15.06.1970

RUNDFUNK / BAYERNGraue Gruppe

Seit zehn Jahren bemüht sich Christian Wallenreiter, 69, Intendant des Bayerischen Rundfunks, bei seinen über drei Millionen Rundfunkhörern und zweieinhalb Millionen Fernsehteilnehmern in Franken, Schwaben und Altbayern, "den Blick für die Schönheit der Welt zu schärfen".
Nun, gegen Ende seiner Intendantenzeit, sieht sich Wallenreiter im eigenen Haus Häßlichem konfrontiert. Noch vor Ablauf seiner eigenen Amtszeit am 30. September 1972 werden ihn vier seiner fünf Direktoren -- hierarchische Spitze der 2400 Angestellten -- verlassen:
* Dr. Clemens Münster, 64, Programmdirektor des ersten Fernsehens, schon seit dem Start des bayrischen Fernsehens im Blindenheim an der Münchner Lothstraße dabei, tritt am 1. Februar 1971 in den Ruhestand.
* Hörfunkprogrammdirektor Walter von Cube, 63, ebenfalls seit den Anfängen des Münchner Senders dabei, erreicht am 1. August nächsten Jahres das Pensionsalter.
* Der technische Direktor Dr. Ferdinand Daser, 63, Pionier für die ultrakurzen Wellen und die Television in Bayern, wird ein Jahr darauf seinen Platz räumen.
Verwaltungsdirektor Hans Spies, 59, Vorkämpfer für die Einführung des ertragreichen Werbefernsehens, seit langer Zeit schwer krank, läßt sich möglicherweise vorzeitig pensionieren.
Der Exodus der Oldtimer aus dem Münchner Funkhaus signalisiert nicht nur das Ende der Nachkriegsära des bayrischen Senders, sondern bringt auch den sorgsam gehüteten konfessionellen und parteipolitischen Proporz aus dem Gleichgewicht.
Intendant wie Direktoren werden in Bayern von 42 Rundfunkräten bestimmt, die in ihrer Mehrheit von Standesverbänden wie Kirchen oder Gewerkschaften delegiert und deshalb nicht eindeutig parteipolitisch klassifizierbar sind.
Bei harten Programm- oder Personalentscheidungen läßt sich das Gremium indessen unschwer in eine konservative "graue Gruppe" und eine liberal-progressive "rosa Fraktion" teilen. Die Mehrheit, unter ihnen fünf CSU-Landtagsabgeordnete sowie Vertreter der Kirchen, des Bauernverbandes und von Familienverbänden, ist seit jeher grau.
Eher konservativ-grau ist deshalb auch die Spitze des Bayerischen Rundfunks. Während die Administratoren der Technik und der Verwaltung, die auf das Programm keinen direkten Einfluß haben, bisher der SPD und ihren rosaroten Freunden zugestanden wurden, okkupierten die grauen und ihre schwarzen Hintermänner fast sämtliche Programmposten.
Katholik Wallenreiter wechselte 1960 direkt vom Bayerischen Kultusministerium (wo er sich um die Volkshochschulen gekümmert hatte) ins Funkhaus. Protestant Walter von Cube, der 1961 von der Bühler Höhe aus tatenlos zusah, als die Grauen seinen Kulturchef und Buchautor Gerhard Szczesny ("Die Zukunft des Unglaubens") aus dem Haus drängten, wurde im Rundfunkrat (öffentlich) als "leicht aufgeklärter Spät-Feudalist" qualifiziert. Sein Kollege Helmut Oeller, 48, Programmdirektor des bayrischen dritten Fernsehens ("Studienprogramm")" gilt im Rundfunkrat (nichtöffentlich) als "stockschwarz und farblos".
Just Helmut Oeller ("Ich bin kein Mann einer Partei, ich brauche eine breite Basis") aber soll nun nach den Plänen Wallenreiters zum Super-Direktor über ein fusioniertes bayrisches Fernsehen gemacht werden. Damit würde der Direktorenposten Fernsehen 1 von Clemens Münster (Katholik, SPD-Mitglied), in dessen Programmbereich auch CSU-Parteimitglieder wie Chefredakteur Rudolf Mühlfenzl oder der inzwischen zur "Süddeutschen Zeitung" abgewanderte "Report"-Moderator. Hans Heigert freie Hand hatten, völlig verschwinden.
Mehr als der nur regional vernehmbare und überdies hauptsächlich mit Musiksendungen bestrittene Hörfunk prägt aber Fernsehen 1 das Image des Bayerischen Rundfunks in der Bundesrepublik. Denn Clemens Münsters Abteilung produziert die 18,7 Prozent Pflichtanteil des Münchner Senders am ARD-Fernsehen -- darunter "Report", die älteste Magazinsendung des Deutschen Fernsehens, die bislang (das letzte Mal am 29. Juni) der CSU-Liberale Hans Heigert moderierte.
Heigerts Nachfolger als TV-Chefredakteur, Rudolf Mühlfenzl, durchfurchte inzwischen die unter seinem Vorgänger souverän arbeitenden Abteilungen so heftig (Mühlfenzl: "Dieses Kästchendenken muß weg"), daß seine Redakteure "zunehmend nervös, grantig und unsicher" ("Die Zeit") wurden. Mühlfenzl, der sich selbst als "konservativ im englischen Sinn" einstuft, zu dem Vorwurf, er wolle künftig das Programm ganz alleine machen: "Ich kann"s doch nicht allein, das geht doch schon rein physisch gar nicht."
Heigerts Nachfolge als "Report"-Moderator ist vorderhand provisorisch gelöst. Mal wird Afrika-Spezialist Klaus Stephan genannt, mal "Monitor"-Redakteur Martin Schulze.
Provisorisch muten auch die Prophezeiungen für die Nachfolge des Anstalt-Chefs selber an.
Als Nachfolger für Intendant Wallenreiter ist ein genuiner CSU-Mann ausersehen: der Würzburger Landtagsabgeordnete und Vorsitzende des kulturpolitischen Landtagsausschusses Reinhold Vöth, 40, bisher Vorsitzender des Rundfunkrats im Bayerischen Rundfunk.
Einziges sichtbares Zugeständnis an die SPD war ein Angebot Wallenreiters an den Bremer Intendanten Hans Abich, 52, der zwar in der roten Hansestadt gewählt wurde, sich selbst aber "nicht ausgeprägt einer Partei zurechnen" möchte. Film- und TV-Spezialist Abich sollte als Nachfolger Cubes den bayrischen Hörfunk leiten und Stellvertreter des Intendanten werden. Der Hanseat, dem die Vorgänge im bayrischen Kanalnetz von Anfang an nicht ganz durchschaubar waren
("Ich jedenfalls möchte nur auf leere Stühle gehen"), überlegte mehrere Wochen und lehnte dann -- nach einer einstimmigen Vertrauenserklärung des Bremer Rundfunkrats -- das Münchner Angebot ab.
Ob Wallenreiters Proporz-Puzzle" das von Rundfunkräten als "eine ziemlich schwarze Anmischung" gewertet wird, in den übrigen Punkten aufgeht, steht deshalb dahin. Die Kandidaten jedenfalls zögern eher noch, das Spiel zu spielen. Vöth: "Es ist nicht so, daß ich unbedingt Intendant werden will oder werden muß." Oeller: "Ich bin kein Fernsehgockel, der Telekikiriki macht."
Und ganz sicher ist überdies noch nicht einmal, ob tatsächlich alle vier Direktorenposten vakant werden: Walter von Cube besitzt einen unlimitierten Vertrag und könnte deshalb auch nach Erreichen des Pensionsalters noch in seinem Amt bleiben.
Inzwischen hat auch Bayerns SPD Wallenreiters Personalpolitik durchschaut. SPD-Landesvorsitzender und Rundfunkrat Volkmar Gabert verwahrte sich gegen Versuche, "in der Öffentlichkeit bestimmte organisatorische und personelle Maßnahmen als vollendete Tatsachen hinzustellen". Ein Genosse: "Das wird noch einen ganz großen Knatsch geben."
Anonyme Plakatmaler im Fernsehstudio München-Freimann drückten das gleiche in anderen Worten aus: "Noch ist nicht Oeller Tage Abich."

DER SPIEGEL 25/1970
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