15.06.1970

ARGENTINIEN / MILITÄRPUTSCHErsatzmann entführt

Auf der Plaza de Mayo in der argentinischen Hauptstadt Buenos Aires marschierten Truppen auf: Sie umzingelten das Regierungspalais.
An den Fenstern des rosa Prunkbaus rasselten Eisengitter herunter; dahinter bauten Grenadiere des Regiments San Martin Maschinengewehre auf.
Im Innern der belagerten Festung hielt Argentiniens Staatspräsident, Kavalleriegeneral Juan Carlos Ongania, 56, Kriegsrat mit seinem Hausgeistlichen, dem Pater Mariano Castex. Der Seelenhirte riet dem General zur Kapitulation, um Blutvergießen zu vermeiden.
Um 20 Minuten vor Mitternacht, am vergangenen Montag, folgte der General dem Rat des Geistlichen: Fast 12 Stunden nachdem die Oberbefehlshaber des Heeres, der Marine und der Luftwaffe den Präsidenten aufgefordert hatten, sein Amt niederzulegen, erklärte Ongania seinen Rücktritt.
Der Mann, den die Militärs jetzt seiner "autokratischen Neigungen" wegen stürzten, war einst von Militärs an die Macht gebracht worden, weil er "der einzige Bürger von Präsidentenformat" schien, so die Tageszeitung "La Nación", "den alle politischen Gruppen des Landes akzeptierten."
Im Juni 1966 hatten die drei Oberbefehlshaber der Streitkräfte gegen Argentiniens letzten demokratisch gewählten Präsidenten, den Landarzt Dr. Arturo Illia geputscht. Sie lösten den Nationalkongreß auf, besetzten den Obersten Gerichtshof neu und verboten die etwa 20 politischen Parteien.
Unter dem Oberbefehl des von der Junta zum Präsidenten gekürten Ongania schien Argentinien zunächst tatsächlich, zumindest äußerlich, zur Ruhe zu kommen.
Ongania schränkte die Macht der von dem einstigen Diktator Juan Perón gegründeten Gewerkschaften ein; in dem Land, das seit Jahren von Streiks geschüttelt worden war, gab es nun kaum noch Arbeitskämpfe.
Die strikte Stabilitätspolitik des Wirtschaftsministers Dr. Adalbert Krieger Vasena drosselte die Inflationsrate, die zu Zeiten Illias bei durchschnittlich 50 Prozent Im Jahr gelegen hatte, auf 9,6 Prozent im Jahre 1968. Das Regime hortete Devisen und erreichte schließlich den Rekordvorrat von 910 Millionen Dollar. Immer mehr ausländische Firmen investierten in dem Land, dessen Peso zu einer der härtesten Währungen Lateinamerikas avancierte.
Den Preis für die Prosperität freilich zahlten Arbeiter und Kleinbürger. Denn um die Inflation bremsen zu können, fror das Regime 1967 die Löhne ein. Rationalisierungsversuche in veralteten Industrien -- so etwa in der Zuckerprovinz Tucumán -- machten Zehntausende von Menschen arbeitslos.
Betrogen um das von Onganía versprochene wirtschaftliche Wohlergehen, bedrückt von der politischen Entmündigung, setzten sich im Frühling letzten Jahres erstmals Arbeiter und Studenten gegen den "unbehaglichen Waffenstillstand" ("The Guardian") zur Wehr, den das Regime ihnen drei Jahre lang geboten hatte.
Als im Mai des vergangenen Jahres bei Studentendemonstrationen gegen erhöhte Mensapreise ein Medizinstudent von Polizisten erschossen wurde, wandelte sich die "Pax Onganía" Jäh in einen Bürgerkrieg: In den großen Städten protestierten Studenten und Arbeiter gegen das Regime. Mit Panzern und Paras gingen Polizei und Militär gegen die Demonstranten vor. In der Universitätsstadt Córdoba, dem Zentrum des Aufruhrs, gab es 29 Tote. Am 30. Mai riefen die bis dahin zerstrittenen peronistischen Gewerkschafts-Dachverbände gemeinsam den Generalstreik aus; drei Millionen Werktätige legten für 24 Stunden die Arbeit nieder.
Noch dreimal riefen allein während des vergangenen Jahres die Gewerkschaften zum Generalstreik auf, Als im Sommer der peronistische Metallarbeiterboß Augusto Vandor, genannt El Lobo ("Der Wolf"), von unbekannten Tätern ermordet wurde, wußte sich das Regime nur durch den Belagerungszustand zu helfen -- der bis heute nicht aufgehoben wurde. Hunderte von Regimegegnern wanderten für Monate ins Gefängnis.
Die brutale Repression brachte Reitergeneral Onganía um Ansehen und Autorität auch bei vielen Militärs. Die alte Kluft zwischen Liberalen und Nationalisten, die in früheren Jahren zu erbitterten Richtungskämpfen unter den Militärs geführt hatte und die der Staatschef bis dahin einigermaßen geschickt überbrücken konnte, brach wieder auf.
Immer häufiger und immer ungenierter überfielen zudem in den vergangenen Monaten Terroristen Banken und Polizeiposten, Militärzüge und Kasernen, um Geld oder Waffen zu rauben. Im März dieses Jahres entführten Extremisten den paraguayischen Konsul in Argentinien, Waldemar Sánchez.
Der offenbar entscheidende Schlag gegen das Prestige des Generals fiel im vergangenen Monat -- am 29. Mai, dem "Tag der Streitkräfte", genau ein Jahr nach dem Aufstand von Córdoba: Zwei Männer in Militäruniform besuchten den Ex-Präsidenten General Pedro Eugenio Aramburu in seiner Wohnung und verschwanden mit ihm.
Präsident Onganía schickte 22 000 Polizisten auf die Suche nach dem Verschollenen -- vergebens. Bis zum vergangenen Wochenende blieb unklar, wer die Entführer waren und ob ihr Opfer, wie in mehreren Manifesten angedroht, schon exekutiert ist.
Einige Monate vor seiner Entführung hatte Aramburu in der Provinz-Zeitung "Los Principios" beklagt, daß das Regime Ongania die Ziele der Revolution von 1968 nicht erreicht habe. "Ich vertraue darauf", so Aramburu, "daß die drei Oberbefehlshaber ihre historischen Pflichten erfüllen werden."
Sie seien sich ihrer "historischen Verantwortung bewußt", erklärten nun die drei Mitglieder der Junta, Heereschef Lanusse, Luftwaffengeneral Rey und Admiral Gnavi, als sie letzte Woche den Präsidenten stürzten.
Als "Ersatzmann für Onganía, von dem die Liberalen wie auch einige Militärs träumen", so die Zeitschrift "Panorama", galt bislang der verschwundene Aramburu.

DER SPIEGEL 25/1970
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