15.06.1970

GESTORBENEDWARD MORGAN FORSTER

EDWARD MORGAN FORSTER, 91. Der britische Erzähler und Essayist, der literarische Theorien verschmähte und den Roman als eine kunstvoll "unordentliche" Form gedämpft ironischer Gesellschaftskritik verstand, erschien deutschen Betrachtern gelegentlich als ein "englischer Fontane" (Günter Blöcker). Finanziell zeitlebens unabhängig, schrieb er jedoch, anders als sein preußischer Artverwandter, nur zum eigenen Pläsier. Nach "Howards End" (1910), dem Roman über Londons Society im Wandel von viktorianischer Gelassenheit zur Hast der Moderne, ließ er sich 14 Jahre Zeit, bevor er "Auf der Suche nach Indien" veröffentlichte -- das antikolonialistische Buch über seine Erfahrungen als Sekretär eines Maharadschas, das ihn berühmt machte. Abermals 32 Jahre verstrichen, bis er 1956 in seinem letzten (biographischen) Roman, "Marianne Thornton", das Andenken seiner reichen Erbtante beging.
BOKO PAVICIEVIC, 98. Der oberst außer Diensten war Jugoslawiens ältester Partisan. Seine ersten Kämpfe hatte er
nachdem er mit 31 Jahren lesen und schreiben gelernt hatte -- in der Armee des Königreichs Montenegro in den beiden Balkan-Kriegen zu Beginn des Jahrhunderts überstanden. Im Ersten Weltkrieg half er, Montenegro gegen die Truppen der Habsburger Monarchie zu verteidigen. Als am 13. Juli 1941 der montenegrinische Auf. stand gegen die deutsche Okkupation losbrach, zog Pavicevic als 69jähriger wieder in den Kampf -- mit Frau, zwei Söhnen und zwei Töchtern. Der Alt-Partisan focht in der fünften montenegrinischen Proletarier-Brigade und wurde Delegierter im "Antifaschistischen Rat der nationalen Befreiung Jugoslawiens" (AVNOJ). Geehrt mit dem Titel "Held des Volkes', lebte der Pensionär nach dem Krieg in der montenegrinischen Stadt Niksic.
BORIS SERGEJEWITSCH SCHULSCHENKO, 51. Der Generalmajor der Sowjetarmee war Erster Stellvertretender Chef des Komitees für Staatssicherheit (KGB) der Ukrainischen Sowjetrepublik. Er starb laut Armeezeitung "Krasnaja swesda" ("Roter Stern") "plötzlich und unerwartet".
PJOTR FILIPPOWITSCH KALJUTA, 59. Der Polizei-Generalmajor, Parteimitglied seit Stalins Säuberungen 1937, war seit 1955 Stellvertretender Chef des Komitees für Staatssicherheit beim Ministerrat der Sowjet-Republik Kasachstan und seit 1960 Erster Stellvertretender Innenminister. Er starb laut "Kasachstanskaja prawda" nach einer "schweren und langen Krankheit".
WASSILIJ MELNIKOW, 48. Der Generalmajor war Stellvertretender Stabschef der Verfügungstruppen des Ministeriums für Innere Angelegenheiten der UdSSR. Der Sicherheitsoffizier starb laut Armeezeitung "Krasnaja swesda" "plötzlich und unerwartet".
NIKOLAI OEMENTJEW, 49. Der Oberst des Sicherheitsdienstes war Abteilungschef im Ministerium für Innere Angelegenheiten der UdSSR. Er starb laut Eisenbahner zeitung "Gudok" ("Die Dampfpfeife") in "Ausübung seiner Pflichten".
ALEXANDER FEODOROWITSCH KERENSKI, 89. Sein Lebenslauf war seltsam mit dem eines anderen russischen Revolutionärs verknüpft: An einem 22. April wurde er in dem Provinznest Simbirsk als Sohn eines Schulbeamten geboren -- genauso (nur elf Jahre später) wie Wladimir Iljitsch Uljanow, genannt Lenin. Vater Kerenski empfahl Uljanow für die Universität. Uljanow und Kerenski studierten Jura und wurden Anwälte in Petersburg. Beide wurden von der Polizei verfolgt, sie standen auf dem linken Flügel ihrer Parteien: Kerenski in der Sozialrevolutionären Partei (er wurde Abgeordneter), Uljanow bei den Sozialdemokraten -- er emigrierte und kam erst nach dem Sieg der bürgerlichen Revolution im Frühjahr 1917 nach Rußland zurück, als Kerenski Justizminister geworden war. Beide plädierten für einen Frieden ohne Annexionen und die Aufteilung des Landes. Lenin forderte außerdem "alle Macht den Räten", aber nicht er, sondern Kerenski wurde zum Anführer des Petrograder Arbeiterrats gewählt. Im Mai beschloß die bürgerliche Regierung, den Krieg gegen Deutschland an der Seite der westlichen Demokratien fortzusetzen -- was eine Bodenreform ausschloß. Kerenski wurde Kriegsminister im Kabinett eines Großgrundbesitzers und schließlich (mit 36 Jahren) selbst Ministerpräsident. Lenin blieb auf seiten der Bauern und empfahl Frieden mit den Deutschen, was ihm von Kerenski einen Haftbefehl und die Beschuldigung eintrug, ein bezahlter deutscher Agent zu sein. Lenin, als Arbeiter verkleidet, stürzte Kerenski durch einen Putsch im Oktober -- an die Stelle der parlamentarischen Republik, die acht Monate lang Rußland alle Freiheiten beschert hatte, trat eine Parteidiktatur, die bis heute währt. Kerenski flüchtete, als Krankenschwester verkleidet. Lenin hatte den Lauf der Weltgeschichte geändert. Kerenski lebte noch 52 Jahre in der Emigration, als Professor für politische Wissenschaft.

DER SPIEGEL 25/1970
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