15.06.1970

LIBUDABluff am Ball

Nach ihrem kümmerlichen Start in der Fußball-Weltmeisterschaft hielten sich die deutschen Kicker in Mexiko an den preußischen Militär-Strategen Schlieffen: Sie machten den rechten Flügel stark.
"Diesen Mann kann man nur mit der Flinte erlegen", lobte Bulgariens Trainer Dr. Stefan Boskoff den deutschen Rechtsaußen Reinhard Libuda, 28, nach der 2:5-Niederlage. Zum erstenmal, seit der Essener Rechtsaußen Helmut Rahn 1960 aus der Nationalelf abgetreten war, hatte die Leistung eines rechten Flügelstürmers ein Länderspiel eindeutig für Deutschland entschieden. Gegen Peru leitete Libuda wiederum das wichtige 1:0 ein.
Den bisher erfolgreichsten deutschen Rechtsaußen vermochte freilich noch niemand zu überflügeln: Der Augsburger Ernst Lehner kickte zwischen 1933 und 1942 in 65 Länderspielen 30 Tore. Antrittsschnell und spurtstark galt er damals als bester Europäer auf seinem Posten. Mustergültig erfüllte er die Aufgaben eines Flügelstürmers: Gegner aus dem Abwehrzentrum zu locken, sie zu überlaufen, in die Lücke zu stoßen und selbst auf das Tor zu schießen oder freigespielte Stürmer einzusetzen.
Lehners Nachfolger entdeckte Bundestrainer Josef Herberger: Den vitalen Essener Helmut Rahn. 1954 erzielte Rahn im WM-Endspiel gegen Ungarn zwei Treffer, darunter den zum 3:2-Sieg.
Allerdings bevorzugte der kernhafte Gebrauchtwagen-Händler die im Ruhrpott üblichen Thekensäfte, kämpfte ständig mit Übergewicht, verwickelte sich in Verkehrs-Affären und mußte deshalb ins Gefängnis. So verpaßte er zwischen 1951 und 1960 von 65 möglichen 25 Länderspiele. Nach seinem Rücktritt klagte Herberger: "Die Lücke wird auf Jahre nicht zu schließen sein."
Tatsächlich lahmten die Deutschen seither am rechten Flügel. Der Bundestrainer experimentierte in den folgenden 21 Länderspielen mit zwölf Rechtsaußen. Bei der Weltmeisterschaft 1962 erschienen in den vier Spielen der Deutschen vier verschiedene Kicker auf dem rechten Flügel.
Auch Herberger-Nachfolger Helmut Schön fand keinen Ersatz. Allerdings stellten neue Taktiken immer höhere Anforderungen an die Außenstürmer: Ein Bewacher weicht ihnen selten von den Füßen -- und wenn, dann, um sich selbst in den eigenen Angriff einzuschalten. Sofort verkehrt sich die Situation; die Flügelstürmer müssen zurückhasten und selbst verteidigen.
Gelegentlich verzichtete Bundestrainer Schön deshalb, wie bei der Weltmeisterschaft 1966, ganz auf einen rechten Flügelstürmer. In seinen 53 Länderspielen vor der Mexiko-WM begutachtete Schön 20 Kicker auf Rechtsaußen, darunter 1967 erstmals auch Libuda.
Wie ein verfolgter Hase vermochte Libuda Haken zu schlagen. Aus dem Stand fiel er überraschend wie ein startender Sprinter in den Spurt. Nationalverteidiger Horst-Dieter Höttges beschrieb den Bluff am Ball: "Libuda guckt so müde, daß man selbst einschläft." Die Fans nannten ihn Stan -- nach Englands erstem geadelten Kicker, Rechtsaußen Sir Stanley Matthews.
Als sein Klub Schalke 04 in Abstiegsgefahr geriet, verpflichtete Borussia Dortmund Libuda für 150 000 Mark. Der Kauf amortisierte sich: Im Europacup-Finale 1966 trat Libuda gegen den favorisierten FC Liverpool aus 35 Metern Entfernung das Siegtor.
Schalke kaufte den Star für 175 000 Mark zurück. Doch in den letzten 18 Bundesliga-Monaten glückte Ihm kein Treffer. Er überdribbelte Gegner um Gegner statt abzuspielen; dann trennte ein Verteidiger den erschöpften Libuda vom Ball. Dortmunds Trainer Willy Multhaup verglich ihn mit dem Clown Grock: "Wenn er lacht, klingt es traurig."
Erst als ein Star ausfiel, erinnerte sich Schön vor dem entscheidenden Qualifikationsspiel gegen Schottland an den linkischen Rechtsaußen. Beim Stande von 2:2 nahm Libuda einen weiten Paß auf, sprang instinktiv in die Höhe, als der schottische Verteidiger Gemmel wie eine Sichel zur Mahd nach ihm schlug, und erzielte das Siegtor, das der bundesdeutschen Mannschaft den Weg zur Endrunde nach Mexiko öffnete. Sofort bot Europacup-Sieger Feijenoord Rotterdam 700 000 Mark für ihn. Er blieb.
Doch für Schalke kickte Libuda weiter torlos. Im ersten WM-Spiel gegen Marokko benannte Schön ihn nicht einmal als Ersatzspieler. Die deutschen Fans forderten in León freilich in Sprechchören: "Libuda, Libuda." Vor dem nächsten Spiel gegen Bulgarien beauftragte ihn Schön: "Renn, solange du kannst, dann wirst du ausgewechselt."
Libuda konnte trotz Hitze und Höhe bis zum Schlußpfiff. Sobald er einen Gegner zurückgelassen hatte, flankte oder schoß er. Das erste deutsche Tor erzielte er selbst, drei weitere bereitete er vor.
Im Station und in der TV-Aufzeichnung studierte Perus Equipe den Libuda-Trick, einen Verteidiger rechts zu überlisten. Doch im Spiel gegen Peru brach Libuda nach links aus, bevor er flankte.
In einem unüblichen Temperamentsausbruch fordert Libuda nach 16 Länderspiel-Einsätzen: "Ich möchte endlich ein paar Spiele hintereinander machen -- rein und raus ist Käse."

DER SPIEGEL 25/1970
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