15.06.1970

CUBA SI, PIGGIES NO

Für Christoph Kolumbus war es "das schönste Land, das Menschenaugen je gesehen". Und auch der weitgereiste Schriftsteller Hans Magnus Enzensberger, 40, sagt: "Wer einmal in Kuba war, der will da auch wieder hin."
Enzensberger ist schon zweimal dagewesen. Anfang 1968 nahm er am internationalen Kulturkongreß in Havana teil, und damals staunte er: "Wo sonst fänden Intellektuelle, die auf der Suche nach der Revolution sind, eine Revolution, die auf der Suche nach Intellektuellen ist?"
Als Gesuchter fuhr er im Herbst 1968 erneut zum Eiland des menschlichen Sozialismus. Doch die geplante Zusammenarbeit mit dem kubanischen Erziehungsministerium kam nicht zustande, Enzensberger ging für einige Zeit ins Zuckerrohr und schlug im Schnitt pro Tag 1,24 Tonnen süßer Stengel; Fidel haut bis zu neun Tonnen.
Als intimer Kenner kubanischer Verhältnisse kehrte Enzensberger im Frühjahr letzten Jahres heim. In der Oktober-Nummer seines "Kursbuches" druckte er dann eine Probe aus dem Buch, das er über Kuba schrieb; es war eine vernichtende Analyse der kubanischen KP.
Das marxistische Denken, schrieb er, sei "in Kuba auf den Hund gekommen"; er stieß auf "Ignoranz", auf "penetranten Idealismus"; die "Theoriefeindschaft der Partei und ihrer Führung" grenze an "blinden Haß"; der kubanischen KP fehle "die ideologische Legitimation".
Die Kapuzinerpredigt verstörte alle, die In einer ideologiefeindlichen permanenten Revolution just Kubas Chance und Gloria sahen. War dies die Vendetta des verschmähten Liebhabers? Aber nein. Es war der Warnruf eines besorgten Genossen.
Um "Beifall von der falschen Seite" auszuweichen, hat sich Enzensberger nun entschlossen, kein Buch über Kuba zu publizieren. Dafür importiert, ediert und bearbeitet er gern Literatur aus Kuba; letzte Woche, bei den Ruhrfestspielen Recklinghausen, brachte er Kubanisches auch auf die Bühne.
Die Dokumentar-Darbietung "Das Verhör von Habana", Enzensbergers dramatischer Erstling, will sein, was der Untertitel sagt: "Ein Selbstbildnis der Konterrevolution". Die Verhörten sind exilkubanische Söldner, die im Dienst der CIA im April 1961 die gescheiterte Schweinebucht-Invasion unternommen hatten.
In einer formlosen Prozedur waren damals, noch während der Kampfhandlungen, 41 gefangene Söldner durch ein Panel von Journalisten und Juristen befragt worden. Das Verhör, im Gewerkschaftshaus zu Havana, dauerte vier Nächte und hatte eine totale Öffentlichkeit: Es wurde vom Fernsehen live übertragen.
Diese Ermittlung hält Enzensberger für einen "heuristischen Glücksfall"; die "herrschende Klasse", die sonst die "Struktur ihres Verhaltens" nicht preisgebe, werde hier, als "geschlagene Konterrevolution", zum Sprechen gezwungen und damit das "kollektive Unbewußte der Gruppe sondiert".
Aus den Tonbandprotokollen hat Enzensberger zehn Verhöre abgeschrieben und "interpretierend übersetzt": Verhöre mit dem Sohn eines Batista-Politikers" mit einem Großgrundbesitzer, einem Militärpfarrer" aber auch mit kleinen Leuten und uniformierten Mördern.
Ziemlich klägliche Figuren treten auf und laufen leicht in die dialektischen Fallen der Befrager. Der Prozeß ist dennoch von Pikanterie: Die Invasoren proklamieren fast das gleiche bürgerliche Reformprogramm, mit dem einst Fidel angetreten war; und ihr geistiges Habit entspricht dem der kubanischen KP.
Denn Ignoranz und verschwiemelten Idealismus sondiert Enzensberger auch bei den Konterrevolutionären, dazu Theoriefeindlichkeit; freilich auch die Stigmata der Kapitalistenklasse. Enzensberger: "Ihre Heimat ist der Mehrwert."
Was dem einen Kuba, ist dem andern Hekuba: Was kann die karibische Konterrevolution dem deutschen Theatergänger bedeuten? An der Amsterdamer Prinsengracht, im Keller eines befreundeten Psychiaters, entwarf Enzensberger eine "sozialpsychologische Versuchsanordnung", die den Zuschauer zwinge, "Verbindung herzustellen zu der gesellschaftlichen Realität, in der er lebt".
Die Versuchsanordnung: Nach jedem Invasoren-Interview soll ein soziologisch kongruentes "Double" aus der Bundesrepublik vernommen und auf reaktionäre Ähnlichkeit geprüft werden; Verhaltensforscher testen so ihre Graugänse und Ratten.
Die Ebenbilder waren schwer zu haben. Fräulein Barzel etwa, Tochter eines bekannten Bonner Darstellers, lehnte es ab, den Sohn eines korrupten Batista-Politikers zu doubeln; der Polit-Professor Richard Löwenthal wollte nicht das Pendant eines knochenlosen Liberalen sein; der Jesuitenpater Lothar Groppe hingegen, Militärseelsorger bei der Bundeswehr, nahm seine Rolle willig an.
So herrschte im gewerkschaftlichen Vierkantpomp des Ruhrfestspielhauses etwas von der Neugier, wie sie damals die Kubaner hatten; und weil die Aufführung, eine Koproduktion der Bühnen Essen und des Dritten WDR-Fernsehens (Regie: Hagen Mueller-Stahl), live übertragen wurde, war auch totale Öffentlichkeit gegeben.
Was der WDR-Moderator Münchenhagen den unpräparierten Versuchskaninchen an reaktionären Fehlleistungen und Identifizierungen entlockte, hat den Verhaltensforscher Enzensberger sehr befriedigt; in der manipulierten Versuchsanordnung war das Ergebnis freilich zu erwarten.
Drei ostpreußische Gutsbesitzer-Söhne, etwa, traten für "Entschädigung" ihres verlorenen Habes ein und antworteten auf politische Fragen gern: "Das kann ich nicht beurteilen." Und dem Pater Groppe entfuhr es: "Im Krieg wird, Gott sei's geklagt, geschossen."
Die dürre Dokumentation, jedenfalls, bekam durch den manipulierten Bewußtseins-Quiz Brisanz. Enzensberger, der intellektuelle Scout des linken Movimento, eilt seinen Gefährten stets voraus: Während das Fußvolk noch über die Manipulation der Massenmedien klagt, manipuliert er schon mit. "Unmanipulierte Medien gibt es nicht", sagt er; entscheidend sei, "wer sie manipuliert".
Der cherubinische Lyriker aus der Ganghof er-Stadt Kaufbeuren hat einen ungewöhnlichen Weg genommen -- vom poeta doctus zum reichinformierten Polit-Schriftsteller und scharfsinnigen Soziographen. Und während die intellektuellen Piggies seiner Generation allmählich erschlaffen, stockt seine rote Elektro-Schreibmaschine nicht.
Freilich, das Bravado der frühen Jahre, der Jewtuschenkismo ist dahin, und Enzensberger wird auch schon ein wenig runzlig. Er wandelt gern in der Sandalen-Saloppheit germanistischer Oberseminare und neigt nun, freundlich aber fest, zur Einsiedelei des Privatgelehrten.
"Geld ist für mich ein Produktionsmittel", sagt Enzensberger; es gibt ihm die Möglichkeit, "nein zu sagen und Zeit zum Arbeiten zu haben". Sein Arbeits-Haus in Berlin-Friedenau ist karg ausgestattet, und wenn er seine zweite Frau besuchen will, die Russin Maria Aleksandrovna, 27, fliegt er nach London.
Cuba si, Piggies no: Er will kein "Podiumskubaner" sein, aber von Kuba kann er nicht lassen und von Theater auch nicht mehr. Schon hat er für Henze zwei Libretti geschrieben; nach Stoffen aus Kuba.
Von Fritz Rumler

DER SPIEGEL 25/1970
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