15.06.1970

TSCHECHOSLOWAKEI / DUBCEKDie Ikone

Für den Prager Parteichef Husák gilt es, ein Mannes-Wort einzulösen.
"Ich stehe voll und ganz hinter Dubceks Auffassung, ich habe daran mitgewirkt, ich werde entweder mit ihm stehen oder mit ihm abtreten", hatte Husák acht Tage nach der sowjetischen CSSR-Okkupation im August 1968 öffentlich erklärt.
Seit Ende vorletzter Woche ist es soweit: Alexander Dubcek, Symbol des demokratischen Kommunismus, wurde aus der Kommunistischen Partei der Tschechoslowakei ausgestoßen.
In geheimer Sitzung folgte das elfköpfige Präsidium des ZK der KPC einer Empfehlung der Kontroll- und Revisionskommission, dem Anführer der Prager Januar-Revolution von 1968 nach 31 Jahren Parteimitgliedschaft das Parteibuch zu entziehen -- "wegen seiner Rolle in der Nach-Januar-Periode".
In einer Kampfabstimmung entschieden sich neun Präsidiums-Mitglieder -- unter ihnen auch die einstigen Dubcek-Gefährten Svoboda, Strougal, Colotka und Piller -- für den Rausschmiß. Dagegen waren nur der Vorsitzende der Nationalen Front, Evzen Erban -- ein ehemaliger Sozialdemokrat -, und Dubcek-Nachfolger Husák, der mit Dubcek hatte abtreten wollen.
Die beiden Nein-Sager versuchen als machtlose Präsidiums-Minderheit erfolglos, dem Rückwärtskurs in der Tschechoslowakei entgegenzuwirken (SPIEGEL 24/1970). Auch im Zentralkomitee, das den Parteiausschluß noch formell bestätigen muß, sind Dubceks Feinde inzwischen in der Mehrheit. Um die Genossen für die Abstimmung zu präparieren, vertagte das Sekretariat die bereits für die Vorwoche angesetzte ZK-Sitzung auf den kommenden Donnerstag.
Dubcek, seit Dezember des Vorjahres auf den Posten eines Botschafters in Ankara abgeschoben, erfuhr den Bannstrahl des Präsidiums in Prag. Die Parteispitze hatte ihn -- offensichtlich auf Moskauer Wunsch -- in die Zentrale zitiert, um noch einmal den Versuch zu machen, den Mann des Volkes zur Selbstkritik zu bewegen.
Dubcek widerrief nicht. Nun soll er nach der Parteimitgliedschaft auch noch den Warteposten in der Türkei verlieren. Am Montag voriger Woche bekam das Prager Außenministerium den Auftrag, die förmliche Abberufung des Botschafters Dubcek aus Ankara "vorzubereiten". Er hatte die Erwartungen enttäuscht, die Prags neue Führung mit seiner Entsendung nach Ankara verbunden hatte:
* Parteichef Husák hatte gehofft, sein im Volk fast mystisch verehrter Vorgänger ("Die slowakische Ikone") werde außer Landes schnell vergessen und stände dem von Husák betriebenen Konsolidierungs-Programm nicht länger als liberales Leitbild Im Wege.
* Die Partei-Konservativen hatten geglaubt, der von ihnen verteufelte und mit einem politischen Prozeß bedrohte Ex-Parteichef werde die Nerven verlieren und die Chance nutzen, im westlichen Ausland um politisches Asyl zu bitten -- wie viele alte Freunde Dubceks.
Dem unterschiedlichen politischen Kalkül entsprach die Prager Propaganda. In den ersten Wochen nach seiner Akkreditierung in Ankara wurde Dubcek nach Art eines gutgläubigen Toren von der Parteipresse auffällig geschont. Anfang März aber beschloß die Kontroll- und Revisionskommission, Dubceks Parteimitgliedschaft zu suspendieren und gegen ihn ein Parteiverfahren einzuleiten.
Das Belastungsmaterial, mit dem KPC-Konservative den Botschafter ins Exil treiben wollten, stammte aus Frankreich: Der kürzlich wegen Häresie aus der französischen KP ausgeschlossene Polit-Professor Garaudy hatte seine Genossen überführt, das Politbüro-Mitglied Etienne Fajon, Direktor der französischen KP-Zeitung "L'Humanité", habe stenographische Notizen über ein Gespräch zwischen dem französischen KP-Chef Waldeck Rochet und dessen damaligem CSSR-Kollegen Dubcek vom Juli 1968 den Prager Reform-Feinden in die Hände gespielt (SPIEGEL 22/1970).
Inzwischen verlautet aus der KPF, das diskriminierende Papier sei von Sowjet-Agenten in der Pariser Zentrale heimlich photographiert und nach Prag geschmuggelt worden.
Den Partei-Revisoren war das noch immer nicht genug Munition, um ihren gefürchteten Feind aus der Partei zu feuern. Anfang April behauptete die mittelböhmische Parteizeitung "Svoboda", Dubcek sei über Pläne von Reform-Anhängern informiert gewesen, mit Hilfe einer illegalen Parteiorganisation einen Partisanenkrieg gegen die Besatzungstruppen zu eröffnen.
Drei Wochen später verdächtigte das Prager Parteiblatt "Rudé právo" die 1481 Mitglieder der nach dem August 1968 in der CSSR gegründeten "Dubcek-Klubs" gezielter Subversion im Namen Ihres Klub-Idols.
Am 30. Mai -- dem Tag von Dubceks Heimkehr -- schließlich bezichtigte "Rudé právo"-Chef Miroslav Moc den einstigen Parteichef der Korruption. Ohne nähere Erläuterung rückte er den Reformer in die Nähe des von Dubcek gestürzten Stalinisten Novotny: "Kann es Zufall sein, daß Alexander Dubcek in dem engen Kreis der Auserwählten beim Empfang der nur zu bekannten Briefe, die hohe finanzielle Wertschätzung enthielten, einen zweiten Platz einnahm?"
Wenige Tage nach Dubceks Rückruf griff auch die Moskauer "Prawda" nach langer Pause wieder in die Anti-Dubcek-Kampagne ein. Seit Monaten hatte das sowjetische Parteiblatt den Namen des populärsten Kommunisten Europas verschwiegen; Dubcek sollte offenbar für russische Leser zur politischen Unperson werden.
In der "Prawda" vom 3. Juni wurde sein Name wieder genannt; in einem Aufsatz, der die Säuberung der KPC von "allen rechts-opportunistischen Elementen und Karrieristen" preist.

DER SPIEGEL 25/1970
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 25/1970
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

TSCHECHOSLOWAKEI / DUBCEK:
Die Ikone

Video 01:22

Protest gegen Bienensterben Imkerin macht sich selbst zum Bienenstock

  • Video "Politisches Statement: Riesen-Kunstwerk unter dem Eiffelturm" Video 02:15
    Politisches Statement: Riesen-Kunstwerk unter dem Eiffelturm
  • Video "Senioren auf Partnersuche: Ich bin nicht zu alt für Sex" Video 29:50
    Senioren auf Partnersuche: "Ich bin nicht zu alt für Sex"
  • Video "Hongkong zieht umstrittenes Gesetz zurück: Die Angst wechselt die Seiten" Video 01:23
    Hongkong zieht umstrittenes Gesetz zurück: "Die Angst wechselt die Seiten"
  • Video "Filmstarts: Ich tippe auf... Zombies!" Video 06:53
    Filmstarts: "Ich tippe auf... Zombies!"
  • Video "Abgang von Sara Sanders: Trumps Lautsprecher ist verstummt" Video 04:02
    Abgang von Sara Sanders: Trumps Lautsprecher ist verstummt
  • Video "Iran-USA: Ein Krieg, den eigentlich keiner will" Video 05:29
    Iran-USA: "Ein Krieg, den eigentlich keiner will"
  • Video "Innige Umarmung: Romanze unterm Meeresspiegel?" Video 00:43
    Innige Umarmung: Romanze unterm Meeresspiegel?
  • Video "Gut gegen Hitze: Abkühlung vom Hochhausdach" Video 01:08
    Gut gegen Hitze: Abkühlung vom Hochhausdach
  • Video "Horror-Ikone Kane Hodder: Der Mann hinter der Jason-Maske" Video 48:32
    Horror-Ikone Kane Hodder: Der Mann hinter der Jason-Maske
  • Video "US-Vorwürfe: Video soll iranischen Angriff auf Tanker beweisen" Video 00:59
    US-Vorwürfe: Video soll iranischen Angriff auf Tanker beweisen
  • Video "Unwetter in Zentralchina: 61 Tote nach Erdrutschen und Überschwemmungen" Video 00:35
    Unwetter in Zentralchina: 61 Tote nach Erdrutschen und Überschwemmungen
  • Video "Hybrid aus Fahrrad und Motorrad: Mit der Tretmühle auf die Autobahn" Video 01:07
    Hybrid aus Fahrrad und Motorrad: Mit der Tretmühle auf die Autobahn
  • Video "Besetzte Kreuzung in Berlin: Am liebsten 'ne Fahrradstraße" Video 03:26
    Besetzte Kreuzung in Berlin: "Am liebsten 'ne Fahrradstraße"
  • Video "Sensationsfund: Überreste von bislang unbekanntem Urvogel entdeckt" Video 01:32
    Sensationsfund: Überreste von bislang unbekanntem Urvogel entdeckt
  • Video "Mitten in den Sturm: Autofahrer filmen Gewitter-Superzelle" Video 00:55
    Mitten in den Sturm: Autofahrer filmen Gewitter-Superzelle
  • Video "Protest gegen Bienensterben: Imkerin macht sich selbst zum Bienenstock" Video 01:22
    Protest gegen Bienensterben: Imkerin macht sich selbst zum Bienenstock