15.06.1970

ERDÖL / NORDSEESchatz im Schelf

Sie schleppten schweres Stahlgestänge durch die dampfenden Dschungel Indonesiens; Bulldozer walzten Rollbahnen in die tiefgefrorenen Tundren Nord-Alaskas. Doch jetzt wurden die Bohrtrupps amerikanischer Ölkonzerne fündig, wo sie den europäischen Absatzmarkt buchstäblich im Auge haben: inmitten der Nordsee.
300 Kilometer südwestlich der norwegischen Küste, so hatte Mitte Mai die amerikanische Phillips Petroleum Company berichtet, sei der Meißel der Bohrinsel "Ocean Viking" auf ein unterseeisches Ölfeld gestoßen. Am Dienstag vorletzter Woche enthüllte die Gesellschaft, welch dollarträchtiges Reservoir sie im norwegischen Kontinentalsockel angezapft hat: Allein im Bereich dieser fündig gewordenen Bohrinsel liegt ein Vorrat von 300 Millionen Tonnen Öl, das Dreifache der Rohölmenge, die Großbritannien jährlich importieren muß.
Experten vermuten jedoch, daß die Erdölvorkommen unter der Nordsee in Wahrheit noch viel größer sind. Daß Erdöl und Erdgas dort verborgen liegen, hatten Geologen schon vor Jahrzehnten angenommen, Aber erst seit 1964, als ein internationales Abkommen über Schürfrechte und Ölgewinnungs-Lizenzen für unterseeische Funde ratifiziert wurde, gingen dort schwimmende Bohrinseln fast aller großen Erdölgesellschaften der Welt vor Anker. Die Lizenzgebühren, so war vereinbart worden, sind jeweils an den Staat zu zahlen, vor dessen Küsten die Ölsucher fündig werden.
In den ersten sechs Jahren der Probebohrungen (tägliche Unterhaltskosten für eine Bohrinsel: 70 000 Mark) fanden die Prospektoren nur das -- weniger Gewinn bringende -- Erdgas. Nun aber wurde die wahrscheinlich gigantische unterseeische Ölblase erstmals angestochen -- gleich noch an einer zweiten Stelle: Kaum war die Phillips-Crew vor Norwegen fündig geworden, meldete eine internationale Gruppe von vier Ölgesellschaften gleichfalls Erfolg -- diesmal vor der Küste Hollands, 80 Kilometer nördlich der Watteninsel Vlieland. Schon die dort niedergebrachte Versuchsbohrung erbringt 2000 Barrels (318 000 Liter) Öl am Tag.
Die Wissenschaftler hatten auch die Methangasfunde, die während der letzten Jahre in der geologischen Formation des sogenannten Zechsteins gemacht wurden, als Indiz dafür gewertet, daß In einer noch tiefer liegenden Schicht Erdöl vorkommen müßte. Als mutmaßliche Lagerstätte kam die unter dem Zechsteinmantel lagernde Formation des sogenannten Rotliegenden in Betracht (die Bezeichnung wurde zusammengezogen aus dem Begriff "Rotes Totliegendes", das Bergleute einst für jene Erdschichten wählten, aus denen kein Erz mehr gewonnen werden konnte).
Das Rotliegende zieht sich als mächtige Erdschicht von Thüringen über Nordwestdeutschland und Holland zum Ärmelkanal und erstreckt sich von dort durch England bis in die Nordsee. Öle und Steinkohlegase, so lautete die Hypothese der Geologen, quellen -- aus kohlehaltigen Schichten in vielen tausend Metern Tiefe kommend -- unter den Rotliegenden-Bänken entlang und sammeln sich unter den Küstenschelfen Hollands, Englands und Norwegens.
Bislang hat das englische Energieministerium für ein insgesamt 21 000 Quadratkilometer großes Nordseegebiet Bohrkonzessionen vergeben. Zwei Dutzend Erdölfirmen hoffen auf den im Meer abgesteckten Bohrclaims fündig zu werden; und schon jetzt schätzen die Experten amerikanischer Konzerne in London, daß allein das neuergründete Revier der Phillips-Gruppe die derzeit verfügbaren europäischen Erdölreserven (275 Millionen Tonnen) auf das Doppelte anwachsen läßt.
Der europäische Erdölvorrat wäre dann fast halb so groß wie jene Öllager, die im vergangenen Jahr in den arktischen Gefilden von Alaska erschlossen worden sind. Schon von 1872 an sollen aus den Bohrungen, die in der Nordsee unter einer Wasserschicht von 80 bis 200 Metern bis In eine Tiefe zwischen 3000 und 4000 Metern niedergebracht wurden, die ersten Dollarmilliarden wieder herausgepumpt werden.
Spätestens bis zum Jahr 1980, 50 die Hochrechnungen der Energie-Marktforscher, wird allein der Bedarf Westeuropas an Flüssig-Brennstoff um 70 Prozent angestiegen sein.
Aber die satten Funde unter der Nordsee waren den Energie-Experten Grund zu Optimismus. "Wenn unsere Hoffnungen sich erfüllen", so ein Sprecher der belgischen Petrofina, "könnte Europa mit seiner Erdölversorgung autark werden."

DER SPIEGEL 25/1970
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