11.05.1970

JUGOSLAWIEN / ARMEEBefehle auf deutsch

Ein Armeeführer rührte an ein Tabu: Er beschwerte sich über die Armee. Jaka Avsic, 74, Generaloberst der Reserve, sorgt sich sogar um den Bestand des jugoslawischen Staates.
Titos Partisanenarmee hatte 1945 den Vielvölkerstaat "Jugoslawien" wiederbegründet. Noch hält die Vaterfigur Tito, 77, die südslawischen Nationalitäten zusammen. Titos Armee erzieht Ihre Rekruten in der gemeinsamen Staatsidee und ist der einzige gesamtstaatliche Machtfaktor, seit 1966 der Staatssicherheitsapparat wegen großserbischer Ambitionen weitgehend ausgeschaltet wurde,
Generaloberst Avsic, der zur slowenischen Nationalität gehört, fürchtet jetzt, auch die Armee sei Monopol der Serben und gefährde damit Titos Lebenswerk.
Denn in der "Jugoslawischen Volksarmee" müssen die Rekruten ihren Wehrdienst außerhalb ihres Heimat-Bundeslandes ableisten -- und die Kommandosprache der Armee ist laut Verfassung Serbisch.
Avsic: "Die Rekrutierung der militärischen Einheiten ohne Berücksichtigung der Nationalität setzt die frühere Entnationalisierungs-Politik im monarchistischen Jugoslawien der Vorkriegszeit fort."
Schon das nach dem Ersten Weltkrieg entstandene "Königreich der Serben, Kroaten und Slowenen", das 1929 in "Jugo(Süd)slawien" umbenannt wurde, war in Wirklichkeit ein Groß-Serbien gewesen. Die Kommunisten machten sich 1928 die Unabhängigkeitsforderungen der Kroaten, Slowenen und Mazedonier zu eigen -- auf Rat aus Moskau. 1934 prangerte die KP Jugoslawiens in einer Broschüre die "forcierte Serbisierung" in der Armee an, forderte den "Gebrauch der nationalen Sprache" in den Militäreinheiten und wandte sich gegen den "Wehrdienst der Soldaten außerhalb ihrer Heimatgebiete".
Avsic mahnte jetzt die Parolen aus der Broschüre an, denn "die Erinnerung an die Unterdrückung nichtserbischer Elemente Im Vorkriegs-Jugoslawien Ist noch frisch"; deshalb habe auch die Vorkriegsarmee den Deutschen 1941 keinen ernsthaften Widerstand (zwölf Tage) leisten können.
Diese Lehre sei höchst aktuell: "Der Staat, das heißt wir alle, ist durch die Möglichkeit eines schwachen Widerstands und einer erneuten Niederlage bedroht -- als Folge derselben Versäumnisse, deren verhängnisvolle Auswirkung unsere Geschichte mehr als deutlich bewiesen hat."
Avsic übte seine Militär- und Gesellschaftskritik In einem Artikel für die Zagreber "Kroatische Literaturzeltung". Im letzten Augenblick wurde der Artikel zensiert, die Veröffentlichung untersagt und die bereits gedruckte Auflage vernichtet. Nur von einem Exemplar gelangte eine Kopie, die dem SPIEGEL vorliegt, in den Westen.
Während die Offizierskameraden von Avsic- auf Schlüsselposten sind es meist Serben -- nach dem Krieg im traditionell serbenfreundlichen Rußland ausgebildet wurden, hat Slowene Avsic bereits 1928 die Höhere Militärakademie in Belgrad absolviert und war schon 1941 General. Während der deutschen Okkupation schlug er sich in Slowenien zu Titos Partisanen. Die Londoner Emigranten-Regierung degradierte ihn deswegen, aber Tito berief ihn in seine Gegenregierung, den "Antifaschistischen Rat der Volksbefreiung Jugoslawiens" (AVNOJ). Am 1. Dezember 1943 versprach Tito den slowenischen Partisanen: "Es gibt keinen Zweifel, daß ihr Slowenen eure eigene Armee geschaffen habt, daß diese Armee nach dem Kriege slowenisch bleiben wird und daß ihr Slowenisch als Kommandosprache behalten werdet -- vom Oberkommando hinab bis zur kleinsten Einheit."
Partisanengeneral Avsic (Deckname: Branko Hrast, "die Eiche") wurde 1945 Chef der Jugoslawischen Militärmission in Berlin, 1947 Botschafter in Wien, zwei Jahre darauf Minister in Slowenien, später Bürgermeister in Ljubljana. Jetzt erinnerte der Pensionär an das Tito-Versprechen von 1943 -- es existiere sogar In schriftlicher Ausfertigung, als "Dienstvermerk".
Avsic möchte seinem Slowenien wieder zu einer eigenen Armee verhelfen -- entgegen dem Konzept des auf straffe Zentralisierung bedachten Generalstabs.
Nach der sowjetischen CSSR-Intervention 1968 waren in allen Bundesländern Jugoslawiens schnell mobilisierbare Territorial-Verbände nach Partisanenart ("Allgemeine Volksverteidigung") aufgestellt worden. Die rund 1,2 Millionen Landsturmleute unterstehen der Befehlsgewalt der Teilrepubliken -- und auch das Bundesland Slowenien hat seither seine eigenen Soldaten. Sie werden auf slowenisch kommandiert.
Die Militärs in Belgrad möchten diese Milizverbände einem einheitlichen Kommando unterstellen -- dem Beigrader Generalstab. Das aber käme einer Ausweitung der Armeekontrolle auf die Gesellschaft gleich: Alle Betriebe, alle Gemeinden und Organisationen, die zur "Allgemeinen Volksverteidigung" herangezogen werden können, gerieten dann unter die Aufsicht der Armee. Dazu brauchen die aktiven Generäle auch weiterhin eine einheitliche Kommandosprache: Serbisch.
Während Jugoslawiens Serben, die sich noch immer für das Staatsvolk halten, den Armeeplan unterstützen, Ist der zensierte Avsic Sprecher kroatischer und slowenischer Nationalkommunisten, die sich auch für den Fall eines internen Machtkampfes -- etwa um Titos Nachfolge -- eine eigene Truppe wünschen. Sie fordern zudem Stationierung ihrer Landsleute aus der regulären Armee in der Heimatrepublik und -- militärische Befehle in der Landessprache. "Feind" heißt auf serbisch "neprijatel", auf slowenisch aber "sovráznik".
Avsic nennt als Vorbild die mehrsprachigen Armeen der Schweiz, Finnlands, Belgiens und Kanadas. Sogar die USA erscheinen ihm als musterhaft, weil sie früher Sondereinheiten für Mannschaften aufstellten, die nicht ausreichend Englisch konnten.
Die sowjetischen Lehrer der Beigrader Generalität dagegen hatten ihre Kriegsschüler in der russischen Lösung unterwiesen: Die Soldaten des Vielvölkerstaats Sowjet-Union werden russisch kommandiert. Avsic sieht darin einen Bruch des Nationalitätenprinzips: Die UdSSR "ist in dieser Hinsicht zurückgeblieben und nicht in der Lage, die bürokratisch-zentralistischen Fehler der Organisation von Gesellschaft und Wirtschaft zu begreifen".
Er empfiehlt die Vielsprachigkeit einer jugoslawischen Vielvölker-Armee im Gegenteil als Muster für die Sowjets: "Unsere Armee mag zwar nicht die erste sein, die das Prinzip der nationalen Gleichheit einführt, aber sie könnte ein Beispiel für die gesamte sozialistische Gemeinschaft werden."
An eine Armee mit nationaler Gleichheit erinnerte sich Avsic: die Streitkräfte der k. u. k. Monarchie, deren Untertan Avsic bis in den Weltkrieg I war: "In Österreich-Ungarn war das System der territorialen Rekrutierung der militärischen Einheiten erfolgreicher ... Vier Jahre haben solche nationalen Einheiten einen harten Krieg durchgehalten, unter ihnen slowenische Verbände und das kroatische 27. Korps, das von oben nach unten Kroatisch als Kommando-, Dienst- und Verwaltungssprache hatte."
Weltkrieg-I-Veteran Avsic irrt: Ein kroatisches 27. Korps hat es nie gegeben. Es bestand ein Königlich-ungarisches Honvéd-Infanterie-Regiment Nr. 27, in dem 84 Prozent Kroaten waren und dessen jüngster Wachtmeister Josip Broz hieß, der sich später Tito nannte. In diesem Regiment war die Kommandosprache Ungarisch, Kroatisch sprachen die Soldaten nur unter sich.
Avsic selbst diente wahrscheinlich -- so das Wiener Militärwissenschaftliche Institut -- als Kadett-Aspirant im k. k. Landwehr-Infanterie-Regiment, das die Nummer 27 führte. 86 Prozent der Mannschaften waren Slowenen. Seine Befehle erhielt Avsic auf deutsch, denn die Offiziere waren überwiegend Österreicher.
Trotz Irrtum und Zensur hat der alte General erreicht, daß zur Frage der jugoslawischen Territorialverteidigung Mitte Mai in Belgrad ein wissenschaftliches Symposion von rund 500 Offizieren und Gelehrten stattfindet, für das bereits über 90 Arbeitspapiere eingereicht wurden. Generalstäbler luden vorigen Monat einen Kleinkrieg-Experten nach Belgrad und Sarajewo ein: den Obersten i. G. Dr. Kurz, Pressechef des Eidgenössischen Militär-Departements.
Er beschrieb den Jugoslawen die Vorzüge der -- dreisprachigen -- Schweizer Miliz.

DER SPIEGEL 20/1970
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