15.06.1970

ENGLAND / WAHLKAMPFLänger leben

"Die Welt beneidet uns um unsere Toleranz und unsere persönliche Freiheit", schmeichelte Englands Premier Harold Wilson seinen Zuhörern. Da traf ihn ein weich gekochtes Ei.
Zwei Wochen lang feuerten Sympathisanten der konservativen Oppositionspartei mit Tomaten, Eiern und Talcum auf den britischen Regierungschef.
Denn über zwei Wochen lang bereiste der Premier das Land als Wahlkämpfer. Er küßte Kleinkinder und besuchte alleinstehende Damen zum Tee. Die konservative Opposition verspottete er als ewig gestrige "Gentleman-Party", sich selbst brüstete er siegessicher mit "seinem" Zahlungsbilanzüberschuß von 600 Millionen Pfund.
Die Umfragen der Meinungsforscher bestärkten Wilson in seiner Zuversicht. Ende Mai noch schien Labours Vier-Punkte-Führung vor den Konservativen abzubröckeln, je näher jedoch der 18. Juni, der Tag der Unterhauswahl, rückte, desto größer wurde Labours Vorsprung: Ende voriger Woche betrug er, im "Harris Poll", sieben Punkte -- trotz einer seit Wochen immer höher schwappenden Preiswelle.
Die den Preiserhöhungen folgenden Lohnforderungen der britischen Drucker, Packer und Zeitungsfahrer verschafften Labour in der vergangenen Woche möglicherweise sogar zusätzliche Wahlkampfchancen. Denn als die Zeitungs-Mitarbeiter am Mittwoch in den Streik traten, waren zwar alle Briten darüber verärgert, nichts mehr über Englands Kicker in Mexiko lesen zu können, vor allem aber war die konservative Opposition benachteiligt: Sechs der zehn Londoner Morgenzeitungen mit einer Gesamtauflage von 8,3 Millionen Exemplaren hatten bis dahin die Tones unterstützt. Labour und Liberale hatten lediglich Blätter mit insgesamt 6,7 Millionen auf ihrer Seite.
Für die Dauer des Zeitungsstreiks erweiterten die britischen Rundfunk- und Fernsehanstalten ihre aktuelle Wahlkampf -- Berichterstattung am Spätabend -- und wieder profitierte Premier Harold Wilson.
Denn im Anschluß an die letzten Wahlkampf-Meldungen des Tages wurden fast jeden Abend Berichte von der Fußballweltmeisterschaft ausgestrahlt. Mehr als 30 Millionen britische Fußballfans lauerten vor den TV-Geräten, und bei ihnen kam Wilsons temperamentvolle Wahlkampagne entschieden besser an als der langweilige Wahlkampf seines konservativen Widersachers Edward ("Ted") Heath.
Denn Heath sprach nur ungern vor großen Menschenansammlungen, Besucher seiner Wahlkundgebungen mußten gewöhnlich Eintrittskarten besitzen; niemand bewarf ihn mit Eiern oder Tomaten. Der Junggeselle Heath, passionierter Orgelspieler und Segler, küßte keine Babys und -- schlimmer noch -- lehnte das von einem Arbeiter dargebotene Glas Bier ab.
Solche Haltung allein bestärkte viele englische Wähler -etwa 70 Prozent davon kommen aus Familien von Arbeitern und kleinen Angestellten -- in ihrer Meinung über die Tories. Für sie ist die Konservative Partei immer noch die Interessengemeinschaft der Offiziere und Gentlemen, der Adligen und Industriellen.
Zwar stimmte bislang noch immer ein Drittel der Arbeiter für die Konservativen -- nach Ansicht britischer Politologen eine Art Kater aus den Tagen der Abhängigkeit von Gutsherren und Industriellen.
Aber das war für die Opposition ebensowenig Trost wie die Tatsache, daß Tory-Wähler länger leben: Sie überdauern, so errechneten die Statistiker, durchschnittlich 13 Wahlen, die Labour-Anhänger nur 12 Urnengänge.
Wilson machte diesen Nachteil dadurch wett, daß er -- so die letzten Umfragen -- das Gros der Unentschlossenen für Labour gewann: mit einem Wahlprogramm, das sich in entscheidenden politischen Fragen nur unwesentlich von dem der Opposition unterschied.
Da obendrein die Familien der Labour-Wähler größer sind als die der Tory-Anhänger, errechneten die Politologen ein weiteres Plus von 1,5 Prozent für Labour. Denn über 90 Prozent der britischen Jungwähler stimmen so wie ihre Eltern.

DER SPIEGEL 25/1970
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