20.04.1970

Menschen im Bordell

Das Stundenhotel von St. Pauli (Deutschland, Farbe). Der deutsche Film, die Gartenzwergschule der Nation, hält Prostitution für die pikanteste Art der Liebe, vor allem auf der Reeperbahn nachts um halb eins.
Nie zuvor hat die Hamburger Libido-Meile so viele Kameras in Schwung gebracht. Schon gibt es, um nur die markantesten Titel zu nennen, "Unter den Dächern von St. Pauli", das "Heimweh nach St. Pauli", gibt es die "Engel", den "Arzt", den "Pfarrer" von St. Pauli und nun also auch "Das Stundenhotel von St. Pauli".
In diesem Werk, das der Österreicher Rolf Olsen, 50, hauptsächlich in Berlin gedreht hat, setzt der Deutsche Curd Jürgens, 54, die Unterweltserfolge fort, die er in der Großen-Freiheits-Serie schon als Arzt hatte und demnächst als Pfarrer zu haben hofft. Er spielt einen Kriminalkommissar.
Olsen zeigt eine Nacht im Leben dieses Mannes, eine Nacht voller Kino-Tragik. Gerade in dem Augenblick, da der Kommissar einen Mordfall aufklären muß, wird sein Sohn bei einem Verkehrsunfall schwer verletzt. Doch der leidgeprüfte Jürgens entscheidet: Dienst ist Dienst.
Mit dem ihm eigenen blauen Blick und der Miene eines antizölibatären Kardinals eilt der Kriminalist ins Mordhaus, eben jenes Stundenhotel, wo Olsen, auch Drehbuchautor, der Liebe freien Lauf gelassen hat:
Da fand Herr zu Herr und Herr zu Dirne, und eine vermögende Dame machte den eigenen Gärtner zum Bock; eine Frau, ein unbemanntes Wesen, war mit Aug und Ohr dabei, und auch die reine Liebe blühte: Eine Ejaculatio praecox verhinderte das Äußerste.
In dem Film ist alles drin, und er bekräftigt auch viele volkstümliche Ansichten: daß Dirnen und Gastarbeiterinnen diebisch sind, daß Homos gerne morden und daß St. Pauli und der deutsche Film immer nur das Letzte bieten.

DER SPIEGEL 17/1970
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