23.12.2005

POPLiebeslieder für Pferde

Der US-Komponist Burt Bacharach wurde berühmt als brillanter Unterhalter. In seinen neuen Songs protestiert der alte Herr jetzt gegen Bushs Kriegspolitik.
Es wird bereits dunkel, als sich Burt Bacharach an diesem trüben Londoner Nachmittag in seiner Hotelsuite zum Frühstück setzt. Er trägt einen schimmernden Jogginganzug, weil er aus dem Fitnessraum kommt, wo er sein tägliches Sportprogramm absolviert hat.
Mit feuchtem Silberhaar sitzt der 78jährige Komponist lächelnd vor geschälten Kirschtomaten, tropischem Obst und einer Teetasse; ein Inbild jener glamourösen Lässigkeit, die den Großmeister des sogenannten Easy Listening berühmt gemacht hat. Und doch trügt der Schein: "Noch nie in meinem Leben war ich so aufgebracht", sagt Bacharach mit leiser, zorniger Stimme, während er Akazienhonig in seinen Tee träufelt.
Der Amerikaner Bacharach ist nach London gekommen, um Werbung zu machen für "At This Time", sein erstes Solo-Album seit über 25 Jahren. Es ist wahrscheinlich sein letztes großes Werk - und die erstaunlichste Platte des Jahres. Denn der alte Herr präsentiert nicht bloß einen neuen Satz wunderbar geschmeidiger Balladen, sondern ein Dokument des Protests.
"Ich fühle mich von meiner Regierung betrogen", sagt der Mann, der die Popwelt mit Melodien für Hits wie "What's New Pussycat?" beglückte. "Ich war für den Irak-Krieg. Ich war ein Fan von Colin Powell. Aber heute bin ich mir nicht mal mehr sicher, ob es bei der letzten Präsidentenwahl wirklich mit rechten Dingen zugegangen ist", zürnt Bacharach.
Deshalb habe er sich zum ersten Mal in seiner Karriere genötigt gesehen, selbst auch Texte zu Papier zu bringen. Seine Lieder heißen "Please Explain", "Danger" oder "Who Are These People?", sie wüten in Zeilen wie "Seems like these liars will inherit the earth" gegen Lügen und schmutzige Geschäfte amerikanischer Politiker.
Gesungen werden die Songs von prominenten Verehrern wie Elvis Costello oder Rufus Wainwright, einige Beats steuerte der Gangsta-Rap-Pate Dr. Dre bei, von dessen "klassischem Gespür für Melodien" Bacharach schwärmt.
Eigentlich wollte der Pop-Pensionär keine neuen Platten mehr aufnehmen. In den letzten Jahren beschränkte er sich auf die Verwaltung und Wiederverwertung seiner zahlreichen Evergreens. Manchmal sang er die großen Liebeslieder, mit denen er einst berühmt geworden ist, auch seinen Rennpferden vor, "weil man zumindest Tieren mit einer schönen Melodie immer noch die Laune verbessern kann", wie er glaubt. Alle Angebote, Hits für vielversprechende Nachwuchskräfte zu komponieren, habe er abgelehnt. "Schließlich war ich ein anderer Mensch, als ich Nummern wie ,Walk on By' ablieferte", erklärt er seine lange Enthaltsamkeit.
In den sechziger Jahren, Bacharachs tollster Zeit, galt er als Goldfinger der Popmusik. Über ein Jahrzehnt lang gelang ihm Hit auf Hit. Dionne Warwick hat ihm ihre Karriere fast vollständig zu verdanken; Dusty Springfield, die Carpenters oder Tom Jones schulden ihm einige ihrer größten Erfolge. Die Verse zu Hits wie "I Say a Little Prayer" oder "This Guy's in Love with You" steuerte jeweils sein Stamm-Texter Hal David bei.
Bacharach, Sohn eines Journalisten und geboren in Kansas City, hat in New York Kompositionslehre und Musiktheorie studiert. Seine ersten großen Auftritte absolvierte er als Chef der Begleitmusiker von Marlene Dietrich. Mehrmals hat er die deutsche Diva auf Tourneen begleitet. "Die Dietrich bügelte mit Hingabe meine Hemden und hat mir überhaupt den Drang zur Perfektion eingebläut", erinnert er sich.
Der Komponist, der selbst aussah wie ein Filmstar, heiratete die Hollywood-Blondine Angie Dickinson und gewann einen Oscar für "Raindrops Keep Falling on My Head", den Hit aus dem Kultfilm "Butch Cassidy and the Sundance Kid".
Für Politik habe er sich in jenen Glamourtagen nie interessiert. Während in Vietnam junge US-Soldaten starben, komponierte er "The Look of Love". "Ich war total egozentrisch", bekennt er. Heute aber mache er sich große Sorgen, zum Beispiel um seinen 19-jährigen Sohn Christopher Elton, dem er nicht wünsche, dass er eines Tages "in Uniform irgendwo durch die Wüste robben muss".
Den Kontrakt für sein neues Protestalbum hat Bacharach nicht mit einem amerikanischen Plattenfirmenboss ausgehandelt, sondern mit dem Großbritannien-Chef von Sony BMG. "In den USA würde sich kein großer Laden trauen, diese Lieder herauszubringen", behauptet der Komponist.
Er habe mit Schrecken gesehen, wie die Musikerinnen der Countryband Dixie Chicks in den USA öffentlich angegriffen und geächtet wurden, weil sie George W. Bushs Irak-Politik kritisiert hatten, sagt Bacharach. Er selbst aber fürchte sich nicht vor Anfeindungen in seiner Heimat. "Ich bin über siebzig, vor was soll ich noch Angst haben?", sagt er und nimmt einen Schluck Tee. CHRISTOPH DALLACH
Von Christoph Dallach

DER SPIEGEL 52/2005
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