15.06.1970

PERSONALIENWilly Brandt, Alois Strohmayr, Rudi Arndt, Heinz Oepen, Rainer Barzel, Axel Springer, Fidel Castro

Willy Brandt, 58, Ostpolitiker, profitierte von den Verhandlungen mit der Sowjetregierung zumindest einen Witz. Der Kanzler erzählt in Bonn, Sowjet-Außenminister Gromyko habe in Moskau Unterhändler Egon Bahr gefragt, was "Meinungsaustausch" sei, und gleich selbst die Definition gegeben: "Wenn ein Beamter mit seiner Meinung zu seinem Vorgesetzten geht und mit dessen Meinung wiederkommt.
Alois Strohmayr, 61, SPD-Abgeordneter aus Stadtbergen (bei Augsburg), bekam in Bonn wegen seines Auftretens einen Freitrunk. Als der Hausarchitekt der bayrischen Arbeiterwohlfahrt in der stark frequentierten Milchbar des Bonner Bundeshausrestaurants nicht sofort bedient wurde, drohte er der überlasteten Barfrau Anna Pachael, 33, lautstark mit Beschwerde beim Chef. Wenig später reichte die Bedienung dem Abgeordneten einen Milch-Shake, lehnte aber mit tränenerstickter Stimme die Bezahlung ab: "Behalten Sie das ruhig, von so einem wie Ihnen nehme ich nichts." Daraufhin der CDU-Industrielle und Abgeordnete Philipp von Bismarck zu dem Bayern: "Herr Kollege, so kann man sich doch nicht benehmen."
Rudi Arndt, 43, Hessens Minister für Verkehr, funktionierte dienstliche Pflicht in privates Hobby um. Bei der (auch durch die CSSR führenden) Deutschland-Rallye des Automobilclubs von Deutschland (AvD) startete Nachwuchs-Renner Arndt zusammen mit Kopilot Hans-Peter Biechely, 34, in einem von den Opel-Werken zur Verfügung gestellten Rallye-Kadett (Konkurrenten: "Rudi-Kadett") und fuhr als 69. von 191 gestarteten Teilnehmern durchs Ziel. Der rasende Sozialdemokrat, der in einer 98seitigen Studie zur neuen Bonner Straßenverkehrsordnung unter anderem auch die Heraufsetzung der Geschwindigkeit innerorts von 50 auf 60 Stundenkilometer empfohlen hatte, fährt privat einen "auf 220 Spitze frisierten" (Arndt) Opel GT 1900. Hessens Ministerpräsident Albert Osswald" 51, nutzte das Arndt-Auto bereits für parteipolitische Werbung: Er verglich den "roten Sportwagen" seines Ministers mit der SPD, "denn beide sind immer vorn".
Heinz Oepen, 45, Hauptabteilungsleiter Unterhaltung beim Mainzer Fernsehen, ließ den Text eines Liedes für den Deutschen Schlagerwettbewerb entschärfen. Grund: Der ranghöchste ZDF-Unterhalter war beim Vers-Studium des Konkurrenz-Titels "Zuerst kommt meine Liebe", der schon alle Jury-Instanzen passiert hatte, auf die Zeilen gestoßen: "Ich pfeif" auf das Marschieren, was hab" ich davon? Der Kaiser soll doch warten ... Und wie gesagt, das war vor langer Zeit, doch jeder weiß, genauso ist es heut'. So manchem Mann wünscht man so manchesmal den großen Mut vom kleinen Korporal." Oepen zu seinem Show-Abteilungsleiter Karlheinz Müller-Ruzika, 50: Es bestehe die "Möglichkeit", daß so etwas als "Aufruf zur Wehrdienstverweigerung" mißdeutet werde. Nachdem sich die ZDF-Juristen diesem Bedenken angeschlossen hatten, wurde der Texter des Liedes um Ersatz-Sätze gebeten. Bei seinem Auftritt sang Interpret Peter Rubin dann die Neu-Version: "Napoleon, der hat davon gehört, als General, da war er sehr empört, jedoch als Mensch, da hat er sich gedacht, ich hätt" es selber gerade so gemacht." Rubin landete abgeschlagen auf Platz neun.
Rainer Barzel, 45, Bonner Oppositionsführer, will in Japan bescheiden auftreten. In einem Brief an den deutschen Botschafter in Tokio, Franz Krapf, der nach eigenen Angaben bis zum Ende der Weltausstellung in Osaka mindestens fünf Bundesminister und 20 Prozent der Bundestagsabgeordneten in Japan betreut haben wird, kündigte Barzel sich, seine Frau und einen Mitarbeiter für die Sommerpause des Parlaments an. Der Christdemokrat versicherte, er melde dies nicht etwa an, damit Krapf ein Programm für ihn mache. Er sei jedoch -- so fügte Barzel gleich hinzu -- bereit, sich für politische Gespräche in Tokio und für einen Empfang in der Botschaft "zur Verfügung zu stellen". Wie er sich einen Empfang vorstellen würde, deutete der Oppositionelle mit der Bemerkung an, daß er und seine Begleitung "ohne Smoking reisen". Axel Springer, 58, Multimedia-Verleger aus Hamburg, hat jetzt ein neues Sprachrohr zur Verkündung seiner politischen Erkenntnisse gefunden. Vor Journalisten in Berlin verriet Springer, er habe einen neuen Weg entdeckt, "denen in Bonn" die Meinung direkt zu sagen. Statt seine Kritik in seinen Blättern drucken zu lassen, diktiere er sie ins Telephon. Denn, so seine jüngste Entdeckung: "Ich werde abgehört."
Fidel Castro, 42, Kubas "Maximo Lider", erholt sich nur selten in der Einsamkeit. Der Revolutionär zieht es vor, ständig über seine Insel zu streifen, überall Anregungen und Anweisungen verstreuend. Während dieser Reisen zum Volk widmet er sich seinen Hobbys: Schachspielen, Domino, Baseball, Bergsteigen. Nur zur Unterwasserjagd, die er nach Meinung seiner Landsleute besser als alle Kubaner beherrscht, fährt Fidel mit kleiner Mannschaft aufs Karibische Meer. Begleitet vom Chef seines Geheimdienstes, Pineiro, seinem Bruder Raúl Castro und seinem Leibphotographen Albert Korda, läuft er mit der Jacht "Granma" -- getauft nach dem Schiff, mit dem er 1956 als Guerilla in Kuba landete -- von Havana aus. Bei einer solchen Ausfahrt lichtete Korda seinen Herrn über und unter Wasser ab.

DER SPIEGEL 25/1970
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