so richtig" oder: "Wir kommen mit unserer Sache nicht durch."
Kostspielige und zugleich tödliche Folgen hatte das Neben- und Durcheinander ziviler und militärischer Instanzen beim Starfighter-Programm: bisher 57 Tote und 122 Totalverluste.
Blanks Amtsnachfolger Franz Josef Strauß gierte nach Teilhabe an der alliierten Atommacht und bestellte -- ebenfalls ohne Truppentests -- rund 700 Maschinen des noch nicht einmal auf dem Reißbrett fertigen Mehrzweckflugzeugs F-104 G.
Der damalige Brigadegeneral Steinhoff -- Befürworter der Starfighter-Anschaffung -- warnte dennoch seinen Luftwaffeninspekteur Josef Kammhuber schriftlich vor diesem Mammutkauf, der die junge deutsche Luftwaffe überfordere. Stereotyp verwies Kammhuber alle Warner aus dem Luftwaffen-Führungsstab auf den unantastbaren Primat der Politik:" Unser Starfighter-Programm ist ein Politikum."
Die Generale kuschten. Ihre Furcht kam aus einer Zwangsvorstellung, die Seeckt hieß.
Der allmächtige Reichswehr-Generalissimus Hans von Seeckt hatte das 100 000-Mann-Heer gesellschaftlich isoliert, es gegen Einflüsse der Zeit abgeschirmt und mit dem Gewicht der bewaffneten Macht politischen Einfluß ausgeübt.
Der weltläufige Gentleman, im Gespräch mit Parlamentariern und Ministern von verletzender Ironie, gab sich das Air des Undurchdringlichen und genoß den Beinamen "die Sphinx".
Kommandeure und Befehlshaber fürchteten seine ätzende Kritik und vergötterten ihn zugleich. Schon zu seiner Amtszeit war Seeckt Legende, die Ihm mehr politischen Ehrgeiz andichtete, als er je entwickelt, und ihm mehr politische Macht zumaß, als er je in Händen hatte.
Das Gespenst Seeckt spukte so bedrückend in den Köpfen der Bonner Parlamentarier, daß sie der Bundeswehr in der westdeutschen Verfassungsordnung einen denkbar niederen, mit Paragraphen eingezäunten Platz zuwiesen.
In Wahrheit jedoch war schon mit Seeckts Abschied, 1926, dieser Generalstyp, ein Relikt aus dem alten Preußen, passé. Den Generalen der Bundeswehr jedenfalls, von denen die meisten Seeckt immer noch verehren, fehlen nicht nur die staatsrechtlichen Voraussetzungen, um das Idol zu kopieren.
Gleichwohl führt von Seeckt eine direkte General-Linie bis in die Bundeswehr.
Seeckt hatte beim Start der Reichswehr die Stellen der Kompaniechefs, Bataillons- und Regimentskommandeure überwiegend mit Generalstabsoffizieren aus dem Ersten Weltkrieg besetzt und ihnen die Kriegsleutnants als Zugführer zugeteilt.
Diese Generalstäbler avancierten unter Adolf Hitler zu Armeeführern und Feldmarschällen, die Kriegsleutnante zu Generalen, und sie wurden schließlich -- wie Heusinger, Speidel und Röttiger -- zur ersten Führungsgarnitur der Bundeswehr.
Die Reaktivierung von Hitler-Generalen ließ die schon nach Kriegsende geführte Diskussion über die Mitschuld der Generalität am Untergang Deutschlands wiederaufleben.
Die Nachkriegsdeutschen hatten Hitlers Heerführern vorgeworfen, die Machtergreifung des Führers nicht verhindert, seine Kriegspläne nicht durchkreuzt, trotz ihrer Einsicht in den unausbleiblichen Mißerfolg eines Zwei-Fronten-Krieges die Operationspläne Hitlers vollstreckt zu haben. Überdies hätten sie sich von ihrem obersten Befehlshaber in schamloser Weise mit Gut und Geld korrumpieren lassen.
Tatsächlich war es Hitler gelungen, die Jünger des noblen Seeckt auf peinliche Weise zu bestechen.
Heeresoberbefehlshaber Walther von Brauchitsch zum Beispiel nahm 1938, als er in sein Amt berufen wurde, von Hitler 80 000 Mark an, um sich scheiden zu lassen und die Frau, die überdies einen Witwensitz bekam, standesgemäß zu versorgen.
Der in bescheidenen Verhältnissen lebende Generalmajor Friedrich Paulus ließ sich, ebenfalls kurz vor dem Krieg, von Hitler eine luxuriös möblierte Villa im vornehmen Berliner Wohnviertel Dahlem schenken. Die Frau des Stalingrad-Verteidigers nach dem Krieg über die Folgen dieser Bestechung: "Von dem Tage an war mein Mann innerlich nicht mehr frei."
Feldmarschall Günther von Kluge, der wie alle Feldmarschälle vom Armeeführer aufwärts einkommensteuerfreie Sonderzuwendungen aus Hitlers Privatfonds bezog, erhielt zu seinem 60. Geburtstag, am 30. Oktober 1942, von Hitler einen Scheck über 250 000 Reichsmark und die Erlaubnis, mitten im Krieg sein brandenburgisches Gut auszubauen.
* Oben: Mit Reichswehrminister Gessler; unten links: mit Generalen Blaskowltz und von Brauchitsch; unten rechts: mit Kriegsminister General von Falkenhayn, Generalstabschef von Moltke und Generaloberst von Plessen.
Gegen den Nachkriegs-Vorwurf, die Generale hätten als Dirigenten der bewaffneten Macht dem Adolf Hitler keinen militärischen Widerstand geleistet, wehrte sich die Bundeswehr-Generalität mit magerem Erfolg.
Sie reklamierte den Obersten Claus Graf Schenk von Stauffenberg und den 20. Juli als Beitrag Ihrer Kaste und verwies auf den hohen Blutzoll ihrer Rangklasse. Jeder dritte General sei an der Front gefallen, als Widerständler hingerichtet oder durch Freitod aus dem Leben geschieden.
Hitler-Generale, die durch ihren Eintritt In die Bundeswehr öffentliche Zweifel an der demokratischen Zuverlässigkeit der neudeutschen Armee erregten, sind im Herbst 1968 mit der Pensionierung des letzten Wehrmacht-Generals, des Truppenamt-Chefs Hellmuth Mäder, aus der Bundestruppe verschwunden.
Die heutigen Generale und deren Nachfolger haben dem NS-Staat höchstens als Obersten gedient und sind mithin frei von dem Odium, unentbehrliche Helfershelfer der Hitlerschen Kapitalverbrechen gewesen zu sein.
Aber auch die jetzt amtierende deutsche Generalität war durchweg noch Fahnenjunker der Reichswehr und wurde dort vom volksfeindlichen Elitedünkel der feldgrauen Restauration infiziert.
Wie nachhaltig der Reichswehrgeist wirkte, offenbarte sich schon bei den ersten internen Bundeswehr-Diskussionen über das Reformprogramm der Inneren Führung.
Dessen Initiator, Chefreformer Wolf Graf Baudissin, entstammte dem erzreaktionären Potsdamer Infanterie-Regiment 9 (Truppenjargon: "I. R. Graf 9"), dessen Offizierkorps überwiegend feudal zusammengesetzt war, sich In der Weimar-Republik als Hausmacht der Hohenzollern begriff und die Tradition der preußischen Gardeinfanterie pflegte. Als Adjutant dieses Regiments wachte Baudissin so streng über feinste Offizierssitten -- er verbot sogar das gemeinsame vorolympische Training von Unteroffizieren und Leutnants -, daß selbst Hohenzollern-Prinz Oskar Anstoß nahm.
Baudissins Hang zur Übertreibung (CDU-Wehrexperte Josef Rommerskirchen: "Kanonisierung") war nicht geringer geworden, als er nach dem Kriege daran ging, für die neue Bundes-Streitmacht das Konzept der Inneren Führung zu erarbeiten. Vielen seiner Kameraden intellektuell überlegen und gleichzeitig empfindsam gegen Kritik, erhob er das "Innere Gefüge" zur Ideologie.
Da die Bonner Politiker Baudissin unterstützten, waren offene Diskussionen um das "innere Gewürge" (Kasino-Slogan) in den ersten Jahren der Bundeswehr nicht ohne Risiko -- und wurden tunlichst vermieden. Nach Baudissin-Freund Maizière ging der Reformgraf von der allzu pauschalen Hypothese aus: "Was wir früher gemacht haben, war schlecht; deswegen müssen wir nun alles anders machen."
Die vom Effizienz-Fan Schmidt "nicht in allen Positionen", aber im "grundsätzlichen Impetus" geteilten Gedanken des ehemaligen Generalleutnants und jetzigen Hamburger Strategie-Dozenten haben der Bundeswehr immerhin die Grundlagen für eines der fortschrittlichsten Systeme militärischer Menschenführung beschert. Vergleiche mit den Armeen der Nato-Partner fallen in diesem Punkt zugunsten der deutschen Streitmacht aus.
Indes, schon mit den hohen Ansprüchen Baudissins an Fähigkeiten und Führungskunst des Vorgesetzten mochten sich restaurative Offiziere und Unteroffiziere nicht befreunden. Massiv angefeindet wurde der Reformer im Generalsrock aber erst, als er auch Berufsbild und Wehrmotiv des Soldaten im Atomzeitalter auf den Kopf stellte.
Anstelle bloßer, auf den Krieg als Bewährung ausgerichteter Kampfkraft-Erzeugung verlangt Baudissin von Armeen des 20. Jahrhunderts sie müßten angesichts der Apokalypse des modernen Krieges den Frieden und damit das militärisch und politisch wirksame Dasein einer Abschreckungs-Streitmacht als "Ernstfall" bewältigen. Pflicht im Kriege sei nicht mehr der Sieg, nur noch die Wiederherstellung des Friedens, mithin das Erkämpfen von Denk- und Verhandlungspausen.
Für die Luftwaffe des Johannes Steinhoff, deren Soldaten schon seit Jahren zu 80 Prozent im 24stündigen Bereitschaftsturnus leben, sind diese Doktrinen weder ein intellektuelles noch ein praktisches Problem; Baudissins ehemalige Kameraden im Heer hingegen mögen auf stramme Erziehung zum Kampf nicht verzichten. Inspekteur Albert Schnez in einem SPIEGEL-Gespräch: "Dafür bin ich da,"
Maizière begreift die Innere Führung zwar differenzierter als Schnez, gleichzeitig aber auch effizienz-betonter als Baudissin: "Wir müssen den veränderten gesellschaftspolitischen Bedingungen Rechnung tragen. Das Ziel der Inneren Führung muß auf die Effektivität der Bundeswehr ausgerichtet sein. Ihre Mittel und Methoden müssen mit der staatlichen, rechtlichen und sozialen Ordnung übereinstimmen."
Die große Mehrheit der konservativ eingestimmten Reichswehr-Zöglinge in der Bundeswehr widersprach nicht offen den neuen Theorien von Menschenführung. Sie wähnte sich sicher, daß die Thesen der Inneren Führung in der Truppenpraxis bald Makulatur sein würden, und reduzierte die modernen Erkenntnisse auf das althergebrachte Motto ordentlicher Menschenbehandlung: "Fürsorge für die Truppe." Ihr Diskussionsbeitrag zur Inneren Führung erschöpfte sich in dem trivialen Spruch: "Wir waren doch schon immer gut zu unseren Leuten, sonst wären die Landser nicht sechs Kriegsjahre hinter uns hergelatscht."
Unbefangener mäkelten die Traditionalisten an der Inneren Führung erst, als zunächst Friedrich Foertsch und später Heinz Trettner zum Generalinspekteur ernannt wurden.
Foertsch gab deutlich genug zu verstehen, daß die Innere Führung ihn schlechthin langweile. Trettner begründete seine Einwände sozial-psychologisch: "Baudissin ging davon aus, daß unsere Rekruten rein rational agierende Wesen sind. Aber sie sind Menschen wie wir alle -- mit Schwächen, Fehlern und Gefühlen behaftet wie alle Menschen."
Monatelang sperrte sich Trettner 1966, gemeinsam mit den drei Inspekteuren der Teilstreitkräfte und dem schwarzweißroten Verteidigungsminister Kai-Uwe von Hassel, gegen das Eindringen der Gewerkschaft Öffentliche Dienste, Transport und Verkehr in die Kasernen. Es ging ihm gegen den Strich, daß die ÖTV mit dem durch die Innere Führung garantierten Koalitionsrecht der Soldaten Ernst machen wollte.
Hassel scheute dann das politische Risiko eines Rechtsstreits mit den Gewerksehaftern. Ohne seine Spitzen-Generale auch nur zu informieren, erlaubte er der ÖTV den Zutritt in die Truppenunterkünfte.
Und nun geschah, wozu sich deutsche Generale seit dem Rücktritt des Heeresgeneralstabchefs Ludwig Beck (1938) nicht mehr aufgerafft hatten: Trettner kam um seinen Abschied ein.
Die nachgewachsenen Hauptleute und Majore der Bundeswehr applaudierten: "Das ist doch mal ein Kerl."
Ein weiterer Rücktritt zur gleichen Zeit stärkte das Selbstbewußtsein der Bonner Generale. Luftwaffen-Inspekteur Werner Panitzki sah sich in der Starfighter-Affäre, der er fachlich nicht gewachsen war, von seinem politischen Oberbefehlshaber Hassel im Stich gelassen und demissionierte.
Panitzkis designierter Nachfolger Johannes Steinhoff nutzte Hassels Notlage. Anstatt sofort unter Hackenklappen "Jawoll" zum Angebot des Ministers zu sagen, nahm er sich in ziviler Freiheit zehn Tage Bedenkzeit, um Hassel Kompetenzen abzupressen, die einem Bonner General bis dahin nicht zugestanden worden waren.
Ebenso wie Steinhoff gelang es auch dem designierten Trettner-Nachfolger Ulrich de Maizière, sein Amt -- das des Generalinspekteurs -- aufzuwerten. In zwei Briefen an Hassel stellte er kategorisch fest, daß sich der Staatssekretär im Verteidigungsressort -- damals Karl Gumbel -- in Fragen der Befehlsgewalt nicht mehr die Vertretung des Ministers anmaßen darf.
Während die Berufungen von Maizière und Steinhoff dem restaurativen Trend zumindest nicht förderlich gewesen waren, witterten die alten Kameraden Morgenluft, als Albert Schnez im Herbst 1968 zum Heeresinspekteur ernannt wurde. Sie glaubten, nun hätten sie genügend Rückhalt, um die "weiche Welle" der Inneren Führung zugunsten einer strammeren, gefechtsbezogenen Linie aufzugeben.
Die Kommandeure und Kompaniechefs des Heeres begrüßten den bulligen Managertyp mit Verstand und Rückgrat als "den einzigen Mann, der das Heer in Ordnung bringen kann" (Brigadegeneral Dr. Friedrich Beermann).
Nachdem das Heer unter Schnez-Vorgänger Josef Moll wie eine Laisser-faire-Gesellschaft gewurstelt hatte, packte Ex-Manager Schnez die überfälligen Reformen an: Konzentration der Abwehrkraft an den möglichen Einfallspforten östlicher Aggressoren.
In seinen Stab holte sich Schnez energische Gehilfen, die einerseits über technische Intelligenz geboten, andererseits aber restaurative Sentiments nicht loswurden. Am vollkommensten war diese Mischung von Geist und Ungeist in Generalmajor Hellmuth Grashey ausgeprägt, dem Schnez-Vize.
Insider waren keineswegs überrascht, als Grashey im Frühjahr 1969 vor der Führungsakademie in Hamburg aus dem Stegreif über SPD, Innere Führung, Bundeswehr-Bürokratie und Wehrbeauftragten herzog.
Grashey repräsentierte jenen Bundeswehr-Generalstyp, den Ulrich de Maizière so charakterisiert: "Von der Ratio her haben alle unsere Generale die Gegebenheiten der pluralistischen Gesellschaft erfaßt, aber bei manchen ist das nicht so in die Fasern ihres Herzens eingedrungen, daß nicht plötzlich mal was anderes hochkommen könnte."
Nur wenig zivilisierter offenbarte sich der feldgraue Atavismus einige Monate später in der Studie "Zur Verbesserung der inneren Ordnung des Heeres". Hauptverfasser dieser "Schnez-Studie" waren die Brigadegenerale Heinz Karst, Wolfgang Schall und Ernst Paulsen. Kritiklos unterschrieb Schnez, daß Gesellschaft und Bundeswehr "an Haupt und Gliedern reformiert" werden müßten.
Die Reform kam schnell. Sie begann am Heeres-Haupt. Noch bevor der Sozialdemokrat Helmut Schmidt das Ministeramt auf der Hardthöhe antrat, brach er den Stab über Grashey,
Studienschreiber Karst, bislang Erziehungs-Inspizient des Heeres, kam um seinen Abschied ein, als er erkannte, daß er an die Bundeswehr-Peripherie wegbefördert werden sollte. Schmidt genehmigte erst das zweite Gesuch.
Mitautor Paulsen bekommt nicht, wie ursprünglich vorgesehen, das Kommando über die Luftlandedivision; Drittautor Schall bleibt vorerst noch Unterabteilungsleiter im Führungsstab des Heeres.
Sein Inspekteur, dessen Kopf der linke SPD-Flügel vom Genossen Schmidt forderte, bleibt sogar bis zur Pensionsreife, die er im Herbst 1971 erreicht, im Amt. Schmidt-Adlatus Berkhan: "Herr Schnez dient seine Zeit zu Ende; es gibt keinen Grund, ihn vorher zu pensionieren, es sei denn, er selber hat diesen Wunsch."
Die Schnezens, so hat Schmidt es in seinen ersten fünf Monaten herausgefunden, repräsentieren noch auf Jahre die Mehrheit der Generalität.
Um neue Generals-Affären à la Grashey zu vermeiden, sollen künftig nur noch solche Offiziere Rock und Mütze mit Generalsgold schmücken, die laut Schmidt
* "nach 1945 mit dem Kriegserlebnis fertig geworden sind und mit Erfolg und Befriedigung einen Zivilberuf ausgeübt haben, so daß ihr breiter Horizont den von mittelprächtigen Abgeordneten deutlich übertrifft";
* "den Mief von Hammelburg (Kampftruppenschule nördlich Würzburg) hinter sich gelassen und ein internationales, unkonventionelles Flair erworben haben wie Steinhoff, der übrigens eine Handvoll Bonner Staatssekretäre in den Sack steckt";
* "nicht mit Rau-Ruck an eine Sache herangehen, sondern nachdenken, und zwar auch schon über Dinge, die noch gar nicht befohlen worden sind";
* "auch außerhalb der eigenen Teilstreitkraft in nationalen Stäben oder -- wenn sie in die obersten Spitzen-Positionen steigen sollen -- -- in integrierten Nato-Kommandos verwendet worden sind". Noch mehr Entscheidungsnot als die kurzfristige General-Planung wird dem Verteidigungsminister die Körung im Löwengehege für die nächste Generalsgeneration bereiten. Denn wie kritisch Helmut Schmidt seine gegenwärtige Spitzengarnitur auch einschätzt, die nachrückende Rangklasse der Obristen Ist -- nach dem Urteil ehemaliger Hardthöhen-Herren -- noch weniger potent. Grund: Diese Jahrgangsgruppe rekrutiert sich fast ausnahmslos aus Frontsoldaten, denen im Zweiten Weltkrieg ein gründliches Generalstabs-Training verwehrt blieb.
Der Sozialdemokrat muß aus einem Angebot von 950 Obristen (Durchschnittsalter: 53 1/4 Jahre), von denen 600 nach herkömmlichen Maßstäben für eine weitere Beförderung in Frage kommen und 150 als "besonders geeignet" gelten, schließlich 30 bis 40 zum Brigadegeneral befördern.
Bessere Qualität ist erst zu erwarten, wenn die Majore und vereinzelt schon Oberstleutnante von heute, die erst in der Bundeswehr das Kriegshandwerk erlernt haben, in sechs bis acht Jahren generalsreif werden.
Denn noch keine deutsche Armee hat soviel Geld und Zeit für die Aufzucht junger Offiziere aufgewendet. Zudem hat sich diese Altersgruppe zum Soldaten-Beruf entschlossen, als noch kein Numerus clausus die Abiturienten mit schwächeren Noten im Reifezeugnis der Armee zutrieb.
Dieser Bundeswehr-eigene Nachwuchs ist im Gegensatz zu den Generalen von heute erfrischend kritisch und unbefangen: frei vom Komplex, die Vergangenheit der Nation bewältigen zu müssen, frei vom Korpsgeist und der selbstgewählten Pflicht, Größen der Vergangenheit wie Manstein, Guderian oder Rommel blindlings zu bewundern.
Nach dem herkömmlichen Beförderungsrhythmus müssen sich diese 35- bis 40jährigen Offiziere noch zehn bis 15 Jahre auf der Ochsentour abstrampeln, ehe sie als Generale Führungsaufgaben übernehmen können. Ihr Handikap: Altersgenossen In der Industrie, die mit vergleichbarem Ausbildungsaufwand trainiert wurden, führen bereits jetzt als Abteilungsleiter oder technische Direktoren -- mit Kompetenzen und Bezügen, die denen eines Generals vergleichbar sind.
Das schnelle Avancement in der freien Wirtschaft hat freilich auch Nachteile, denen Offiziere -- noch -- nicht konfrontiert sind. Unter dem Druck des Marktes und des aufstrebenden Nachwuchses verbrauchen sich die Manager so rapide, daß sie oft schon mit 50 oder 55 Jahren zur Strecke gebracht sind -- wohlversorgt mit auskömmlichem Ruhegehalt.
In diesem Pensions-Alter der Industrie, mit deren Management die Generalität sich hinsichtlich Arbeitsfülle und gesundheitlichem Verschleiß gern vergleicht, ergattern Offiziere ihren ersten goldenen Stern (Durchschnittsalter der Brigadegenerale: 531/4 Jahre>.
Immer zu alt und oft auch ausgebrannt, soll ein General nach den Erwartungen der Gesellschaft dann "versierter Spezialist, heroischer (Einzel-)Kämpfer, pädagogisch erfahrener Erzieher, fürsorglicher Vorgesetzter, qualifizierter Ausbilder, überzeugendes Vorbild sein" (Ex-Wehrbeauftragter Matthias Hoogen in seinem letzten Jahresbericht an den Bundestag).
Diese Erwartungen, "die an keinen zivilen Beruf gestellt werden" (Hoogen), könnten Generale vielleicht annähernd erfüllen, wenn die Bundeswehr, die von ihrer Integration in die Gesellschaft soviel Aufhebens macht, ihre Personalpolitik zivilen Normen anpaßte.
Das aber ist nicht abzusehen. Wem immer Helmut Schmidt auf seiner "Löwen-Liste" Pluspunkte gibt, er wird bei dem derzeitigen Beförderungstrott nur betagte Generale berufen können.
Der Bundeswehr-Oberbefehlshaber sucht eine mittlere Lösung: "Generale, die auf dem Gefechtsfeld führen, müssen jung, Schreibtisch-Generale dürfen älter sein.

DER SPIEGEL 25/1970
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