23.12.2005

Plötzlich waren die Regale voll

Mythos Wirtschaftswunder: In kürzester Zeit ist Westdeutschland aus den Kriegstrümmern zur Industriemacht aufgestiegen. Hatte der Ökonom Ludwig Erhard tatsächlich entscheidenden Anteil daran? Oder war der Aufschwung bloß das Ergebnis glücklicher Umstände?
Der Mann mit der dicken Zigarre, die so schön an rauchende Schlote erinnerte, mochte seinen Ehrentitel nicht leiden. Dass er immerzu als "Vater des Wirtschaftswunders" gepriesen wurde, missfiel Ludwig Erhard. Und das war nicht bloß Koketterie.
Schon bevor der Boom einsetzte, in seiner ersten großen Rede als Wirtschaftsdirektor der Bizone im April 1948, äußerte der Volkswirt sein Unbehagen über das scheinbar Unerklärliche: "Wir glauben nicht an Wunder", so Erhard nüchtern, "und dürfen solche auch nicht erwarten." Auch später, als alle Welt staunte, wie rasch sich das Land erholt hatte, sprach er stets abfällig über das "seichte Gerede von dem deutschen Wunder".
Obskure Kräfte passten einfach nicht ins ökonomische Weltbild des Professors. Der fulminante Aufschwung der fünfziger Jahre war für den Wissenschaftler vielmehr das "naturnotwendige" Ergebnis von Mechanismen, wie sie in einer wettbewerblichen Ordnung eben funktionierten. Und die, nicht zu vergessen, er mit "konsequenter Politik" etabliert hatte.
Den Bürgern freilich war es gleich, ob man es ein Wunder nennen sollte oder Marktwirtschaft. Sie empfanden es als unfassbares Glück, wie das Land aus den Trümmern zu einer führenden Industrienation aufsteigen konnte. Denn was hatten sie schon zu erwarten?
Auf den totalen Krieg, das schien klar, würde eine tiefe Depression folgen. Die Menschen in den zerbombten Wohnquartieren litten Hunger und Kälte; kaum vorstellbar, dass es statt Brennnesselsuppe bald wieder Schwarzwälder Kirsch geben sollte. Die Schäden, die Opfer, die Reparationsansprüche: Man musste mit dem Schlimmsten rechnen.
Aber das Beste passierte: Im goldenen Jahrzehnt bis 1960 wuchs die Wirtschaft jedes Jahr um über acht Prozent im
Schnitt, das Sozialprodukt konnte mehr als verdoppelt werden, die Hersteller von Investitionsgütern verdreifachten sogar ihr Geschäft.
Die Bürger lebten in einer neuen Staatsform, mit neuer Währung, sogar neuen Verbündeten, die sie eben noch als Feinde bekämpft hatten. Zugleich verschob sich das gesamte Wirtschaftsgefüge: Fortan dominierte die Industrie, gefolgt vom Dienstleistungssektor, die Landwirtschaft spielte nur noch eine Nebenrolle.
Die Menschen genossen die geschenkte Freiheit, vor allem die Freiheit des Konsums. Dank "bequemer Teilzahlung", wie der neue Ratenkredit beworben wurde, konnte sich jeder Normalverbraucher den Bauknecht-Kühlschrank oder das Grundig-Radio leisten - und bald schon vieles mehr: den Urlaub am Lido di Jesolo, den Käfer von Volkswagen. Die Zulassungsbehörden zählten Ende des Jahrzehnts gut 5 Millionen Autos, zu Beginn waren es gerade 700 000 gewesen. Ein VW war seinerzeit in acht Tagen lieferbar, zum stolzen Preis von 5300 Mark.
Dafür schuftete der Bundesbürger 48 Stunden in der Woche, natürlich auch samstags. So viele Wünsche hatten sich angestaut, die Nachkriegsgründer konnten sie bedienen. Junge Männer wie Adolf Dassler (Adidas) oder Max Grundig starteten ihre kometenhaften Karrieren, vor allem aber Einzelhändler wie Otto Beisheim (Metro) oder der Schuhkönig Heinz-Horst Deichmann wussten die Gunst der Stunde zu nutzen.
"Es war eine herrliche Zeit", schwärmt Deichmann heute. Der 79-Jährige steht in seinem Büro in Essen-Borbeck, in den Händen hält er ein kleines Schuko-Automodell: einen grünen Mercedes-Transporter aus den frühen Sechzigern mit einer Deichmann-Aufschrift am Seitenblech. "Damals hatten wir es mal mit einem schwungvollen Schriftzug versucht", erzählt der Unternehmer und erinnert sich.
Daran, wie er anfangs Sandalen fertigen ließ mit Sohlen aus Pappelholz, das er aus dem Garten eines Freundes besorgt hatte. Wie er den alten Opel, aus dem er die Rückbank herausgenommen hatte, mit Schuhen belud und die Filialen belieferte. Wie seine Frau morgens noch im Laden stand und abends eine Tochter zur Welt brachte. Und wie er nach der Währungsreform jede Woche in die Pfalz fuhr, um Nachschub zu besorgen, später nach Italien: "Mit meinem Latein kam ich dort ganz gut durch."
Inzwischen führt Sohn Heinrich, 43, das Unternehmen. Deichmann ist der größte Schuh-Einzelhändler in Europa, die 21 000 Mitarbeiter verkaufen im Jahr 90 Millionen Paar Schuhe. "Wir sind Teil des Wirtschaftswunders", stellt der Senior fest.
Gleich nach dem Krieg formulierte er seine Unternehmensphilosophie, sie passte genau in die Zeit: die Masse mit modischen Qualitätsschuhen zu günstigen Preisen versorgen. Und so eröffnete er eine Filiale nach der anderen. "Das war oft wie ein Fest", beschreibt er die Aufbruchstimmung: "Jeder freute sich, wenn die Läden voller Menschen waren." Und jeder war dankbar, den Krieg heil überstanden zu haben.
Noch immer wird dieser Geist der fünfziger Jahre gern beschworen, der Mythos Wirtschaftswunder lebt. Im Wahlkampf verwies Angela Merkel auf die Gründerjahre, als ob sich diese wiederholen ließen. Und dabei vergaß sie nie, die Leistung von Ludwig Erhard herauszuheben, als ob dieser allein den Wohlstand gebracht hätte. Fragt sich bloß, ob der Anteil des Ökonomen am Wiederaufbau tatsächlich entscheidend war?
Der Mainzer Historiker Volker Hentschel hat Zweifel. "Das Wirtschaftswunder wurde weder von Erhard noch von der ,sozialen Marktwirtschaft' geschaffen", meint er, "das Wirtschaftswunder schaffte vielmehr die Erhard-Legende und den Mythos von der ,sozialen Marktwirtschaft'." Demnach hätte der Aufschwung der fünfziger Jahre auch ohne den Einfluss von Erhard stattgefunden.
Die Industrie jedenfalls lag längst nicht so danieder, wie es die Zerstörungen in den Städten vermuten ließen. Nicht einmal die Stahlproduktion an der Ruhr hatte größere Schäden erlitten, allenfalls die Transportwege waren in Mitleidenschaft geraten. Den meisten Firmen gelang der Neustart ohne große Verzögerung, mit demselben Personal, denselben Maschinen, denselben Kunden.
"Die Vorstellung, es habe eine ,Stunde null' gegeben, trifft für die westdeutsche Industrie am allerwenigsten zu", meint der Bielefelder Historiker Werner Abelshauser. Die Eliten in Handel und Industrie
blieben weitgehend die Gleichen. Rund 6000 jüngere Manager hatten im "Dritten Reich" für Hitlers Rüstungsminister Albert Speer gearbeitet. "Viele dieser Nachwuchstalente machten nun Karriere in der Nachkriegswirtschaft", so Abelshauser über "Speers Kindergarten", darunter einflussreiche Unternehmensführer wie der VW-Chef Heinrich Nordhoff oder der Kaufhausgründer Helmut Horten.
Auch in anderer Hinsicht basierte der Nachkriegsaufschwung auf einer Grundlage, die schon vor 1945 gelegt wurde: In den frühen dreißiger Jahren skizzierten Wissenschaftler wie Wilhelm Röpke, Franz Böhm oder Walter Eucken ihre Vorstellungen eines idealen Wirtschaftssystems: einer marktwirtschaftlichen Ordnung, basierend auf freiem Leistungswettbewerb, allerdings mit einem starken Staat, der die Spielregeln bestimmt, ohne selbst mitzuspielen.
Solche Ideen griff Ludwig Erhard dankbar auf. Der Ökonom, ein fülliger Franke, der in Nürnberg ein Institut für Konsumforschung leitete, machte sich schon 1944 in einer Abhandlung Gedanken darüber, was nach dem Krieg aus der Volkswirtschaft des Deutschen Reiches werden könnte. Die 268 Seiten fielen den Amerikanern in die Hände.
Die Schrift beeindruckte die Militärs, sie stellten Erhard im April 1945 als Berater ein, und "von diesem ersten neuen Tage an verband mich mit den Amerikanern ein Vertrauensverhältnis", so Erhard später. Schon im Oktober des Jahres avancierte er zum bayerischen Staatsminister für Handel und Gewerbe, dann zum Bizonen-Wirtschaftsdirektor - eine Karriere, wie sie nur in solchen Zeiten möglich war.
Nun konnte der Seiteneinsteiger sein Konzept in die Tat umsetzen, eine Wirtschaftsordnung, von der, so Erhard, jeder profitiere: "Je freier die Wirtschaft, umso sozialer ist sie auch." Alle Macht dem Markt, das Soziale kommt dann von allein. Heute würden wohl nicht nur Attac-Anhänger Ludwig Erhard als gnadenlosen Neoliberalen bezeichnen.
Kein Wunder, dass der parteilose Ökonom aneckte, die Zweifel am Kapitalismus waren in jenen Tagen weit verbreitet. Den Menschen war die Weltwirtschaftskrise von 1929 noch schmerzlich bewusst, viele Bürger sympathisierten mit der Verstaatlichung der Schwerindustrie, überhaupt mit Eingriffen in die Wirtschaft. Und die großen Parteien spiegelten diesen Zeitgeist.
Dem SPD-Vorsitzenden Kurt Schumacher war das Wirtschaftsprogramm Erhards "ein dicker Propaganda-Ballon des Unternehmertums", gefüllt mit den "Abgasen des verwesenden Liberalismus". Auch von der CDU bekam Erhard mächtig Gegenwind, schließlich war die Union im Ahlener Programm 1947 zu dem Schluss gekommen, das kapitalistische System sei "den staatlichen und sozialen Interessen des deutschen Volkes nicht gerecht geworden". Sogar den Amerikanern ging ihr Zögling zu weit - doch im entscheidenden Moment ließen sie den Wirtschaftsdirektor gewähren.
Am Sonntag, dem 20. Juni 1948, trat die Währungsreform in Kraft: Die Bürger bekamen 40 Deutsche Mark im Umtausch gegen 60 alte Reichsmark, weitere 20 Mark gab es zwei Monate später. Erhard aber überraschte die Amerikaner damit, dass er kurzerhand auch die Bewirtschaftung abschaffte, wie er noch am Abend im Rundfunk verkünden ließ: Bis dahin waren die meisten Güter rationiert, man bekam Lebensmittel nur über Bezugsscheine, und die Preise wurden von der Militärverwaltung festgelegt. Von nun an bestimmten die Marktkräfte über den Preis, nur besonders wichtige Produkte wie Kohle, Stahl oder Kraftstoff waren noch eine Zeit lang rationiert.
Am Montag wurde er deshalb ins Büro von Lucius D. Clay zitiert, dem amerikanischen Militärgouverneur. Wie er es denn wagen könne, eigenmächtig alliierte Preisvorschriften abzuändern, blaffte ihn Clay an. Daraufhin Erhard kühn: "Ich habe die Vorschriften nicht abgeändert, ich habe sie abgeschafft." "Aber alle meine Berater sind gegen Ihr Vorgehen", erwiderte Clay. "Meine Berater auch", gab Erhard zurück.
Tatsächlich lieferte die Freigabe der Preise die Initialzündung für den Aufschwung. Was vielleicht noch wichtiger war: Erhard hielt gegen alle Widerstände daran fest.
Denn zunächst reagierte der Markt nicht so, wie er es kalkuliert hatte. Die Preise zogen erheblich an. Der Anstieg war umso schmerzlicher, weil die Löhne zugleich stagnierten, die Wochenverdienste lagen nur fünf Prozent höher als zehn Jahre zuvor. Der Unmut wuchs.
"Uns reicht es", verkündete der DGB-Vorsitzende Hans Böckler, am 12. November machten die Gewerkschaften mobil. Sie riefen zum ersten - und bislang einzigen - Generalstreik nach dem Krieg in Westdeutschland auf, doch das klingt spektakulärer, als es tatsächlich war: "Der Generalstreik war eher ein genereller Warnstreik", erinnert sich der Währungsexperte Wilhelm Hankel, 76, damals Abiturient in Mainz.
Der Ausstand dauerte einen Tag. Als die Löhne freigegeben wurden und wieder stiegen, gewann Erhard an Zustimmung; gleichwohl gehörte er damals zu den unpopulärsten Politikern.
Mit der eigentlichen Währungsreform, der physischen Einführung der D-Mark, hatte Erhard wenig zu tun, diese Operation lief unter der Federführung eines jungen US-Beamten namens Edward Tenenbaum. Er koordinierte den Transport der 23 000 Stahlkisten, in denen die in den USA gedruckten Geldscheine verpackt waren: erst von Bremerhaven in das alte Reichsbankgebäude in Frankfurt, dann über die einzelnen Landeszentralbanken an zahllose Lebensmittelkartenstellen, die den Umtausch am Tage X erledigen sollten - eine logistische Meisterleistung.
An diesem Tag wurde der größte Teil des Barvermögens ungültig. Tenenbaum hatte die Umstellung bis ins Detail ausgetüftelt, deutsche Sachverständige halfen ihm dabei.
Nie in der deutschen Geschichte hat es eine größere Enteignungsaktion gegeben, am härtesten traf die Währungsreform die Besitzer großer Sparguthaben. Am meisten profitierte, wer über Grund- und Sachvermögen verfügte.
Und nie zuvor existierte in Deutschland eine Währung, die nicht durch Gold oder Devisen gedeckt war. Die Skepsis in der Fachwelt war groß: "Sie haben überhaupt keine Chance, es kann nichts daraus werden", beschied Camille Gutt, der damalige Chef des Internationalen Währungsfonds, den Präsidenten der Bank deutscher Länder, Wilhelm Vocke.
Und was daraus wurde: Die D-Mark entwickelte sich zur stabilsten Währung der Nachkriegszeit, härter als der Dollar, sogar härter als der Schweizer Franken.
Mit dem Tag der Reform hatte das Päckchen "Camel" als Währung ausgedient, der schwarze Markt brach zusammen, Arbeiten lohnte sich wieder. Und, psychologisch besonders wichtig, plötzlich waren die Regale voll. Erhard hatte zuvor Signale ausgesendet, dass die Reform bevorstehe - und die Händler handelten wie gewünscht: Sie horteten Waren für den Tag X.
Es schien, als ob ein Schalter umgelegt worden wäre: Noch im Frühjahr 1948 hatte der Hygieneartikelhersteller Camelia die Kunden in Zeitungsanzeigen gebeten, dem Händler doch bitte die gebrauchten Schachteln zurückzugeben, "denn die Verpackungsschwierigkeiten sind sehr groß" - kurz darauf lebten die Verbraucher in der Wegwerfgesellschaft. Auch die sogenannte Fettlücke, die der bizonalen Verwaltung im Hungerwinter 1946/47 noch große Sorgen bereitet hatte, war bald geschlossen - einige Jahre später rollte die Fresswelle an.
Die Bundesbürger flüchteten in den Konsum und in die Arbeit und verdrängten die Erinnerung an die braune Vergangenheit. Der sichtbare, für die meisten unmittelbar spürbare Erfolg der Marktwirtschaft erleichterte es ihnen, die parlamentarische Demokratie zu akzeptieren, sich sogar mit ihr zu identifizieren. Der wachsende Wohlstand lieferte das beste Argument für die Westbindung.
Dabei half der Marshall-Plan auf besondere Weise. US-Außenminister George Marshall hatte in seiner Rede an der Harvard-Universität im Juni 1947 Hilfsleistungen angekündigt, die "eine Heilungskur und nicht nur ein Linderungsmittel darstellen" sollten. Es war gewiss nicht reine Nächstenliebe, die die Amerikaner dazu trieb; ihre kriegsgeschwächte US-Wirtschaft brauchte dringend ein regeneriertes Europa als Absatzmarkt.
Die Summen, die Westdeutschland aus dem "European Recovery Program" zukamen, waren freilich eher bescheiden. Von den rund 14 Milliarden Dollar (nach heutigem Wert rund 108 Milliarden Dollar) erhielt die Trizone gerade zehn Prozent. Die Hilfen bestanden aus Krediten, aber auch aus Rohstoffen und Lebensmitteln, wobei die Amerikaner die Auswahl vornahmen. Zudem durften die Deutschen nicht frei über die Mittel verfügen.
Der Historiker Abelshauser kann deshalb in den Hilfsleistungen "keine entscheidende Bedeutung für den wirtschaftlichen Wiederaufstieg" erkennen: "Sie waren zu teuer, kamen zu spät und entsprachen oft nicht den Bedürfnissen der westdeutschen Industrie."
"Nicht der Betrag war entscheidend", meint hingegen Währungsexperte Hankel, "wichtiger war die psychologische Wirkung." Hankel war Anfang der fünfziger Jahre junger Volkswirt im eigens eingerichteten Ministerium für den Marshall-Plan am Bonner Rheinufer.
Dort wurden unter anderem spektakuläre Werbeaktionen vorbereitet: Plakate mit der Aufschrift "Hier hilft der Marshall-Plan", Aufkleber, Postkarten und Sonderstempel, Preisausschreiben, Radiosendungen und nahezu 200 Filmbeiträge - das Marketing war oft auffälliger als die Hilfe selbst.
Die Kampagnen hatten gewaltigen Einfluss darauf, dass die Amerikaner nicht mehr als Besatzer wahrgenommen wurden, sondern als Verbündete, sogar als Freunde. Der Feind stand nun im Osten, und zwar ganz nah, nur wenige Kilometer von Lübeck, Fulda und Hof entfernt: "Die Marshall-Plan-Politik", so der Gießener Historiker Hans-Jürgen Schröder, "hat die Teilung Deutschlands beschleunigt und vertieft."
Zu dieser Zeit war die westdeutsche Wirtschaft längst auf dem Weg der Besserung, aber noch nicht gesund. Ihr Motor lief gleichsam nur auf einem Zylinder, der Binnenkonjunktur. Die Arbeitslosenquote schnellte im Februar 1950 auf 14 Prozent, in Bonn wurde sogar spekuliert, dass Bundeskanzler Konrad Adenauer seinen Wirtschaftsminister ablösen würde. Doch die weltpolitischen Zeitläufte retteten Erhard.
Als am 25. Juni 1950 die Nordkoreaner ihre Verwandten in Südkorea angriffen,
traten die Amerikaner wieder in die Kriegswirtschaft ein. Und damit sprang der andere Zylinder an, der Export. Auf dem Weltmarkt stieg die Nachfrage nach deutschen Waren kräftig an, in nur einem Jahr, zwischen Juni 1950 und Juli 1951, verdoppelten sich die Ausfuhren. "Zum ersten Mal spürte die westdeutsche Wirtschaft einen Wachstumsschub über die Außenwirtschaft", urteilt Historiker Abelshauser über den Korea-Boom.
Die deutsche Industrie lieferte, was die Welt brauchte: Maschinen, Anlagen, Kraftfahrzeuge. 1952 exportierte die Bundesrepublik erstmals wieder mehr, als sie einführte. In den zehn Jahren bis 1960 stieg der Anteil, den Westdeutschland am Weltexport hielt, von 3,6 Prozent auf 8,9 Prozent an. Damit knüpfte das Land an alte Traditionen an.
Schon zur Kaiserzeit waren im Deutschen Reich Unternehmen wie BASF, AEG oder Siemens entstanden, die dank ihres technologischen Vorsprungs und ihrer modernen Organisation Weltruf erlangt hatten. Bald nach dem Zweiten Weltkrieg setzten diese Firmen wieder da an, wo sie eine Generation zuvor aufgehört hatten.
Vielen mittelständischen Unternehmen, die sich seit Generationen in der Hand einzelner Familien befanden, gelang erst mit dem Wirtschaftswunder der internationale Durchbruch. Erfolgreich besetzten sie Nischen, von dort aus drangen Betriebe wie der Hersteller von Klimaanlagen für Autos Behr in Stuttgart (gegründet 1905) oder der Edelmetallspezialist Heraeus in Hanau (gegründet 1851) an die Weltspitze vor.
Andere Unternehmer, die nach dem Krieg eine Firma gegründet hatten, nutzten den Exportboom der fünfziger Jahre aus. Es waren Macher wie Reinhold Würth, die von Anfang an konsequent auf das Auslandsgeschäft setzten. 1954 hatte er vom Vater in Künzelsau eine Zwei-Mann-Schraubenhandlung übernommen, inzwischen beschäftigt er knapp 50 000 Mitarbeiter. "Mit Sicherheit war 70 bis 80 Prozent des Erfolgs die frühe Internationalisierung", sagt der 70-Jährige heute.
Auch Artur Fischer, 85, ist so ein Pionier des Wirtschaftswunders. 1958 gelang ihm eine bahnbrechende Erfindung, der Spreizdübel aus Kunststoff, ein Artikel, wie geschaffen für den Bauboom jener Jahre. Dieser Dübel ist nur eines von insgesamt 1096 Patenten des Tüftlers aus Tumlingen. Heute ist seine Unternehmensgruppe in 19 Ländern zu Hause.
Oder natürlich Max Grundig (1908 bis 1989), der legendäre Konstrukteur aus Nürnberg, der einen Baukasten mit Einzelteilen auf den Markt brachte, aus denen die Kunden den "Heinzelmann" zusammenbasteln konnten - fertige Radiogeräte durften nach dem Krieg nur gegen Bezugsscheine verkauft werden. Stets hatte Grundig das passende Produkt für den Zeitgeschmack parat, 1949 den ersten Kofferempfänger, 1959 den ersten UKW-Empfänger, 1952 den ersten Tonbandkoffer für unter 1000 Mark.
Solche Nachkriegstycoons trugen entscheidend zum wirtschaftlichen Erfolg der jungen Bundesrepublik bei. Sie hatten die Nase dafür, was ankam, sie passten sich schnell den veränderten Märkten an. In diesen Betrieben haben ganze Generationen von Arbeitnehmern Karriere gemacht.
Der Aufschwung trug sich schließlich selbst, das Ausland beobachtete verblüfft das "economic miracle", die Amerikaner verloren ihre letzten Zweifel an Erhards ordoliberalem Konzept. Anfangs hatten sie es durchaus kritisch betrachtet, immerhin herrschte in den USA noch der Geist des New Deal.
Doch mit dem Erfolg kam die Zustimmung, nun wurde Erhard beim Washington-Besuch 1958 als "Apostel der freien Marktwirtschaft" gefeiert: "Der Wirtschaftspolitik und ihrem theoretischen Konstrukt wurde damit endlich ,Absolution' erteilt", bemerkt die Historikerin Anette Koch-Wegener in ihrer unlängst erschienenen Dissertation über die amerikanische Sicht auf Erhard.
Kurioserweise entfernte sich gerade in diesen Jahren jedoch die deutsche Volkswirtschaft immer weiter von der freien Marktwirtschaft. Die Politik griff mehr und mehr ins Geschehen ein, der Einfluss der Gewerkschaften wuchs. Das Betriebsverfassungsgesetz
von 1952 regelt bis heute, wie Arbeitnehmer und Betriebsräte in den Unternehmen mitwirken können. Ein "Kuchenausschuss" genanntes Gremium aus Unionspolitikern verteilte vor den Bundestagswahlen 1957 Geschenke aus dem Budgetüberschuss.
Die größte Wohltat wurde den Senioren zuteil. Mit der Rentenreform stiegen die laufenden Altersbezüge um mehr als 60 Prozent, fortan wurde die Höhe der Renten automatisch an die Einkommen gekoppelt: Zwischen 1957 und 1969 wuchsen sie um sagenhafte 110,5 Prozent. Von Beginn an betrachtete Erhard diese Art der Sozialpolitik als Gefahr für seine Wirtschaftsordnung, als gefährliche "Entwicklung zum Versorgungsstaat".
Doch verhindern konnte er sie nicht. In diesen Jahren verlor Erhard nach Ansicht des US-Historikers Alfred Mierzejewski "in seinem Kampf um die Umgestaltung Nachkriegsdeutschlands an Elan". Dass es ihm nicht gelang, Adenauers Rentenreform aufzuhalten, sei "seine wichtigste Niederlage" gewesen.
Was also bleibt Erhards Erbe, worin liegt sein Anteil am Wirtschaftswunder? Welche Faktoren haben den Aufschwung letztlich getragen? Es war jedenfalls nicht allein die Währungsreform und schon gar nicht der Marshall-Plan, die den Wiederaufbau bewirkt haben. Es spielten noch eine ganze Reihe anderer Einflüsse eine Rolle, darunter auch pure Zufälle.
Dass zum Beispiel Ludwig Erhard überhaupt eine so exponierte Stellung einnehmen konnte, verdankte er einer markigen Äußerung seines Vorgängers als Wirtschaftsdirektor der Bizone, Johannes Semler. Der hatte am 4. Januar 1948 den Amerikanern vorgeworfen, den Deutschen lediglich Hühnerfutter, nämlich Mais, vorzusetzen. "Wir zahlen es in Dollar aus deutscher Arbeit und deutschen Exporten und sollen uns dafür noch bedanken", polterte Semler.
Dazu muss man wissen, dass Mais in den USA als hochwertiges Lebensmittel gilt und "Chickenfood" im Englischen die Nebenbedeutung von "lächerlicher Kleinigkeit" hat. Ein doppeltes Missverständnis, das Folgen hatte: Semler musste gehen, Erhard bekam seine Chance - und ergriff sie.
Sein Verdienst liegt zweifellos darin, dass er Westdeutschland gegen alle Widerstände auf einen marktwirtschaftlichen Kurs geführt hat: Das sind Spuren, die bleiben. Ob er mit dieser Weichenstellung auch die hohen Wachstumsraten der fünfziger Jahre bewirkt hat, ist freilich weniger gewiss. Viel spricht dafür, dass der Aufschwung ohnehin gekommen wäre. Denn auch Frankreich erlebte damals seine "glorreichen Jahre", obwohl dort die Wirtschaft stark reglementiert und zentral gesteuert wurde.
Erhard profitierte von anderen Besonderheiten jener Zeit: Da war vor allem der ungeheure Zustrom von vielfach gutausgebildeten Vertriebenen; sie setzten ihre ganze Kraft ein, sich ein neues Leben aufzubauen. Mit ähnlichem Elan gingen die Übersiedler aus der DDR ans Werk: Ärzte, Lehrer oder Ingenieure, die qualifiziert und leistungswillig waren.
Millionen Arbeiter und Angestellte, Steuerzahler und Konsumenten bereicherten die Bundesrepublik, der Bevölkerungszuwachs war der eigentliche Treibstoff für den fulminanten Aufschwung. Allein deshalb schon ist ein Wirtschaftswunder heute - in einer schrumpfenden, alternden Gesellschaft - nicht vorstellbar.
Ebenfalls oft unterschätzt wird der Beitrag, den die Gewerkschaften in den Aufbaujahren geleistet haben. Die Löhne stiegen nur moderat, jedenfalls weitaus langsamer als die Produktivität. Auch sonst verhielten sich die Arbeitnehmervertreter konstruktiv, manchmal standen sie Erhard sogar näher als die Christdemokraten. Erst die Appelle von Gewerkschaftern beispielsweise bewegten die Sozialausschüsse der Union dazu, dem wichtigen Leitsätzegesetz von 1948 zuzustimmen, das bestimmte, welche Preise freigegeben wurden und welche nicht.
Als überaus vorteilhaft hat sich auch herausgestellt, dass anders als nach dem Ersten Weltkrieg die Alliierten den Deutschen keine schwerwiegenden ökonomischen Strafen auferlegten. Die Demontage von Industrieanlagen hielt sich im Westen in Grenzen, die Siegermächte erließen 1953 beim Londoner Schuldenabkommen von den ursprünglich erwogenen Forderungen großzügig etwa die Hälfte - auch dank des Verhandlungsgeschicks des deutschen Bankiers Hermann Josef Abs - und vereinbarten eine Ratenzahlung, gestreckt auf Jahrzehnte: Die Bundesrepublik wurde kreditwürdig.
Und schließlich gehört zur Erklärung des raschen Aufstiegs auch dazu, dass Westdeutschland seine neue Währung gleich zu Beginn um 20 Prozent abgewertet hatte. Mit diesem Schritt wurden Waren "made in West-Germany" gegenüber den Produkten aus anderen Ländern billiger, die deutschen Ausfuhren standen im Wettbewerb besser da.
Es war also durchaus kein Wunder, was nach dem Krieg in Westdeutschland geschah. Erhard hatte recht, wenn er meinte, es sei "eine völlig falsche Wortprägung", die rasche Genesung Westdeutschlands als "Wirtschaftswunder" zu bezeichnen.
In dieser Kategorie erlaubte sich der Wissenschaftler nur in einem besonders heiklen Moment seines Lebens zu denken: als ihm Ende September 1918, kurz vor Kriegsende, Granatsplitter die linke Schulter zerfetzten und die Ärzte im Recklinghäuser Hospital ihm wenig Hoffnung machten, dass der Arm zu retten sei.
Nach der Operation wachte Erhard auf und fasste nach links: Sein Arm war verkürzt, aber er war noch dran. "Das", so bekannte der Ökonom, "war für mich ein wirkliches Wunder." ALEXANDER JUNG
Ludwig Erhard, Wirtschaftsdirektor der Bizone, hatte 1948 fast alle gegen sich: die amerikanischen Besatzer, CDU-Parteifreunde, die oppositionellen Sozialdemokraten. Doch mit einem politischen Handstreich ebnete er der sozialen Marktwirtschaft den Weg. Nie waren die Deutschen wirtschaftlich so erfolgreich wie in den fünfziger Jahren. Der SPIEGEL beschreibt in einer Serie die unterschiedlichen Antworten von Bundesrepublik und DDR auf die Katastrophe des "Dritten Reichs".
Von Alexander Jung

DER SPIEGEL 52/2005
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