15.06.1970

MEDIZIN / SPASTIKERChancen vertan

Ihr Schicksal erschüttert wenige, denn sie leiden nicht attraktiv genug. Ihr Handikap gilt nicht, wie etwa das der Contergan-Kinder, als ein Unglück, an dem die Nation Anteil nimmt.
Außer den betroffenen Eltern erregen sich allenfalls Wissenschaftler: Die Lage der spastisch gelähmten Kinder -- sie sind durch einen vor, während oder kurz nach der Geburt entstandenen Hirnschaden bewegungsgestört -- ist in der Bundesrepublik, wie der Ulmer Professor Helmut Kornhuber formulierte, "katastrophal, verfassungswidrig und wirtschaftlich unsinnig".
Sie ist katastrophal, weil den Kindern schon seit Jahren wirksam geholfen werden könnte -- wenn nur genug Geld verfügbar wäre. Sie ist verfassungswidrig, weil Ihnen -- beispielsweise -- das Grundrecht auf chancengleiche Bildung vorenthalten wird.
Und sie ist ökonomisch geradezu töricht: Nicht für die Früherkennung von Krankheiten stehen Mittel zur Verfügung, sondern erst für Invalide, dann aber, nach dem Bundessozialhilfegesetz, ein Leben lang.
Dabei könnten durch rechtzeitiges Erkennen der Bewegungsstörungen
bei denen die Motorik einzelner Muskeln, aber auch die gesamte Muskulatur betroffen sein kann -- bei einem Großteil der Fälle Dauerschäden vermieden werden. "Wir wollen", so umriß Professor Kurt Nitsch, Chef der hannoverschen Kinder-Klinik Cecilienstift und Vorsitzender des wissenschaftlichen Beirats der "Stiftung für das behinderte Kind", das neue Ziel, "keine Spastiker behandeln, wir wollen verhindern, daß sie welche werden."
Nitsch gründete deshalb vor zweieinhalb Jahren das erste bundesdeutsche Behandlungszentrum, in dem spastische Auffälligkeiten möglichst früh erkannt und behandelt werden sollen. (In der Schweiz gab es zum selben Zeitpunkt bereits 24 solcher Zentren.)
In zwei Räumen einer ehemaligen Mütter-Schule, deren Umbau Nitsch mit Spendengeldern finanzierte, arbeitet seitdem der hannoversche Kinderarzt Dr. Wolfgang Babst nach der sogenannten Bobath-Methode: einer speziellen Krankengymnastik, die der englische Mediziner Karel Bobath schon vor mehr als 15 Jahren entwickelt hat, die aber bis zur Einrichtung des hannoverschen Zentrums in der Bundesrepublik noch nahezu unbekannt war,
Bobaths Methode "dient der spontanen Auslösung normaler Bewegungsabläufe" bei Klein- und Kleinstkindern, bei denen die entsprechenden Steuerzentren im Gehirn gestört sind. Der Spezialgymnastik liegt die Erkenntnis zugrunde, daß gesunde Hirnzentren die Aufgaben durch Geburtsschäden funktionsunfähig gewordener Hirnpartien übernehmen können. Babst: "Unsere Behandlung besteht darin, daß wir normale Bewegungen langsam einschleifen." Über dies wird bei den allwöchentlichen Behandlungsstunden auch der Mutter vermittelt, wie sie ihr Kind täglich eine Stunde trainieren soll.
Sinnvoll und aussichtsreich jedoch kann die Therapie nur sein, wenn die Lähmung frühzeitig erkannt wird. Deshalb plädieren die Mediziner dafür, besonders gefährdet erscheinende Kinder -- Frühgeburten zum Beispiel oder Kinder mit einem Geburtsgewicht unter 2000 Gramm -- schon im vierten Lebensmonat gründlich zu untersuchen. Und selbst wenn Reflexe und Reaktionen bei dieser ersten Kontrolle normal scheinen, wiederholt Babst bei solchen Kindern die Untersuchung alle drei Monate bis zum Alter von knapp zwei Jahren. Erfolg dieses Testprogramms: Leichte und mittelschwere Fälle konnten fast völlig geheilt, schwere wenigstens gemildert werden.
Nach der Bobath-Methode behandelte Spastiker haben zudem reelle Chancen einer normalen geistigen Entwicklung. So ergaben Untersuchungen in der Schweiz, daß rund die Hälfte der behandelten Kinder normale Schulen besucht, nur je ein Viertel mußte in Sonderschulen überwiesen werden oder blieb weitgehend bildungsunfähig.
Solche Erfolge strebte auch der Hannoveraner Babst an, der in den ersten fünf Monaten dieses Jahres 230 Kinder behandelte. Nun aber ist er, wie es scheint, im Begriff zu resignieren. Vorigen Monat schrieb er Kinderärzten in seinem Einzugsgebiet zwischen Harz und Lüneburger Heide, sie möchten ihm keine Kinder mehr überweisen. Er und seine beiden Therapeutinnen könnten "den Ansturm nicht mehr bewältigen". Die Anmeldungen nähmen ständig zu, und "nur durch eine personelle Erweiterung" sei unzumutbaren Wartezeiten zu begegnen. Um den Eltern keine falschen Hoffnungen zu machen, bat er, "die Anmeldungen zu stoppen".
Schuld an der Misere ist -- nach Meinung von Professor Nitsch -- allenfalls die anonyme "Gesetzesmaschinerie", Von den Krankenkassen ist es schon ein Entgegenkommen, daß sie, ohne dazu verpflichtet zu sein, für zwei Drittel der Behandlungskosten aufkommen. "Die Kassen", so Nitsch, "sparen, wenn sie einen Krüppel verhindern, kein Geld, das spart die Sozialhilfe." Auch Niedersachsens Sozialministerium weiß sich nicht zuständig. Nitsch: "Am Rande der Legalität hat Sozialminister Partzsch ein bißchen zweckentfremdete Etatmittel zur Verfügung gestellt."
Das Defizit bleibt -- und so ist Nitsch, dessen karitatives Krankenhaus "immer am Rande des Konkurses steht, permanent auf der Suche nach potenten Spendern: "Wir betteln uns durch."
In anderen bundesdeutschen Städten sieht es nicht anders aus. Zwar gibt es Ansätze an vielen größeren Kliniken -- meist durch die private Initiative einzelner Ärzte. Doch fast stets scheitern die Bemühungen, mehr für die Kinder zu tun, an Geldmangel.
So erklärt beispielsweise Professor Hans Henning Matthiaß, der an der Universitätsklinik in Münster ebenfalls ein Spastiker-Zentrum eingerichtet hat: "Die Organisation der Frühdiagnostik ist bei uns weitgehend dem Zufall überlassen." Und im Münchner Kinderzentrum Lebenshilfe", das der Universitätsklinik angeschlossen ist, stehen 2000 Kinder, die auf einen Platz warten, einer Kapazität von nur 150 Betten gegenüber. Auch die Münchner "leben vom Betteln", so Dr. Hartmut Schirm, Mitarbeiter des Zentrums.
"Jedes Kind hat die Chance, geboren zu werden", resümierte der Münchner Mediziner die Situation der geschädigten Kinder. "Aber wie es weitergeht, das kümmert den Staat nicht mehr."

DER SPIEGEL 25/1970
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