15.06.1970

KUNSTStadt des Glücks

Die Kunst der Gegenwart steckt in historischem Gemäuer, die Stadt der Zukunft wird auf dem Lande propagiert: im Renaissance-Schloß der südfranzösischen Gemeinde Gordes.
Dort eröffnete am vorletzten Wochenende der Op-Art-Vorkämpfer und Städtebau-Utopist Victor Vasarely, 62, ein "Didaktisches Museum" seiner Werke. Auf der Freitreppe des alten Adelssitzes dankte der Künstler, ein Mann mit sozialistischen Neigungen, der herbeigereisten Frau Pompidou beglückt für ihren Besuch: Nie seit den Tagen Ludwigs XIV., so Vasarely, sei bisher zeitgenössische Kunst durch Frankreichs oberste Familie gewürdigt worden.
Die Ehre galt einer hervorragenden, wenngleich schillernden Figur der aktuellen Kunst. Vasarely, der konstruktive und farbtheoretische Tendenzen der Malerei zwar kaum begründet, doch neu organisiert und durch eigene Erfindungen fortentwickelt hat, ist so zu eindrucksvollen, geistreichen Flächenstrukturen gelangt und anerkannter Primus der Op Art geworden. Er produziert mit System und wissenschaftlichem Anspruch, anhand mathematischer Tabellen -- doch nicht ohne jeden Entwurf "in meinem Herzen" zu überprüfen. Er träumt von einer "Demokratisierung des Kunstobjekts" und läßt seine Gemälde zu Millionärs-Preisen (größere Formate um 90 000 Mark) verkaufen.
"Es kommt eben darauf an", erklärt der Großverdiener, "wozu ich das Geld verwende." Er will es nutzen, um seine Umwelt gründlich zu verschönern und, als Entsprechung seiner bunten Bilder, eine "bunte Stadt" vorzubereiten. Zu diesem Zweck steckte Vasarely erst einmal Geld in das Schloß von Gordes, das ihm die Gemeinde gegen einen Mietzins von einem Franc pro Jahr für 33 Jahre abgetreten hat. Er ließ das verwohnte Gebäude restaurieren und brachte hinter Butzenscheiben, unter Balkendecken und neben Renaissance-Kaminen als Stiftung eine exzellente Vasarely-Sammlung unter. Mit rund 800 Gemälden, Teppichen, Metallobjekten sowie kleinformatigen Entwürfen, die der Besucher per Knopfdruck durch Schaukästen passieren lassen kann, belegt der neue Schloßherr den Gang seiner "Untersuchungen" (Vasarely) durch 40 Jahre.
Dieses Lehr-Museum ist aber nur als erste Baustufe einer "Soziokulturellen Stiftung" gedacht, die Vasarely aus schwarzweißen Sechseck-Häusern an
Bei der Eröffnung seines Museums in Gordes.
einem Waldrand nahe Gordes errichten möchte. Dort sollen dann Maler, Architekten, Soziologen und Psychologen die bunte Stadt der Zukunft diskutieren.
Daß dieses Gespräch gerade in der felsigen Provence-Landschaft um Gardes stattfinden soll, ist Vasarelys private, romantisch motivierte Entscheidung. Er Ist nun einmal "verliebt in das Licht" dieser Gegend, das er 1948 bei einem Ferienaufenthalt entdeckte.
In diesem Licht entschloß sich der gebürtige Ungar und Absolvent einer Budapester "Bauhaus"-Variante, der schon seit 1930 in Frankreich lebte und einige Zeit als Werbegraphiker gearbeitet hatte, endgültig zur geometrisch-abstrakten Malerei. Und wie er bei anderen Gelegenheiten Kieselsteinformen oder die Sprünge auf den Kacheln einer Pariser Metro-Station in Kunst umsetzte, so ließ er sich diesmal durch eine doppelte "Offenbarung von Gordes" anregen:
Eine kantige Bergform gab dem Touristen den Gedanken ein, Würfel in unperspektivischer, das Auge verwirrender Konstruktion auf die Malfläche zu bringen; die Fensteröffnung einer Wand, von innen hell, von außen dunkel anzusehen, verhalf ihm zu Vexierspielen mit positiv und negativ deutbaren Formen.
Optische Tricks von solcher Art sind seither Vasarelys Hauptthema: Seine Bilder und Drucke, die er, ähnlich wie Mosaik-Entwürfe, aus kleinen, exakten Einzelteilen kombiniert, erscheinen je nach Betrachtungsweise bald vorgewölbt, bald vertieft oder In permanenter Vibration -- eine von Vasarely so genannte "Kinetik", die nicht durch wirkliche Bewegung, sondern durch mehrdeutige Perspektiven und den Kontrast systematisch abgestufter Farbnuancen zustande kommt.
Als ein neuartiges Grundelement für seine Domino-Bilder hat Vasarely "plastische Einheiten" erfunden: zweifarbige Standardteile aus -- beispielsweise -- Quadrat und Kreis oder Quadrat und Rhombus. Das sind schmucke Puzzle-Stückchen" die sich, weniger inspiriert gehandhabt als vom Meister selbst, leicht auch zu gefälligen Tapeten- und Krawattenmustern gruppieren würden. Vasarely aber traut ihnen wahrhaft Großes zu:
Die bleibenden menschlichen Eroberungen, so hat es sich der Künstler zurechtgelegt" seien "die Flächengeometrie, das Dezimalsystem, die Alphabete sowie die Tonleiter"; und diesen "Quellen der Ordnung und Schönheit" gedenkt er selbstbewußt nun noch die "Methode der Form-Farb-Einheit hinzuzufügen".
Der Anspruch freilich, dank einer solchen Kunst-Methode auf gleicher Höhe mit der zeitgenössischen Wissenschaft zu bleiben und (als ob Euklid und das Dezimalsystem die Forschung des 20. Jahrhunderts repräsentierten) "plastisch auszudrücken, was Mathematiker und Physiker in Gleichungen sagen" -- dieser Anspruch Vasarelys ist schwer ernst zu nehmen. Hingegen eignen sich die "unités plastiques" durchaus für die gewünschte "kodifizierte Kunst": als Futter für Computer, die denn all jene Bildkombinationen durchspielen könnten, aus denen Vasarely vorerst nur ein paar der prägnantesten realisiert. Doch Ist das eine schöne Aussicht?
Verwendbar wären Vasarelys Kunst-Moleküle gewiß auch zu dem Zweck, den Ihr Erfinder Ihnen vor allem zugedacht hat: als buchstäblich plastische Einheiten und Bau-Steine. Aus solchen polychromen Klötzen, an deren Entwicklung derzeit BASF-Ingenieure in Ludwigshafen arbeiten, will Vasarely die "bunte Stadt", die "Stadt des Glücks" errichten und all die blassen "Champignon-Städte" der Gegenwart übertreffen.
Durch diese volkshygienische Utopie ("Die plastische Schönheit der Stadt ist für die Gesundheit so unentbehrlich wie der Sauerstoff, die Vitamine oder die Liebe") tritt Vasarely in Konkurrenz mit einem zweiten in Frankreich eingebürgerten Ungarn, dem Künstler-Ingenieur Nicolas Schöffer, 57, dem er jovial seine "Huldigung" entbietet. Doch neben Schöffers technisch raffinierten, detailliert ausgedachten Science-fiction-Visionen einer "kybernetischen Stadt" (SPIEGEL 7/1970) nimmt sich die Spekulation des Op-Manns eher wie ein naiver Kindertraum aus.
Ein nebelhafter dazu; denn näheren Angaben zur "bunten Stadt" weicht Vasarely mit dem Hinweis aus, er sei nicht kompetent -- erst die in Gordes geplanten Experten-Konsilien müßten den Plan präzisieren. Aber zum Bau des Forschungszentrums sind, sagt der Bauherr, noch "mindestens sechs Jahre" nötig.
Derweil lebt Vasarely behaglich in den Gehäusen der Vergangenheit. In Annet-sur-Marne, östlich Paris, bewohnt er eine geräumige Empire-Villa, und an seinem Sommersitz Gordes hat er sich in einer Gruppe der landesüblichen "Bories" eingerichtet -- Steinhütten von prähistorischer Bauweise.

DER SPIEGEL 25/1970
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