15.06.1970

AUTOMOBILE / TRIUMPH STAGHerr für Herren

Noch vor wenigen Jahren galt als ausgemacht, daß der Besitz eines englischen Sportwagens ein robustes Skelett, stählerne Nerven und einen rüttelfesten Magen voraussetze. Wer ihn fuhr, ertrug gleichmütig Bocksprünge der Federung, Ölspritzer und eisigen Luftzug. Süller Lohn war das Image eines harten Mannes, der ein hartes Auto zu bändigen verstand.
"Britische Auffassung von der sportlichen Härte teilen wir am wenigsten in bezug auf die Federung", schrieb das Stuttgarter Fachblatt "Auto, Motor und Sport" 1958 über den englischen Zweisitzer-Sportwagen Triumph TH 3." Unser Testwagen rappelte wie ein alter Eigenbau", berichteten die Stuttgarter 1963 über den Triumph Spitfire (1,2 Liter).
Von ganz anderer Art ist "Stag". Unter diesem Namen (zu deutsch: Hirsch) präsentierte die "British Leyland Motor Corporation", zu der auch Triumph gehört, vor kurzem ihren neuesten Triumph-Sportwagen, Das 4,42 Meter lange Gefährt entpuppte sich wider alle Briten-Tradition als Komfort-Sportwagen vom Schlage eines Mercedes-Benz 280 SL, mithin nicht als Wagen für harte, sondern eher feine Herren.
"Außergewöhnlich luxuriös und komfortabel" nannte die "Times" den Neuling aus dem Ursprungsland des Sportwagens und kennzeichnete seine Gangart so: "Er fährt sich zwar eher wie ein Sportwagen als eine Limousine, aber man hat das Gefühl, in einer Limousine anstatt in einem Sportwagen zu sitzen." So fein und vornehm wirkte der Hirsch auf die deutsche Fachzeitschrift "Mot Auto-Kritik", daß sie ihn respektvoll "Herr Hirsch" titulierte. Der Wagen soll von Oktober an auch für Deutsche greifbar sein und rund 20 000 Mark kosten.
Der mit zwei zusätzlichen Notsitzen versehene Zweisitzer hat ein hochmodernes Fahrwerk mit Einzelradfederung und hydraulischer Lenkhilfe, aber auch ein raffiniert konstruiertes Frischluft-Heizsystem, Heizdrähte in der Heckscheibe und Sitze, die sich in jeder Richtung verstellen lassen. Und wie die Sportwagen von Mercedes-Benz und Porsche wird auch der Hirsch von Triumph mit elektrischen Fensterhebern und, auf Wunsch, mit Getriebeautomatik geliefert.
Die Triumph-Ingenieure rüsteten Englands jüngsten Sportwagen sogar mit einer ungewöhnlichen Apparatur aus: Bei einem Aufprall oder einem Überschlag sperrt sie automatisch den Benzindurchfluß zwischen Tank und Vergaser, um Brandgefahr zu mindern. Andererseits hielten die Techniker an einer Tradition fest: Ihr heuriger Hirsch ist kein über Gebühr schneller Hirsch. Noch bis Mitte der sechziger Jahre hatten sich die Triumph-Sportwagen mehr durch drohendes Auspuffgeräusch als durch hohe Spitzengeschwindigkeiten ausgezeichnet. Erst der 1969 vorgestellte Sechszylinder-Typ TR 6 (2,5 Liter; 143 PS) ließ Triumph-Fahrer erstmals zur 190km/h-Marke vorstoßen.
Auf mehr bringt es auch der Hirsch nicht, obwohl Triumph für ihn einen Achtzylinder-V-Motor (Hubraum: drei Liter) entwickelte -- in der britischen Automobilindustrie der erste Motor dieser Bauart in Großserie. Um sanften Motorlauf und hohe Lebensdauer zu gewährleisten, entlockten die Triumph-Konstrukteure ihm jedoch nur eine eher zivile Leistung von 145 PS.
Seine Käufer hofft Triumph indes weniger mit geballter Motorenkraft, sondern eher mit einer von dem Turmer Maßschneider Michelotti entworfenen Vierjahreszelten-Karosse zu überzeugen: Das Blechkleid des Wagens läßt sich mit wenigen Handgriffen je nach Wetter In ein Hardtop-Modell mit Metalldach, Kabriolett mit Stoffverdeck oder Spider abwandeln. Der fest eingebaute Sturzbügel ist deutschen Vorbildern nachempfunden, nämlich dem Porsche-Sicherheitskabriolett Targa und dem neuen Mittelmotor-Sportwagen VW-Porsche, die als erste und bisher einzige offene Wagen mit Sturzbügel geliefert wurden.
Mit ihren recht preisgünstigen Sportwagen TR 5 und TR 6 sowie den Spitfire-Roadstern vermochten sich die Triumph-Werke auf dem deutschen Markt bisher freilich nur in einer kleinen Nische anzusiedeln. 1968 kauften die Deutschen 1300, im vergangenen Jahr 1500 und bis Mai dieses Jahres immerhin 868 Triumph-Sportwagen. Insgesamt aber kurven erst 7600 Sportwagen dieser Marke auf deutschen Straßen -- weniger als eine Tagesproduktion des VW-Werkes.

DER SPIEGEL 25/1970
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 25/1970
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

AUTOMOBILE / TRIUMPH STAG:
Herr für Herren