13.04.1970

BNDSauber in St. Pauli

"Das älteste Gewerbe der Welt kann man durch Gesetze nicht abschaffen", erkannte 1964 der Hamburger SPD-Bezirksabgeordnete Dieter Blötz. Um dennoch Hamburgs größte "Leihkörperallee" (Blötz) von den Eckensteherinnen zu entlasten, entwickelte sich der Sozialdemokrat zum Propagandisten fester Häuser für das ambulante Gewerbe. So entstand 1967 an St. Paulis Reeperbahn das "Eros-Center" für 136 Damen vom Strich.
Donnerstag letzter Woche beschloß das Bundeskabinett im Bonner Palais Schaumburg, den Saubermann von St. Pauli ins zweitälteste Gewerbe der Welt zu versetzen -- zur Spionage. Am 4. Mai nimmt Blötz den seit 1968 vakanten Posten des Vizepräsidenten im Bundesnachrichtendienst (BND) ein, der Im Ausland Information für die Entscheidungshilfe der Bundesregierung zu sammeln hat.
Zwei Tage zuvor hatte Kanzleramtsminister Horst Ehmke, 43, In seinem Büro ein geheimdienstliches Treff arrangiert: Ehmke machte die Herren Gerhard Wessel, 56, Präsident des BND, und Dieter Blötz, 38, derzeit noch Hauptgeschäftsführer im Hamburger SPD-Landesvorstand, miteinander bekannt. Denn, so Blötz in der Woche zuvor zum SPIEGEL: "Ich kenne Herrn Wessel noch nicht, und ich war auch noch nie in Pullach."
Gleichwohl hatte Regierungssprecher Conrad Ahlers schon am 3. April verkündet, Wessel akzeptiere Blötz als Vize "in vollem Einverständnis". In Wahrheit mutmaßten führende Geheimdienstier im BND-Hauptquartier München-Pullach einen April-Scherz. als sie am 1. des Monats eine dpa-Meldung lasen, der Hamburger SPD-Geschäftsführer Blötz sei vom Kanzleramt als neuer Vize an Wessels Seite vorgesehen.
In Pullachs Personen-Kartei, der umfänglichsten der Bundesrepublik, lag über Blötz lediglich folgendes Dossier vor: Blötz, Dieter Geschäftsführer
SPD-Fraktion Hamburger Bürgerschaft
Geboren am 5. 11. 1931 in Braunschweig. Kaufmännische Lehre von 1945 bis 1948, als kaufmännischer Angestellter bis April 1939 tätig, davon zeitweise rum Studium beurlaubt. 1950 bis 1953 Besuch der Abend. aberschule bis zum Abitur, 1934 bis 1956 Studium an der Akademie für Gemeinwirtschaft in Hamburg, ab dann bis 1959 Studium an der Universität Hamburg. Landesgeschäftsführer der SPD In Hamburg. Verheiratet, ein Kind M.d. B. seit März 1966
Soweit die unter "streng geheim" laufenden BND-Unterlagen über den Staatsbürger, Briefmarkensammler und Blumenfreund Blötz -- abgeschrieben aus dem öffentlichen "Handbuch der Hamburgischen Bürgerschaft -- Personalien 6. Wahlperiode".
Den kargen Lebenslauf der Zentrale vermochte das BND-Außenbüro Hamburg seinerseits mit nur geringen Fakten aufzustocken: Blötz sei Betriebswirt ohne Abschlußexamen, versiert in Fragen des Großgenossenschaftsverbandes, Vorsitzender des Innenausschusses der Hamburger Bürgerschaft.
Offenbar aus dieser parlamentarischen Funktion des außerhalb Hamburgs unbekannten Mannes schlußfolgerte in Bonn Conrad Ahlers, Blötz bringe "große Erfahrung in der Sicherheitsarbeit" mit. Argwöhnisch fragte darauf die linksliberale "Frankfurter Rundschau": "... sollte Dieter Blötz in seiner eigenen Partei nachrichtendienstliche Erfahrungen gesammelt haben?"
Sollte Dieter Blötz tatsächlich, dann hätte sich Kanzleramtsminister Ehmke die falsche Zielperson für die falsche Zielansprache auserwählt. Denn nach Ehmkes Vorstellung soll gerade der zweite Mann Im BND abbauen, was überall in der Welt einem Geheimdienst entgegenschlägt -- Mißtrauen namentlich bei Linken und Liberalen.
Zugunsten dieses langfristigen Perspektivplanes verwarf Ehmke alle anderen Alternativvorschläge für die Personalentscheidungen in der BND-Führung, beispielsweise
* einen zivilen Nachrichten-Experten dem überwiegend in militärischen Kategorien denkenden Generalleutnant a. D. Wessel als Betriebsleiter zur Seite zu stellen, zumal der Präsident mit der Repräsentanz des BND in Bonn ausgelastet sei;
* einen Manager aus Wirtschaft, Industrie oder Presse zum Vize zu bestellen, der die wuchernde Bürokratie im BND (5000 feste Mitarbeiter, 125 bis 145 Millionen Mark Jahresetat) abbauen und den Aufklärungsdienst zu modernisieren und zu rationalisieren hätte. Langjährig dienende BND-Leute indes empfahlen, dem Chef Wessel als Vize einen Verwaltungsjuristen beizugeben -- ein Vorschlag mit Hintersinn. Denn der Verwalter hätte legalisieren sollen, was im BND von jeher kultiviert worden ist: den Regierenden den Blick hinter die Pullacher Gettomauern zu verschleiern.
Tatsächlich hat eine kleine, aber gewichtige BND-Lobby über Jahre eine Legende gewoben, die unter Hinweis auf tatsächliche Erfolge ablenkte von Pannen, Banalmeldungen, psychopolitischer Forschung, Vetternwirtschaft, rechtskonservativem Gedankengut, von Freundesdiensten für CDU-Staatssekretäre und spektakulären Auslandsaktivitäten.
"Im Halbdunkel irgendwo zwischen Fremde Heere Ost und James Bond 007" fand Kanzleramtsminister Ehmke beim Regierungswechsel im Herbst 1969 den BND, der nach seiner Meinung kaum imstande war, mit Nachrichten und Analysen exakt zur Entscheidungshilfe für die Ostpolitik der neuen Bundesregierung beizutragen. BND-Leute meinen dazu, die Berichte des Dienstes hätten nicht dem Wunschdenken der Brandt-Mannschaft entsprochen.
Gleichwie: Amtschef Ehmke sann alsbald auf Reform und Reorganisation mit dem Ziel höherer Effektivität. Mit "seinem Sinn für Dramatik" ("Stuttgarter Zeitung") und für überpointierte Orientierungshilfen erreichte der Minister freilich vorerst das Gegenteil: Die BND-Leute spähen zur Zeit weniger im Osten, sie blicken verunsichert nach Bonn. Frustriert nehmen die Pullacher Zitate zur Kenntnis wie jenes aus der "Süddeutschen Zeitung", die Montag letzter Woche Präsident Wessel eine "unpolitische, einigermaßen anpassungswillige, wenngleich konservative Galionsfigur" des BND nannte.
Ehmke zum SPIEGEL: "Präsident Wessel ist alles andere als eine Galionsfigur. Er hatte von Anfang an mein Vertrauen; ich habe nie daran gedacht, ihn abzulösen."
Ob indes Wessel-Vize Blötz dort für den BND Vertrauen gewinnen kann, wo Wessel-Chef Ehmke Mißtrauen abbauen will, ist fraglich: Hamburger Jungsozialisten und Jung-Gewerkschaftler verbreiten, daß Alibi-Figur Blötz seine von Ahlers betonte "Erfahrung in der Sicherheitsarbeit" in fragwürdiger Funktion gesammelt habe -- als V-Mann des Verfassungsschutzes in der SPD-Geschäftsstelle. Blötz habe Beitrittserklärungen zur SPD zwecks Personenabklärung Verfassungsschützern zugeleitet. Und in Diskussionen sowie bei Demonstrationen junger Linker an der Elbe galt das Wort: "Vorsicht, Blötz. schreibt mit!"
Auf den Aufpasser Blötz tippten den Minister Ehmke mehrere Hamburger, so auch Innensenator Heinz Ruhnau, der laut Genossen seinen Intimfeind von der Elbe an die Isar fortlobte. Ehmke über Blötz: "Ein ruhiger und verschwiegener Mann,"
Blötz zum SPIEGEL: "Die Arbeit wird sehr schwer. Ich muß sehen, ob ich es schaffe."
Was er sich 1964 vorgenommen hatte, hat der Hamburger jedenfalls nicht geschafft: St. Pauli zu säubern. Blötz fünf Jahre danach, im September 1969: "Die Prostituierten fühlen sich kaserniert nicht so wohl, vor allem weil der Kontakt zu den Kunden schwieriger ist."

DER SPIEGEL 16/1970
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