15.06.1970

„EIN EINGEZÄUNTES STÜCK WÜSTE MIT RAKETEN“

Mehrfach bereiste die französische Journalistin Josette Alia in den vergangenen Wochen und Monaten die Länder des Nahen Ostens, vor allem aber Ägypten. Über die Präsenz der Sowjets in Nassers Staat veröffentlichte sie einen Bericht im Pariser „Nouvel Observateur“, dem der SPIEGEL folgenden Auszug entnimmt:
Die große Ellipse der Radarantenne dreht sich langsam und leicht um sich selbst wie ein unruhiges Tier.
Ganz Alexandria kann dieses Radar sehen. Auf seinem hohen Gerüst hebt es sieh deutlich von dem azurblauen Himmel ab. Ganz Alexandria weiß also, daß sich dort, an der schönen Küstenstraße, an den schroffen Hängen der Landzunge des früheren Jagdklubs, eine mit sowjetischen Sam 3 bestückte Raketenbasis befindet.
Etwas weiter entfernt setzt sich die Anlage fort -- mit einer zweiten Radarstation, diesmal zwei mächtige Spiralen auf niedrigem Gerüst. Die erste Radaranlage, langbeinig, dient der Ziel-Erfassung. Die zweite, gedrungen, ist ein Feuerleitradar. Zwischen beiden sind in einem Silo die berüchtigten Sam-3-Raketen eingebaut -- vier Batterien zu je zwei Raketen. Sie gleichen großen Stahlzigarren.
Es hat genügt, diese drei elektronisch koordinierten Anlagen auf ägyptischem Boden zu installieren, um innerhalb von einigen Wochen das militärische und politische Gleichgewicht des ganzen Nahen Ostens zu verändern. Sie sollen offenbar gesehen werden -- wenngleich nicht aus allzu großer Nähe.
Man findet die Sowjet-Raketen auch in den Dünen der Wüste bei Sakkara und sieht von fern kleine schemenhafte Gestalten, die friedlich durch den Sand gehen und dann hinter dem letzten Hügel verschwinden. "Das sind die Sowjets", sagte mir ein Ägypter, in dieser ungeheuren Weite merkwürdigerweise im Flüsterton. "Sie gehen immer in Zivil aus. Sie haben dort hinter dem Hügel ein sehr großes Lager. Man braucht eine Besuchsgenehmigung, selbst als Ägypter."
Die eindrucksvollste Basis ist die in Agami -- ein eingezäuntes, bewachtes Stück Wüste. Die beiden Warnradars liegen genau in Feldstecher-Sichtweite der Villen des Diplomatischen Corps" das hier den Sommer im Schatten der Tamarisken und Palmen verbringt.
Die Sam-3-Raketen sollen offenbar in erster Linie abschrecken und erst an zweiter Stelle potentielle Angreifer abwehren. Die Wirksamkeit dieser Raketen wurde noch nie im Einsatz erprobt. Es ist das erstemal, daß sie außerhalb der Sowjet-Union installiert wurden, das erstemal, daß man sie sieht, das erstemal, daß sie im Kampf eingesetzt würden.
Aber es wird nur dann zu einem bewaffneten Konflikt kommen, wenn die Israelis es wollen: Indem die UdSSR ihre modernsten und geheimsten Trägerwaffen zur Schau stellt, setzt sie mehr als ihre Macht aufs Spiel -- ihr Prestige. Gleichzeitig, ob sie es nun will oder nicht, beschützt sie Ägypten, und zwar anscheinend total, zumindest auf militärischem Gebiet.
Da diese kostbaren Waffen begreiflicherweise ausschließlich von Russen bedient werden dürfen, ergeben sich gewisse Verpflichtungen. So wird es zum Beispiel notwendig, um sie herum ein komplettes Verteidigungssystem zu errichten: mit klassischen Geschützen für die Nahverteidigung, Erfassungsradar, Sam-2-Raketen für die Verteidigung in mittleren und großen Höhen und vor allem mit sowjetischen Jagdflugzeugen und sowjetischen Piloten für den Luftschirm.
Die Sam-3-Raketen und die dazugehörigen Anlagen bilden heute in Ägypten so viele Enklaven, eindeutig "off limits", daß sie bereits die wichtigsten strategischen Punkte verteidigen. Und sie werden sich, der militärischen Logik aller Armeen der Welt folgend, auch weiterhin ausbreiten.
Gegenwärtig gibt es etwa 20 Basen, drei im Umkreis von Alexandria (Agami, Jagdklub, Abukir), neun in der Umgebung von Kairo (drei in Daschour, drei in der Nähe des Flughafens und drei neuere Anlagen auf den Mokattam-Höhen), drei um Assuan und drei in Inschas.
In der nächsten Etappe werden sicherlich Mansura, Bilbeis, Fajum und Damiette, also Niltal und Nildelta, mit Raketenbasen ausgerüstet werden. Um das ganze Land abzusichern, müssen 60 bis 70 Sam-3-Raketenbasen errichtet werden. Bei dem gegenwärtigen Tempo wird das zweifellos schnell geschehen sein.
Aber wird sich der über das "zivile" Ägypten ausgebreitete Schutzschild dann auch auf die Kanalzone ausdehnen? Das ist die entscheidende Frage. Als Dajan im vergangenen Monat unmißverständlich erklärte, daß er am ägyptischen Ufer eine rote Linie errichtet habe, über die hinaus die Sowjets keine Sam-3-Raketen installieren dürften, ohne Kampfhandlungen heraufzubeschwören, hat er zweifellos gerettet, was für die Israelis in einer katastrophal gewordenen strategischen Situation zu retten war. Es fragt sich, ob die UdSSR diese von Dajan verhängte "Koexistenz" im ägyptischen Luftraum akzeptiert.
Gegenwärtig gibt es in der Kanalzone keine sowjetische Raketenbasis. Aber man kann große Tarnoperationen und neue Erdaufschüttungen beobachten. Technisch wäre es durchaus möglich, Radaranlagen herbeizuschaffen und zu tarnen, Raketen auf Lastwagen zu transportieren und sie mobil einzusetzen, so daß behauptet werden könnte, es gäbe keine "Basen", jedenfalls keine offiziellen. Aber niemand außer den Russen weiß genau, ob die Sam 3 überhaupt von Lastwagen aus abgeschossen werden kann.
Solange die Radaranlagen mit der so typischen Ellipse nicht näher als 20 oder 30 Kilometer vom Suez-Kanal entfernt eingebaut werden -- die Sam 3 hat eine Reichweite von über 20 Kilometer -, bleibt die militärische Situation unter Kontrolle. Doch ein Schritt mehr bedeutet für jeden der drei Beteiligten den Krieg: Er kann von den Sowjets ausgelöst werden, wenn sie ihre Sam 3 im Sperrgebiet installieren; von den Ägyptern, wenn sie den Kanal überschreiten, oder von den Israelis, wenn diese versuchen, ihre Bombenangriffe gegen Zentral-Ägypten wiederaufzunehmen.
Das blockierte Israel muß jetzt wählen zwischen dem Zermürbungskrieg oder dem Krieg schlechthin, oder -- so glauben die Russen -- es muß sich der Uno-Resolution vom 22. November 1967 beugen, das heißt, aus den eroberten Gebieten abziehen.
"Wir wollen Israel nicht angreifen, wir wollen keinen Krieg", erklärte mir ein sowjetischer Diplomat. "Wir wollen ganz einfach unsere Verpflichtungen erfüllen und Ägypten beschützen, wie Nasser es von uns erbeten hat."
Freilich fügte er hinzu: "Dieser Schutz erstreckt sich logischerweise bis zum Kanal. Mit welchem Recht begrenzt Dajan unsere Operationen in einem Land, das nicht das seine ist? Gehört Ägypten ihm? Gehört Sinai ihm?"
Zum gegenwärtigen Zeitpunkt wird diese Logik von der UdSSR nicht militärisch verfolgt. Sie respektiert die rote Linie. Sie hält aber auch ihre Verpflichtungen ein und baut die Stellungen im Inneren des Landes von Woche zu Woche weiter aus.
Auf der Straße von Alexandria nach Kairo sieht man lange Reihen ganz neuer Jeeps" die noch in sowjetischem Grün gestrichen sind. Wer fährt sie? Sowjets? Wo sind sie? Was machen sie? Wie leben sie? Wieviel sind es?
Es sind gegenwärtig 7000 bis 8000 Mann, wenn man 200 Mann pro Basis rechnet und die 3000 bis 4000 bereits früher nach Ägypten geschickten Berater mitzählt. Diese Zahl mag sich in naher Zukunft auf 10 000 bis 15 000 erhöhen.
Im Augenblick sieht man die Russen kaum, Sie leben auf ihren Basen, im geschlossenen Kreis, mit einigen genau bestimmten Treffpunkten, "damit man weiß, wo man sie schnell erreichen kann, wenn man sie braucht", so ein Ägypter ohne jeden Unterton. Einer dieser Treffpunkte ist das Restaurant "Rannoun" in Heliopolis. Dorthin kommen sie in kleinen Gruppen von zwei oder drei Mann gegen acht Uhr abends, blonde, untersetzte Typen mit geöffnetem Hemdskragen und kurzgeschnittenem Haar -- so etwas fällt in Ägypten auf. An den Tischen knabbern Araber Gurken und Tomaten zum Bier.
Die Russen setzen sich linkisch auf die Stühle und bestellen. Meistens spricht einer von ihnen arabisch. Mitunter winken sie zwei brünetten Mädchen, die sich offenbar zur Verfügung halten, In diesem neonbeleuchteten Café mit arabischen Gesichtern und arabischen Gewohnheiten scheinen die Sowjets so fehl am Platz und so exponiert wie Fliegen in der Milch. Um sie herum Neugierde, aber wenig Sympathie.
"Da kann man nichts machen, Sie sind die einzigen, die uns helfen. Die Amerikaner haben uns im Stich gelassen und ziehen Israel vor", sagte mir ein Kaufmann "Die Sowjets? Wir sind ihnen dankbar", fügte er bekümmert hinzu. "Sie haben dafür gesorgt, daß unsere Städte nicht mehr bombardiert werden; sie verteidigen uns, sie helfen uns, diesen Krieg zu führen, aber, offen gesagt, wir lieben sie nicht. Man kann mit ihnen keine Geschäfte machen Sie geben nichts aus."
Das genau bestätigte, in diplomatischeren Worten, Nasser in seiner Rede vom 1. Mai: "Die sowjetischen Experten sind gekommen, um uns beim Bau des Assuan-Staudamms zu helfen. Dann haben sie das Land wieder verlassen. Jetzt sind die Militär-Experten hier ... ihnen sei Dank", sagte der Raïs.
"Der Beweis, daß wir nicht beeinflußt werden", so sagte man mir, "liegt darin, daß es keinen kommunistischen Beamten in der ägyptischen Verwaltung gibt und daß der wegen seines Linksdralls berüchtigte Lutfi El-Koli gegenwärtig im Gefängnis sitzt." Dieses Argument mag unhaltbar, zumindest merkwürdig scheinen. Aber eines ist gewiß: Ägypten atmet unter dem sowjetischen Schirm und gewinnt sein Selbstvertrauen zurück. Es ist dennoch weit davon entfernt, sowjetisiert zu werden.
Man könnte sogar behaupten, daß das Leben in Ägypten anscheinend nie friedlicher und angenehmer war. "Wir wollen", so sagte man mir, "die Bevölkerung auf einen langen Krieg vorbereiten, also die Gemüter nicht überhitzen, nicht zu viele Menschen mobilisieren, die ohnehin schon geneigt sind, sich zu erbittern oder den Mut zu verlieren."
Diese Demobilisierung ist vollkommen gelungen: Man schlürft bei Lapasse seinen Erdbeersaft, bei Groppi seinen Mokka. Das Leben geht lustig weiter, die Tänzerinnen schlängeln sich, die Schaufenster strotzen vor Waren, die Preise sind gefallen.
Nasser selbst -- so berichtete mir jemand, der ihn kürzlich gesehen hat -- ist absolut zufrieden. Dank der sowjetischen Entscheidung kann er jetzt zwischen dem klassischen Krieg, dem Zermürbungskrieg oder dem Frieden wählen. Er scheint sich -- trotz eines Teils der öffentlichen Meinung, die voll des neuen Selbstvertrauens Revanche wünscht -- entschieden zu haben, den Frieden anzubieten.
Diese Aktion wird auf mehreren Ebenen betrieben. Seit einigen Wochen gibt der Rais immer häufiger konziliante Erklärungen ab. Seine letzten Interviews und seine Rede vom 1. Mai bildeten die Summe "all dessen, was er konzedieren. kann, ohne sich selbst aufzugeben", erklärte mir ein hoher Beamter.
Das scheinen nicht nur tönende Redensarten zu sein: Welcher andere arabische Staatschef könnte noch von palästinensischen "Flüchtlingen" sprechen, ohne seinen Thron zu gefährden? Libyens Gaddafi beispielsweise mußte sich dafür vor gar nicht langer Zeit von der El-Fatah zur Ordnung rufen lassen.
Um sicher zu sein, daß er richtig verstanden wird, entsandte Nasser überdies Emissäre in die arabischen Hauptstädte. Die Verbündeten sollten seine Rede vom 1. Mai "korrekt" interpretieren, das heißt, sich nicht wie gewöhnlich genau in dem Augenblick kriegerisch gebärden, in dem er den USA die Hand entgegenstreckt.
Gleichzeitig ließ Nasser in Washington erklären, es sei jetzt an der Zeit, daß Amerika seine Vorschläge ernst nehme, weil es ihm nach 1970 -- unter verschärftem sowjetischen Druck, verstärkten palästinensischen Pressionen und einer arabischen Welt, die mit ihrem Erdöl nach Osten tendiert -- nicht mehr möglich sei, noch das gleiche Spiel zu spielen.
Von all diesen Argumenten scheint das erste entscheidend zu sein. Die sowjetische Präsenz in Ägypten wird, auch wenn sie wie gegenwärtig streng auf das militärische Gebiet beschränkt bleibt, dennoch auf lange Sicht als Gefahr empfunden.
In Kairo -- in privaten Kreisen -- wird die Ansicht vertreten, daß die Vereinigten Staaten unrecht daran tun, dem sowjetischen Vordringen im östlichen Mittelmeerraum freie Hand zu lassen. "Die einzigen, die begreifen, sind die Jugoslawen, die als erste geschluckt würden", erklärte mir ein ägyptischer Diplomat.
Nicht, daß Nasser eine völlige politische Umkehrung wünscht, aber er meint, die Amerikaner müßten überzeugt werden, auf das gegenwärtig erschütterte Israel Druck auszuüben, damit man schnell zu einer Regelung kommt.
Glaubt er also, daß die innenpolitische Lage Ägyptens reif ist für Verhandlungen, "ehrenhafte" natürlich? Anscheinend ja, schon, weil er heute aus einer Position der Stärke heraus verhandeln würde. Was er abzulehnen den Mut hatte, als er völlig am Boden lag, könnte er jetzt akzeptieren, wo man ihn nicht mehr dazu zwingen kann.
Auf alle Fälle bereitet Nasser die öffentliche Meinung darauf vor. In diesem Sinne wird in Kairo die letzte Regierungsumbildung interpretiert. Die Ernennung Mohammed Hassanein Heikais, des bisherigen Chefredakteurs der halbamtlichen Zeitung "Al-Ahram" und Nasser-Vertrauten, zum Informationsminister dürfte eine Liberalisierung der Presse einleiten.
Wahrscheinlich möchte die Mehrheit der Ägypter heute "diese Angelegenheit" schnell beenden. Die Hindernisse liegen woanders -- bei den Palästinensern, der Armee, den Sowjets und natürlich bei Israel.
Die Palästinenser, die ihre Positionen im Libanon gefährdet sehen, scheinen ihre Haltung schneller als erwartet zu verhärten. Noch stellen sie vielleicht kein entscheidendes Hindernis für jegliche Verhandlungen dar, aber das kann sich schnell ändern.
Die ägyptische Armee wird sich vielleicht damit zufriedengeben, ihr Prestige zu retten, das heißt, auf der anderen Seite des Suez-Kanals einen kleinen Brückenkopf zu gewinnen und ihn zwei oder drei Tage lang zu halten. Aber wird Israel begreifen, daß es nur darum geht, die Ehre der ägyptischen Armee wiederherzustellen?
Die Sowjets beunruhigen durch ihre verhärtete Haltung bei den Washingtoner Vierer-Gesprächen. Wollen sie ganz einfach so lange wie möglich bleiben, wo sie sind?
Mit größter Aufmerksamkeit verfolgt Ägypten die innere Entwicklung Israels, von der schließlich alles abhängt. "Wir haben die gleichen Probleme", sagte mir ein Ägypter. "Für sie ist der Rückzug, was für uns ihre Anerkennung ist. Daß wir unsere Voreingenommenheit und Unnachgiebigkeit nicht austauschen können. .
Das Spiel ist, wie man sieht, völlig offen. Nasser scheint gegenwärtig den Frieden zu wollen, aber er hat mit der militärischen Initiative das Lächeln eines Pokerspielers zurückgewonnen. Auch 1967 wollte er keinen Krieg.

DER SPIEGEL 25/1970
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