15.06.1970

Wolfgang Koeppen über Hans Axel Holm: „Bericht aus einer Stadt in der DDR“MECKLENBURGER PROTOKOLLE

Wolfgang Koeppen, 63, geboren im pommerschen Greifswald, Büchner-Preisträger von 1962, schrieb die Romane „Tauben im Gras“. „Das Treibhaus“ und „Der Tod in Rom“ sowie die Reisebücher „Nach Rußland und anderswohin“, „Amerikafahrt“ und „Reisen nach Frankreich“. Der heute in München lebende Autor arbeitet an einem neuen Roman: „Ein Maskenball“.
Der Autor ist Schwede, 1933 geboren; es war ein böses Jahr. Er studierte Naturwissenschaft und Seelenkunde, veröffentlichte Gedichte; er ist ein unterwiesener, ein empfindsamer Mensch. Als Redakteur bei "Dagens Nyheter" empfängt er Tag für Tag die schrecklichsten Nachrichten. Am Abend beobachtet er in der Moralischen Anstalt, dem Königlichen Schauspielhaus, den alten und neuen Jammer der menschlichen Tragödie in den beleuchteten Kulissen.
So ausgebildet, ehrgeizig, neugierig, einen Stoff witternd, nicht teilnahmslos, begab sich Hans Axel Holm, der Psychologe, der Dichter und Journalist, für sieben Wochen in eine Terra incognita, in das andere, das zugeschlossene Deutschland, die Deutsche Demokratische Republik. Er reiste nach Neustadt-Glewe.
Neustadt-Glewe gibt es. Ich habe es auf der Landkarte gefunden, eine kleine Stadt in Mecklenburg mit 6700 Einwohnern, zwischen Ludwigslust und Parchim. Was hat es da je anderes gegeben als den erbarmungslosen Lebensweg, wie ihn Fritz Reuter in "Kein Hüsung" vor einer uninteressierten Menschheit anklagte. Der einzige Ausblick war die Hoffnung auf ein Entkommen aus mecklenburgischen Zuständen in die freie Welt, nach Amerika, 1857. Drei Generationen nach Reuter blieb Barlachs "Echten Sedemunds" allein noch das Irrenhaus als Zuflucht vor dem Unbehagen Im freistaatlichen Mecklenburg von 1920.
Auch in Mecklenburg war Revolution gewesen, 1918. Aber das Ist ein zu großartiger Begriff. Es war ein etwas voreiliger, ein vor sich selbst erschrockener Zusammenbruch, ein unterernährter Aufstand, der sich nicht traute, bis er in Berlin und Weimar erstickt wurde. Doch wer in jenen Tagen rebelliert hatte, war amtsbekannt geworden, blieb Im Gedächtnis der Leute, die zu bestimmen hatten in Mecklenburg, wo jeder jeden kennt
Hilfe wurde den Mächtigen. Das Freikorps Roßbach kam, die Schwarze Reichwehr kam, die Feme war da. Das lungerte auf den Rittergütern, wurde ausgehalten von den Herren der Latifundien als Streikbrecher- und Prätorianergarde, als Niederschläger. als Bewahrer von alter Zucht und Sitte und war des Beifalls der Gutgesinnten sicher, die Hüsung hatten; doch wer als Tagelöhner aus der Instkate geworfen werden konnte, der kuschte wieder.
Es gab Richter in Mecklenburg. Sie waren im richtigen Corps gewesen und wollten in der Gesellschaft bleiben. Sie ließen dem armen Knecht Jakubowski den Kopf abschlagen, 1928. Das alles vollendete sich in Hitler, der ein Popanz war, aber doch eine Figur aus dem Anfang der neuen Zelt, ein Sozialist, der sich traute, ein Volksmann, der enteignete. Er enteignete zwar nur Juden. Aber das Eigentum war im alten Mecklenburg ewiglich und unteilbar gewesen, gottgegeben und Gott wohlgefällig, selbst In jüdischer Hand, und jetzt erwies es sich als wegnehmbar. Die Leute machten eine Erfahrung. Sie lernten. Das Jahr 1945 war schon Im Jahr 1933 gezeugt.
Hans Axel Holm stand in Neustadt-Glewe auf historischem Boden. Er hat geschürft: mecklenburgische und gesamtdeutsche Geschichte und Geschichten. Er hat gefunden: mecklenburgische und gemeindeutsche Träume. Auf die Traumdeutung hat Holm verzichtet. "Was ich für gut oder unsinnig erachte, ist hier unmaßgeblich." Die deutschen Lebensläufe sprachen für sich. Viele wären auch in Neustadt in Holstein zu erfahren gewesen.
Holm quartierte sich ein, im demokratischen Neustadt, er freundete sich an, ging unter die Menschen, lebte, aß und trank mit ihnen; er brauchte sie nicht auf die Couch des Psychiaters zu legen, sie scheinen ihn erwartet und für einen Beichtvater genommen zu haben, sie sprachen sich aus, redeten bereitwillig und offen mit dem schwedischen Gast. Eine Lehrerin sagte: "Meine Räubergeschichte." Es sind aber wahre Geschichten. Nicht nur nach Valéry sind wahre Geschichten traurig. Diese zeigen die schreckliche Dramatik der deutschen Biographie: wahr, aber nicht unbekannt und letztlich als moralische Geschichte nicht überzeugend. Holm war in Neustadt-Glewe ein großes Ohr.
Die Berichte wurden nach Halms Notizen geschrieben, die Berichterstatter mit ihren Namen vorgestellt. Das ist, beabsichtigt oder nicht, ein Kompliment für die DDR als Rechtsstaat. Ein ähnlich offener Bericht aus dem Dritten Reich hätte für die Informanten entsetzliche Folgen gehabt. Seine Veröffentlichung wäre gewissenlos gewesen. Ich halte Holm für einen Mann, der weiß, was er tut und tun kann. (Der deutsche Verlag ist da etwas mißtrauischer und vorsichtiger gewesen und hat einige ganz wenige Namen doch geändert.)
Vieles ist wie überall. Es gibt Zufriedene und Unzufriedene und Leute dazwischen, die relativ zufrieden oder unzufrieden sind. Sie leben in einem sozialistischen Staat, sie haben sich eingerichtet. Den Armen geht es besser, sie fühlen sich gesicherter, dazugehörender, sie haben Hüsung. Die kleinen Besitzenden finden ihr Auskommen. Die Studierten umwirbt man. Die großen Besitzer haben das Land verlassen. Die Güter sind aufgeteilt, die Fabriken volkseigen.
Was machen die Kommunisten, die alten Kämpfer der Internationale? Sie waren verfolgt, geschunden, gefangen; die überlebten, wohnen und sterben in ihrem Staat. Ist es ihr Staat? Keine blendenden Karrieren. Einer Ist Bürgermeister geworden. Die Mühe ist groß, der Lohn gering. Die anderen empfangen Rente für Leiden und Haft. Sehr kleine Renten. Diese alten Kommunisten sind neue Lesebuchdeutsche, bescheiden, pflichtergeben, nun staatserhaltend und versöhnt selbst mit dem Nachbarn, der von der Gestapo kam. Verbreitete Zufriedenheit im Schrebergartenverein, im Brieftaubenverband, bei der Kaninchenzucht. Ein junger Segelflieger sagt von der Bundesrepublik: "Dort drüben werden die Segelflieger sicher nicht so gefördert wie hier" Die Söhne studieren, die Töchter sind gleichberechtigt. Es wurden echte, schreckliche Privilegien gebrochen. Sie lernen, sie drängen zur Hochschule. Diplomingenieur zu werden ist kein Traum.
Doch ein junger Straßenarbeiter schwärmt von der SS, von Härte, Krieg, Ausrottung der Schlechtrassigen, er meint, die Russen fürchteten die Deutschen, er sieht ein wiedervereinigtes, mächtiges Deutschland national-bolschewistischer Ordnung. Er ist nicht allein. Ein ehemaliger Waffen-SS-Führer denkt gern zurück an den Krieg, die besetzten Länder. Nun ist er Büroangestellter. Er sagt: "Es sind Männer wie Brecht, Mann, Becher, Ulbricht und Brandt, die man einsperren sollte." Er hat sich eine Mythologie gebaut: Unsichtbare "tausendjährige Fürsten" sind "die stummen Meister des Marionettenspiels".
Deutschnationales schwelt im Untergrund. Antisemitisches bricht hervor. Schrecklich, wie 1945 die KZ-Gefangenen ins friedliche Neustadt-Glewe kamen. Die Frau des Arztes sagt: "Wenn sie wenigstens um Essen gebeten hätten, hätte ich sie noch verstanden." Und sie sagt: "Da kam eine Jüdin zur Tür herein. Es war eine typische Jüdin mit einer grollen Nase." Neustadt-Glewe? Neustadt in Holstein?
Ein unpolitischer Pfiffikus ging in den Westen, arbeitete, verdiente, kaufte Baustoffe, brachte sie als Umzugsgut in die DDR, baute an, stellte den westdeutschen Fernseher auf, die Antenne nach Lübeck gerichtet. Entfremdung zwischen zwei Schwestern; die eine ist nach Düsseldorf gezogen, kommt auf Besuch, gibt an, spielt die reiche Verwandte; die daheimgebliebene, keine Sozialistin, nennt die Deutschen in der DDR die besseren Deutschen. Eine Lehrerin, Kommunistin, wurde 1945 vergewaltigt, sie lehrt den Sozialismus, sie glaubt.
Holm schuf Dokumente. Er besuchte die Stadt und horchte sie aus. Was hört man nun, wenn man liest, was er wiedergibt, was sieht man, was schmeckt man und riecht? Wenig. Es ist Material gesammelt, es wird Rohstoff vorgelegt. Diese Roh-Literatur nach der Art der "Bottroper Protokolle" von Erika Runge: ist sie Literatur? Das schafft Einblicke, so ist das Leben, oder so sieht sich einer, so wünscht er sich, so träumt er sich. Das ist interessant, oft überraschend, aber es ist nicht durch einen kritischen und schöpfenden Verstand gegangen. Zola schweifte durch Paris, horchte, äugte, notierte Schauplätze, Menschen, Reden, doch dann schuf er am Schreibtisch die Welt neu. Sein Naturalismus war kein Abklatsch. Seine Romane waren keine wahren Geschichten; sie hatten ihre Wahrheit; sie waren Kunst.
Von Wolfgang Koeppen

DER SPIEGEL 25/1970
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