15.06.1970

VERLAGE / SUHRKAMPOral ausgemacht

Die "FAZ" nannte es ein "harmonisches Bulletin", und der Verfasser des Bulletins kommentierte dessen Inhalt wie ein Vater: "Ein Kind", sprach Suhrkamp-Verlagschef Siegfried Unseld milde, "ist groß geworden und verläßt das Elternhaus, na und?"
Unselds "Kind" ist Hans Magnus Enzensbergers "Kursbuch". Die viermal jährlich erscheinende Zeitschrift wird -- so Unselds Bulletin vom vergangenen Montag -- in Zukunft nicht mehr bei Suhrkamp, sondern "ab Heft 21 in einem eigenen Verlag erscheinen": In den fünf Jahren seit ihrer Gründung sei "die durchschnittliche Erstauflage (von 5000) auf 20 000 Exemplare" gestiegen und somit nun "die ökonomische Basis für die Selbständigkeit der Zeitschrift gegeben".
Enzensberger, der sich beim "Kursbuch"-Start 1965 einen Auflagenanstieg bis 10 000 erhofft hatte" bestätigt die heutige Rentabilität seiner Revue, die gelegentlich durch Nachdrucke sogar auf 50 000 Stück kam: "Das ist eine Sache, die sich selbst trägt."
Und auch Enzensberger kommentiert die Trennung vom Suhrkamp-Verlag in familiären Wendungen: "Alle Diskussionen über Scheidungen sind unproduktiv. Es ist eine Tatsache, daß dieser Schritt, so komisch es klingt, in vollem Einvernehmen erfolgt ist."
Ein bißchen komisch mag das allerdings tatsächlich klingen: Seit mehreren Monaten schon hatte sich unter Literaten ein Ondit vom wachsenden Unbehagen des Verlegers Unseld über den "Kursbuch"-Kurs gehalten -- den vom Herausgeber Enzensberger und seinem Redakteur, dem Suhrkamp-Lektor Karl Markus Michel, gesteuerten Kurs des "unangefochten einzigen theoretischen Organs der marxistisch orientierten literarischen Linken in der Bundesrepublik" (Kritiker Karl Heinz Bohrer).
Das bislang letzte "Kursbuch", die im März erschienene Nummer 20 "Über ästhetische Fragen", enthielt auch Indizien für eine Spannung zwischen der Zeitschrift und ihrem Verleger. Und solche Spannung war auch schon von vornherein in der Konstitution des anspruchsvollen Unternehmens angelegt gewesen.
Enzensberger hatte sich bei der Gründung volle redaktionelle Unabhängigkeit gesichert. Unseld, der das "Kursbuch" als "meine Idee" beansprucht, besaß kein Einspruchsrecht -- außer für den Fall, daß im "Kursbuch" über die Suhrkamp-Klassiker Brecht, Hesse oder Frisch geschrieben würde. "In den ganzen fünf Jahren", sagt Unseld heute, "habe ich nur ein einziges Mal von meinem mit Enzensberger oral ausgemachten Einspruchsrecht Gebrauch gemacht."
Vielleicht hätte er es gern öfter getan. Jedenfalls begann er schon vor längerer Zeit mit Enzensberger die Möglichkeit einer Ausgliederung des "Kursbuch" aus dem Suhrkamp-Verlag zu erörtern, Auf die Übereignung der Zeitschrift an einen von Enzensberger und Unseld gemeinschaftlich zu etablierenden eigenen "Kursbuch"-Verlag mochte sich Enzensberger aber nicht einlassen -- bei dieser Lösung hätte Unseld stärkeren Einfluß auf die Zeitschrift gewonnen.
Unselds Unbehagen, ein Objekt zu verlegen, auf dessen Inhalt er kaum Einfluß nehmen konnte, verstärkte sich entscheidend, als 1968 das "Kursbuch 15" erschien: Hauptthema dieses Heftes war eine von mehreren Autoren, darunter dem inzwischen ausgeschiedenen Suhrkamp-Cheflektor Walter Boehlich, vorgetragene kulturrevolutionäre Totsagung der Literatur.
Unseld empfand es als "zunehmend schizophren", in seinem Haus "eine Zeitschrift zu verlegen, die die im selben Haus verlegte Literatur für tot erklärt". Das "Kursbuch", so klagt er, "verhält sich antiliterarisch". Und daß er das auch durchaus praktisch meint, erhellt aus seiner anderen Beschwerde: "Da kommen nun manche meiner Autoren mit Manuskripten, die man gut im "Kursbuch" bringen könnte -- aber gewisse Autoren tauchen dort niemals auf."
Dafür tauchte der Suhrkamp-Autor Peter Handke gleich in mehreren Beiträgen des "Kursbuch 20" auf -- als Negativ- und Angriffsobjekt linker Kulturkritik. Unseld konnte sich und seinem jungen Erfolgsavantgardisten nur mit einer Eigenanzeige im selben "Kursbuch" helfen: Unter der Schlagzeile "Suhrkamp wirbt für Peter Handke" stellte er Handke-Auflagenziffern und Kritikerzitate zusammen und inserierte: "An Peter Handkes Position kommt offensichtlich niemand vorbei. Auch nicht ein "Kursbuch"-Heft mit dem Thema "Über ästhetische Fragen","
Dieses Heft 20, so erklärt Unseld, sei ihm nun als "die Grenze des Zumutbaren" erschienen -- keineswegs aber etwa das im selben Heft angekündigte Thema des kommenden "Kursbuch 21": "Der Kapitalismus der BRD".
Die Ankündigung hat den Verleger freilich überrascht: Im Suhrkamp-Frühjahrskatalog war noch, gemäß der Redaktionsplanung, für "Kursbuch 21" das Thema "Kritik der Wissenschaft" annonciert worden, Über die Themenänderung wurde Unseld von der Redaktion nicht vorab informiert. Dieses "Informationsversäumnis" des Redakteurs Michel habe ihn in seiner Absicht zur Trennung vom "Kursbuch" bestärkt, betont Unseld -- nicht etwa, wie jetzt hier und da geredet werde, Bedenken wegen des Themas, nicht etwa Rücksichtnahme auf die Schweizer Suhrkamp-Teilhaber, die Industriellenfamilie Reinhart, die im übrigen den "aufklärerischen" Kurs des Verlages toleriere.
Michel: "Na ja, es gibt für jedes Motiv Rationalisierungen."
Am vorletzten Freitag formulierten Unseld, Enzensberger und Michel, flankiert von den Suhrkamp-Säulen Martin Walser und Uwe Johnson, in Frankfurt jenes "harmonische Bulletin". Enzensberger (weiterhin Autor bei Suhrkamp) und Michel (weiterhin auch Suhrkamp-Lektor) werden das "Kursbuch" in einem eigenständigen Verlag fortführen, der eine "neue Struktur, ohne Besitzer" erhalten und Fremdkapital nur von solchen Geldgebern aufnehmen soll, "die der Zeitschrift politisch nahestehen" (Enzensberger).
Heft 21 wird im September erscheinen und unter anderem, so Michel, einen Beitrag über das "kapitalistischimperialistische Dreiecksverhältnis Bundesrepublik -- Portugal -- Südafrika" enthalten sowie auch "einen Bonbon aus der Entstehungsgeschichte des Dritten Reiches".
Ex-"Kursbuch" -Verleger Unseld: "Ich werde mit Interesse beobachten, ob sich das vom Suhrkamp-Verlag befreite "Kursbuch' wirklich wesentlich verändert. Jedenfalls ist mir ein Ehren-Abonnement zugesagt."

DER SPIEGEL 25/1970
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