23.12.2005

GESELLSCHAFTSchwedische Futterkrippe

Mit seinen Billig-Restaurants will der Möbelriese Ikea Kunden locken. Doch immer mehr Menschen nutzen die Läden als Sozialstation und kostenlosen Kinderhort.
Jeden Tag, um 8.50 Uhr, steigt Bodo Scheel mit knurrendem Magen in seinen Nissan und fährt auf die Autobahn A 7. Der Weg ist 11,3 Kilometer lang, dann kommt Scheels Ziel in Sicht: Ausfahrt 23, Hamburg-Schnelsen-Nord, Möbelhaus Ikea. Seit Jahren schon frühstückt der 67-jährige Rentner im dortigen Restaurant. Das Angebot ist unübertroffen: Für 1,50 Euro bekommt er zwei Brötchen, Butter, Wurst und Käse, Marmelade und sogar Räucherlachs, dazu Kaffee satt. "Die Brötchen kann man mitnehmen und nach drei Tagen noch gut mit einer Dose Thunfisch essen", sagt der frühere Justizbeamte. "Schmeckt prima."
Pensionär Scheel und seine Gattin sind nicht die Einzigen, für die der Besuch im Möbelladen zum täglichen Ritual gehört. In Köln und Bielefeld gibt es bereits organisierte Frühstücksclubs. Von München bis Kiel entwickelt sich der Elch-Shop zunehmend zur Sozialstation für Arbeitslose, Rentner, Mütter und Geringverdiener.
Im familiär-gemütlichen Konsumtempel zu essen ist für viele Finanzschwache angenehmer, als in der Suppenküche anzustehen. Das Stigma der Bedürftigkeit bleibt hinter dem "Billy"-Regal verborgen. Was als Zusatzservice zur Kundenbindung gedacht war, entwickelt längst ein Eigenleben jenseits der Sperrholzmöbel und Ausziehsofas. Sich zwischen kaufkräftige Kundschaft zu mischen gibt vielen das Gefühl dazuzugehören - auch wenn das Geld nur für einen Hot Dog reicht.
Mit ihren 37 Restaurants haben sich die Schweden in der Liste der umsatzstärksten Gastronomen Deutschlands 2004 auf den elften Platz vorgearbeitet, weit vor Tchibo und den Bäckerriesen Kamps mit seinen rund tausend Filialen. Jeden zwanzigsten Euro setzt der Konzern hierzulande mit Billig-Menüs um - 141 Millionen Euro im vergangenen Geschäftsjahr. Im Berliner Arbeiterbezirk Tempelhof steht der größte Schwedenimbiss mit 640 Sitzplätzen, bundesweit finden 14 000 Besucher Platz.
Die Kundenmischung ist bunt: Hier treffen Pensionäre auf Alleinerziehende, Manager auf Müllarbeiter. "Das Ikea-Restaurant ist ein moderner Bürgertreff, es ist ein Social-Living-Room", sagt Gretel Weiß von der Zeitschrift "food service". In diesem "sozialen Wohnzimmer" feiern manche sogar Geburtstag.
Was lockt, sind auch die Preise: der Hot Dog für 1 Euro, das Pils für 1,30 Euro, der Apfelkuchen mit Vanillesauce für 50 Cent. Im Schnitt gibt ein Ikea-Esser 4,30 Euro pro Mahlzeit aus und darf dafür in halbwegs gediegenem Ambiente speisen, statt sich bei Fast-Food-Ketten mit aufgeschäumter Plastikverpackung herumzuschlagen. "Wenn ich mit der Familie auswärts essen will, gehe ich zu Ikea, das kann ich mir leisten", sagt Stephan Panther. Der 47-jährige Taxifahrer aus Hamburg muss mit seinem Lohn von 1200 Euro netto vier Kinder ernähren.
Schon morgens warten Trauben von Menschen vor den geschlossenen Türen darauf, Punkt neun Uhr das Büfett zu stürmen. Autofahrer nutzen Ikea gern als Raststätte - mit kostenlosen Toiletten inklusive. Die meisten Filialen sind von der Autobahn aus gut sichtbar und liegen an einer Ausfahrt. In Ferienzeiten zählt besonders die Gaststätte in Kiel auffallend mehr Besucher. "Es sind Urlauber, die auf dem Weg nach Schweden oder Dänemark sind und eine Rast im Ikea-Restaurant einlegen, bevor sie auf die Fähre gehen", so Sabine Nold von Ikea.
Auch für Schnorrer ist der Schwedenimbiss ein Dorado. Gebrauchte Becher werden aus der Geschirrrückgabe-Station gegriffen, im Toilettenwaschbecken gespült und ohne Limit neu gefüllt. In Internet-Foren kursieren Anleitungen zum Hamstern von Mahlzeiten: "Einfach einen Zettel mit der eigenen Meinung ausfüllen, Adresse angeben und irgendwas Unerfreuliches schreiben, zum Beispiel, ich musste über 30 Minuten warten. Schon kommt ein Gutschein für ein Frühstück ins Haus", schreibt Daniela bei "Frag-Mutti.de".
Doch wesentlich mehr als die Futterschnorrer fürchten Ikea-Mitarbeiter pflichtvergessene Mütter und Väter. Rund 150 Drei- bis Zehnjährige werden täglich in Hamburg-Schnelsen im Kinderparadies Småland abgegeben - ein kostenloses Betreuungsangebot, damit Eltern in Ruhe durch den Ausstellungsraum streifen können. Doch viele missbrauchen den Dienst als Gratis-Babysitting. Gern mal setzt Mutti den Kleinen zwischen die bunten Bälle zu den Kindermädchen - und eilt auf den Tennisplatz oder zum Friseur. Die verzweifelten Durchsagen, sie möge ihren kreischenden Liebling doch bitte sofort abholen, bleiben dann ungehört.
"Wir wissen, dass es solche Fälle gibt. Im Sinne der Kinder ist das absolut nicht in Ordnung, wenn die Eltern sich nicht bei Ikea aufhalten, wenn ihre Kinder im Småland sind", sagt Nold. Mit Schrecken erinnert sich eine Möbelverkäuferin an einen Fall aus Dortmund. An einem Freitagabend wurde dort ein Kind bis Ladenschluss nicht abgeholt, trotz flehentlichster Durchsagen. Erst gegen 21 Uhr kamen die Eltern angeschlendert. Sie hatten ihr Kind schlicht vergessen.
Eine magische Anziehungskraft auf Eltern übt auch die Windelecke aus. "Früher wurden die kostenlosen Windeln säckeweise mit nach Hause genommen", sagt Faymé Brockmann vom Ikea-Restaurant in Schnelsen. Heute liegen sie nur noch in kleineren Stückzahlen bereit, gerade genügend, um Babys während der Shopping-Tour trockenzuhalten.
Damit die Kleinkinder beim Marathon durch die Wohnlandschaften nicht von Hunger geplagt werden, stellt Ikea zudem kostenlose Alete-Babynahrung bereit. Das Angebot kommt an: Sparfüchse laden sich batterienweise die 190-Gramm-Gläser aufs Tablett und bunkern sie zu Hause - rund 1500 Stück pro Monat gehen allein in Schnelsen weg. Diese Schnorrerei versucht die Firma neuerdings mit einem Trick zu unterbinden: Die Kassiererinnen schrauben an der Kasse die Deckel von den Gläsern. GERALD DRIßNER
Von Gerald Drißner

DER SPIEGEL 52/2005
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