23.12.2005

KINOZwei Männer, zwei Türme

Lange galten die Anschläge vom 11. September in Hollywood als Tabu-Thema - nun sind mehrere Leinwand-Epen über die Katastrophe in Arbeit. In Los Angeles verfilmt Regisseur Oliver Stone die wahre Geschichte zweier Polizisten, die im Schutt des World Trade Center überlebten.
Die Mall ist wie ausgestorben. Wassertropfen fallen von der Decke auf die Scherben zerborstener Schaufensterscheiben. In der Auslage eines Geschäfts preist ein Schild ein Modeereignis des Herbstes an: Fall Event 2001. Da ertönt ein tiefes Grollen, das sich schnell zu einem infernalischen Lärm steigert - so muss es klingen, wenn der Himmel auf die Erde stürzt. Dann bricht der Ton jäh ab, und das Schild zittert noch kurz nach. Doch es fällt nicht um.
Einige Meter weiter steht der Regisseur Oliver Stone und fährt sich mit der Hand durch die Haare, als müsste er sie vom Staub befreien. Dabei liegt gar kein Staub in der Luft. Noch nicht. Stones Filmteam bereitet eine Einstellung vor, in der Menschen aus einem einstürzenden Gebäude fliehen. Einen Titel hat der Film bislang noch nicht. Aber eines steht fest: Er handelt vom tragischsten Fall Event der jüngeren US-Geschichte - dem Zusammenbruch des World Trade Center am 11. September 2001.
Mitten in Los Angeles, in den Playa Vista Studios, verfilmt Stone die wahre Geschichte der beiden New Yorker Polizisten John McLoughlin (gespielt von Nicolas Cage) und William J. Jimeno (Michael Pena), die unter den Trümmern der Twin Towers begraben und erst nach 22 bzw. 13 Stunden schwerverletzt gerettet wurden.
Breitbeinig und mit schwerem Gang schreitet der Hüne Stone zur Tat - auf den Spuren eines Pioniers. Denn in den riesigen Hallen, in denen nun die Nachbildungen von Teilen des World Trade Center stehen, entwickelte und baute der legendäre Milliardär Howard Hughes einst Flugzeuge. Stone blickt nach oben und stöhnt: "Ich will gar kein Pionier sein! Ich will nicht der Erste sein, der den 11. September auf die Leinwand bringt."
Das wird er wohl auch nicht. Denn zur gleichen Zeit dreht der Brite Paul Greengrass ("Die Bourne Verschwörung") in London den Film "Flight 93" - so lautete die Flugnummer jener Maschine, die am 11. September über Pennsylvania abstürzte, nachdem Passagiere sich gegen die Terroristen zur Wehr gesetzt hatten. Ende April kommenden Jahres soll "Flight 93" ins Kino kommen - Stones Film erst im August.
Greengrass hält die Ereignisse jenes Tages für die "DNA unserer Zeit". Hollywood sieht das offenbar genauso und entwickelt aus ihr gleich weitere Filme.
In "Reign O'er Me" wird Adam Sandler einen Familienvater spielen, der in der Katastrophe Frau und Kinder verliert; eine Adaption des Sachbuchs "102 Minuten", das die Zeit zwischen dem Einschlag des ersten Flugzeugs ins World Trade Center und dem Einsturz des zweiten Turms rekonstruiert, ist in Arbeit. Auch das US-Fernsehen produziert gerade zahlreiche TV-Filme und Serien über das Ereignis.
Unter dem Schock der Anschläge hatten Hollywoods Studiobosse 2001 noch innegehalten und der Gewalt abgeschworen. Action sei fortan passé, hieß es damals, der 11. September war als Filmsujet tabu. Selbst bei Komödien wie "Zoolander",
die vor den Anschlägen gedreht worden waren, wurden die Twin Towers aus den Bildern digital entfernt - angeblich aus Rücksicht auf die Gefühle der Zuschauer.
So blieben Hollywood-Filme über den 11. September und seine Folgen eine Rarität. Bisher wurde vor allem die Opferbereitschaft der New Yorker Feuerwehrleute gewürdigt: etwa 2002 in Jim Simpsons Adaption des Theaterstücks "The Guys" von Anne Nelson. Doch nun scheint Amerikas Filmindustrie das kommerzielle Potential der Katastrophe zu erkennen - und die Pietät zu vergessen.
"Kurz nach den Anschlägen rief mich ein Reporter an", erinnert sich Stone. "Und als Erstes fragte er mich tatsächlich, welche Auswirkungen sie auf Hollywood haben würden. Statt das Ereignis emotional auf sich wirken zu lassen, dachte er schon sofort an die Konsequenzen. Ich habe geantwortet: 'Die Welt wird sich ändern - Hollywood nicht.'"
Nun hat Hollywood dem Regisseur etwa 60 Millionen Dollar gegeben, um die Katastrophe zu rekonstruieren. Auf dem Gelände des Studios lässt Stone Ground Zero nachbauen, jene bizarr in den Himmel ragenden Ruinen, die zum Inbild terroristischer Zerstörung und amerikanischer Verwundbarkeit wurden. Der Dekor wirkt beklemmend wie ein Labyrinth des Todes. Zwei Arbeiter schweißen gerade Metallträger zusammen - mit jedem Funkenbogen schießen einem die Bilder der damaligen Rettungsaktionen wieder durch den Kopf.
Einige hundert Meter weiter zertrümmert ein Baggerführer mit seiner Schaufel das Führerhaus eines Feuerwehrautos - für eine Szene, die unweit des zusammengestürzten World Trade Center spielt und bald gedreht werden soll. Künstliche Bäume sind mit Staub bedeckt, über den Asphalt wehen Tausende Aktenblätter. Eines ist ein Lieferschein. Darauf steht: "Für Schäden, die bei der Auslieferung nicht angezeigt wurden, übernehmen wir keine Verantwortung."
Da ertönt ein Geräusch. Ein Flugzeug fliegt über das Studio. Es kreuzt gerade einen Kondensstreifen, den eine andere Maschine zuvor in den blauen kalifornischen Himmel gezeichnet hat. Nein, dieser Luftverkehr gehört nicht zur Produktion. Vielmehr liegt der internationale Flughafen von Los Angeles nur wenige Kilometer entfernt. Man empfindet ihn als Gefahrenquelle, unwillkürlich richtet sich der Blick immer wieder nach oben, wie von selbst zieht sich der Kopf ein.
Der 11. September hat Wahrnehmungsmuster verändert und konditionierte Reflexe hinterlassen - selbst bei Menschen, die das Ereignis am anderen Ende des Erdballs vor dem Fernseher verfolgt haben. "Jeder Zuschauer unseres Films wird emotional vorbelastet sein", sagt Michael Shamberg, zusammen mit seiner Partnerin Stacey Sher und dem Deutschen Moritz Bormann Produzent des Films. "Die Bilder vom 11. September überstiegen unsere Vorstellungskraft, wirkten irreal. Viele von uns fühlten sich an Kinofilme erinnert. Nun versuchen wir einen Film zu machen, der möglichst real wirken soll - eine echte Herausforderung."
Alle an diesem Film Beteiligten üben sich in Demut vor der Katastrophe und ihren Opfern. Ein paar Kilometer entfernt steht das Wort Hollywood in haushohen Lettern in den Hügeln von L. A.; hier hingegen wird es so klein wie möglich geschrieben.
Bigger than life, größer als das Leben, diese bewährte Devise der Traumfabrik bei der Verfilmung realer Ereignisse ist verpönt. "Man kann den Einsturz nicht visuell beeindruckender ins Bild setzen, als er ohnehin schon war", meint Shamberg.
"Wir können und werden ihn nicht digital nachinszenieren."
"Absolute Detailtreue", beteuert Stacey Sher, sei das oberste Gebot der Produktion. Tatsächlich wird Stones Epos der erste Film der Geschichte sein, der auf ein Millionenheer von Experten trifft: Fast jeder war dabei, als die Twin Towers zusammenbrachen. Rund um den Globus muss der Film den Blicken von Augenzeugen standhalten. Deshalb hat die Produktion mit Will Jimeno einen der zwei geretteten Polizisten als Berater engagiert.
Voller Stolz läuft der kugelige Jimeno über den Set wie das wandelnde Echtheitszertifikat dieses Films. Er zeigt seine Narben vor - die verbrannte Haut auf seinem Arm, das vom Schutt zertrümmerte Bein -, als wären es Verdienstorden aus Fleisch und Blut. Der amerikanische Traum, auf einen Schlag berühmt zu werden, hat sich für ihn erfüllt. Dafür allerdings musste er unvorstellbar leiden.
Religiöse Visionen habe er gehabt, als er dort unten begraben lag, erzählt er, Jesus sei ihm erschienen. 33 Jahre alt war der tiefgläubige Katholik Jimeno, als er unter den Twin Towers verschüttet und später gerettet wurde. Fühlt sich Jimeno auserwählt? Er zögert einen Moment, lächelt, sagt "vielleicht" - und redet dann zehn Minuten ohne Unterlass von seinen beim Einsturz ums Leben gekommenen Kollegen.
"Heldentum?" Michael Shamberg verzieht das Gesicht, als hätte jemand ein obszönes Wort benutzt. "Nein, darum geht es eigentlich nicht", sagt er. "Wir erzählen von Mut und Überlebenskampf." Nun ja, Mut plus Überlebenskampf - das ist für Hollywood seit je der Zweikomponentenkleber des Heldentums. Hier reden alle ein bisschen wie auf einer Wohltätigkeitsveranstaltung - beflissen darum bemüht, bloß nicht den Eindruck zu erwecken, mit der Katastrophe Geld verdienen zu wollen. Auch Oliver Stone, der Kraftmeier unter den US-Regisseuren, der sich sonst so schwer tut, ein Blatt vor den Mund zu nehmen, windet sich ganz ungewohnt - doch dann bricht's aus ihm heraus.
"Dieser Film führt uns in die Hölle", sagt er. "Zwei Männer werden unter Millionen Tonnen Zement begraben. Am Ende kommen sie aus dem Inneren der Erde wieder ans Licht - als wären sie dem Hades entronnen. Der 11. September war ein großes griechisches Drama, aufgeführt vor den Augen der Weltöffentlichkeit. Es war sehr theatralisch - und sehr mythisch."
Stets sucht Stone den handgreiflichen Kontakt zu seinen Stoffen, von seinen Vietnamkriegsdramen "Platoon" und "Geboren am 4. Juli" bis zu den Polit-Thrillern "JFK - Tatort Dallas" und "Nixon". Er handelt wie ein Berserker: Es gibt viel zu filmen, packen wir's an. Doch gerade deshalb glauben in den USA viele, bei ihm sei dieses Projekt schlecht aufgehoben, denn es mangele ihm an Fingerspitzengefühl.
Noch immer halten die US-Medien dem Regisseur Äußerungen vor, die er unmittelbar nach dem 11. September von sich gegeben hat. Stone habe die Anschläge als Akt der "Rebellion gegen die Globalisierung, gegen den American Way" gedeutet, schrieb die "L. A. Times" unlängst. "Ich stehe zu meinen Aussagen von damals", versichert der Bescholtene heute trotzig - weshalb viele US-Amerikaner glauben, die nationale Tragödie werde nun von einem Vaterlandsverräter auf die Leinwand gebannt. In New York konnte Stone nur we-
nige Szenen drehen; die Stadtoberen, allen voran Bürgermeister Bloomberg, wollten nicht einmal Tränen auf den Gesichtern der Statisten sehen, erzählt der Regisseur.
In seinen Filmen herrschte schon immer Krieg. Stones Helden rennen, so weit und so schnell die Füße sie tragen: bis der feindliche Kugelhagel sie niederstreckt wie die GIs in "Platoon" (1986); bis sie von gegnerischen Verteidigern gefällt werden wie die Footballspieler in "An jedem verdammten Sonntag" (1999); bis sie nach einem Feldzug um die halbe Erde auf ein stärkeres Heer treffen wie der Welteroberer "Alexander" (2004). Sie rennen, wie ihr Regisseur, oft gegen Wände. In seinem neuen Film über das World Trade Center dagegen werden seine beiden Helden unter Mauern und Decken begraben und zur Passivität verdammt.
"Gemessen daran, dass dieser Film mitten in der Katastrophe spielt, ist er sehr ruhig, fast eine Meditation", sagt Stone. "Wir erzählen von den beiden Männern, die in einem Loch tatenlos ausharren müssen, von den verzweifelten Versuchen, sie zu retten, und von ihren Familien, die um sie bangen." Es gehe nicht um Politik, das Wort "Amerika", betont er, komme in den Dialogen wahrscheinlich nicht einmal vor.
Stone, der Polit-Posaunist des US-Kinos, der stets mit beiden Beinen in nationale Fettnäpfchen springt und keine Gelegenheit auslässt, das offizielle Washington zu kritisieren, ist vorsichtig geworden. Glaubt er, dass die Bush-Administration aus den Anschlägen Nutzen gezogen habe? Stone verlässt den Raum, um sich mit Vertrauten zu beraten. Dann kommt er zurück.
"Ich war in den achtziger Jahren in Paris und schrieb das Drehbuch zu dem Film ,Scarface', als eine arabische Terrorgruppe auf einem Markt in der Stadt eine Bombe hochgehen ließ", erzählt er. "Doch die Franzosen blieben ruhig. Sie haben die Täter gejagt, ohne viel Aufhebens davon zu machen. Die Amerikaner lassen jeden wissen, wie tief verletzt sie sind - und starten eine Militäraktion, die auf noch mehr Ablehnung stößt als der ursprüngliche Terrorangriff. Die USA haben die enorme Sympathie, die sie nach den Anschlägen weltweit genossen, leichtfertig verspielt."
Dann stapft Stone zurück zum Set, um eine Einstellung zu drehen, in der seine Helden um ihr Leben rennen, während das höchste Gebäude der Stadt über ihnen zusammenbricht. Will Jimeno sitzt auf einem Stuhl, wenige Meter von der Kamera entfernt, als die donnernden Geräusche eingespielt werden. Er greift nach seinem versehrten Bein, als würde er einen jähen Phantomschmerz verspüren.
"Wissen Sie", sagt er, "die machen das hier schon verdammt gut. Aber dieses Geräusch - wie das klingt, wenn man da unten begraben wird, das kann man niemandem vermitteln. Denn man hört es nicht in den Ohren. Man hört es mit jeder Faser seines Körpers." LARS-OLAV BEIER
* Mit den Polizisten Will Jimeno und John McLoughlin.
Von Lars-Olav Beier

DER SPIEGEL 52/2005
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