15.06.1970

KRIMINALITÄT / VERSICHERUNGSBETRUGBumser im Dickicht

"Als im Rheinland die ersten "Bumser", auftauchten, ging es, so "Allianz"-Prokurist Dr. Werner Schneider, "wie ein Zittern durch die Versicherer". Denn der "neue Tätertyp" (Kölns Kripochef Werner Hamacher) ist nur schwer auszumachen und noch schwerer zu Überführen.
Angst in der sonst nicht zimperlichen Versicherungsbranche verbreiten die "Haftpflicht-Hyänen", eine moderne Kriminellen-Spezies, die durchweg im Team und nach einer so einfachen wie einträglichen Methode arbeitet: Im Verkehrsgewühl der Städte provozieren sie Zusammenstöße, zumeist Auffahr-Unfälle, und sorgen dafür, daß der ahnungslose Kontrahent formal im Unrecht Ist.
In Zusammenarbeit mit Werkstätten, manchmal gar mit Sachverständigen, präsentieren sie den Versicherungsgesellschaften dann hohe Schadensrechnungen, wenden aber nur einen Bruchteil der Summe für die Instandsetzung ihres beschädigten Fahrzeugs auf und gehen dann mit dem notdürftig geflickten Auto auf Jagd nach neuen Opfern.
Leverkusens Kripo ermittelt zur Zeit gegen sieben Banden, die pro Unfall zwischen 1000 und 5000, im Einzelfall sogar bis zu 13 000 Mark abkassierten. An einer Unfallserie mit insgesamt 114 Karambolagen sind 32 Verdächtige beteiligt, die 29 verschiedene Versicherungs-Unternehmen geschädigt haben sollen. Dabei ereigneten sich allein 18 angebliche Unfälle mit immer demselben Fahrzeug. An einer anderen Serie mit 85 provozierten Unfällen sind 28 Menschen beteiligt, und ein Auto soll 18mal gerammt worden sein.
Das ist nur die "Spitze des Eisbergs", denn die Methode kann vielfach variiert werden, und die "Dunkelziffer ist sicher enorm" (Schneider). Beispielsweise berichtet der Kölner Hauptkommissar Paul Schultzky von einem alten Opel im Wert von "wenigen hundert Mark", der zehnmal in kurzer Zeit als beschädigt gemeldet worden war und dessen Halter insgesamt 25 000 Mark vereinnahmte.
Die Schwierigkeiten, echte von fingierten oder provozierten Unfällen zu unterscheiden. sind beträchtlich. Allein in Köln ereignen sich durchschnittlich 80 Unfälle pro Tag; die Versicherer sind überlastet, und den Tätern fallen immer neue Tricks und Tarnungen ein. So war es eher Zufall, daß Kölner Schadensregulierer vor etwa zwei Jahren auf "immer dieselben Namen, aber in wechselnden Positionen" stießen, nämlich "mal als Halter, mal als Fahrer oder Zeuge oder Abschlepper" (Schneider).
Zudem schienen die Unfall-Schilderungen und der Umstand verdächtig, daß die Geschädigten sich weigerten, den Abgesandten der Versicherungen die Unfall-Autos vorzuführen. "So etwas macht dann stutzig", findet der Allianz-Prokurist Schneider: Die Assekuranz-Unternehmen verglichen ihre Daten, die zwar keine Beweise brachten, aber den Verdacht auf Versicherungsschwindel bestärkten.
Nun gingen die Versicherer zur "Gegenoffensive" (Schneider) über: Sie verweigerten die Zahlung, ließen sich verklagen und erreichten vor den Zivilgerichten, daß die Prozesse bis zur strafrechtlichen Klärung ausgesetzt wurden -- womit die Fälle bei Kripo und Staatsanwaltschaft landeten.
Die Ermittler mußten sich durch ein Dickicht ineinander verschlungener Fälle arbeiten, die, so Kripo-Schultzky. "nicht fein säuberlich zu unterscheiden" sind, und sie kamen bald darauf, daß, so Kripo-Chef Hamacher, "die Machart nicht ganz neu" ist und ein Teil der in die Vergangenheit reichenden Fäden wohl nie ganz zu entwirren sein wird.
Zum Beispiel stellten die Fahnder fest, daß "Bumser", als sie sich von der Polizei verfolgt fühlten, nach Holland, ins Elsaß oder nach Niedersachsen auswichen. Die Kriminalisten entdeckten, daß die Tatfahrzeuge oft "innerhalb weniger Wochen" (Schultzky) mehrfach den Besitzer wechselten -- der jedoch stets zum Täter-Team gehörte -- und nur noch in mühevoller Kleinarbeit, mit Hilfe der Fahrgestellnummer, identifiziert werden konnten.
Im Großstadtdschungel von Köln, wo laut Schultzky "die meisten Kfz-Diebstähle in der Bundesrepublik" passieren, sind die Fährten besonders undeutlich, da Autohandel und Auto-Werkstätten "teilweise in Händen von Kriminellen" (Schultzky) sind; es gibt, so Allianz-Schneider, "viel Verdacht und wenig Beweise".
Die "Haftpflicht-Hyänen" arbeiten beispielsweise mit zwei Autos, die auf ein verabredetes Zeichen plötzlich und ohne erkennbaren Anlaß bremsen. Da beide darauf vorbereitet sind, passiert ihnen nichts; der überraschte Hintermann aber reagiert zu spät und fährt auf. Das erste Bumser-Auto verschwindet, der zweite Bumser schimpft auf den Vordermann und bedauert den Unfallverursacher -- der klar im Unrecht ist.
Oder: Ein Täter lauert an einer Straßenecke, an der er Vorfahrt vor den von links kommenden Fahrzeugen hat, fährt auf ein Zeichen eines unauffällig postierten Komplicen an und fängt sich einen Blechschaden ein, den die Versicherung des Kontrahenten mit allen Nebenkosten berappen muß. Probat sind auch schnelle Schwenk-Manöver, die zu Karambolagen mit Überholenden führen, oder plötzliches Gasgeben, bevor der Überholer sich wieder in die rechte Fahrspur eingeordnet hat -- was hernach so dargestellt wird, als habe der Überholer das Gauner-Auto geschnitten.
Denn die Haftpflicht-Betrüger haben stets Zeugen parat, während sie bei ihren Kontrahenten darauf achten, daß sie allein im Auto sitzen. Ebenso sind sie darauf bedacht, jede Verletzung eines Unfallbeteiligten zu vermeiden, was ihnen, die "meist vorzügliche Fahrer" (Schneider) sind, zumeist gelingt. Sind die Schäden am Bumser-Auto trotz Tricks und Fahrkünsten nicht im Sinne des Veranstalters ausgefallen, dann wird auf einem Werkstatthof, so ein Leverkusener Kriminal-Obermeister, "mit dem Vorschlaghammer nachgeholfen".
Den überlasteten Schadens-Schätzern der Versicherungen ist es, wenn sie überhaupt an das beschädigte Fahrzeug herangelassen werden, zumeist unmöglich, echte von nachvollzogenen Blechschäden zu unterscheiden. Gegen solche Straftäter hilft, darin sind sich Kripo und Versicherer einig, gegenwärtig nur eine Art Zentralkartei, wie sie die Versicherungsgesellschaften zwischen Köln und Düsseldorf führen: Tauchen einzelne Namen darin in kurzen Abständen zu häufig auf, wird der Verdächtige durchleuchtet.
Bislang haben die Assekurateure versucht, das Bumser-Unwesen totzuschweigen: Sie fürchten die sogenannten Anschlußtäter, die zu krimineller Aktivität ermuntert werden könnten. Noch mehr aber machen sich die Versicherer Sorgen, daß Ihre Kunden, wenn sie beispielsweise einen Auffahr-Unfall verschuldet haben, künftig den Geschädigten als Bumser denunzieren könnten -- dann, so ahnt Versicherungsfachmann Schneider, "geht die Hexenjagd los".

DER SPIEGEL 25/1970
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 25/1970
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

KRIMINALITÄT / VERSICHERUNGSBETRUG:
Bumser im Dickicht

Video 01:22

Protest gegen Bienensterben Imkerin macht sich selbst zum Bienenstock

  • Video "Politisches Statement: Riesen-Kunstwerk unter dem Eiffelturm" Video 02:15
    Politisches Statement: Riesen-Kunstwerk unter dem Eiffelturm
  • Video "Senioren auf Partnersuche: Ich bin nicht zu alt für Sex" Video 29:50
    Senioren auf Partnersuche: "Ich bin nicht zu alt für Sex"
  • Video "Hongkong zieht umstrittenes Gesetz zurück: Die Angst wechselt die Seiten" Video 01:23
    Hongkong zieht umstrittenes Gesetz zurück: "Die Angst wechselt die Seiten"
  • Video "Filmstarts: Ich tippe auf... Zombies!" Video 06:53
    Filmstarts: "Ich tippe auf... Zombies!"
  • Video "Abgang von Sara Sanders: Trumps Lautsprecher ist verstummt" Video 04:02
    Abgang von Sara Sanders: Trumps Lautsprecher ist verstummt
  • Video "Iran-USA: Ein Krieg, den eigentlich keiner will" Video 05:29
    Iran-USA: "Ein Krieg, den eigentlich keiner will"
  • Video "Innige Umarmung: Romanze unterm Meeresspiegel?" Video 00:43
    Innige Umarmung: Romanze unterm Meeresspiegel?
  • Video "Gut gegen Hitze: Abkühlung vom Hochhausdach" Video 01:08
    Gut gegen Hitze: Abkühlung vom Hochhausdach
  • Video "Horror-Ikone Kane Hodder: Der Mann hinter der Jason-Maske" Video 48:32
    Horror-Ikone Kane Hodder: Der Mann hinter der Jason-Maske
  • Video "US-Vorwürfe: Video soll iranischen Angriff auf Tanker beweisen" Video 00:59
    US-Vorwürfe: Video soll iranischen Angriff auf Tanker beweisen
  • Video "Unwetter in Zentralchina: 61 Tote nach Erdrutschen und Überschwemmungen" Video 00:35
    Unwetter in Zentralchina: 61 Tote nach Erdrutschen und Überschwemmungen
  • Video "Hybrid aus Fahrrad und Motorrad: Mit der Tretmühle auf die Autobahn" Video 01:07
    Hybrid aus Fahrrad und Motorrad: Mit der Tretmühle auf die Autobahn
  • Video "Besetzte Kreuzung in Berlin: Am liebsten 'ne Fahrradstraße" Video 03:26
    Besetzte Kreuzung in Berlin: "Am liebsten 'ne Fahrradstraße"
  • Video "Sensationsfund: Überreste von bislang unbekanntem Urvogel entdeckt" Video 01:32
    Sensationsfund: Überreste von bislang unbekanntem Urvogel entdeckt
  • Video "Mitten in den Sturm: Autofahrer filmen Gewitter-Superzelle" Video 00:55
    Mitten in den Sturm: Autofahrer filmen Gewitter-Superzelle
  • Video "Protest gegen Bienensterben: Imkerin macht sich selbst zum Bienenstock" Video 01:22
    Protest gegen Bienensterben: Imkerin macht sich selbst zum Bienenstock