15.06.1970

„WAT KNUSPRIGES, NICH ÜBER VIERZEHN“

Von ihrem Stützpunkt Fort Bliss in Texas fiel die deutsche Luftwaffe in die Provinzhauptstadt León ein und verstärkte die Streitmacht der rund 3000 Schlachtenbummler.
So martialisch das klingt, so kriegsähnlich war auch die Situation im mexikanischen León, dem Spielort der Weitmeisterschaftsgruppe mit den Equipen aus Peru und Deutschland. Das Klischee von deutscher Invasion und Besatzung anläßlich bedeutender Fußball-Ereignisse im Ausland ließe sich in León schwerlich widerlegen.
Die Bäuche über Shorts gehängt, sonnengerötete Gesichter unter Strohhüten, wehende Fahnen in den Fäusten, stürmten die gebetenen Gäste den Marktplatz, enterten vorbeifahrende Lastwagen, verschreckten die freundlichen Eingeborenen eher, als sie zu amüsieren.
Böse war das alles freilich nicht gemeint. Es war eher Ausdruck selbstverständlichen Selbstbewußtseins. Den begreifenden und bewundernden Mexikanern erläuterten sie in den verschiedenen Dialekten deutscher Landschaften: "Wir deutsch -- wir stark. Du verstehen?" Und erklärten: "Wir hier", mit dem Zeigefinger an den Bizeps tippend, "Wir aber auch hier", den Finger an die Stirn führend.
In den Restaurants befahlen sie: "Spie-gel-ei-er, ja, Spie-gel-ei-er. Halb durch. Und das Gelbe nicht kaputt. Sonst frißt du das selber. Ha-ha." Von Taxifahrern forderten sie: "Mädchen, wat Knuspriges, nich über vierzehn. verstehst du."
Kam dann doch Rührei, hatte der Reiseunternehmer Poppe in einem tröstenden Rundschreiben an seine Kunden vorgesorgt: Wenn es "mit dem guten deutschen Frühstück" noch nicht klappe, sollten sie daran denken, daß sie in Mexiko seien. Landeten sie in den typischen mexikanischen Bordellen des nahen Lago de Moreno, mit Pissoir im Barraum und üppigen Mittdreißigerinnen nach Landesgeschmack, sangen sie eher stolz als heimwehtrunken "Auf der Reeperbahn nachts um halb eins".
Bis in die frühen Morgenstunden dröhnte durch das Städtchen das Lob auf den schönen Westerwald, brach sich das markige "zicke-zacke-zickezacke, hoi-hoi-hoi" in den engen Gassen.
In England oder Frankreich erweckt so etwas "böse Erinnerungen". In Mexiko aber ist alles ganz anders. Die Mexikaner wollten an ihrem eher hehren Bild vom Volk der Dichter, Denker und VW-Konstrukteure nicht irre werden. Wie anders man sich in León die Deutschen auch vorgestellt haben mag, auch noch die böseste fleischgewordene Karikatur aus dem Simplicissimus schien ihnen ein unbestimmtes Gefühl von Unterlegenheit einzuflößen.
Immerhin brachten die Deutschen auch Geld In die Stadt. Davon bekamen vor allem ein Herr Pons, von dem man sagt, ihm gehöre die halbe Stadt, und der Deutsch-Mexikaner Herr Harold Gabriel, der das Thermalbad Comanjilla besitzt -- und ein bißchen die Sombrero-Verkäufer. Die hungernden, bettelnden Kinder mußten pittoresken Film-Vordergrund meist unentgeltlich geben. Sie bekamen deutsche Ratschläge: "Sag mal Mutti, sie soll dich erst mal In die Badewanne stecken."
Die deutschen Schlachtenbummler waren nicht allein. Es waren beinahe ebenso viele Peruaner in die Stadt gekommen. Der Ästhet mochte an ihrem Auftreten eher Gefallen finden. Wo Deutsche grölend marschierten, tänzelten sie rhythmisch, lateinamerikanisch zu beinahe melodischen Gesängen. Sie benahmen sich auch sonst sozusagen besser. Aber sie kamen auch durchweg aus besseren Familien. Wer aus dem Andenstaat nach Mexiko kommen kann, der gehört zu den oberen Zehntausend.
Sie ließen sich auch nicht aus dem freudigen Rhythmus bringen, als die Zahlen der Erdbebentoten aus ihrem Land auf 80 000 kletterten. Die Villenviertel Limas waren nicht betroffen. Das Erdbeben, die schwerste Katastrophe ihrer Geschichte, wurde überstrahlt vom Erfolg des Fußball-Teams, dem größten ihrer Kicker-Chronik. Schon nach zwei Spielen hatte sich Peru für die nächste Runde qualifiziert.
Zweiflern versicherten die peruanischen Schlachtenbummler, daß die Sterbenden am Pazifik und in den Anden neben vergeblichen Hilferufen auch Spielergebnisse ihrer Nationalmannschaft auf die Trümmer gemalt haben, Man hatte sie ihnen per Radio übermittelt.
Zum Zeichen der Sympathie mit den daheimgebliebenen, durch höhere Gewalt verhinderten Fans trugen peruanische Zuschauer und Akteure kokette schwarze Schleifehen am Hemdsärmel,
Der Fußball versüßt überall das Sterben In Lateinamerika. Zum Beispiel im Nordosten Brasiliens, wo nach einer Trockenperiode derzeit ungefähr ebensoviel Menschen umkommen wie in Peru. Radiostationen informieren auch hier die Verhungernden zwischen Coca-Cola-Reklame von den Triumphen ihrer Fußballer.
Da gibt es einen Bischof und eine Nonne im Nordosten Brasiliens, die fürchten jeden Sieg ihrer Elf mehr als die Trockenheit. Studenten und andere Politische In Rio ersehnen die Niederlage. Sie glauben, daß jedes Jairzinho-Tor die Terror-Herrschaft in Brasilien festigt. Denn der Fußball hat in Lateinamerika sehr unmittelbar etwas mit Politik zu tun.
Die militante Opposition in Brasilien, die Tupamaros in Uruguay hatten vor, den Schlachtenbummlern den Spaß irgendwie zu verderben. Pelé wollten sie kidnappen und, wenn das nicht klappte, vielleicht Uwe Seeler. Pelé wird von einer ganzen Streitmacht bewacht, Uwe zusätzlich von zwei Beamten der Sicherungsgruppe Bonn. Wahrscheinlich aber hatten die Guerillas ohnehin rechtzeitig eingesehen, wie machtlos sie gegen eine Fußball-Weltmeisterschaft waren.
Wenn die Psychologen sagen, internationale Fußballspiele seien Ersatzkriege, so meinen die Politischen in Lateinamerika, Fußball sei Ersatz-Klassenkampf, die Fortsetzung der Unterdrückung mit raffiniertesten Mitteln. Aber auch Emanzipation findet auf dem Fußballplatz statt. Die ehemalige Kolonie Brasilien schlägt die ehemalige Kolonialmacht England. Kickende Analphabeten werden Millionäre. Der mit Links-Ideen umgehende Journalist João Saldanha durfte die nationale Kicker-Vertretung trainieren. Doch als er Brasiliens Idol Pelé auszumerzen versuchte, mußte er gehen. Brasiliens Diktator empfängt Pelé, verspricht ihm Steuernachlaß und Beteiligung am Toto-Geschäft. Pelé erklärt sich zum Bewunderer des Regimes.
Wer wollte den Fans aus Papenburg verdenken, daß sie da nicht mehr mitkommen. Wenn sie den Leónern das Weltbild ordentlich zurechtgerückt haben, ihnen zeigten, wo oben und unten in dieser Welt ist, dann taten sie das ganz unbewußt.
Schließlich lehnte sich auch niemand auf gegen ihre dreiwöchige Fremdherrschaft. Die Leute waren noch dankbar, daß sie da waren. Dem Bäcker aus Witten wird es unvergeßlich bleiben, daß er eine Stunde auf dem Marktplatz stand und Autogramme gab wie ein ganz großer Star, nur weil er aus Deutschland kam.
Unterdrückung hin, Neokolonialismus her. Wenn man ins Stadion von León oder das Aztekenstadion von Mexico City kam, dann verschwanden die Verschläge aus Holz und Blech, in denen Menschen wohnen, hinter jubelnden Zuschauermassen. Und Fußballspielen war das, was es sein sollte: die herrlichste Nebensache der Welt.
Von Kai Hermann

DER SPIEGEL 25/1970
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