15.06.1970

GESCHICHTE / DEUTSCHE JUDENVierzig Adelsnamen

Der bezopfte Wachtposten am Rosenthaler Tor der königlich-preußischen Hauptstadt Berlin notierte an einem Oktobertag des Jahres 1743 in seinem Journal wie üblich die genaue Anzahl von Rindern und Schweinen, die in die Stadt getrieben worden waren. Gewissenhaft fügte er seinem Eintrag hinzu: "1 Jude".
Dieser Jude, ein 14jähriger blasser und verwachsener Junge aus Dessau, war Moses Mendelssohn (1729 bis 1786), der von Kant, Herder und Lessing geschätzte Popularphilosoph der Aufklärung und bedeutendste Vertreter der jüdischen Emanzipation. Unter den Nachkommen des nach Rindvieh und Schweinen rubrizierten Philosophen finden sich die Träger von mehr als 40 Adelsnamen -- so von Arnim, von Schwerin, von Winterfeld, von Bonin, von Raumer, von Richthofen -, Bankiers, Industrielle, hohe Beamte, Schriftsteller, Musiker, mehr als zehn Berufsoffiziere, ebenso viele Rittergutsbesitzer und 31 Universitätsprofessoren.
Die deutsch-jüdische Symbiose im 19. und ersten Drittel des 20. Jahrhunderts gehört seit Anfang der fünfziger Jahre zum bevorzugten Forschungsgebiet von Historikern und Soziologen. Insgesamt, so haben die Experten der Wiener Library in London festgestellt, seien von 1945 bis 1968 mindestens 7603 Bücher und Aufsätze über das deutsche Judentum erschienen.
Mit der Geschichte des deutschen Judentums beschäftigt sich auch die erste wissenschaftliche Konferenz des Leo-Baeck-Instituts. Auf dieser nächste Woche in Jerusalem stattfindenden Tagung werden 20 jüdische Gelehrte, die aus Deutschland stammen, Themen der modernen Judentumsforschung diskutieren. Hauptvortrag der Tagung, gehalten von dem Jerusalemer Philosophen und Pädagogikprofessor Ernst Simon: "Wie jüdisch war das deutsche Judentum?"
Das Leo-Baeck-Institut, 1955 gegründet und nach dem Berliner Rabbiner, Religionsphilosophen und Präsidenten der "Reichsvertretung der deutschen Juden" im Dritten Reich benannt, beschäftigt sich in seinen Niederlassungen in New York, London und Jerusalem mit der "wissenschaftlichen Forschung auf dem Gebiet der Geschichte der Juden in Deutschland
seit der Zeit der Aufklärung". In zahlreichen Publikationen versucht das Institut, die "deutsch-jüdische Symbiose" darzustellen.
Das Interesse am Thema nutzte nun auch der am Tegernsee lebende Bestseller-Autor Bernt Engelmann, 49 ("Meine Freunde -- die Millionäre", "Meine Freunde -- die Manager"), für sein neues Buch, das Ende Mai erschienen ist.
Bereits als 17jähriger hatte Engelmann damit begonnen, Material für dieses Buch zu sammeln. Erste Funde machte er (laut Verlagsprospekt) nach der Kristallnacht im November 1938 auf ·der Straße, wo er Bücher und Zeitschriften aufsammelte, die von den Rollkommandos der SA und SS aus den Fenstern jüdischer Wohnungen geworfen worden waren.
Engelmann glaubt, den "ganz konkreten ursächlichen Zusammenhang von Judenverfolgung und totaler deutscher Niederlage" entdeckt zu haben. Mit der Verfolgung der Juden habe der Untergang des Reiches begonnen.
Die nationalsozialistische These "Die Juden sind unser Unglück" habe sich, so meint der Erfolgsautor, als eine "auf sehr makabre Weise erfüllte Prophezeiung" erwiesen. Die Deutschen hätten gerade "jenen Teil ihrer Mitbürger verjagt und ermordet, der auf nahezu allen Gebieten den relativ bedeutendsten Beitrag zu dem geleistet hat, was man gemeinhin die Kultur eines Volkes nennt".
* Bernt Engelmann: "Deutschland ohne Juden. Eine Bilanz". Franz Schneekluth Verlag, München: 528 Selten; 28 Mark.
Die grundsätzliche Bereitschaft der Juden, auch der gläubigen Juden, sich dem Deutschtum zu integrieren, leitet Engelmann aus einem Bekenntnis des 1925 verstorbenen S.-Fischer-Lektors und Gerhart-Hauptmann-Entdeckers Heimann ab: "Es ist nichts Unnatürliches darin, seine Bahn mit zwei Mittelpunkten zu laufen: einige Kometen tun es, und die Planeten alle
Die Juden als Kometen und Wandelsterne deutscher Kultur, als produktives Ferment der bürgerlichen Gesellschaft in Deutschland dokumentiert Engelmann an zahlreichen Beispielen aus Kunst und Politik, aus Wissenschaft und Wirtschaft.
Allein unter den Nachkommen der Jente von Hameln, einer deutschen Jüdin des 17. Jahrhunderts, entdeckte Engelmann so bedeutende Namen wie: Heinrich Heine; Paul Heyse, Literatur-Nobelpreisträger von 1910; Carl Sternheim; Felix Mendelssohn-Bartholdy; Johann Gustav Droysen, borussischer Historiker und Alexander-der-Große-Biograph, und Adolf von Baeyer, Chemie-Nobelpreisträger von 1905.
Aus der alteingesessenen Fürther Familie der Henles, die im 19. Jahrhundert zum Christentum. übergetreten ist, stammen laut Engelmann: ein katholischer Bischof, ein bayrischer Kronjurist, "einer der bedeutendsten Anatomen der Neuzeit", Friedrich Gustav Jakob Henle, und der derzeit amtierende Chef des Klöckner-Konzerns, Günter Henle.
Neben den Familien Mendelssohn und Henle rechnet Engelmann die Familie Magnus zu den prominentesten jüdischen Familien in Deutschland. Sie war seit Jahrhunderten In Berlin ansässig. Ihr entstammten neben Bankiers, Politikern, Juristen, Diplomaten und Malern elf Universitätsprofessoren, darunter Gustav Magnus, der die grundlegende Entdeckung machte, daß alle Gewebe atmen, also Sauerstoff aufnehmen und Kohlensäure abgeben.
In der Familiengeschichte der Magnus entdeckte Engelmann auch den 1962 verstorbenen Rundfunkpionier Dr. Kurt Magnus, mit Hans Bredow Begründer und bis 1933 Leiter der Reichsrundfunkgesellschaft; und den Justizrat Julius Magnus, der die "Juristische Wochenschrift" bis 1933 leitete und als Kapazität auf dem Gebiet des internationalen Rechts wirkte.
"Fast gigantisch" ist, laut Engelmann, der Anteil deutscher Juden am kulturellen Leben der Weimarer Republik gewesen. Jüdische Schriftsteller und Dichter wie Kurt Tucholsky" Stefan Zweig, Carl Zuckmayer, Jakob Wassermann, Franz Werfel und Lion Feuchtwanger verhalfen der deutschsprachigen Literatur im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts zu Weltgeltung.
Freilich, die deutschen Juden haben nicht nur als Künstler, Wissenschaftler und Literaten zum internationalen Ansehen der deutschen Kultur beigetragen, sondern laut Engelmann auch als Politiker und Militärs die Selbstüberschätzung der Deutschen gefördert.
Ein Beispiel hierfür sieht Engelmann in Bismarcks Pressechef, Ludwig Hahn, der zwanzig Jahre lang das "Literarische Bureau" des preußischen Ministerpräsidenten und später des Reichskanzlers geleitet hat, Von ihm stammt eine "Geschichte des preußischen Vaterlandes", die es bis 1893 auf 23 Auflagen und als kurzer Leitfaden sogar auf 48 Auflagen gebracht hat. Ebenso schrieb Hahn eine vom Kanzler selbst autorisierte vierbändige Bismarck-Biographie.
Selbst den antisemitischen "Alldeutschen Verband" auf der äußersten Rechten hat, so Engelmann, ein "Volljude" mitbegründet: der Mediziner Professor Otto Lubarsch. Ein jüdischer Kollege, der Sauerbruch-Intimus Professor Rudolf Nissen, nannte ihn einen "jüdischen Antisemiten" und einen der "Initiatoren der Harzburger Front" von 1931 zwischen Hugenberg und Hitler.
Die Biographien bedeutender deutschnationaler Juden in der Weimarer Republik prüfte Autor Engelmann besonders aufmerksam.
Er ermittelte: Ein jüdisches Hauptvorstandsmitglied der Deutschnationalen, Konsul Salomon Marx, rief als Vorsitzender des "Berliner Bürgerrates" Anfang 1919 zum Kampf gegen die Spartakisten auf und finanzierte Propaganda-Aktionen, darunter ein Plakat, das zum Mord an Liebknecht aufhetzte.
Der Mörder des jüdischen Pazifisten und bayrischen Ministerpräsidenten Kurt Elsner, der rechtsradikale Exleutnant und Student Anton Graf von Arco auf Valley, war, laut Engelmann, "ein Enkel des zum Protestantismus übergetretenen Kölner jüdischen Bankiers Salomon Freiherrn von Oppenheim".
Auch über rechte Prominenz unter den sogenannten jüdischen Mischlingen (nach den Nürnberger Gesetzen von 1935) gibt Engelmann sehr ausführlich Auskunft. So zählten zu ihnen:
* der preußische Kavalleriegeneral und türkische Marschall Otto Liman von Sanders, im Ersten Weltkrieg als siegreicher Verteidiger der Dardanellen gegen die Westmächte der "Löwe von Gallipoli", er war Sohn eines jüdischen Gutsbesitzers;
* Generalleutnant Johannes von Hahn, ein Neffe des Bismarck-Pressechefs, im Ersten Weltkrieg Divisionskommandeur, dann Kommandant der Festung Posen und nach dem Krieg bei den Deutschnationalen;
* Theodor Duesterberg, Enkel des jüdischen Gemeindevorstehers von Paderborn, im Ersten Weltkrieg Generalstabsoffizier, nach dem Krieg "Zweiter Bundesführer" des "Stahlhelm", des deutschnationalen Frontkämpferverbandes, und 1932 im ersten Wahlgang Reichspräsidentenkandidat;
* Franz von Stephani, 1918 letzter Kommandeur des I. Bataillons im 1. Garderegiment zu Fuß, Freikorps-Führer, seit 1933 als "Ehrenarier" Bundeshauptmann des gleichgeschalteten Stahlhelm, SA-Obergruppenführer und Mitglied des Reichstags;
* Erhard Milch, Sohn eines von ihm verleugneten jüdischen Marine-Oberstabsapothekers, im Ersten Weltkrieg zusammen mit Göring Fliegerhauptmann, im Zweiten Weltkrieg General-Inspekteur der Luftwaffe und Generalfeldmarschall.
Für die These seines Buches, daß die Deutschen die intelligenteste Gruppe des eigenen Volkes verfolgt hätten, führt Engelmann als Kronzeugen Winston Churchill an, der 1940 erklärt hat: "Seit die Deutschen die Juden aus Deutschland vertrieben haben und dabei ihr eigenes technologisches Niveau gesenkt haben, sind wir ihnen wissenschaftlich voraus."

DER SPIEGEL 25/1970
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