15.06.1970

WIRTSCHAFTSPLAN / FRANKREICHZukunft mit Fifi

Amerikas Präsident John F. Kennedy hoffte einst, mit ihrer Hilfe die US-Wirtschaft zu sanieren, und schickte ein Expertenteam. Frankreichs Präsident Charles de Gaulle nannte sie eine "flammende Verpflichtung" und eine "große Sache". Beide Staatsmänner meinten -- Anfang der sechziger Jahre -- die französische Planification.
Heute ist das Renommee der französischen Wirtschaftsplanung "auf dem niedrigsten Punkt seit zehn Jahren" (so "Le Monde"). Corentin Calvez von der Manager-Gewerkschaft "Confédération générale des cadres" (CGC) behauptet gar: "Man kann gut ohne den Plan leben."
Seit einem Vierteljahrhundert ist "la planification" das Zauberwort, mit dem das Land den Sprung zur Industrie-Großmacht schaffen will, Denn erst 41 Prozent (Bundesrepublik: 48 Prozent) der Beschäftigten arbeiten in der Industrie, nur ein Viertel (Bundesrepublik: 40 Prozent) in Betrieben mit mehr als 500 Beschäftigten.
Alle fünf Jahre werden für die meisten Wirtschaftsbranchen, aber auch für Bereiche wie Erziehung und Gesundheitswesen, Einzelpläne aufgestellt, in denen unter anderem Wachstumsrate, Lohnsteigerungen, Preisentwicklung und Betriebsstillegungen projektiert werden. Was früher Hunderte von Planbeamten in Handarbeit austüftelten, errechnet heute der Großcomputer "physico-financier" -- von den Franzosen nach seinen Anfangslauten kurz "Fifi" genannt.
Fifi fand beispielsweise heraus, daß bei einer Wachstumsrate von 6,5 Prozent im Jahre 1975 etwa 150 000 Kleinbetriebe (mit 1,6 Millionen Arbeitern) pleite machen werden und etwa 300 000 Händler den Beruf wechseln müssen.
Die Vorhersagen über künftige Wachstumsraten waren bislang sehr präzise. Für die Planperiode 1962 bis 1965 hatten die Planer 6,2 Prozent vorhergesagt und 6,3 Prozent erreicht. Für den laufenden Fünften Plan (1966 bis 1970> stimmen Planziel und Realität sogar genau überein: 5,7 Prozent.
Aber: In einzelnen Jahren differierten prognostiziertes und realisiertes Wachstum beträchtlich. 1968 beispielsweise irrten sich die Planer um 4,2 Prozent, 1969 sogar um 8,7 Prozent. Schlimmer noch ist, daß sich die Planprognose für bestimmte volkswirtschaftliche Größen als völlig falsch erwies. So hatten Frankreichs Planer für die Fünfjahresperiode 1966 bis 1970 beispielsweise eine Preissteigerung von 1,5 Prozent jährlich vorausgesagt -in Wirklichkeit, waren es 4 Prozent.
"Der Plan", behauptet Frankreichs oberster Plankommissar René Montjoie euphorisch, "das sind Vitamine für die Wirtschaft." Nüchterner urteilten die beiden amerikanischen Ökonomie-Professoren John H. McArthur und Bruce R. Scott. In einer jüngst veröffentlichten Untersuchung stellten sie fest, daß die Planification "praktisch keinerlei Einfluß auf die Politik französischer Unternehmen" habe.
Das war nicht immer so. Als Frankreichs damaliger Plan-Kommissar Jean Monnet 1945 den ersten Plan aufstellte, ging es in erster Linie darum, die Basis-Industrien wiederaufzubauen, Mit Produktions-Kontingenten, Importlizenzen und amerikanischen Marshallplan-Geldern lenkte die Regierung Frankreichs Wirtschaft genau nach Monnets Muster. Der Plan wurde ein voller Erfolg.
"Vom zweiten Plan an jedoch", kritisiert heute das Wirtschaftsmagazin "L'Expansion", "gewann die Planification in gleichem Maße an Umfang, wie sie an Tiefe verlor." Am neuesten Sechsten Plan, der diese Woche im Parlament beraten wird, zimmerten 2926 Wirtschaftler und Administratoren, Wissenschaftler und Ingenieure in 68 Ausschüssen. Sie zankten sich oft um lächerliche Details.
Unter Vorsitz von Staatspräsident Georges Pompidou zerstritt sich die Ministerrunde Mitte April beispielsweise darüber, ob das Wachstumsziel von durchschnittlich sechs Prozent jährlich "etwa" oder "annähernd" erreicht werden soll. "Das war kein Ministerrat mehr", spottete "L'Express", "sondern die Sitzung einer Wörterbuch-Redaktion,"
Die Plankritik kam von links und rechts. Schon früh hatten Kommunisten und Gewerkschaftler der kommunistisch beeinflußten CGT Front gegen den Plan gemacht. CGT-Sekretär Henri Krasucki: "Man kann doch von uns nicht verlangen, an der Ausarbeitung der Politik unserer Ausbeuter teilzunehmen."
Auch nicht-kommunistischen Linken wie dem ehemaligen Ministerpräsidenten und Ex-Mitglied der PSU, Pierre Mendès France, ging der Plan nicht weit genug. Der heutige PSU-Chef Michel Rocard stellte sogar einen Anti-Plan auf, der von den sozialen Belangen der Arbeiter und kleinen Angestellten ausgeht.
Was den Linken als zu wenig erschien, war den Liberalen schon zu viel. Staatschef Pompidou im vergangenen Jahr: "Die Rolle des Staates kann nicht darin bestehen, die Wirtschaft zu dirigieren und im Detail zu kontrollieren." Frankreichs Alt-Liberaler und ehemaliger De-Gaulle-Berater Jacques Rueff spottete gar: "Das ist wie mit dem Hahn, der glaubt, mit seinem Kikeriki die Sonne zu wecken."
Tatsächlich leidet Frankreichs Planification darunter, daß viele Unternehmer die im Plan festgelegten Ziele nicht beachten. Die Planzahlen mit dirigistischen Mitteln durchzusetzen, lehnt die Regierung ab.
Aber nicht nur diese Gefahr, die jeder staatlichen Planung in demokratischen Staaten droht, ist schuld an dem Vertrauensverlust französischer Unternehmer und Gewerkschaftler in die Planification. Mehr noch ist es die Entwicklung der internationalen Wirtschaftsverflechtung und die fehlende Bereitschaft des Staates, seine Ausgaben den Planzielen unterzuordnen.
"Die internationale Konkurrenz macht die genaue Festlegung einzelner mittelfristiger Ziele völlig illusorisch", schreibt die Wirtschaftszeitung "La Vie francaise": "Wer kann beispielsweise im Ernst vorhersagen, wie hoch unsere Automobilproduktion im Jahr 1975 sein wird, wo die Hälfte dieses Industriezweiges exportabhängig ist."
Während beispielsweise die Bonner Regierung ihre Budgetausgaben Im Rahmen der Mittelfristigen Finanzplanung (Mifrifi) festlegt, haben die Franzosen diesen Bereich den einzigen, über den sie die absolute Kontrolle haben -- von der Planification ausgeklammert, obgleich in Frankreich nahezu 40 Prozent des Bruttosozialprodukts (Bundesrepublik; 33,5 Prozent) über den Fiskus laufen.
Dennoch wollen die Franzosen ihre Planification nicht aufgeben. "In einem Land wie Frankreich", schreibt "L'Expansion", "in dem man Angst vor dem Wachstum hat, wäre es schade, wenn der Plan seinen mythologischen Wert verlieren würde."

DER SPIEGEL 25/1970
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WIRTSCHAFTSPLAN / FRANKREICH:
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