17.10.1962

FRANKREICH / FLÜCHTLINGEWaffen mitgebracht

Am Schuppen 6 im Hafen von Marseille macht der Dampfer "Ville de Tunis" fest. Er hat 1800 Flüchtlinge aus Algerien an Bord.
Eine verhärmte Frau, Mitte der 50, steigt als erste die Gangway herunter. In einer Hand trägt sie einen mit Bindfäden verschnürten Pappkoffer, in der anderen einen Käfig, aus dem ein Papagei unentwegt die rechtsextreme Geheimorganisation OAS hochleben läßt. "Vive l'OAS, vive l'OAS, vive l'OAS..."
Die Frau scheint das gar nicht zu bemerken. Wie alle ihre Schicksalsgenossen wird sie von einem freiwilligen Hilfsdienst freundlich empfangen, bekommt eine Registrier-Nummer, besteigt ein Taxi und fährt von dannen.
Was im ersten Augenblick den Anschein erweckt, als seien bereits im Hafengelände von Marseille wahre Organisationsgenies an der Arbeit, um allen Algerien-Helmkehrern die Wünsche nach Arbeit und Unterkommen von den Augen abzulesen und sogleich zu erfüllen, stellt sich bei näherer Betrachtung als eines jener nur schwer begreiflichen Wunder heraus, an denen Frankreichs Geschichte von Jeanne d'Arc bis Charles de Gaulle nicht eben arm ist.
Unterpräfekt Roger Dumoulin, verantwortlich für Flüchtlingsfragen bei der Präfektur Marseille, erklärt es so: "Die Mehrzahl der Rückkehrer haben Verwandte und Freunde, bei denen sie erst einmal unterkommen. Meist haben sie auch Geld, um die ersten Wochen zu überstehen."
Als die große Rückkehrerwelle aus Algerien an die Gestade des Mutterlandes brandete und die dürftigen Vorkehrungen der französischen Regierung überrollte, standen überdies Frankreichs Schulen dank der langen Sommerferien leer, so daß vorerst das Schlimmste, ein "Kampieren der Beziehungslosen auf freiem Felde" (so Unterpräfekt Dumoulin) verhütet werden konnte.
Von über einer Million Europäern, die in Algerien lebten, sind nur etwa 350 000 in der unabhängigen Moslem -Republik zurückgeblieben. Fast 700 000 haben seit dem Frühjahr in Frankreich Zuflucht gesucht, sind "heimgekehrt", wie es offiziell heißt.
Außer einer von den Flüchtlingen bald verbrauchten Überbrückungshilfe vermag jedoch Frankreich diesen schwer anpassungsfähigen Hintersassen seiner Kolonialpolitik wenig zu bieten.
In Paris und einigen anderen Orten schritten resolute Algerien-Europäer angesichts des amtlichen Versagens zur Selbsthilfe: Sie besetzten kurzerhand das Haus zur Sphinx, ein einstiges Pariser Luxusbordell und späteres Studentenheim, das gerade leer stand.
In Marseille holten sich OAS-erprobte "pieds-noirs" (Schwarzfüße) - so heißen die Algerien-Europäer seit über hundert Jahren - auf eigene Faust Vorschüsse auf die erst mit erheblicher Verzögerung ausgezahlte staatliche Unterstützung: Sie sandten ihre Kommandos längs der Riviera auf Bankraub aus und verteilten das erbeutete Geld unter die Bedürftigsten der Algerien-Ankömmlinge.
Solche Beispiele zeigen, daß der Exodus der schamhaft als "Heimkehrer" bezeichneten Algerien-Flüchtlinge ein dunkles Kapitel der V. Republik bleiben wird. Die französische Regierung hatte gehofft,
- daß Algerien nach der Unterzeichnung
des Waffenstillstandsabkommens von Evian ohne größere Erschütterungen zum Frieden zurückfinden und
- daß der größte Teil der nach Frankreich geflohenen "pieds-noirs" wieder in die algerische Heimat zurückkehren werde.
Diese Hoffnungen blieben auch dann noch Bestandteil der offiziellen Politik, als klargeworden war, daß mindestens die Hälfte aller in Algerien ansässigen Europäer - trotz der in Evian ausgehandelten Garantien-die unabhängig gewordene Moslem-Republik für immer zu verlassen trachtete.
Noch am 22. August meldete das Pariser Weltblatt "Le Monde": "Von 580 000 Menschen, die sich vorübergehend nach Frankreich zurückgezogen haben, sind im Laufe des Sommers 100 000 nach Algerien zurückgekehrt."
Die durchaus seriöse Zeitung verschwieg jedoch, daß von diesen 100 000 nach Algerien Abgereisten 95 000 nur für wenige Tage dort blieben, um zu versuchen, noch einige Reste ihrer überstürzt zurückgelassenen Habe zu retten. Heute verstopfen
- als Resultat dieser Bemühungen - unzählige Möbelwagen, Kisten und Säcke voller Hausrat die Kais und Hafenstraßen von Marseille.
Für die algerische Massenflucht erfand Frankreichs damaliger Informationsminister Alain Peyrefitte einen besonders einprägsamen Begriff: Er bezeichnete die 90 000 Flüchtlinge des Monats Mai als "Urlauber", die den weiteren Gang der Dinge zwar an der Riviera abwarten, aber ganz sicher "spätestens im September wieder in ihre Heimat zurückkehren" würden.
Von diesem Optimismus ließ sich zeitweilig auch der Staatssekretär für die Rückwanderer, Robert Boulin, anstecken, der zwar zwischen Januar und Mai eine Unzahl einander widersprechender Verordnungen erlassen hatte, aber jede Andeutung vermied, wie und wo eine größere Anzahl von Algerien-Rückwanderern anzusiedeln und zu beschäftigen sei.
Dem euphorischen Gefühl der von der Last des Algerien-Krieges befreiten Nation, es lediglich mit Feriengästen zu tun zu haben, bereitete die Flutwelle von 400 000 Flüchtlingen, die im Juni und Juli Frankreichs mediterrane Gestade überschwemmte, ein jähes Ende.
Hafen und Stadt Marseille gerieten in einen Zustand permanenter Revolution. Innerhalb weniger Tage kamen zu den bereits früher dort aufgenommenen 130 000 Flüchtlingen 150 000 weitere Rückwanderer. In den übervölkerten Straßen der Stadt herrschten Mord, Raub und Diebstahl.
Die erste Reaktion der Pariser Regierung war deshalb nicht karitativer Art; sie bestand vielmehr In der Entsendung von mehreren Hundertschaften schwerbewaffneter Polizei, die gegen die OAS-verdächtigen "pieds-noirs" eisern durchgriff. Polizei-Leutnant Charles Drouaux: "Denen mußten wir erst einmal beibringen, daß Marseille nicht Oran Ist, was sie auch schnell begriffen."
Kilometerlang stauten sich die Wartenden vor den von Flüchtlingsbetreuer Boulin in aller Eile eingerichteten Registrierungsstellen, deren Personal In Tag- und Nachtschichten versuchte, der anwachsenden Aktenberge Herr zu werden.
In ihrem Bestreben, in dieser Situation wenigstens Trost zu spenden, erinnerten sich die französischen Zeitungen daran, daß Deutschland In den ersten Nachkriegsjahren einem ähnlichen Problem konfrontiert war. Korrespondenten wurden ins Bonner Vertriebenenministerium geschickt, um zu erkunden, mit welcher Zauberformel zwölf Millionen deutscher Flüchtlinge binnen weniger Jahre in das Wirtschaftsleben der Bundesrepublik eingegliedert werden konnten.
Auch das Beispiel der Königin der Niederlande wurde zitiert, die holländischen Rückkehrern aus Indonesien seinerzeit einen Flügel ihrer Residenz Het Loo überlassen hatte.
Hilfsmaßnahmen blieben schwierig, solange niemand zu sagen wußte, wie hoch die Zahl der Flüchtlinge eigentlich war. Am 22. August meldete der Staatssekretär Boulin dem Ministerrat die Zahl von 533 043 "rapatriés" (Heimkehrern); am 1. September hingegen sprach er nur noch von 450 000, ohne zu erläutern, wo innerhalb von zehn Tagen der Rest von 83 000 geblieben war.
Am 28. August berichtete die Pariser Zeitung "Combat" von insgesamt 800 000 Flüchtlingen. Doch am 14. September nannte die Regierung wiederum die "amtliche Zahl" von 596 884 registrierten Heimkehrern.
Als sich der französische Ministerrat nicht länger der Einsicht verschließen konnte, daß die Schwarzfüße ihre Sommerferien an der Riviera offenbar auch im September noch nicht abzubrechen gedachten, erließ er die erste Beschlagnahme-Verordnung für "freistehenden Wohnraum". Sie betraf insbesondere Sommer- und Wochenendhäuser, das Heiligtum jedes französischen Bürgers, und war entsprechend vorsichtig formuliert:
Die Beschlagnahmungen sollen "vorübergehend und nicht über den 30. Juni 1963 hinausgehend" sein, damit die Häuschen den Besitzern für den nächsten Sommer wieder zur Verfügung stehen.
Doch der Pariser "Combat" grollte: "Hinsichtlich der Aufnahme unserer Heimkehrer wurde weder überlegt noch geplant."
Zehntausende von Flüchtlingen sind jämmerlich untergebracht: Bis zu 32 Personen drängen sich in einer kleinen Wohnung zusammen und schlafen auf dem Boden oder auf Balkonen (was nach dem ersten Kälteeinbruch ohnehin unmöglich sein wird).
Die störrischen "pieds-noirs" komplizieren das Problem noch dadurch, daß sie gerade dort bleiben wollen, wo es die wenigsten Wohnungen gibt: im Süden Frankreichs.
Nicht minder schwierig ist die Eingliederung der Flüchtlinge in den Arbeitsprozeß. Sieht man von den etwa fünf Prozent der "rapatriés" ab, die genügend Eigenmittel besitzen und aufgrund dieses Kapitals auch noch zinsgünstige staatliche Kredite erhalten, um sich im Mutterland eine neue Existenz aufbauen zu können, so bestehen für mehr als 250 000 Männer und Frauen im arbeitsfähigen Alter wenig Aussichten auf weitere Verwendung in ihren bisherigen Berufen.
In Frankreich haben fast nur Facharbeiter Chancen, einen Arbeitsplatz zu bekommen. Gerade Facharbeiter aber hat es in Algerien, das keine großen Industrien besitzt, kaum gegeben.
Die soziale Schichtung der Flüchtlinge zeigt ein für den Eingliederungsprozeß denkbar ungünstiges Bild. Ende August befanden sich unter den Rückkehrern
- 17 000 Bauern,
- 80 000 Beamte,
- 90 000 Angestellte und
- 45 000 Kaufleute oder freiberuflich
Tätige.
An solchen Menschen herrscht im französischen Mutterland kaum Bedarf. Das Flüchtlingsstaatssekretariat plant zwar Umschulungskurse, doch fehlt es an Mitteln, Unterkünften, Lehrkräften und vorerst auch noch-an Umschulungswilligen.
Erst seit Anfang September erhalten die Rückwanderer regelmäßig die ihnen vom Staat zugedachte Hilfe: ein Überbrückungsgeld in Höhe von 3000 Mark für jedes Familienoberhaupt und eine monatliche Unterstützung von etwa 550 Mark, die sie auf die Dauer eines Jahres finanziell sicherstellt.
In dem von der Flüchtlingsflut am ärgsten betroffenen Marseille hat indes die Stadtverwaltung zu rigorosen Maßnahmen gegriffen, um sich der Rückwanderermassen zu entledigen. Nachdem in dur Stadt im August 400 Stellenangeboten 30 000 Nachfragen gegenüberstanden, verboten die Behörden jeden weiteren Zuzug von Flüchtlingen, die keinen Wohnraum und keine Arbeitsmöglichkeit nachweisen konnten.
Viele Flüchtlinge, die gern in Marseille geblieben wären, weil ihnen das Mittelmeerklima behagt und sie Kontakt zu Neuankömmlingen aufnehmen möchten, die etwas über die Entwicklung in Algerien zu berichten wissen, wurden zwangsweise umquartiert. Über 60 000 Familien haben sich in Paris niedergelassen, 14 000 in Bordeaux, 19 000 in Toulouse, 21 500 in Lyon.
An eine Rückkehr in Ben Bellas "Demokratische Volksrepublik" wagen die Flüchtlinge nicht zu denken. "Eine Rückkehr", sagte der 26jährige Flüchtling Vincent Doriot aus Oran, "kommt nicht mehr in Frage. Nicht nur, weil sie drüben noch täglich morden, plündern und die Europäer entführen, sondern weil der Evian-Vertrag für die doch bloß ein Fetzen Papier ist."
Louis Medin, 24, Medizinstudent aus Algerien, arbeitet jetzt in Marseille als Bau-Hilfsarbeiter. "Die südfranzösischen Universitäten haben mich abgewiesen", berichtete er. "Nach dem Norden will ich nicht. Heimkehr? Nein, nie mehr. Das Geschehene läßt sich nicht vergessen, und wo sollen wir denn auch hin? Sie haben uns drüben ja alles gestohlen."
Nicht alle Flüchtlinge versinken so rasch in Resignation; andere sind noch immer eine politische Gefahr für Frankreich und seinen Staatschef. Zu ihnen gehört ein Schwarzfuß, dem nachgesagt wird, er sei in Algerien OAS -Kommandoführer gewesen. Er ging in Marseille als Matrose verkleidet an Land, in der rechten Hand einen Eimer, In der linken einen Besen, und meinte: "Die Waffen haben wir mitgebracht. Geld auch. Und was wir sonst noch brauchen, werden wir uns holen."
Nichts zu hoffen und zu holen haben allerdings die 21 000 Moslems, die seit Jahresbeginn nach Frankreich geflüchtet sind, um der Rache ihrer Landsleute zu entgehen. Etwa 13 000 von ihnen sind Harkis, einstige Hilfssoldaten der französischen Kolonialmacht, die jahrelang gegen die algerische Befreiungsarmee gekämpft haben. Heute leben sie in Lagern im Süden Frankreichs.
Für alle, Harkis wie "pieds-noirs", hat der Sommer ein schlechtes Ende gefunden. Die Herbstkälte kam in diesem Jahr früher als gewöhnlich und machte das improvisierte Lagerleben zur Qual.
Außerdem verloren die Flüchtlinge ihren Beschützer: Robert Boulin, der inzwischen ein Hilfsprogramm von einer Milliarde Neuen Francs (800 Millionen Mark) vorbereitet hatte, übersiedelte als Staatssekretär ins Finanzministerium.
Zu Boulins Nachfolger (der auch nach dem Sturz der Regierung Pompidou vorerst weiter amtiert) bestellte de Gaulle den bisherigen Informationsminister und Erfinder der Urlauber-Theorie, Alain Peyrefitte.
Algerien-Rückwanderer in Marseille: Bankraub als erste Hilfe
Abgelöster Flüchtlingshelfer Boulin
Die Regierung verordnete...
Neuer Flüchtlingsheller Peyrefitte
... Riviera-Ferien für Schwarzfüße

DER SPIEGEL 42/1962
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 42/1962
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

FRANKREICH / FLÜCHTLINGE:
Waffen mitgebracht

  • Senioren in der JVA Waldheim: Gebrechliche Gangster
  • Real präsentiert Mendy aus Lyon: Franzose sorgt für Lacher bei der Vorstellung
  • Vom Winde verweht: Sturm deckt Haus ab
  • Trump über Drohnen-Abschuss: "Ein großer Fehler"