15.06.1970

ALTE SPIELERJu 52

Rücklings flog der Spieler durch die Luft. Die Beine zappelten wie die Flügel eines verirrten Schmetterlings. Doch der rechte Fuß schlug wuchtig gegen den Ball. Noch kein Kicker hatte bislang im WM-Turnier diesen akrobatischen Torschuß gewagt.
Der Schütze war einer der ältesten Spieler in Mexiko überhaupt: Uwe Seeler, 33. Zuschauer Josef Zimmermann aus León erkundigte sich: "War das eine Schlagschere?" Experten belehrten ihn, daß er soeben einen "Fallrückzieher" erlebt habe. Dann berichtete der von Deutschland nach Mexiko ausgewanderte Schlachtermeister im Lokalblatt "El Sol de León" nach dem 3:1 gegen Peru für deutsche Zuschauer in deutscher Sprache: "Uwe zerplatzte unter dem Himmel".
Der Hamburger Nationalspieler unterstrich eine überraschende Erfahrung bei den Kicker-Kämpfen in Mexiko: Die meisten der älteren Spieler widerstanden besser als wesentlich jüngere den Belastungen der Hitze (40 Grad), Höhe (um 2000 Meter) und Infektionen von Magen und Darm.
Bislang hatte bei Weltmeisterschaften aus der Bundesrepublik nur der Kaiserslauterer Fritz Walter noch mit 37 Jahren 1958 in Schweden mithalten können. Der Fall des Engländers Stanley Matthews, der noch mit nahezu 50 Jahren an nationalen Meisterschaften teilnahm, wiederholte sich nie.
Doch wie Uwe Seeler bei den Deutschen, behauptete sich bei den Sowjetrussen Torwart Lew Jaschin, 40. UdSSR-Trainer Gawrill Katschalin bestimmte vor Turnierbeginn: "Lew ist unser Torwart Nr. 1." Dann verhinderte eine Trainingsverletzung vorerst den Einsatz des Stars. Bereits zum vierten Mal gehört der Russe zum WM-Aufgebot. Auch Brasiliens Torhüter Felix ist 33 Jahre alt.
Bei den Engländern wirken drei Kicker mit, die älter als 30 sind: Gordon Banks, Robert und Jack Charlton. Meistertrainer Hans Weisweiler urteilte: "Sie sind zwar langsamer geworden, aber ohne sie wäre Weltmeister England schon in der Vorrunde ausgeschieden."
Robert Charlton (Jahreseinkommen: 200 000 Mark) verriet: "Ich trainiere in Mexiko zwar verkürzt, aber häufiger, so kann man sich hitzefest trainieren." Das hatten auch die Deutschen entdeckt, die sich vor jedem Spiel eine halbe Stunde zum Erstaunen der Zuschauer unter steilstehender Sonne bei einem Balitraining erwärmten, um sich bis zum Anpfiff an die Hitze anzupassen.
Der russische Mannschaftskapitän Albert Schesternjow, 31, setzte sich vor dem Eröffnungsspiel bei der halbstündigen Vorstellungs-Zeremonie als einziger seiner Equipe der prallen Sonne aus. "Unsere jungen Herren ließen wir zur Abkühlung lieber in der Kabine", witzelte er.
Bislang benötigte noch keine Mannschaft die an den Spielfeldrändern aufgestellten Beatmungsgeräte mit Sauerstoff, wie sie 1968 bei den Olympischen Spielen serienweise im Einsatz waren. Alle Empfehlungen der Sportmediziner für lange Anpassungszeiten erwiesen sich für Kicker als unzutreffend. Bulgariens Equipe, die schon Monate vor Turnierbeginn in Mexiko-Höhe trainierte und nur einen mehr als 30 Jahre alten Spieler mitbrachte, wirkte besonders erschöpft und schied sieglos aus.
"Für uns haben die Sauerstoffkanonen nur psychologische Bedeutung". erklärte Bundestrainer Helmut Schön. Dabei schickten die Deutschen sechs Veteranen mit 30 und mehr Jahren ins Hochland -- mehr als alle anderen Teams. Das mexikanische Blatt "Ovaciones" bewunderte Uwe Seeler, der immer noch so "fliegt wie eine kriegsfähige Ju 52".
Seeler, in Abwehr, Mittelfeld und als Sturmspitze tätig, erklärte: "Die Jungen sind vielleicht nervlich angespannter -- wir Alten lassen uns nicht leicht aus der Fassung bringen." Zu Seeler legte der Bundestrainer ausgerechnet den Mittelstürmer-Rivalen Gerd Müller aus München. Der ältere Hamburger flößte dem in der Nationalelf monatelang ohne Torerfolg kickenden Jung-Bayern wieder Selbstvertrauen ein. Müller führt die WM-Torschützenliste an.
Alter schützte in anderen Fällen allerdings nicht vor Prestigeverlust. Andrej Kvasnak, 34, bei der CSSR und in der Bundesmannschaft Helmut Haller, 31, sowie Willi Schulz, 31, wurden aus der ersten Mannschaft entfernt. Vergebens hatte Schön dem kraftlosen Kicker Haller geraten, nicht so viele Gegner zu umspielen, sondern häufiger zu schießen. "Solange du kräftig schießt, wird dich keiner als alten Mann bezeichnen." Haller schoß nicht und verschwand aus dem Team. Danach suchte er Trost bei Pfarrer Wolfgang Dietrich, der im Auftrag der evangelischen Kirche seelsorgerische Erkenntnisse für die WM 1972 in der Bundesrepublik sammeln soll,
"Gleich nach dem Turnier beginnen wir mit der Verjüngung", kündigte DFB-Vizepräsident Hermann Neuberger die Fußball-Götterdämmerung an. "Schon bei der Europameisterschaft im Herbst verzichten wir auf unsere Alten."

DER SPIEGEL 25/1970
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