15.06.1970

JORDANIEN / UNRUHENSchön kämpfen

Auf den Straßen von Amman lagen Tote -- mindestens 100 -- und Verwundete. Bei Tag und Nacht ratterten Maschinengewehre. im Königspalast schlugen, erstmals seit 1967, Raketen ein. König Hussein, so wurde gemeldet, sei gerade noch einmal einem Attentat entkommen.
"Es ist eine Schande", so klagte der jordanische Herrscher, "daß Araber ihre Waffen auf Araber richten." Der Sessel des kleinen Königs, so schien es, war wieder einmal in Gefahr.
Doch was wie ein Umsturzversuch der palästinensischen Guerillas gegen die kränkelnde jordanische Monarchie aussah, war ursprünglich von der Monarchie selbst, genauer: von Husseins Onkel Scherif Nasser Ben Jamil, ausgegangen.
Der Wüstenscheich, Chef der 55 000-Mann-Armee Jordaniens, plädierte schon seit langem für einen Gegenschlag der königlichen Truppen gegen die Guerillas im Lande.
Als deren Aktivität in den vergangenen Wochen immer bedrohlicher wurde, gab Hussein schließlich, zögernd, seinem Onkel freie Hand.
Scherif Nassers Kommandotruppen verhafteten darauf zahlreiche Guerillas -- vor allem von der linken PFLP, der Volksfront für die Befreiung Palästinas, des Marxisten-Leninisten Dr. Georges Habasch.
Habasch und seine Partisanen erschienen dem Königs-Onkel besonders gefährlich. Denn der Chef der PFLP will noch vor der Palästina-Befreiung die Monarchie "mit zivilem Bürgerkrieg" stürzen. Habasch Anfang dieses Jahres zum SPIEGEL: "Unser Feind heißt Israel plus Zionismus plus Kapitalismus plus Imperialismus." Hussein ist für ihn ein reaktionärer Kapitalist, Jordanien die "Fünfte Kolonne des Weltimperialismus".
Kaum waren die Habasch-Guerillas verhaftet, da entführte die PFLP am vorletzten Sonntag den amerikanischen Diplomaten Morris Draper. Sie ließ ihn erst wieder frei, nachdem die Regierung versprochen hatte, die sistierten Partisanen auf freien Fuß zu setzen.
Als Hussein die Zusage nicht sofort erfüllte, griff eine Gruppe von Habasch-Männern eine Polizeistation an -- und lieferte so Onkel Scherif Nasser den Anlaß zum lang gesuchten massiven Gegenschlag.
Der Scheich beorderte Truppenverstärkungen in die Hauptstadt, ließ die wichtigsten öffentlichen Gebäude von Sicherheitskräften umstellen und eröffnete den Kampf gegen die Partisanen.
Zugleich entfachte Scherif Nasser den latenten Haß der königstreuen Jordanier gegen alle Palästinenser: Er lancierte Meldungen von einem mißglückten Attentat auf den König. Ein Attentat war die Schießerei kaum; denn der Überfall soll ausgerechnet in der am besten abgesicherten Gegend Jordaniens stattgefunden haben: auf der von dem König blind ergebenen Beduinentruppen abgeriegelten Strecke zwischen der Sommerresidenz Sarka und der Hauptstadt.
Zu seiner "Rettung" erhielt der Monarch einen unerwarteten Glückwunsch: vor Jassir Arafat, dem Chef der EI-Fatah, dessen Guerillas "nicht den Sturz der jordanischen Monarchie betreiben" (Arafat).
Der stets unrasierte Revolutionär, Anfang Juni in Kairo gegen den Willen von Habasch zum "Oberkommandierenden des Palästinensischen Widerstands" aller zehn Befreiungsorganisationen erkoren, glaubte offenbar, die Aktion der Jordanier sei ausschließlich gegen die PFLP gerichtet.
Arafat schloß einen Zehn-Punkte-Waffenstillstand mit dem jordanischen Monarchen. Gemeinsam untersuchten Schlichtungskomitees der Armee und der EI-Fatah die Ursachen der Kämpfe. Gemeinsam schossen sie auf die Radikalen der PFLP, um "Volksfront und Habasch in den Griff zu bekommen" (Arafat).
Habasch, um freien Abzug und die Wahrung seines Gesichts als Revolutionär besorgt, ließ daraufhin von seinen Guerillas im "Jordan-Inter-Continental"-Hotel 39 Ausländer als Geiseln festsetzen.
Doch Scherif Nassers Aktion hatte keineswegs nur den Habasch-Partisanen gegolten. Seine Truppen griffen auch Arafat-Guerillas an.
Jassir Arafat zog daraufhin seine Glückwünsche zurück und sammelte seine Guerillas zum Kampf gegen die Armee.
Zugleich stiftete er Unfrieden zwischen König und Onkel: Scherif Nasser wolle, so ließ er verlauten, mit Hilfe der CIA den König stürzen und dafür den Hussein-Bruder und Kronprinzen Hassan einsetzen. Schon am Abend liefen königliche Truppen zu den Freischärlern über. Der Fatah-Sender "Stimme des Sturms" verkündete wenig später, 80 Prozent der Hauptstadt sei im Arafat-Besitz. Von den Guerillas bedrängt, opferte der König seinen Onkel: Scherif Nasser wurde entlassen.
Ende der Woche schienen beide Seiten jedoch ihr ziel erreicht zu haben: Hussein hatte die gefährlichsten Partisanen der PFLP entscheidend geschwächt, Arafat hatte seine Autorität als Ober-Guerilla gewahrt.
Aus Israel verhöhnte währenddessen die Abendzeitung "Maariv" mit einer Karikatur den Kampf im arabischen Lager: In einem Fullballstadion kämpfen vor einem einzigen Zuschauer (Israel) lauter arabische Kicker. Kommentar des Zuschauers: "Ganz egal, wer siegt -- Hauptsache, sie kämpfen schön."

DER SPIEGEL 25/1970
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