06.07.1970

TOURISMUS / BOOMSüßes weises Laster

Die weiten Sandstrände vor dem kleinen andalusischen Fischerdorf Torremolinos lagen Winters wie sommers verlassen. Nur selten fand ein Engländer aus dem nahen Gibraltar herüber, um sich in dem bescheidenen Dorfhotel am Meer vom anstrengenden Kolonialdienst zu erholen. Kein Reisebüro kannte das verarmte 600-Seelen-Dorf.
Das war vor 15 Jahren. Heute karren Urlaubsmanager aus allen Ländern Westeuropas und aus den USA alljährlich rund eine Million Menschen an die Strände von Torremolinos. 16stöckige Hotel-Silos und Apartment-
* Ferienstadt Cattolica in Italien.
** Strand von Diano Marina in Italien.
Türme zeichnen die Silhouette einer neuen Megalopolis der Ferien.
Das jugoslawische Städtchen Porec war bis vor 15 Jahren noch ein verträumtes Provinznest, aus dem die Menschen In die großen zentraljugoslawischen Städte abwanderten. Hin und wieder kamen ein paar Bildungsreisende in das verlorene Adria-Städtchen, um die Basilika aus dem 4. und 6. Jahrhundert zu besichtigen. Das einzige Hotel von Porec hatte 80 Betten.
Heute bietet Porec fast 20 000 Touristen gleichzeitig Unterkunft. Rund 180 000 Menschen sonnten sich letzten Sommer an den Kies- und Felsstränden der Ferienstadt.
Zwei Hotels mit rund 250 Betten konnte der tunesische Orangen-Umschlagplatz Hammamet vor elf Jahren den wenigen Touristen anbieten, die sich in das nordafrikanische Entwicklungsland verirrten.
Heute reiht sich am neun Kilometer langen Strand von Hammamet ein Hotelkasten an den anderen. Über 7000 Betten stehen für die Touristenschwärme aus Europa bereit.
An den Gestaden des Mittelmeers und des Schwarzen Meers, am Atlantik wie am Pazifik stampfen Bauarbeiterheere touristische Retorten-Städte aus dem Boden.
Sumpfige Küstengebiete werden mit Millionenaufwand in blühende Sonnenstrände verwandelt -- so in Südfrankreich. In unwirtliche Steilküsten werden einladende Badebuchten gesprengt -- so auf Teneriffa. Abgelegene Wildreservate werden mit asphaltierten Touristenstraßen durchzogen -- so in Kenia und in Nepal.
Vor fünf Jahren noch mußten in Mombasa am Indischen Ozean vor leder Landung eines Flugzeugs die Giraffen von der Piste vertrieben werden -- heute gehört die Hafenstadt zu den verkehrsreichsten Flughäfen Ostafrikas.
Ob arm oder reich, ob kapitalistisch oder kommunistisch -- kein Land will auf das Geschäft mit den Ferien verzichten. Von der Antarktis bis Alaska. von Bali bis zu den Bahamas reißen sie sich um die Touristen-Devisen, schätzen sie den Tourismus als wirtschaftspolitisches Wundermittel zu Recht.
Denn in einer "Völkerwanderung bis dahin ungekannten Ausmaßes" (so die Zürcher "Weltwoche") gingen letztes Jahr rund 150 Millionen Menschen auf einen Auslandstrip -- das entspricht der gesamten Bevölkerung der Bundesrepublik, Frankreichs, Hollands, Belgiens, Österreichs und der Schweiz.
Sie schütteten einen Devisensegen aus: rund 60 Milliarden Mark, ungefähr soviel, wie die jährliche Weltproduktion an Aluminium, Blei, Kupfer und Eisenerz zusammen wert ist.
Rund sieben Prozent der Welthandelsumsätze entfallen inzwischen auf den internationalen Reiseverkehr. Für die OECD ist der Tourismus schon "das wichtigste Element des Außenhandels".
Zahlreiche Länder wären ohne die Touristen-Ströme zahlungsunfähig. So kommen fast 44 Prozent von Mexikos Deviseneinnahmen aus Touristenbörsen. Spanien bezieht 41 Prozent, Portugal 28 Prozent. Österreich 23 Prozent seiner Devisen aus dem Urlaubsgeschäft.
Kanada verdient an den Besuchern, die alljährlich in das Land der Wälder und Seen strömen, mehr als an seinem Weizen. Im ostafrikanischen Kenia überrundete das Tourismusgeschäft den Kaffee-Export. Die Israelis nehmen inzwischen ihren ausländischen Besuchern mehr Devisen ab, als ihre ehedem führenden Exportprodukte. die Zitrusfrüchte, einbringen.
Touristenscharen durchziehen auf Photosafaris den afrikanischen Busch, kraxeln auf Anden-Gipfel, entdecken auf Kreuzfahrten die Eiswüsten der Antarktis und lassen sich auf Hundeschlitten durch Grönland ziehen.
Aus der einst beschaulichen Erwerbsquelle einiger mittelständischer Hoteliers und Gastwirte wurde eine staatlich gelenkte und geförderte Großindustrie:
Mit Krediten von 660 Millionen Mark förderte Griechenland in den letzten zwei Jahren den Bau von Touristen-Hotels. Frankreich wandte 1968 allein 15 Millionen Mark für die touristische Landeswerbung auf. Und selbst das Entwicklungsland Kenia will bis 1974 rund 120 Millionen Mark für die Tourismus-Förderung ausgeben.
Staatliche wie private Investitionen im Freizeitgewerbe versprechen hohe Rendite. Denn der Tourismus-Boom schlägt Jahr für Jahr neue Wachstumsrekorde.
Spanien erlebte letztes Jahr die Invasion von 22 Millionen ausländischen Urlaubern -- das sind fast zwei Drittel der spanischen Bevölkerung. Vor zehn Jahren noch zog es nur sechs Millionen Menschen ins Reich Francos.
Rund 900 000 Urlauber verbrachten 1960 ihre Ferien an den jugoslawischen Küsten; im letzten Jahr waren es fünfmal soviel.
Selbst die Länder der Dritten Welt nutzen zunehmend die Sonne als Devisenspender: Nur 33 000 Urlauber fanden 1958 ins nordafrikanische Tunesien. Zehn Jahre später waren es mehr als achtmal soviel.
"Die Leidenschaft nach fremden Ländern, so bemerkte der Schriftsteller Kasimir Edschmid, "ist das süßeste und weiseste Laster, welches diese Erde kennt."
Das süße Laster verbreitet sich epidemieartig: Seit 1950 hat sich die Zahl der internationalen Touristen versechsfacht, ihre Ausgaben stiegen jährlich um etwa 12 Prozent.
Vom Abenteuer einiger Unternehmungslustiger. vom Hobby weniger Wohlhabender entwickelte sich las Reisen in ferne und nahe Länder zum organisierten Massenvergnügen, zum programmierten Spaß von Millionen.
Wie kaum ein anderer Wirtschaftszweig profitierte in den letzten Jahren das Urlaubsgeschäft von den steigenden Masseneinkommen in den Wohlstandszonen der Erde: In den Industriestaaten wuchsen in den letzten zehn Jahren die Ausgaben für das Reisen durchschnittlich doppelt so schnell wie der übrige private Verbrauch.
Während die Bundesdeutschen ihr verfügbares Einkommen zwischen 1956 und 1965 um 121 Prozent steigerten. wuchsen ihre Ferienausgaben in diesem Zeitraum gar um 410 Prozent.
Die Wohlstandswelle brachte nicht nur das Geld, sondern auch die Zeit zum Verreisen: Ein Mitteleuropäer des Jahres 1970 hat -- bei einer durchschnittlichen Lebenserwartung von 68 Jahren -- in seinem Leben Aussicht auf 22 Jahre mehr Freizeit, als seinem Großvater vergönnt war. Für 1980 prophezeien die Zukunftsforscher bereits die 30-Stunden-Woche und zehn bis zwölf Wochen Jahresurlaub.
Immer schnellere, bequemere und billigere Verkehrsmittel verführen den Urlauber, die neu gewonnene Freizeit jenseits der eigenen Grenzen zu verbringen. Schon ist der Jet Millionen das gewohnte Vehikel. das sie an ferne Ferien-Strände und exotische Kulturstätten befördert.
Griechenland, Rumänien oder Portugal, früher von Deutschland aus nur nach beschwerlichen mehrtägigen Reisen zu erreichen, liegen heute auch für Durchschnittsverdiener nur noch rund drei Jet -Stunden entfernt. Reiseziele wie Kenia. Ceylon oder Thailand sind auf eine Tagestour nahegerückt.
Zwar reisen noch immer über die Hälfte der deutschen Urlauber mit dem eigenen Wagen und nur etwa sechs Prozent mit dem Flugzeug über die Grenzen. Aber die Flugtouristik weist von Jahr zu "Jahr neue Rekordziffern aus: Von 1962 bis 1969 stieg die Zahl der Charter-Passagiere in Deutschland um 1500 Prozent.
Weit über eine Million Bundesbürger flogen letztes Jahr in die Ferien, für 1975 errechnete das Münchner Institut für Fremdenverkehr 2,3 Millionen deutsche Charterflug-Touristen. Schon heute ist der Flughafen von. Mallorca in den Sommermonaten nach New York der am meisten angeflogene Flughafen der Welt.
Schaukelten die Reiseveranstalter noch vor wenigen Jahren ihre Charter-Passagiere mit ausgedienten, klapprigen Propellermaschinen ans Ziel, so bieten sie heute im Charter-Dienst den gleichen Jet-Komfort wie im Linienverkehr.
Das größte deutsche Charter-Unternehmen, die Lufthansa-Tochter "Condor", wartet beispielsweise mit einer elf Maschinen starken Boeing-Jet-Flotte auf: einer vierstrahligen Maschine vom Typ 707, sieben dreistrahligen 727 und drei zweistrahligen 737.
Bei gleichem Komfort und gleicher Flugsicherheit wie die Liniengesellschaften bieten die Charterer weitaus niedrigere Preise. Ihre Niedrigst-Tarife -- unter anderem durch eine mindestens 80prozentige Auslastung der Maschinen ermöglicht -- machten den Flugurlaub zum Massenvergnügen.
So stellt Condor den Reiseveranstaltern für einen Hin- und Rückflug Frankfurt-Mallorca rund 160 Mark in Rechnung. Der Preis eines Linienflugs liegt mehr als dreimal so hoch.
Neckermann fliegt im billigsten Angebot Rumänien-Touristen für 306 Mark (einschließlich Vollpension für 14 Tage) ans Schwarze Meer. Die Lufthansa berechnet für einen Linienflug Frankfurt-Bukarest allein 774 Mark.
Noch preisgünstiger sind Fernreisen nach Asien, Afrika oder Lateinamerika: Zwei Wochen Kamerun bietet Paneuropa bereits ab 774 Mark an -- ein Linienflug zu den ehemals deutschen Negern kostet 2276 Mark.
Die Jumbo-Jets werden die Tarife im Charter-Verkehr noch tiefer drücken. Ein Urlaub in Kamerun wird dann nach ersten Schätzungen schon unter 700 Mark zu haben sein.
Gleichwohl fliegen die Jumbos rentabel. "Wir werden schon im ersten Jahr mit dem Jumbo Gewinne machen", freut sich Condor-Geschäftsführer Herbert Wendlik. Der erste Condor-Jumbo soll im Sommer 1971 Mallorca, die Costa del Sol und Teneriffa anfliegen, Im Winter stehen regelmäßige Flüge nach Ceylon und Bangkok auf dem Programm.
Schon jetzt bereiten sich die Flughäfen der Urlaubsländer auf die Touristenschwärme vor, die aus den Jumbos quellen werden -- 400 bis 500 Menschen pro Maschine. "Wenn die Jumbos nicht kommen", so J. W. Uwuor von Kenias Tourismus-Entwicklungsgesellschaft, "dann geraten wir in Schwierigkeiten."
Ob sie per Flugzeug oder Pkw, per Schiff oder per Bahn anreisen -- den Touristen öffnen sich alle Grenzen. Um Zugang zu den harten Devisen aus den Urlauberkassen zu finden, lüften kommunistische Staaten den Eisernen Vorhang, setzen faschistische Diktatoren ihre Untertanen. dem zersetzenden Einfluß der Touristen aus demokratisch regierten Ländern aus. Ohne Visa reisen deutsche Touristen heute ins faschistische Spanien wie ins orthodox-kommunistische Bulgarien.
Bis Ende der fünfziger Jahre hatte Franco gezögert, Spanien dem Massentourismus zu öffnen -- zu sehr fürchtete er, die Urlauber könnten die Friedhofsruhe seiner Diktatur stören.
Heute ist die Ferienindustrie der wichtigste Wirtschaftszweig Spaniens. An Stränden, wo noch vor einem Jahrzehnt Männer in Badeanzügen ohne Zwickel wegen unsittlichen Verhaltens festgenommen wurden, aalen sich jetzt Bikini-Nixen in der Sonne. Die Spanier machen, wie der Pariser "Nouvel Observateur" spottete, "Urbanisation statt Revolution".
Bulgarien besuchten letztes Jahr 170 000 Westdeutsche. Selbst die Kreml-Führer ließen 1969 rund 600 000 West-Urlauber ins Land -- davon ebenfalls 170 000 aus der Bundesrepublik.
Zwar bauten die Tourismus-Planer Rumäniens und Bulgariens Ihre Seebäder fernab der Wohngebiete als Urlauber-Enklaven, um so eine Zersetzung ihrer Bevölkerung durch westlichen Lebensstil zu verhindern.
Die Abschirmung gelang aber nur unvollkommen, Immer mehr West-Urlauber brachen aus den Feriengettos aus, um über Land zu reisen.
Da sie im Wettbewerb mit westlichen Urlauberländern mithalten wollen, müssen die kommunistischen Staaten zunehmend individuell reisende Autotouristen ins Land lassen.
Bis Ende der fünfziger Jahre hatten die roten Herrscher gezögert, in großem Stil Geschäfte mit West-Urlaubern zu machen. Heute aber sehen nur noch wenige Kommunisten Im Massentourismus einen perfiden Plan der "imperialistischen Staaten, die sozialistischen Staaten sturmreif zu machen" (so unlängst das SED-Politbüromitglied Paul Fröhlich).
"Wenn Sie als Tourist in die Sowjet-Union kommen, können Sie Kommandant von Stalingrad gewesen sein, und es passiert Ihnen nichts", versichert Karl-Heinz Hutschenreuter, Geschäftsführer der auf Ostblock-Touren spezialisierten Reiseorganisation "Intratours", die West-Touristen bis ins sibirische Irkutsk und ins mittelasiatische Taschkent verfrachtet.
Bereitwillig übernehmen kommunistische Touristen-Funktionäre westliches Fremdenverkehrs-Know-how: Die rumänische Touristik-Organisation ONT schickt Köche und Kellner zum Training in Hotels der deutschen Steigenberger-Gruppe. Wladimir Babkin, Kollegiumsmitglied der Moskauer Hauptverwaltung für Auslandstourismus, gestand: "Wir haben von Hilton gelernt. Seine Devise "Lache, es kostet nicht mehr' gefällt uns."
Auf der Jagd nach Gast-Devisen verraten linke wie rechte Diktatoren sogar geheiligte politische Glaubenssätze. So dürfen in Rumänien seit einigen Jahren Privatleute wieder Restaurants betreiben -- die eintönigen Staats-Restaurants genügten den Ansprüchen der West-Touristen nicht.
Selbst amerikanisches Kapital fand Einlaß: Unlängst eröffnete die amerikanische Inter-Continental-Gruppe ihr Hotel "Duna" in Budapest. Ende 1970 nimmt das "Inter-Continental Bucuresti" den Betrieb auf.
Das griechische Obristen-Regime dagegen -- grundsätzlich auf die Wahrung der überkommenen Eigentumsordnung bedacht -- hat "die Enteignung von Land zum Zweck der touristischen Entwicklung" gesetzlich verfügt.
Die Sowjets lassen jährlich rund 200 000 West-Berliner über den Ost-Berliner Flughafen Schönefeld zum Ferienmachen in Ostblockstaaten fliegen -- obwohl Ost-Berlin den Bewohnern der Westsektoren normalerweise verschlossen ist.
Während Russen und Deutsche schon jahrelang ohne Erfolg über einen Liniendienst zwischen Moskau und Frankfurt verhandeln -- Bonn akzeptiert die von den Russen geforderte Zwischenlandung In Ost-Berlin nicht -, fliegt die Lufthansa regelmäßig im Charterverkehr Neckermann-Touristen in die russische Hauptstadt -- ohne Stopp in Ost-Berlin.
Einem Politoffizier, der die Besatzung des von Neckermann gecharterten Sowjetschiffes "Taras Shevchenko" betreute, schien freilich unlängst die Grenze des Erlaubten überschritten: Neckermann hatte die Bordbibliothek durch ein Sortiment Bertelsmann-Bücher bereichert. Der Politoffizier fand die Auswahl politisch unerträglich -- und warf sie eines Nachts über Bord.
Die touristische Planwirtschaft der Ostblock-Staaten hatte Erfolg: Bulgarien verbuchte zwischen 1960 und 1969 Im Fremdenverkehr einen Zuwachs von rund 1000 Prozent, Rumänien gar von 1350 Prozent.
Westliche Länder hingegen, die auf staatliche Tourismus-Planung verzichten, hielten nicht Schritt. In Griechenland beispielsweise, wo der Tourismus bis in die sechziger Jahre weitgehend Privatsache war, stagnierte der Fremdenverkehr nahezu.
Immer mehr gingen daher auch kapitalistische Ferienländer dazu über, touristische Planwirtschaft zu betreiben. Zwar belassen sie Hotellerie und Gastronomie weiterhin im Privateigentum. Doch mit staatlichen Entwicklungsplänen, mit Millionen-Investitionen für Straßen, für Elektrizitäts- und Wasserleitungen in Feriengebieten, mit billigen Krediten, Steuererleichterungen und Subventionen für Hoteliers helfen die Regierungen der Ferienindustrie,
So beschloß das Athener Obristen-Regime 1968 einen Fünfjahresplan, der touristisch unterentwickelte Gebiete Griechenlands wie die Halbinsel Chalkidike oder das Gebiet von Porto-Cheli auf dem Peloponnes in blühende Ferienzentren verwandeln soll. Allein für den Bau von 300 Kilometer Touristenstraßen auf Chalkidike sind 122 Millionen Mark aus der Staatskasse vorgesehen.
Um Privatleute zum Bau von Touristen-Hotels zu ermuntern, kreditiert Athen bis zu 70 Prozent der Baukosten. Erfolg: Alle drei Tage wird gegenwärtig in Griechenland ein Hotel eingeweiht.
In Tunesien erstattet der Staat Bauherren neuer Hotels die Architekten-Rechnung und die Kosten für die statischen Berechnungen. Sogar das Hotel-Personal wird auf Staatskosten ausgebildet.
Strandgrundstücke vergibt das tunesische Tourismus-Ministerium an Hotelinvestoren für zwei bis drei Mark pro Quadratmeter. Die Kosten für die Erschließung -- Wasser- und Stromleitungen, Zufahrtswege und Telephonanschluß -- gehen voll zu Lasten der Staatskasse.
Und um die Beschaffung des Kapitals zu erleichtern, gründeten die Tunesier eigens eine Finanzierungsgesellschaft, die "Compagnie Financiére et Touristique" (Cofitour). Ausländische Anteilseigner der Cofitour -- so die Weltbanktochter "International Finance Corporation", die Rothschild-Bank und die amerikanische Amexco-Bank -- helfen bei der Geldbeschaffung im Ausland.
"Die staatlichen Eingriffe nehmen oft protektionistischen Charakter an", beklagte sich letztes Jahr der damalige italienische Tourismus-Minister Natali über die Subventionierung des Fremdenverkehrs.
Aber auch im klassischen Fremdenverkehrs-Land Italien läßt sich die Urlaubsindustrie inzwischen von der Staatskasse aufpäppeln. So zahlen die sizilianischen Behörden allen Charter-Gesellschaften, die Sizilien anfliegen, einen Zuschuß von fünf Prozent der Flugpreise.
Aus der Unterstützungskasse für den Süden, der "Cassa del Mezzogiorno", beziehen Hotel-Investoren zinsgünstige Kredite. Auf den Autobahnen in Süditalien können die Urlauber verbilligt fahren -- zu Lasten der Südkasse.
Sogar für einen der reichsten Männer der Welt hielt Rom Subventions-Millionen bereit: Aga Khans Sardinien-Projekt "Costa Smeralda" subventionierte der italienische Staat mit über 200 Millionen Mark.
Zusammen mit anderen Geldaristokraten -- darunter der englische Bierbrauer Guinness und die Finanzmagnaten John Duncan Miller und R. G. Podbielskey -- baute das geistliche Oberhaupt der Ismaeliten auf einem abgelegenen und nahezu unbewohnten sardinischen Küstenstreifen ein künstliches Ferienparadies aus Luxushotels, schmucken Strandvillen und komfortablen Apartmenthäusern.
Für die Hotelgäste und für die Käufer der Luxus-Unterkünfte (darunter CDU-MdB Ernst Benda) legten die Erbauer einen Kindergarten, einen modernen Jachthafen, Tennisplätze und einen 18-Löcher-Golfplatz an.
Ähnlich wie auf Sardinien, wenngleich auch zumeist weniger aufwendig, entstehen Ferienstädte in Spanien oder Portugal, auf den Bahamas oder in Marokko.
Überall wird dabei nach dem gleichen Urbanisierungs -- Rezept verfahren: Regierungs-Architekten planen die Beton-Landschaften, der Staat baut Straßen, legt Wasser- und Stromleitungen. Privatleute und Privatgesellschaften siedeln dann auf dem erschlossenen Grund.
Das bislang größte Projekt einer künstlichen Ferienkolonie entsteht gegenwärtig an der französischen Mittelmeerküste -- zwischen Rhône-Mündung und spanischer Grenze, in den Provinzen Languedoc und Roussillon. Das
Projekt "kündigt eine neue Ära des Ferienmachens an", schwärmte der Pariser "Express".
Bis vor wenigen Jahren noch war Frankreichs Mittelmeerküste westlich des Rhone-Deltas eine trostlose Einöde, von Lagunen und Sümpfen durchzogen, von Milliarden Stechmücken verseucht. In langen Autoschlangen schoben sich die Touristen an dem unwirtlichen Küstenstreifen vorbei in Richtung Costa Brava und Costa del Sol.
Nun aber wächst entlang der 180 Kilonieter langen Küste eine gigantische Spielwiese empor -- mit Hotels, Appartements, Bungalows, Feriendörfern und Campingplätzen für rund zwei Millionen Menschen jährlich, mit 20 künstlich angelegten Jachthäfen, mit kühn geschwungenen Autobahnen und großzügigen Flughäfen.
Rund 800 Millionen Franc kostet die touristische Erschließung des bisherigen Notstandsgebiets den französischen Steuerzahler. 80 000 neue Arbeitsplätze, vor allem für Algerienflüchtlinge, werden durch die neue Industrie geschaffen.
Die Erbauer von Languedoc-Roussillon rotteten bereits für 78 Millionen Franc Mückenscharen aus. Sie forsteten 6000 Hektar Odland auf und durchzogen die Ferienlandschaft aus der Retorte mit einem dichten Straßennetz. "Corriger la nature", schwärmen die Schöpfer des neuen Ferien-Dorados.
Die touristischen Städtebauer verändern freilich nicht nur Natur und Wirtschaft ganzer Regionen und Länder. "Stärker als irgendeine andere ökonomische Tätigkeit", so der Tourismusforscher Hans Meinke, "rührt der moderne, massiert auftretende Tourismus an die gesellschaftlichen Grundlagen der zurückgebliebenen Räume." Die Konfrontation "mit Lebensart und Konsumverhalten der Industriegesellschaft kann", so Meinke, "erstarrte Strukturen öffnen".
"Niemand braucht sich mehr als Magd zu quälen", weiß die Soziologin Renate Mayntz nach einem Studienaufenthalt in Südspanien zu berichten, "man kann als Serviermädchen ins Hotel gehen oder gar einen kleinen Souvenirladen aufmachen." Folge: "Was früher hingenommen wurde, wird jetzt als soziale Ungerechtigkeit attackiert."
In Spanien, wie in anderen Ferienländern, blieben die sozialen Auswirkungen der Touristenschwemme nicht auf die Ferienregionen beschränkt. "Der Tourismus hat unveränderlich alle Bereiche des spanischen Lebens geprägt", gestand schon vor Jahren Spaniens Informations- und Tourismus-Minister Fraga Iribarne.
Spaniens Jugend, bis vor einem Jahrzehnt noch weitgehend von Europa isoliert, sah den touristischen Invasoren Pop- und Beatmusik, saloppe Kleidung und liberale Sitten ab.
Der Nachahmungsdrang war so stark, daß Madrid vor zwei Jahren auf den Druck konservativer Politiker die Sendezeit ausländischer Schlagermusik drastisch einschränkte und die Sperrstunden der Bodegas in den Ferienzentren ausdehnte. Von den Kanzeln klang die energische Forderung nach "moralischem Verhalten.
Der Einfall der Touristen-Scharen kann allerdings auch die Anpassung rückständiger Bevölkerungsteile erschweren: Denn die Einheimischen sehen ihre Besucher nur in der Ausnahmesituation des Urlaubs -- ohne sich zu vergegenwärtigen, daß die scheinbar so wohlhabenden Gäste für ihr Urlaubsvergnügen oft ein Jahr lang sparen mußten.
"Das Resultat dieses Mißverständnisses", so berichtet der Kölner Soziologe Lothar Nettekoven, "ist der latente Imitationswunsch oder die tatsächliche Imitation von Verhaltensweisen, deren Durchführung selbst den "reichen Touristen aus den Industrienationen nur während der Urlaubszeit möglich ist", -- und selbst das erst seit relativ kurzer Zeit.
Denn Mammut-Projekte wie Languedoc-Roussillon, Ferienlandschaften wie die Costa del Sol oder die italienische Adria-Küste bezeugen die Demokratisierung und Popularisierung eines Vergnügens, das auch in den Industriezentren bis vor wenigen Jahrzehnten noch als Privileg einer begüterten Ober- und Mittelschicht galt.
Die "Grand Tour" des jungen Adligen, die Badereise wohlhabender Geschäftsleute, die Bildungsreise akademischer Mittelständler -- sie waren Statussymbole der herrschenden Klassen, Reservat der wenigen, die über die Zeit und das Geld zum Reisen verfügten.
Der englische Gärtner und Tischler Thomas Cook hatte vor über hundert Jahren den Weg ins Touristik-Zeitalter gewiesen: Er offerierte als erster Pauschalreisen, um es "Ungebildeten und Sprachunkundigen möglich zu Englische Touristen auf der Akropolis.
machen, fremde Länder zu erschließen".
"Vor 40 Jahren gab es gemütliche Hotels, aber keine ungemütliche Masse", klagte bereits 1903 der Engländer A. I. Shand, "Touristen waren damals eine Seltenheit, und der billige Reisepöbel von heutzutage fehlte ganz."
Mehr und mehr usurpierte jedoch der "billige Reisepöbel" Ferienhotels und Urlaubsstrände. Die Wohlstandswelle nach dem Zweiten Weltkrieg brach vollends die touristischen Klassenschranken und machte "die jährliche Urlaubsreise zu einer Art Bürgerrecht" (so der Kölner Soziologe Erwin K. Scheuch).
Aus dem einstmaligen Privileg wurde ein Massensport. Reisen galt nicht länger als Ausweis für Geld oder Bildung, Stellung oder Kultur.
Notorische Kulturkritiker versuchten, den Reiseboom zu bewerten. Im Stil des Spaniers Ortega y Gasset ("Erst in der Einsamkeit ist der Mensch, was er in Wahrheit ist ...") verteufeln sie die kommerzialisierte touristische Völkerwanderung als neues Indiz für den Untergang des Abendlandes.
So sieht der Philosoph Gerhard Nebel im "abendländischen Tourismus ... eine der großen nihilistischen Bewegungen, eine der großen westlichen Seuchen". Nebel: "Die Schwärme dieser Riesenbakterien, Reisende genannt, überziehen die verschiedensten Substanzen mit dem gleichförmig schillernden Thomas-Cook-Schlelm."
Für den Tourismus-Forscher Hans-Joachim Knebel hat die "Vermassung", ein angebliches Charakteristikum auch des modernen Tourismus, "den Menschen primitivisiert, personenhaft reduziert und uniformiert".
Die Kritiker des modernen Tourismus verherrlichen die gute alte Zeit mit der idyllischen Sommerfrische und den einsamen Wanderwegen. "Die Erholung des Großstädters", behauptet der Österreicher Arnold Pöschel, "kann nur in der Weite, in der verhältnismäßig menschenleeren Landschaft vor sich gehen."
Der Beweis für diese Behauptung dürfte schwer zu führen sein, denn für einen Großteil der Urlauber trifft heute eher das Gegenteil zu -- sie suchen nicht Einsamkeit, sondern Geselligkeit.
Der Wunsch, Kontakt zu anderen Menschen im Urlaub zu finden, bewegt nach Ermittlungen der Psychologin Ursula Lehr 56 Prozent der 30- bis 40jährigen und sogar 72 Prozent der über 60jährigen. Für jeden fünften Urlauber gilt die Ferientour nur als gelungen, wenn er "neue Menschen" kennenlernt oder mit "netten Menschen" zusammen sein kann.
Was freilich außer dem Kontaktbedürfnis jedes Jahr allein rund 25 Millionen Bundesbürger in die Ferne treibt, welche soziologischen und psychologischen Ursachen das epidemische Reisefieber tatsächlich hat -- "das weiß man eigentlich immer noch nicht richtig"
Die Psychologin Lehr wollte das Urlaubergeheimnis lüften und befragte Interview-Personen, welche Gedanken ihnen bei den Stichworten "Ferien", "Reisen" und "Urlaub" kämen. Die Antwort einer 35jährigen Sekretärin: "Was Neues erleben. Was ganz anderes als der Alltag! Tun und lassen können, was man will; ganz abschalten."
Ein 423jähriger Assistenzarzt verriet: "Ferien ist für mich der Inbegriff des Extremen: alles tun können ... Zelteinteilung nach eigenem Ermessen. Keiner kann einem dreinreden."
"Abschalten, aus dem Dreh herauskommen, Abwechslung haben, sich treiben lassen", hießen auch die Immer wiederkehrenden Antworten, die Interviewer des Frankfurter Divo-Instituts bei einer Urlauber-Umfrage erhielten.
"Was am Urlaub fasziniert", schlußfolgert der Psychologe Helmut Kentler aus derlei Antworten und eigenen Forschungen, "ist letztlich die Möglichkeit, den Alltag hinter sich zu lassen und in einer anderen als der alltäglichen Welt zu leben." Das Verlangen nach "einem Sonntagsgefühl unter ständig blauem Himmel" Ist nach Ansicht des Reisejournalisten Friedrich Wagner auslösendes Moment der Urlaubswelle.
Als eine "Flucht vor der selbstgeschaffenen Realität" (Enzensberger), als Flucht aus der "Unwirtlichkeit unserer Städte" (Mitscherlich) diagnostizieren Gesellschaftskritiker die Ursache des Reisefiebers. In der Tat Ist die Reiselust in den Ballungszentren der Industriestaaten am größten.
Daß Urlaub als Gegenalltag, als Flucht aus der Wirklichkeit verstanden werden muß, ist freilich damit noch nicht bewiesen.
Als Leitmotiv der Urlauberheere erscheint dem Kölner Soziologen Scheuch "nicht Negierung der normalen Existenz". Die Ferienreisenden wollten vielmehr nur vorübergehend "Distanz zur gewohnten Umgebung gewinnen".
In der Distanz läßt sich nachholen, was das Leben in der Industriegesellschaft nicht bietet, läßt sich erproben, wofür "man sich ... noch kompetent weiß" (Scheuch).
Der Urlaub wird daher, so die Soziologin Renate Mayntz, als eine "Periode der Verantwortungslosigkeit" geschätzt, als eine "Zeit unter Fremden". in der man -- wie im Karneval
die "üblichen Sanktionen für einen Verstoß gegen die Sitten" nicht zu fürchten braucht.
So schürzen sich Urlauber aller Nationen nicht nur leicht oder benehmen sich lauter und auffälliger als normalerweise -- sie sind auch besonders aufgeschlossen für die Liebe.
"Ein netter Urlaubsflirt kann den ganzen Urlaub verschönern", fanden 93 Prozent einer repräsentativen Auswahl deutscher Urlauber, die der Kölner Tourismus-Forscher Lothar Nettekoven an den Stränden Tunesiens befragte. 35 Prozent hatten schon einmal ein Urlaubsverhältnis mit sexuellen Beziehungen.
Dem Psychologen Henning Hallwachs gestand die Mallorca-Urlauberin Fräulein Hilde, 34: "So eine Auswahl und so viel Zeit hat man sonst nie."
"Reisen", so schlußfolgerte daher der Schriftsteller Sigismund von Radecki, "ist heute die populärste Form von Glück."
Freilich: Nur eine Minderheit der Erdbevölkerung hat die Chance, per Reise glücklich zu werden. Denn 90 Prozent aller Auslandstouristen kommen aus den Wohlstandsgebieten der Erde, aus Nordamerika und den Industriestaaten Europas.
Es zieht sie zumeist nach Süden, In die wenig industrialisierten Länder mit niedrigem Lebensstandard -- die Reichen machen Ferien bei den Armen.
"Eine neue Form des Kolonialismus" sieht daher das französische Links-Magazin "Confronter" in der touristischen Einbahnstraße von Norden nach Süden.
Doch das Urlaubsgeschäft mit den Reichen verspricht den Armen, den Entwicklungsländern, wie kein anderer Gewerbezweig, aus eigenen Kräften Anschluß an die Industriestaaten zu gewinnen. "Ungeahnte Chancen", so Manfred Lohmann von der Deutschen Entwicklungsgesellschaft' "bieten sich hier für die wirtschaftliche Entwicklung der Dritten Welt."
Wichtigster Vorzug der Fremden-Industrie: Die Entwicklungsländer können sich die Devisen für die Beschaffung von Industrieausrüstungen ohne langwierige Exportanstrengungen selbst verdienen.
Überdies bietet der Tourismus als typisches Dienstleistungsgewerbe bei relativ geringem Kapitaleinsatz vielen Menschen Arbeit. Das aber entspricht den wirtschaftlichen Voraussetzungen der Entwicklungsländer, die über Kapitalmangel und Arbeitslosigkeit klagen.
Von den Touristen profitieren zudem auch andere Wirtschaftsbereiche -- etwa die Landwirtschaft oder das Handwerk. Kanadische Experten zum Beispiel errechneten daß ein von Touristen ausgegebener Dollar durch Welterverausgabung in anderen Wirtschaftsbereichen insgesamt 2,10 Dollar an Einkommen schafft.
"Jeder Hotel- oder Restaurantbau gibt unseren Bauern Arbeit", schwärmt Julien Konan, Generalsekretär der "Organisation für die Entwicklung des afrikanischen Tourismus".
Von Jahr zu Jahr sichern sich die Entwicklungsländer einen größeren Anteil am Welt-Touristenbudget. 1969 kamen bereits 15,8 Prozent der gesamten Touristenausgaben den Ländern der Dritten Welt zugute.
Afrika meldete letztes Jahr einen Zuwachs von 20 Prozent, der karibische Raum von 18 Prozent. Spitzenreiter in der Karibischen See: die Bahamas. Sie verbuchten 1969 ein Plus von 24 Prozent.
Nationale und internationale Entwicklungshelfer unterstützen die wirtschaftlich Schwachen bei ihren Anstrengungen, Im Tourismus-Geschäft mitzuverdienen.
So finanziert die Washingtoner Weltbank Hotelbauten in Marokko, sie hilft Tunesien bei der Entwässerung künftiger Erholungszentren und gibt Jugoslawien Kredite für den Ausbau der südlichen Adria-Küste.
Auch Bonn leistet touristische Entwicklungshilfe. Es finanzierte beispielsweise eine Fähre, die Djerba mit dem tunesischen Festland verbindet, und läßt in Kamerun eine Schule für Wildhüter einrichten.
Eigens für den Bau von Touristen-Hotels in Entwicklungsländern betrieb die Bundesregierung 1966 die Gründung der "Deutschen Hotelgesellschaft" (DHG), an der die Lufthansa, Reiseveranstalter, Hotelunternehmen und die "Deutsche Entwicklungsgesellschaft" beteiligt sind.
An drei neuen Urlauber-Herbergen in Kenia besitzt die DHG inzwischen Anteile -- so an der "Vol Safari Lodge", wo die Touristen selbst bei Nacht Löwen, Büffel und Nashörner in freier Wildbahn beobachten können: Eine in der Nähe des Hotels gelegene Wasserstelle wird mit Flutlicht ausgeleuchtet.
Für Nepal, wo die DHG zusammen mit Neckermann das Terrain für die Touristen aufbereiten will, hat die Gesellschaft den Frankfurter Fernseh-Zoologen Grzimek als Berater engagiert -- damit, so DHG-Geschäftsführer Bültmann, "die Besucher auch den Tiger vorn Dienst sehen".
Ohne den Tiger vom Dienst, ohne Exotik können die abgelegenen Feriengebiete kaum auf das große Urlaubsgeschäft hoffen. Denn Sonne und Strand allein verkaufen die Randzonen im Süden der Industrieländer, etwa die Mittelmeeranrainer, wegen der geringeren Anreisekosten billiger als die Feriengebiete Asiens oder Schwarzafrikas.
Mit touristischen Spezialitäten versuchen die abgelegenen Reiseziele daher zusätzliche Konkurrenzvorteile zu erlangen. So lockt Thailand nicht nur mit Tempeln und Pagoden, sondern auch mit einem gut organisierten Sex-Angebot in der Hauptstadt Bangkok.
Japanische und amerikanische Unternehmen offerieren Bordell-Reisen nach Bangkok im Pauschalarrangement. Allein an liebebedürftigen Vietnam-Gls verdienen die Thais im Jahr rund 400 Millionen Mark.
Die Japaner legen unter dem Meeresspiegel Naturparks an. Unterwasser-Beobachtungstürme bieten den Touristen einen Einblick in die Fauna und Flora des Meeres.
Kriegskitzel für Touristen offerieren die Israelis. Zehntausende Ausländer schafft das staatliche israelische Busunternehmen "Egged" alljährlich an die Stätten der Siege auf den Golan-Höhen und in der Sinai-Wüste.
Als Touristen-Attraktion ließen die Israelis die dort abgeschossenen Flugzeuge und ausgebrannten Panzer stehen. Eine ägyptische Mig, die in der Nähe des Touristen-Hotels "Abu Rodes" auf der Sinai-Halbinsel gestrandet ist, trägt die Aufschrift: "Souvenir von Nasser an Egged -- mit viel Liebe 1967".
Mehr und mehr müssen allerdings auch die traditionellen Urlaubsländer für Abwechslung und Unterhaltung, für Spiel und Sport sorgen.
"Die Zeit des Faulenzens Im Urlaub ist vorbei", glaubt Rolf Pagnia, Geschäftsführer von "Neckermann und Reisen". Pagnia traf selbst Vorsorge für den Geschmackswechsel seiner Kunden: Er schickte den Bulgaren 50 Versandhaus-Fahrräder. Für vier Mark pro Tag werden sie an bewegungsfreudige Touristen ausgeliehen.
"Der heutige Tourist", so erkannte auch Günther Spazier, Chef der Deutschen Zentrale für Fremdenverkehr, "will sich nicht nur den Bauch braun brennen lassen, er will einen Erlebnisurlaub."
In manchen der neuerbauten sterilen Ferienstädte wird er das Erlebnis vergebens suchen. Sie bieten ihm nur abstumpfendes, langweiliges Strandleben, Vollpension In eintönigen Feriengettos.
Erst allmählich erkennen die Ferienmanager in Ländern wie Tunesien, Rumänien oder Spanien, daß "die Urlauber sich nicht mehr nur mit Bett und Schnitzel zufriedengeben" (so Milan Mazi vom Beigrader Institut für Fremdenverkehrsforschung). Nur langsam setzt sich die Einsicht durch, daß weitsichtige Touristik-Planung auch die Freizeitbeschäftigung der Touristen erfassen muß,
Mit gutem Beispiel gehen die griechischen Touristen-Funktionäre voran. Sie unterhalten ihr Ferienpublikum mit einer Vielzahl von Musik-, Ballett- und Schauspiel-Festivals. Für Touristen mit geringeren Ansprüchen entsteht gegenwärtig vor den Toren Athens das Amüsierzentrum "Paradies-Park", eine Mischung zwischen Kopenhagener Tivoli und kalifornischem Disneyland.
Besonders trinkfreudige Gäste werden von den Griechen zum Weinfest nach Daphni gelockt: Für drei Mark Eintritt dürfen sich die Festgäste im Spätsommer allabendlich unbegrenzt vollaufen lassen; 80 Weinsorten stehen zur Auswahl.
Israels Touristen-Manager zeigen, wie die zumeist Isolierten Fremden mit Einheimischen in Kontakt gebracht werden können: Sie praktizieren das Programm "Besuch den Israeli zu Hause", das Israel-Besuchern Einladungen in israelische Familien vermittelt. Die Besucher können sich sogar ihre Gastgeber nach Alter und Berufen aussuchen.
Korsika und Jugoslawien spezialisierten sich mit Erfolg auf Freunde der Freikörper-Kultur. Denn Ferien an FKK-Stränden werden Immer häufiger verlangt. Als Touropa letzten Sommer zum erstenmal in Deutschland Ferien ohne im Pauschalarrangement anbot, waren sämtliche Nackedei-Strände des Unternehmens binnen weniger Wochen ausverkauft.
Ähnlich erfolgreich ist Mallorca mit Überwinterungsferien für Rentner. Mallorca-Hoteliers beherbergen alte Leute während der Wintermonate zu Billigstpreisen, Chartergesellschaften befördern sie zu extrem niedrigen Winter-Tarifen auf die Urlauber-Insel: drei Monate Mallorca für 800 Mark. 20 000 Alte flogen 1969 hin.
"Wenn die Flugzeugtür sich öffnet", so schildert das "Majorca Daily Bulletin" die Ankunft der Rentner auf dem Flughafen Palma de Mallorca, "und sie sehen die Sonne, werfen sie ihre Krücken weg und tanzen die Gangway hinunter."
Nicht alle kraxeln drei Monate später auch wieder die Gangway hinauf. Rund 30 Sterbefälle von Winterurlaubern hat allein der Sachbearbeiter im deutschen Konsulat -- Leichen-Meyer zur besseren Unterscheidung vom Neckermann-Meyer geheißen -- jeden Winter zu bearbeiten.
Allen Ferienländern -- ob auf Nackte oder Alte spezialisiert, ob abgelegen oder in der Nähe der Prosperitätsgefilde -- ist eines gemein: Sie benötigen für ein florierendes Touristengeschäft einen wolkenfreien Konjunkturhimmel in den Industriestaaten. Denn Wirtschaftskrisen treffen das Luxusprodukt Urlaubsreise härter als Güter des täglichen Bedarfs.
Die Konjunkturkrise von 1967, die eine Reihe wichtiger Industriestaaten heimsuchte, offenbarte, wie anfällig die Ferienindustrie ist: Die Zahl der Touristen stieg nur um sieben Prozent, die Urlaubsländer hatten aber mit üblichen Zuwachsraten gerechnet -- und entsprechend geplant. Folge: Viele neuerbaute Hotels -- beispielsweise In Tunesien oder Portugal -- standen leer.
Nicht minder unheilvoll können sich für einzelne Ferienziele organisatorische Pannen oder politische Krisen auswirken.
Profitgier und Ratlosigkeit meldeten letzten Sommer deutsche Urlauber
* An einem syrischen Panzer auf den Golan-Höhen.
aus Mallorca: Zahlreiche Mallorca-Hotellers hatten Ihre Hotels überbucht, insgesamt fehlten rund 20 000 Betten. Mallorca-Reisende mußten in Badewannen, Kirchen und Klöstern nächtigen, ihre Zimmer mit anderen Gästen teilen oder sogar gleich wieder umkehren.
Das Fiasko kostete die Spanier noch am Ende der letztjährigen Saison zahlreiche Mallorca-Urlauber, die nach den Pressemeldungen auf andere Urlaubsziele auswichen. Billige Werbeflüge zwei Wochen Mallorca einschließlich Hin- und Rückflug von Stuttgart für 78 Mark -- sollten dieses Frühjahr den schlechten Eindruck auslöschen. Doch die Mallorca-Buchungen stagnieren bislang.
Auch Rumänien fürchtet dieses Jahr um die bundesdeutschen Urlauber. Berichte über schlechtes, eintöniges Essen, über unzulänglichen Service und ungastliche Hotelzimmer verdarben das Image des Schwarzmeerlandes.
In Ägypten stehen seit dem Sechs-Tage-Krieg die Hotels leer, vergebens warten die Souvenirverkauf er in der Kairoer Altstadt und die Kameltreiber vor den Pyramiden auf die Touristenschwärme aus Europa und den USA.
Die Russen-Invasion der CSSR traf die Fremdenwirtschaft besonders hart: In den ersten neun Monaten des Jahres 1969 kamen 40 Prozent weniger Ausländer in die Tschechoslowakei als im gleichen Zeitraum des Vorjahres.
Für Griechenlands Gastwirte und Hoteliers brachte der Obristen-Putsch im Frühjahr 1967 ein Minus von fast 18 Prozent -- nur 821 000 Auslands. Touristen fanden 1967 nach Nellas, im Jahr davor waren es 144 000 mehr gewesen.
Doch die Abstinenz währte nur zwei Sommer: 1969 brachte ein Rekord-Plus von 33 Prozent.
Es erwies sich: Nicht aus Solidarität mit den unterdrückten Griechen waren die Touristen ausgeblieben, sondern weil sie um ihre Urlaubsruhe gefürchtet hatten. Sie beurlaubten sich von ihrem politischen Gewissen.
"An griechischen Stränden, neben den Konzentrationslagern", meinte Mikis Theodorakis nach seiner Freilassung im April, "baden zu gehen, das ist unmenschlich." Zur gleichen Zeit meldete Touropa "eine neue Buchungswelle" für Griechenland -- hervorgerufen laut Touropa von "den jüngsten Amnestien, wohl vor allem durch die Freilassung des populären "Alexis Sorbas'-Komponisten Theodorakis".
"Die Touristen fahren nicht, um zu politisieren, sondern uni sich zu ex-holen", freut sich der Leiter des griechischen Verkehrsbüros in Deutschland.
Sie fahren zudem vorzugsweise dorthin, wo es am billigsten ist. Griechenland aber ködert ausländische Touristen mit einem 20prozentigen Rabatt in allen A-, B- und C-Hotels.
Mit ähnlichen Zugaben versuchen auch andere touristische Zielgebiete, im harten Konkurrenzkampf um den Urlauber einen Vorsprung zu erzielen. Denn die touristischen Blitzkarrieren von Billigpreisländern wie Spanien oder Jugoslawien beweisen, daß es den meisten Urlaubern gleichgültig ist, ob sie nach Tunesien oder Teneriffa, nach Madeira oder Mallorca fahren -- "entscheidend ist der Preis" ("Der Volkswirt")'
"Wir hatten uns zuerst für das Sauerland entschieden", berichtete ein Urlauber dem Soziologen Viggo Graf Blücher, "aber preislich nachgefragt, da sind wir nach Italien gefahren, weil es billiger war."
So locken die Urlaubsländer mit billigem Benzin, mit besonderen Touristen-Wechselkursen oder preisgünstigen Familien-Ferien. "Hier ist Ihre Mark noch mehr wert", preist sich Bulgarien deutschen Urlaubern an.
140 Lire muß ein Italiener für einen Liter Super-Benzin bezahlen -- der Auslandstourist erhält den Sprit für 84 Lire.
Rumänien überreicht ADAC-Autotouristen an der Grenze gar einen Gutschein über 200 Liter Gratis-Benzin. Der Wechselkurs liegt für Rumänien-Touristen 200 Prozent günstiger als der übliche Wechselkurs. Und zu bestimmten Reiseterminen können jeweils zwei Erwachsene ein Kind bis zu sechs Jahren kostenlos nach Rumänien mitnehmen.
Vom Preiswettbewerb unter den Urlaubsländern profitieren die Touristen. Denn die Ferienreise ist eines "der seltenen Produkte, die trotz Geldentwertung immer preisgünstiger geworden" sind (so der Direktor der Schweizerischen Verkehrszentrale, Werner Kämpfen).
"Wie einen Markenartikel" müssen laut Günther Spazier von der Deutschen Zentrale für Fremdenverkehr die nationalen Verkehrsverbände ihre Länder im Ausland verkaufen.
Nicht nur in dar Planung und im Management hat der internationale Tourismus die Methoden anderer Großindustrien übernommen. Auch im Verkauf und in der Werbung paßten sich die Ferienländer inzwischen den Techniken der Markenartikel-Industrie an.
Die Touristik-Werber laden die Urlauber ein, ihr "Ferienherz zu verlieren" (in England), sie versprechen, "Bergluft macht schlank" (in der Schweiz) oder fordern auf, Urlaub zu machen, "wo der Sommer überwintert" (in Portugal).
Italiens Fremdenverkehrsverbände ließen sich ihre Deutschland-Werbung allein in Zeitungen und Zeitschriften letztes Jahr fast eine Million Mark kosten. Spanien brachte es auf 1,4 Millionen Mark, und selbst die kleinen Bahamas umwarben die deutschen Touristen mit einem Anzeigenetat von 377 500 Mark.
Im kanadischen Ottawa hat die touristische Zukunft bereits begonnen:
Dort installierte das zentrale Touristenamt einen Computer vom Typ IBM 1403, der alle Anfragen reiselustiger Ausländer beantworten kann.
In das Gehirn des Computers gaben die kanadischen Touristenmanager 800 verschiedene Antworten auf Auskunftbegehren künftiger Kanada-Urlauber ein. Vollautomatisch tippt die Maschine pro Stunde 1550 persönlich gehaltene Briefe.

DER SPIEGEL 28/1970
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