15.06.1970

GESELLSCHAFT / POPMUSIK„LASST UNS MAL RAN“

Mit dem Popmusik-Ouartett „The Who“ und 38 riesigen Verstärker-Boxen führte Pete Townshend, 25, Anfang dieses Jahres eine instrumentale Version seiner Rock-Oper „Tommy“ (SPIEGEL 34/1969) in mehreren europäischen Opernhäusern auf. „Die Zeit“ nannte „Tommy“ eines der wichtigsten Werke der zeitgenössischen Musik“.
SPIEGEL: Im Londoner Coliseum Opera House sagten Sie dem Publikum: "Oper ist ja ganz schön, aber wir sind besser. Jetzt laßt uns mal ran."
TOWNSHEND: Das sollte natürlich nicht heißen, daß wir Wagner und Verdi ablösen wollen. "Tommy" ist ja keine Oper im klassischen Sinne, die von Sängern in Perücken und Pluderhosen aufgeführt wird, sondern ein Song-Zyklus mit einem Handlungsablauf -- also eine Oper nur nach den Maßstäben des Rock'n'Roll.
SPIEGEL: Sie haben gesagt: "Jetzt übernehmen wir die Führung ..."
TOWNSHEND: ... beim jungen Publikum, das uns genauso intensiv und urteilsfähig zuhört wie die Alten ihren Baßbuffos und Tenören.
SPIEGEL: Bis vor kurzem wurde Rock in Kellern und Tanzhallen gespielt, jetzt gehen Sie in die Opernhäuser. Was hat sieh geändert: die Zuhörer oder die Musik?
TOWNSHEND: Natürlich kann man zum Rock auch tanzen; aber wir wollen, daß man uns zuhört. Das kann man im Theater besser als im Beatschuppen, und damit wird auch das Publikum verändert. Es paßt sich der Umgebung an und klebt schließlich den Kaugummi nicht mehr unter den Sitz.
SPIEGEL: Wie reagierte das Publikum in der Oper auf Ihre Musik?
TOWNSHEND: Älteren Leuten und auch manchen jungen ist sie zu laut. Aber wir spielen besser, wenn ein mächtiges Lautsprecher-Dröhnen uns vorwärtstreibt. Außerdem macht der Lärm aus Musikern und Zuhörern eine Einheit: Beide vibrieren auf die gleiche Art.
SPIEGEL: Demnach wird Rock anders rezipiert als herkömmliche Musik?
TOWNSHEND: Das Rock-Publikum ist viel stärker engagiert. Jeder Beatmusiker versucht, nicht nur sieh selber, sondern auch die Empfindungen seiner Zuhörer auszudrücken. Sein Spiel wird immer ein Spiegel des augenblicklichen Geschehens sein.
SPIEGEL: Sie verwenden dabei elektronische Klänge -- genauso wie die sogenannten E-Musiker.
TOWNSHEND: Es gibt gewisse Parallelen, aber unsere Musik hat eine viel größere gesellschaftliche Kraft. Junge Leute erwarten heute Musik, die von einem starken Rhythmus getragen wird.
SPIEGEL: Glauben Sie, daß andere Popgruppen Ihrem Beispiel folgen und mit Rock-Konzerten in die Opernhäuser gehen werden?
TOWNSHEND: Ganz ohne Frage. "Tommy" hat viele Rock-Komponisten angeregt. Zum Glück hatten wir Erfolg. sonst hätten wir einen ungeheuer anmaßenden Eindruck gemacht. Ein großer Teil der Musikindustrie widersetzt sich freilich jedem Fortschritt. Diese Leute fürchten, daß die Popmusik ihrer Kontrolle entgleitet, wenn sie mehr wird als bloße Unterhaltung.
SPIEGEL: Wie werden Ihrer Meinung nach Musikologen in 100 Jahren die Rock-Musik einschätzen?
TOWNSHEND: Ich bin nur an der Gegenwart interessiert.

DER SPIEGEL 25/1970
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