15.06.1970

TANSANIA / DDR-BEZIEHUNGENZurück zum Scheich

Die DDR arrangierte mit der einstigen Sklaven-Insel Sansibar einen politischen Menschenhandel. Handelsobjekt: ein "Menschenhändler".
So jedenfalls bezeichnete der DDR-Generalkonsul in Tansania, Dr. Erich Butzke, den Leiter des staatlichen Verkehrsbüros von Tansania in Frankfurt, Said Mzee, 34.
"Menschenhändler" Mzee hatte als Student in Ost-Berlin nach dem Mauerbau einer Kommilitonin zur Flucht in den Westen verholfen.
Deshalb nahmen ihn DDR-Grenzer am 16. März dieses Jahres in Marienborn fest, als Mzee in Ausübung seines Berufes zur internationalen Tourismus-Börse nach West-Berlin reisen wollte. Ein DDR-Gericht verurteilte ihn Anfang April zu zweieinhalb Jahren Haft.
Zwar wurde der vom Staranwalt Professor Kaul verteidigte Afrikaner schon im Mai begnadigt. Aber Mzees Frau Asma und die Tansania-Botschaft in Bonn warteten vergebens auf seine Rückkehr.
Der DDR-Konsul in Daressalam und Professor Kaul ließen erkennen, daß Mzee Schlimmeres widerfahren war als Haft in der DDR: Ost-Berlin hatte Said Mzee an sein Herkunftsland Sansibar ausgeliefert.
Auf dem Papier bildet die 40 Kilometer vor der ostafrikanischen Küste gelegene Insel zusammen mit dem festländischen Tanganjika die Vereinigte Republik von Tansania. In Wirklichkeit aber sind beide Landesteile weitgehend voneinander unabhängig.
Auf dem Festland regiert Julius Nyerere, der Präsident der Vereinigten Republik, nach rechtsstaatlichen Grundsätzen. Auf Sansibar aber führt Scheich Abeid Amani Karume, Tansanias Erster Vizepräsident, ein brutales Willkürregime.
Jüngstes Beispiel für Karumes unberechenbaren Herrschaftsstil: Im Mai verhaftete er elf asiatische Familienoberhäupter, weil sie ihm nicht ihre Töchter zur Frau geben wollten. Der 65jährige Ex-Seemann, der neuerdings ein Faible für hellhäutige Teenager entwickelt hat, sah darin Widerstand gegen seine "Politik der nationalen Einheit".
Als aber die Angehörigen der Eingekerkerten durch die Straßen zogen, auf Transparenten "Vergeben Sie uns" flehten und "Wir unterstützen den Revolutionsrat" gelobten, ließ Karume die Familienväter frei und ihre Töchter -- vorerst wenigstens -- in Ruhe.
Auf so viel Nachsicht können politische Gegner nicht hoffen. Der rote Scheich läßt sie ohne ordentliches Gerichtsverfahren einsperren oder gar hinrichten.
Karumes Ex-Minister Othman Shariff beispielsweise hatte sich, wie viele unzufriedene Sansibari, in Tanganjika niedergelassen. Dort war er nicht sicher, obwohl ihn der Präsident unter seinen Schutz genommen hatte: Als Nyerere einmal außer Landes weilte und Karume die Geschäfte führte, ließ der Scheich Shariff zurück nach Sansibar bringen und ins Gefängnis werfen.
Anfang Mai forderte nun Karume das befreundete Ausland auf, alle jugendlichen Sansibari zurückzuschicken, die nicht im Auftrage seiner Insel-Regierung in diese Staaten gegangen waren. Die an guten Beziehungen mit Sansibar interessierte DDR lieferte Said Mzee aus.
Mzee, der 1968 an der Universität Köln sein Studium der Völkerkunde abgeschlossen hatte, gehört einer Gruppe an, die Karume zu Staatsfeinden erklärt hat: der von den Komoren stammenden, nur wenige tausend Menschen starken Minderheit Sansibars. Sie hatte vor der Einführung des Einparteien-Staats die Opposition gegen Karumes Partei unterstützt.

DER SPIEGEL 25/1970
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