15.06.1970

SEX OHNE SINN

Ein Rascheln störte den Bonner Korrespondenten Roland Muller, als er im NDR-Studio seinen Bericht über die Konjunkturdebatte in das Mikrophon sprach. Müller sah hin und ertappte Bundesminister Genscher mit Lustlektüre. Der Minister des Inneren las die "St. Pauli Nachrichten" ("Seid nett aufeinander"). Befragt, warum er ausgerechnet dieses Blatt lese, erläuterte Genscher das Amtliche seines Tuns. Er bekomme die "St. Pauli Nachrichten" immer von Leuten geschickt, die das Blatt indiziert haben wollen. Zwar sei dies nicht seine Sache. Aber, so sprach er, "ich kann ja mal vorprüfen".
Der liberale Minister prüft und prüft, während seine strengen Beamten längst entschieden haben, daß die Zeitung, die der Minister in seinen Händen zu halten glaubt, überhaupt keine Zeitung ist. Und das kam so.
Die Bundesprüfstelle für das, was man jugendgefährdende Schriften nennt, hatte wiederholt die ursprünglich vierzehntäglich erscheinenden "St. Pauli Nachrichten" indiziert, das heißt für den öffentlichen Verkauf verboten. Die Bundesprüfer hatten dieses Verbot erlassen, weil in den Artikeln des Blattes "verschiedene sexuelle Vorgänge in übersteigerter anreißenscher Form ohne Sinnzusammenhang mit anderen Lebensbereichen" -- der ist nötig! -- geschildert werden.
Einer Tageszeitung dagegen darf nach dem Gesetz die Bundesprüfstelle selbst dann nichts tun, wenn sie Sex ohne den verordneten Sinn schildert. Also verwandelte Verleger Rosenberg seine "St. Pauli Nachrichten, in eine Tageszeitung und heuerte Redakteure und Kolumnisten an, die den Sex mit Imker Politik anreicherten. Selbst das Bundesinnenministerium gab in einem ersten Gutachten durchaus zu, daß die "St. Pauli Nachrichten" jetzt "unverkennbar den Charakter einer Tageszeitung" besitzen.
Plötzlich, am 14. Mai -- die CDU hatte inzwischen die Sex-Zeitungen zum Wahlkampfthema gemacht -, beschloß das Innenministerium, daß die "SPN" doch keine Tageszeitung sei. Grund: Die "Art der Nachrichtenvermittlung" lasse "eine systematische Übermittlung jüngsten Gegenwartgeschehens ebenso vermissen wie die systematische Übermittlung universellen Zeitgeschehens
Da sitzen sie nun, die Redakteure von "Bild" bis zur "FAZ" und wissen nicht, daß ihnen das Verbot ins Haus steht, wenn auch sie einmal Sex ohne den angeordneten Sinnzusammenhang drucken. Denn Tageszeitungen sind diese Blätter nach der Definition des Innenministeriums nicht, bietet doch selbst die um vielerlei Nachrichten bemühte "FAZ" keine "systematische Übermittlung universellen Zeitgeschehens".
Aber schlimmer noch. Auch ein Zeitungswissenschaftler änderte seine Lehrmeinung und bietet so den Bundesprüfern eine bessere Möglichkeit zum Verbieten. Professor Dr. Kurt Koszyk vertrat noch 1969 in seinem "Wörterbuch der Publizistik" die Auffassung, ein Hauptkriterium für die Unterscheidung der Tageszeitung von anderen Druckerzeugnissen sei "potentielle Universalität" -- eine Zeitung muß also nach Möglichkeit über alles berichten können. Jetzt, von der Bundesprüfstelle als Gutachter angerufen, fordert er wie das Innenministerium "Universalität des Inhalts" -- eine Zeitung muß tatsächlich über alles berichten -- und kommt so bequem zu dem Ergebnis: "Die St. Pauli Nachrichten sind keine Tageszeitung."
Der Professor, der von anderen die menschenunmögliche Universalität verlangt, besitzt selbst nicht einmal die einfache Fähigkeit des Lesens. In einer -- wie er behauptet -- "vollständigen Aufzählung" der Titelseiten mit politischer Aufmachung -- es sind ihm zuwenig -- fehlen zahlreiche politische Schlagzeilen, etwa der konstruktive Vorschlag: "Entmündigt Ahlers!"
Dazu kommt, daß die "St. Pauli Nachrichten" trotz der von dem Professor getadelten "zu selektiven" Darbietung politischen Geschehens weit mehr Politisches berichten als das noch nie indizierte Sex-und-Crime-Blatt "Bild". Den Tag von Kassel begingen die "SPN" mit der Schlagzeile "Morddrohung gegen Stoph" -- "Bild" dagegen mit einer Schlagzeile über eine nackte Offiziersfrau ("Die ganze Nato singt im Chor: Weitermachen, Frau Major").
Heute, am Montag, wird die Bundesprüfstelle -- für die "Bild" stets eine ungerügte Tageszeitung war -- über die Zukunft der "St. Pauli Nachrichten" entscheiden.
Von Otto Köhler

DER SPIEGEL 25/1970
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