15.06.1970

FUSSBALL / BUNDESTRAINERKein Blücher

Zwei Köpfe tanzten nebeneinander auf der Wasseroberfläche des 32 Grad warmen Swimming-pools im Thermalbad Comanjilla. "Max, wir müssen weiter mit ihm ziehen", raunte Dr. Wilfried Gerhardt, Pressechef im Deutschen Fußball-Bund (DFB), seinem Mitschwimmer zu. Ersatz-Nationalspieler Lorenz nickte: "Ehrensache."
Ehrensache im Weltmeisterschafts-Lager des DFB ist die Abschirmung des Bundestrainers Helmut Schön, 54, gegen Umsturz und Abweichung. Die Kritiker und Rivalen stehen außerhalb und innerhalb des deutschen Quartiers und beobachten wie schicksalsträchtige Nornen die Kämpfe der Schön-Spieler. Nach krassen Kunstfehlern gegen Marokko diskutierten die Experten schon über Schöns Nachfolger.
Vor allem Schöns Berufskollegen wie sein früherer Vertreter Dettmar Cramer, der Trainer des Deutschen Meisters Borussia Mönchengladbach, Hans Weisweiler, oder die Bundesligatrainer Helmut Johannsen aus Braunschweig und Rudi Gutendorf aus Schalke mäkelten offen an den Entscheidungen des Bundestrainers.
Insgeheim muckten sogar einige der auserwählten 22 Spieler auf, Selbst der einzige unbestrittene Weltklassespieler im deutschen Kader, Franz Beckenbauer, rügte einmal: "Der Herr Schön weiß entweder nicht, was er will, oder er wartet zu lange, bis er uns Spielern was sagt." Torwart Josef Maier setzte er erst an, nachdem dessen Konkurrent Horst Wolter verzichtet hatte.
Auch ein großer Teil der mehr als 120 deutschen Sportjournalisten zog vor vier Wochen mit dem festen Vorsatz nach Mexiko, den Bundestrainer gleichsam abzuschießen, wie es unweit León vor etwa 100 Jahren dem Habsburger Kaiser Maximilian von Mexiko durch den revolutionären Präsidenten Benito Juárez widerfahren war. Die Jagd auf den deutschen Equipenchef hatte noch vor dem Kampf um die Weltmeisterschaft begonnen. Voreilig meldete ein Reporter der Deutschen Presse-Agentur: "Cramer löst Bundestrainer Schön ab"; dpa mußte dementieren. Kurz darauf muckte die Agentur abermals auf: "Es gibt Kräfte, die effektiv den Bundestrainer stützen wollen." DFB-Vizepräsident Hermann Neuberger, seit langem Protektor des sächsischen Fußball-Lehrers, kennzeichnete nüchtern die Lage: "Wir wissen, daß Schön viele Feinde hat, aber wir wissen auch, was wir an ihm haben."
Tatsächlich besitzen die Verbands-Oberen heute den Trainer, der von allen -- wie es einst Preußens Friedrich 11. von seinen Feldherren erwartete -- am meisten Fortune entwickelte. In 53 Länderspielen seit Schöns Amtsantritt 1964 siegten die Bundesdeutschen 32mal, 13 Spiele gingen unentschieden aus, und nur achtmal wurden sie besiegt "Gut davon waren höchstens drei", schränkte Meistertrainer Weisweiler ein. Und die Schön stets kritisierende "Sport-Illustrierte" fand ein Grundübel heraus: "Er ist kein Blücher auf dem Rasen."
Streit um Schön hatte es schon vor Herbergers Rücktritt gegeben. Vorgänger Herberger wünschte sich seinen Lieblingskicker Fritz Walter zum Nachfolger. Als der zurückschreckte, schwebte Ihm die Teilung des Amtes zwischen Schön und Cramer vor.
Zwar dementierte der DFB immer wieder solche Enthüllungen, aber der heute als Trainer beim Weltverband (Fifa) tätige Cramer dementierte das Dementi: "Es war doch so, Briefe mit Dr. Gerhardts Versionen zu diesem Thema sind nicht korrekt."
Der ehrgeizige Cramer leidet noch heute unter der Geschichtsklitterung, die der DFB beim Weltturnier in England zugunsten Schöns betrieben hatte. Damals setzten Magenkrämpfe Schön außer Gefecht, so daß er seine Assistenten Cramer und Udo Lattek um Entlastung bat. "Als ich ihm Milch und Diätkost aufs Zimmer brachte", berichtete Cramer, "lag er aufgebahrt wie Lenin im Mausoleum am Kreml."
Vor dem Endspiel tüftelte Cramer eine neue Taktik aus, speziell auf den englischen Gegner zugeschnitten. Schön war angetan: "Schreib mir das auf, ich werde es überschlafen." Anderntags wich er jedoch zurück. "Die Leute beschimpfen uns, wenn wir eine siegreiche Elf verändern." Den besten Spieler, Beckenbauer, neutralisierte er selber, indem er ihn als Bewacher des Engländers Bobby Charlton aus dem eigenen Angriffsspiel weitgehend herauslöste. Schöns unveränderte Elf mit dem spielerisch unbeholfenen Linksaußen Lothar Emmerich verlor.
Als die Bundeself anderthalb Jahre später durch ein blamables 0:0 in Tirana gegen den Fußballzwerg Albanien aus der Europameisterschaft ausschied, forderte "Bild": "Laßt doch mal den Merkel ran." Doch rechtzeitige Erfolge in der Qualifikation zur Weltmeisterschaft in Mexiko rehabilitierten den Bundestrainer.
Als das erste Spiel in Mexiko gegen den Außenseiter Marokko nach kläglichen Leistungen (Kicker Schnellinger: "Wer jetzt nichts zu kritisieren hat, dem Ist nicht zu helfen") und anfänglich verfehlter Taktik ohne gelernte Außenstürmer doch noch durch Treffer Seelers und Müllers mit einem 2:1-Sieg endete, ulkte Schön vor seinen härtesten Kritikern unter den Berichterstattern: "Ihr macht alle so fröhliche Gesichter, als hätten wir gewonnen."
Kritiker Weisweiler indessen rügte: "Meinen Verteidiger Vogts lasse ich nicht noch einmal gegen zwei Stürmer verheizen". In Deutschland ereiferte sich Fritz Walter darüber, daß die Deutschen mit falschen Stollen Unter den Sohlen kickten und deshalb ständig ausrutschten.
Der kurz vor dem WM-Turnier wegen einer Verletzung aus dem Kader entlassene Nationalspieler Günter Netzer aus Mönchengladbach reiste kurzerhand als "Bild"-Reporter nach Mexiko. Er warf Schön taktische Schnitzer und ungerechte Behandlung einiger Spieler vor. Als Schön ihn vor Mannschaftskameraden rügte, schnitt ihm Netzer das Wort ab: "Das Ist hier nicht der Rahmen dafür."
In Mexiko widerfuhr dem vielgeprüften Schön freilich Trost. Die Presse des Landes beschrieb ihn wie eine Mischung aus Halbgott und Edelmann. Eine Hostess im Pressezentrum León hauchte nach kurzer Begegnung mit Schön: "Er ist ein Humanist." Die Zeitung "El Heraldo" schlug in dem Musikkenner und Richard-Strauss-Verehrer nach dem zweiten Sieg eine gutklingende Saite an: "Schöns Taktik erwies sich als wohlgesetzte Komposition aus Furioso- und Allegro-Sätzen."
Schöns Kollege Johannsen freilich hörte auch im Triumphmarsch noch leise Mißtöne: "Auch wenn wir klar führen, müssen wir den Ball im Sturm und nicht in der Abwehr halten." Der Schalker Kollege Gutendorf dozierte: "Vorsicht, die Bulgaren waren schwach wie Krankenhaus-Insassen." Aber das Glück und der dreifache Torschütze Gerd Müller verließen Schön auch gegen Peru nicht. Die Siege dämpften die Kritik -- vorerst.
Die Aktionen seiner Gegner nähern sich nun zielbewußt einer Zeltgrenze: Ende 1971 läuft Schöns Vertrag beim DFB ab. Cramer meldete schon Ansprüche an: "Noch habe ich für ein Jahr einen Vertrag mit der Fifa" danach aber wäre ich bereit; denn Bundestrainer im eigenen Land zu sein, ist für jeden Fußball-Lehrer das Höchste.
Der Rivale versichert, daß er Schön als Menschen in höchstem Maß schätze, von seinen Fachqualitäten "aber nicht überzeugt" ist. Cramer hatte Japans Fußballelf vorbereitet, die als erste asiatische Mannschaft 1968 eine Olympia-Medaille erkämpfte.
Dem ächtenden Urteil hält DFB-Pressechef Dr. Gerhardt anstelle des indignierten Schön Verachtung entgegen: "Und ich bin schon längst nicht mehr von den fachlichen Qualitäten des Herrn Cramer überzeugt."
Schön selbst kann sich vornehme Zurückhaltung leisten. Er weiß die Mehrheit im DFB-Vorstand hinter sich. Doch der heimliche Fußballchef Neuberger steuert längst Anti-Cramer-Kurs. "Es ist durchaus denkbar, daß auf Schön Schön folgt. Wenn das aus irgendeinem noch nicht ersichtlichen Grund unmöglich ist, kommt erst sein Stellvertreter Jupp Derweil in Frage."
Der allzeit wie Hamlet zaudernde Bundestrainer erwartet weiteres Ungemach: "Wartet ab bis zum nächsten schlechten Spiel, dann kommen die Ratten wieder aus den Löchern."

DER SPIEGEL 25/1970
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