15.06.1970

„FEIGE, VERLOGEN, KONTERREVOLUTIONÄR“

Alle KP-Mitglieder in der CSSR müssen ihre alten Parteiausweise gegen neue eintauschen und damit Ihre politische Gesinnung überprüfen lassen. Die Reihenuntersuchung soll die letzten Spuren der Refarm-Ara aus der wieder auf Moskau-Kurs gebrachten Partei tilgen. Einer der prominentesten publizistischen Vertreter des demokratischen Sozialismus, Jiri Hochmann, 45, inzwischen arbeitsloser Installateur in Böhmisch-Leipa, verweigerte in einem Brief an die zuständige Prüfungskommission den Parteibuch-Umtausch. Sein Anklagebrief gegen die neuen Parteiherren ging dem SPIEGEL aus Prag zu.
An das ZK der KPC, Abteilung für Parteiarbeit in den Kommunikationsmitteln, zu Händen des Genossen Svec.
Mit Überraschung las ich Eure Mitteilung, mit der Ihr mich so freundlich auf 12 Uhr am 12. April vorladet "zur Besprechung einiger Angelegenheiten, die mit dem Abschluß meines Parteidisziplinverfahrens zusammenhängen".
Wie ich vielleicht deutlich genug in meiner Antwort vom 17. Juni 1969 Herrn Vaculik, dem Sekretär der damaligen Kommission für Überprüfung der Haltung kommunistischer Journalisten, erklärt hatte, "erkenne ich nur den XIV. Parteitag und die von ihm demokratisch gewählten Organe an*. Alles übrige ist nur und nur Produkt des internationalen Terrors, der gegen unsere Partei und gegen unser Land am 21. August 1968 begonnen hat."
Leute, die unsere jüngste nationale Tragödie mißbrauchten und den Okkupanten mit aller Infamie die unsaubere Dekoration einer "unabhängigen" Selbstverwaltung anboten, haben weder mit unseren Nationen noch mit der Arbeiterklasse und noch weniger mit unserer kommunistischen Partei etwas gemeinsam.
Wir haben es mit einer parasitären Und bürokratischen Kaste der Kompradoren zu tun, die feige, unfähig, rücksichtslos, verlogen, antinational, antisozialistisch und konterrevolutionär ist.
Eine wirkliche kommunistische Partei, die nur durch ihre demokra-
* Im August 1968 nach der Okkupation abgehalten und später als "illegal" erklärt.
** Koniás war ein berüchtigter jesuitischer Inquisitor, der im Dreißigjährigen Krieg Zehntausende von Büchern in Böhmen verbrennen ließ.
tisch gewählten Organe auf Grund eines demokratisch beschlossenen Programms tätig sein kann, wurde von diesem selbsternannten Clan de facto liquidiert. Die nicht leichte Verpflichtung, in dieser Zeit das Volk zur Verteidigung seiner nationalen Rechte und Interessen zu führen, hat er gegen einen gut bezahlten Kriecher-Service eingetauscht.
Ohne Unterstützung und Einverständnis ihrer eigenen nationalen Basis kann keine und am wenigsten eine solche politische Partei normal tätig sein, die sich zum Sozialismus bekennt. Ohne eine solche Unterstützung, ja sogar in einem grundsätzlichen Widerspruch zum einheitlichen Willen der eigenen Nation kann zwar eine Geheimpolizei, aber keine politische Partei ihre Tätigkeit entwickeln.
Der genannte Umtausch von Parteibüchern stellt nur die Erfüllung der bekannten Instruktion einer fremden Macht dar, die KPC auf eine geschlossene, gegen das Volk ausgerichtete Organisation zu reduzieren, die nur für das unmittelbare Personal der Diktatur bestimmt ist: für Apparatschiks, Polizisten, Offiziere, Koniásse**, Spitzel und professionelle Pfründner.
Im übrigen: Nur eine solche "Partei" kann der fremden Macht und ihren inländischen Treuhändern den entsprechend ausreichenden geistigen Faulschlamm bieten, aus dem keine Opposition hervorgehen kann.
Was mich betrifft, so lehne ich es ab, mit einer solchen Organisation etwas gemein zu haben. Deswegen ignorierte ich auch Euer ganzes Disziplinarverfahren von Anfang bis Ende. Nicht Ihr könnt irgend jemanden ausschließen. Ihr selbst habt Euch, und zwar nicht nur aus der kommunistischen Partei, sondern auch aus dem nationalen Kollektiv ausgeschlossen. Ihr werdet einmal vor dem Gericht Eurer eigenen Kinder stehen.
Es ist lächerlich, noch Komödien mit Parteidisziplinarverfahren in der Zeit zu spielen, in der meine Freunde, ehrliche Kommunisten und Patrioten, massenweise aus ihren Stellungen gefeuert, von der Goebbels-Propaganda des Regimes lügenhaft verleumdet werden und einige von ihnen sogar für ihre Ansichten schon eingekerkert sind, was im Widerspruch sogar zu dem buchstäblichen Wortlaut der sogenannten "Sondergesetze" steht.
Mein Parteibuch, das im übrigen ein Duplikat des von den Streitkräften der Okkupanten aus der wandalisch verwüsteten Redaktion des "Reportér" gestohlenen Dokumentes ist, wird erst den legalen Organen der Kommunistischen Partei zur Verfügung stehen, sobald Eure Krebsstation zerfallen ist.
Ich kann euch versichern, daß es dazu weit früher kommen wird, als ihr glaubt. Die Dauer der Zelt, während der man dieses oder jenes Volk betrügen kann, steht im direkten Verhältnis zu seiner Intelligenz, zu seinen politischen Erfahrungen und zu seiner Geduld.
Ihr jedoch, Ihr patentierten Freunde der UdSSR, irrt Euch gewaltig in Eurem zynischen Glauben an ein unendliches Schweigen des russischen Volkes. Der Neostalinismus steht auf den verfaulten Grundlagen des schon vor 14 Jahren vom XX. Parteitag der KP der Sowjet-Union moralisch besiegten Systems. Wir schreiben ein anderes Jahr, meine Herren, nämlich nicht das Jahr, für das Ihr und Eure ausländische Zentrale mit Eurer Politik lebt.
Der Sinn des Sozialismus ist nicht etwa weniger Freiheit für das Volk oder sogar keine Freiheit für das Volk. Der Sinn des Sozialismus ist mehr Freiheit für das Volk, meine Herren.
Mit dem Ausdruck einer absoluten Verachtung Jiri Hochmann

DER SPIEGEL 25/1970
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