15.06.1970

GEWERKSCHAFTEN / LOHNKAMPFGenug gequatscht

Die Einladungen ergingen im Verschwörer-Stil. Von Mann zu Mann wurde am vergangenen Montag im Hamburger Pharma-Betrieb Beiersdorf AG die Flüster-Parole weitergegeben-"Nach der Schicht im Elbschloß-Eck."
Mit dem Gaststätten-Treff organisierter Arbeiter begann der Kampf der Industriegewerkschaft Chemie-Papier-Keramik gegen die "unnachgiebig sture Haltung der Arbeitgeber" (Gewerkschafts-Flugblatt). Im Elbschloß-Eck stellte ein Beiersdorf-Schlosser sein Bier ab und rief: "Kollegen, wir haben genug gequatscht, jetzt machen wir dem Unternehmer Feuer unterm Arsch. Wer ist dagegen, daß wir die Klitschen kurz stillegen?"
Keiner war dagegen, und damit war für den Organisator im Hintergrund, den Gewerkschaftsfunktionär Werner Kröger, das Stichwort gegeben: "Die IG Chemie unterstützt euch ideell und finanziell.
Tage darauf traten um neun Uhr die Fabrik-Handwerker mit der Forderung "Mindestens 120 Mark mehr im Monat und ein 13. Monatsgehalt" in den Ausstand. Eine Stunde später überrollte die Streikwelle die Produktion, das Labor, die Druckerei und das Projektbüro. Arbeiter fuhren mit ihren Autos zu anderen Betrieben und gaben die Losung aus: "Solidarische Aktionen ohne Vorwarnung."
Die Betriebskader in Hamburgs Chemie-Unternehmen reagierten sofort und organisierten jeden Tag neue befristete Warnstreiks oder Demonstrationen vor den Verwaltungsgebäuden, so bei den Adretta-Werken, bei Colgate-Palmolive, den Leonar-Werken, der Norddeutschen Affinerie und der Kupferhütte Ertel, Biedner & Co. Über Fernschreiber meldete die Hamburger IG-Chemie-Dependance ihrem Hauptvorstand in Hannover, die Kurzaktionen hätten die "Kampfbereitschaft" der hanseatischen Arbeiter bewiesen. In seinem hellgetäfelten Büro am Königsworther Platz 6 beschlossen der IG-Chemie-Chef Karl Hauenschild und seine Vorstandskollegen daraufhin, daß die organisierten Arbeiter von fünf Hamburger Unternehmen über einen unbefristeten Streik abstimmen sollen.
Die "Streikwolken über den Chemiebetrieben" ("Hamburger Morgenpost") waren heraufgezogen, nachdem die Arbeitgeber in der vorletzten Woche nach einer Nachtsitzung der Schlichtungskommission erklärt hatten, sie könnten die geforderte Lohnerhöhung von 13,5 Prozent und ein tariflich gesichertes 13. Monatsgehalt "einfach nicht verkraften".
IG-Chemie-Bezirksleiter Edgar Engelmohr jedoch vermutet, die Arbeitgeber sperrten sich nur gegen die rechtliche Absicherung von meist längst gezahlten Löhnen, um in künftigen Rezessionen ein "Disziplinierungsinstrument gegen ihre Arbeiter zu haben".
Tatsächlich zahlen etwa die Adretta-Werke oder die Norddeutsche Affinerie ihren Chemie-Werkern bereits seit langem ein 13. Monatsgehalt, freilich ohne daß die Beschäftigten darauf einen Rechtsanspruch haben.
Die Norddeutsche Affinerie versuchte die Forderung der Gewerkschaft zu unterlaufen und die Kampfbereitschaft der Arbeitnehmer zu schwächen. Die Betriebsleitung bot sofort nach den ersten Warnstreiks an, jedem Arbeiter 69 Pfennig je Stunde mehr zu zahlen. Doch von einer tarifvertraglichen Absicherung war nicht die Rede. Engelmohr: "Die Anbiederung wird der Affinerie nichts nützen." Die Gewerkschaftler bestehen auf der Tarif-Vereinbarung, weil sie fürchten, die Unternehmen würden die jetzt freiwillig angebotenen Zulagen dann wieder kürzen, wenn Aufträge und Gewinne sinken.
Die Unternehmer, die meist die Tariferhöhungen auf die Effektivlöhne aufschlagen, hingegen werfen den Gewerkschaften stabilitätswidriges Verhalten vor. Otto Esser, Vorsitzender des "Arbeitsrings" der Chemie-Arbeitgeberverbände: "Die Grenze einer stabilitätsorientierten Tarifpolitik Ist aus dem Blickfeld geraten."
Gewerkschaftler Karl Hauenschild jedoch wehrt sich dagegen, daß die Tarifpolitik für den Preisauftrieb verantwortlich gemacht wird. Hauenschild: "Wir sind doch keine Prügelknaben für alles und jedes, was in dieser Wirtschaft nicht funktioniert." Die IG Chemie legte eine Untersuchung vor, nach der die Arbeitsproduktivität in der Branche im vergangenen Jahr um zehn Prozent gestiegen ist, die Brutto-Stundenlöhne aber nur um 8,2 Prozent gewachsen sind,
Zudem wollen die Chemie-Gewerkschaftler den Vorsprung aufholen, den die Unternehmer während der vergangenen vier Jahre erzielten. Von 1965 bis 1959 stiegen die Brutto-Einkommen der Arbeitnehmer lediglich um 29,7 Prozent? die Unternehmer-Profite hingegen um 40,7 Prozent.
Ende vergangener Woche gelang es der Hamburger IG Chemie, ihr Vorhaben teilweise zu verwirklichen, Nach den Warnstreiks erklärten sich die Unternehmer bereit, die Stundenlöhne um 60 bis 69 Pfennig und die Gehälter um 13,5 Prozent zu erhöhen. Das 13. Gehalt wird stufenweise tariflich abgesichert. IG-Chemie-Vorsitzender Hauenschild: "Die beiden letzten Jahrzehnte waren die Jahrzehnte der Unternehmer. Das vor uns liegende muß das Jahrzehnt der Arbeitnehmer und ihrer Familien werden."

DER SPIEGEL 25/1970
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