15.06.1970

FERNSEHEN / STÄDTE IM OSTENKant bis Kalinin

In Königsberg philosophierte Immanuel Kant, In Breslau dichtete Joseph von Eichendorff, in Stettin wurde der preußische Generalfeldmarschall von Wrangel geboren, aus Danzig kommt Günter Graß. Es waren deutsche Städte -- jetzt heißen sie Kaliningrad, Wroclaw, Sczecin und Gdansk.
In den Säulenhallen der Königsberger Universität büffeln nun russische Kommilitonen die Werke Lenins; vor Danziger Patrizierhäusern und Breslauer Stuckfassaden fahren polnische Mütter ihre Kinderwagen aus: Der WDR zeigt es in einem vierteiligen Report.
Die Städte-Porträts, die von den TV-Journalisten Jost von Morr und Jochen Bauer zwei Jahre lang überwiegend aus historischen Stichen, alten Privataufnahmen, filmischem Archivmaterial und aktuellen Ansichten zusammengesetzt worden sind, bieten freilich auch Bilder mit ungewohnten Perspektiven dar.
In ihrem ersten Film, am Freitag dieser Woche (ARD, 19. Juni, 20.15 Uhr), zeigen die Autoren minuziös den Untergang des deutschen Königsberg im Jahre 1945 aus sowjetischer Sicht.
Bel Recherchen zu der bereits im Mai gesendeten Dokumentation "Berlin Stunde Null" (SPIEGEL 19/1970) hatten Reporter der Berliner Filmproduktion "Chronos" in den Washingtoner "National Archives" russisches Armeematerial aus dem Zweiten Weltkrieg entdeckt, das von US-Truppen in Nordkorea erbeutet worden war,
Das Beutegut wird nun erstmals vorgeführt. Es sind gespenstische Szenen vom Todeskampf des Dritten Reiches, von der letzten Schlacht um Königsberg. Da heulen die Stalinorgeln, da radeln ausgemergelte Hitlerjungen mit Panzerfäusten unterm Arm gegen den Feind, da verrecken Landser in rauchenden Ruinen, und die Zivilisten gehen noch einmal auf ihren großen Treck.
Sie erinnern sich noch gut: an die Vertreibung, die Massaker, die Plünderungen und an ihr friedliches Leben davor. Als "historische Berater" haben Heimatkundler aus den bundesdeutschen Landsmannschaften dem WDR-Team bei seiner Chronik assistiert.
Trotzdem ist diese Inventur von jeglicher Vertriebenen-Propaganda frei. Denn Bauer und von Morr machen mit Ausschnitten aus NS-Wochenschauen, mit Gauleiter-Parolen und Goebbels-Tiraden durchaus klar, daß deutsche Großmannssucht zum Verlust Ostpreußens, Pommerns und Schlesiens geführt hat. "Am tragischen Schicksal der Ostprovinzen", so der Kommentar, "ist der Unsinn des Nationalismus schuld."

DER SPIEGEL 25/1970
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DER SPIEGEL 25/1970
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