15.06.1970

VERLAGE / „FAZ“Rote im Haus

"... weil, so schließt er messerscharf, nicht sein kann, was nicht sein darf."
Christian Morgenstern, "Die unmöglichen Tatsachen".
Die klügsten Köpfe der "Frankfurter
Allgemeinen" wurden letzte Woche aufgeboten, um den Münchner Feingeist aus dem vorigen Jahrhundert zu überbieten -- in zwei Variationen.
Die fünf Herausgeber erklärten "in eigener Sache", Äußerungen ihres Verlagsvorstehers Hoffmann im SPIEGEL "können nicht zutreffen". Hoffmann selber samt Vorstandskollegen Muckel und Pfeifer krümmte sich ganz ähnlich: Mitteilungen im SPIEGEL "können ... nicht zutreffen".
Ironisch klappte die Lokalredaktion des Blattes, mit der Hausspitze offenbar nicht konform, in einer "Hausmitteilung" über das elfgeschossige "FAZ"-Domizil hinterdrein: "Das lilafarbene Haus an der Mainzer Landstraße hat zehn Stockwerke. Andere Meldungen können nicht zutreffen."
Was die Morgenstern-Deuter so geschickt zu verschleiern glaubten, schrieb das Konkurrenz-Blatt "Frankfurter Rundschau" gradheraus: "Die ausdrückliche Formulierung, daß diese Zitate (im SPIEGEL) falsch seien, wird in der FAZ-Erklärung nicht verwendet."
Daß die Wiedergaben von Hoffmanns Erzählungen ("Meine Redakteure haben durch die Bank keine Zivilcourage") von der "FAZ" nicht als das zur Kenntnis genommen wurden, was sie waren -- Wort für Wort harte Wahrheit -, hatte ein Motiv. Denn durch den handstreichartigen Hinauswurf des Publizisten und Mitherausgebers Jürgen Tern, 61, war das feine Blatt aus Frankfurt in eine Krise geraten.
Der in häuslichen Angelegenheiten wankelmütige Generalssohn und Mitherausgeber Nikolas Benckiser (Hausjargon: "Mampe halb und halb"), der sich am Tag des Tern schon am Nachmittag erschreckt in seine Weinberge bei Baden-Baden zurückgezogen hatte, beschwor seine Kollegen: "Wir wollen doch die Zeitung auf den Beinen halten."
Gewackelt wie nie zuvor hat die "FAZ" (Auflage: 324 000) nach dem Sturz Jürgen Terns In der Tat, Redaktions-Senior Erich Weiter, 70, der seit Weimar nahezu ununterbrochen Frankfurter Zeitungen macht und "FAZ"-intern schon vor Wochen gepoltert hatte: "Der Unfug hört jetzt auf, die roten Zellen werden ausgeräumt", bremste aufgeregte Jung-Redakteure: "In vierzehn Tagen ist das doch alles überstanden. Da denkt kein Mensch mehr daran."
"Bis ans Lebensende" hingegen, so wehklagte Karl Korn, Welters Komplice beim Tern-Sturz, werde er an dieser Entscheidung zu tragen haben. Verwundert vernahmen die versammelten Redakteure die weinerliche Selbstanklage des Herausgebers und Feuilleton-Chefs Korn und verglichen sie insgeheim mit dem tapferen Telegramm der Korn-Schwägerin und "FAZ"-Korrespondentin Sabina Lietzmann, die von New York aus gegen die "Politbüromethoden" daheim in Frankfurt protestiert hatte.
Noch am gleichen Abend machten sich die roten Zellen, die kleine radikale Minderheit der "FAZ" (Welter: "Wir haben den SDS im Haus"), daran, das erste Redaktionsstatut der "Zeitung für Deutschland" zu verfassen. Schon am Tag darauf übergaben die Sprecher der etwa drei Dutzend Statutisten den Entwurf dem Herausgeber Bruno Dechamps, der seit 1. April turnusgemäß zum Koordinator bestellt ist. Noch in diesem Monat soll das Papier in einer Redaktionsvollversammlung diskutiert und die Installierung eines Redaktionsbeirats vorbereitet werden, der sich freilich mit einer Vielzahl von Führungsgremien (siehe Graphik) auseinanderzusetzen hätte -- darunter
* die nunmehr auf fünf Mann reduzierte Herausgeberschaft,
* das Vorstands-Trio, allen voran Geschäftsführer Hoffmann,
* die Gesellschafterversammlung unter Ex-Bundesbankier Blessing,
* ein im jüngsten Gesellschaftsvertrag am 19. Februar 1970 gar nicht mehr erwähnter Verwaltungsrat, in dem für 18 000 Mark Jahresgage neben "FAZ"-Mitbesitzern Männer wie Altgeneral Speidel und Altkanzler Erhard sitzen, ein aus dem Kreis der Gründungsfinanziers verbliebener Beirat, dem zur Zeit nur noch Generaldirektor a. D. Matthiessen (Mobil Oil), Keks-Verkäufer Pentzlin (Bahlsen) und Generalkonsul Pickert (Südafrikanische Republik) angehören,
* das Fünf-Mann-Kuratorium unter Blessing und die Ein-Mann-Geschäftsführung (Hoffmann) der "Fazit"-Stiftung.
Die austarierte Vielschichtigkeit der "FAZ"-Gremien verhüllt die wahren Kräfteverhältnisse in der "FAZ". Zwar ist offenkundig, daß einige der Herren durch Mehrfachfunktionen einen Potenzzuwachs erfahren -- so "FAZ"Vorsteher, Fazit-Geschäftsführer und Maschinenpark-Verwalter Hoffmann, so Blessing, der dem Stiftungskuratorium und der "FAZ"-Gesellschafterversammlung vorsteht.
Persönliches Temperament wie Lebenserfahrung und Standfestigkeit wiegen freilich oft mehr als Funktion und Über-Funktion in den Gremien. Ökonomie-Ordinarius Erich Weiter ("Der Staat als Kunde", "Die Ursachen des Kapitalmangels in Deutschland"> hat alles: Er befehligt die "Wirtschafts-Mafia" (Hausjargon) in der Redaktion, er sitzt unter den Herausgebern, er entscheidet mit, wenn Herausgeber gefeuert werden, und er kümmert sich um Kleinigkeiten: etwa wen der Münchner Kunstmaler Hans Jürgen Kallmann als nächste "FAZ"Größe in Öl verewigen darf.
Als temperamentvoll erweisen sich aber auch andere Räte. Bahlsens Pentzlin etwa greift des öfteren zum Telephon, wenn es um arbeitsrechtliche Belange geht. General Speidel wird bei Personalfragen gern konsultiert. Und Südafrika-Vertreter Pickert interessiert sich vor allem für militärpolitische Fragen.
Pickerts Briefe landen zumeist beim Militärspezialisten Adelbert Weinstein, der schon Erfahrung hat im Umgang mit den "FAZ"-Oberen. Dem Journalisten und Reiseschriftsteller ("Aloha Hawail") wurde von "FAZ"-Vorsteher Hoffmann das Autokennzeichen abgeschwatzt. Weinsteins Nummer prangt seither am Mercedes 280 SE des Verlags-Herrn: F-AZ 1.

DER SPIEGEL 25/1970
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