15.06.1970

THEATER / BUCKWITZFremde Hand

Harry Buckwitz bleibt. Er bleibt Intendant des Zürcher Schauspielhauses. Der Verwaltungsrat hat ihm sein Vertrauen ausgesprochen, die Hausautoren Dürrenmatt und Hochhuth haben ihn verteidigt, auch Max Frisch hat sich von ihm nicht distanziert.
Warum auch? Schließlich ist Buckwitz, 66, einer der verdienstvollsten und couragiertesten Theatermänner der Nachkriegszeit. Dieser Brecht-Freund hat, als Chef der Münchner Kammerspiele und der Frankfurter Bühnen, mehr als zwei Jahrzehnte lang Spielpläne präsentiert, deren gesellschaftskritische Tendenz den Konservativen nie so recht behagen konnte. Er galt als Antifaschist. "Meine politische Position", sagt Buckwitz, "ist so. wie sie schon vor 30 Jahren war: Ich war immer sehr linksliberal."
Da ist aber Hans Habe ganz anderer Meinung. Vor 30 Jahren, schrieb er unlängst in der "Welt am Sonntag", habe sich Buckwitz als Nazi hervorgetan. Habes Beweisstück: eine 61-Seiten-Broschüre mit dem Titel "Vertrieben aus deutschem Land in Afrika", herausgegeben vom Reichskolonialbund, verfaßt von Harry Buckwitz.
Und was dieses Heft darbietet, ist tatsächlich schlimm genug. Von "jüdisch-schmieriger Art" ist die Rede, von "herrlicher Volksgemeinschaft", von der "Reinhaltung der Bewegung". "Wir legen", steht da geschrieben, "unsere ganze Seele in die Hand unseres Führers." Da steht: "Ich bin ein Deutscher und deshalb Nationalsozialist."
Der Schauspieler und Regisseur Buckwitz war 33, als er 1937 aus der Reichstheaterkammer ausgeschlossen wurde -- "nicht deshalb, weil die wußten, daß ich Halbjude war, das wußten die gar nicht", sondern weil er "mit jugendlichem Impetus" gegen eine allzu völkische Peer-Gynt-Bearbeitung protestiert hatte.
Er wurde -- "ganz per Zufall" -- Hotelier in Ostafrika und bei Kriegsbeginn von den Briten interniert. Nach einem halben Jahr hinter Stacheldraht in Daressalam durfte er nach Deutschland zurückkehren: Buckwitz, an der Amöbenruhr erkrankt, sah im Repatriierungsangebot der Engländer eine "bessere Chance zu überleben".
In einem Lager bei Berchtesgaden schrieb er im Auftrag des Reichskolonialbundes für ein Honorar von 1000 Mark seinen "Tatsachenbericht eines Heimkehrers" nieder. Buckwitz: "Als ich die Broschüre bekam, war ich höllisch konsterniert darüber, was mit dem Manuskript passiert war. Ich bin noch einmal hingegangen und habe gefragt: Wie können Sie die Dinge derartig entstellen?"
Immerhin, zurückgezogen hat er das Druck-Werk nicht: "Ich wußte genau, daß das für mich unvorstellbare Folgen gehabt hätte. Dieser Heldenmut, der von manchen Leuten heute verlangt wird, ist in mir nicht vorhanden."
Buckwitz, der während des Krieges Hotelier ausgerechnet in Lódz (damals Litzmannstadt) war und sich noch 1944 freiwillig zum Kriegsdienst meldete, hat sich 1945 bestätigen lassen, daß die faschistischen Passagen von fremder Hand in sein Manuskript hineingeflickt worden waren. Der einstige amerikanische Theater-Kontrolloffizier in München, Gerard Willem van Loon, heute Theaterkritiker in New York, erinnert sich: "Das Buckwitz-Manuskript war von Nazi-Händen ausgebessert worden, dafür hatten wir Beweise."
"Wir haben Buckwitz", sagt van Loon, "ich weiß nicht wie viele Male vorgeladen, gegrillt. Schließlich bekam ich vom CIC Anweisung: Sie können ihm die Lizenz geben. Die Dokumente liegen vermutlich noch bei der Armee."
Dennoch: Trotz fremder Einfügungen bleibt Buckwitz belastet durch eine Stilkunst, die er selbst als "etwas dithyrambisch" bezeichnet.
Von "lautloser Weihe" hat er geschrieben; vom "Widerglanz aus den Augen selig Beschenkter"; von einem "gewaltigen Gesang", der erschallt, wenn die "mächtigen Gestalten der deutschen Pflanzer" ins Lager kommen und die "Minute erfüllt ist von heiliger Begeisterung"; von Heimkehrern, die, "mit einem stolzen, rauschenden Gefühl in der Brust", zum "jauchzenden Sprung hinab auf die alte Erde" ansetzen.
Bei solchen Phrasen seines Frühwerks, das er "seit 30 Jahren nicht in der Hand gehabt" hat, wird auch Buckwitz heute von großem Schrecken gepackt. Doch er gibt zu bedenken: "Wenn man viele Jahre diesen Stil gelesen hatte und selbst kein Schreiber war, da wurde man einfach infiziert."
Wie auch immer: Buckwitz bleibt in Zürich. Zwar fand Eduard Zellweger, Präsident des Verwaltungsrats der Zürcher "Neuen Schauspiel AG", die von Hans Habe aufgedeckte Geschichte sei "nicht schön"; doch schließlich habe Buckwitz in den letzten 25 Jahren "eine politische Gesinnung manifestiert, die wohl der Springer-Presse und ihren Lakaien mißfallen mag, nicht aber Gegenstand des Anstoßes bei schweizerischen Demokraten sein kann".
Wer nicht bleibt, ist Claus Bremer. 45, der erst kürzlich von Buckwitz zum Zürcher Chefdramaturgen bestellt wurde. Bremer, "dem Geist des Antifaschismus, dem dieses Haus einst gewidmet war", verpflichtet, veröffentlichte eine Erklärung, in der er sich von seinem Dienstherrn distanzierte, "weil Buckwitz seine einstmalige Hitler verherrlichende Haltung nicht zugibt, sondern sie zu verharmlosen oder abzuleugnen sucht".
Das Dramaturgen-Kommuniqué laut Bremer erst veröffentlicht, nachdem er Buckwitz "mehrfach davon zu überzeugen versucht" hat, daß er "sich öffentlich unmißverständlich von seiner Vergangenheit distanzieren muß", traf seinen Intendanten, laut Buckwitz, "hinterrücks". Er war "schockiert". In Übereinstimmung mit dem Verwaltungsrat der Zürcher "Neuen Schauspiel AG" wurde Bremer wegen "schwerster Verletzung der Treuepflicht" fristlos entlassen.
Mittlerweile hat auch der "Bayernkurier" "allerlei Buckwitziges" zur Zürcher Affäre beigesteuert:
"Nun hat Buckwitz wirklich nichts verbrochen, was man ihm nach 30 Jahren noch vorwerfen müßte. Daß er damals, ein Rückkehrer aus dem Ausland und rassisch belastet, In jener Broschüre bekannt hat, er sei ein Deutscher "und deshalb Nationalsozialist", dürfte ihm zuallerletzt einer vorhalten, der, wie Herr Habe-Bekessy, den Krieg im sicheren Ausland verbracht und erst als amerikanischer Umerziehungs-Offizier wieder deutschen Boden betreten hat."
Allerdings, mit einem Freispruch von dieser Seite ist dem Intendanten Buckwitz nun auch wieder nicht gedient.

DER SPIEGEL 25/1970
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