24.10.1962

LITERATUR / GRUPPE 47Richters Richtfest

Die Schwaden dichten Pfeifen- und Zigarettenrauchs waren abgezogen. Im Landgasthof "Adler" zu Großholzleute im Allgäu schwang unter Hirschgeweihen der Schriftsteller Hans Werner Richter eine Kuhglocke und mühte sich ab, ein gutes Schock Literaten, Literatinnen und Literaten-Ehefrauen zur Ruhe und Raison zu bringen.
Im Sessel rechts neben ihm, die Lippen unter dem schwarzen Schnauzbart zu verbissenem Lächeln verzerrt, beide Hände an einen Packen Manuskriptpapier geklammert, erprobte währenddessen ein junger Autor Atemtechniken. Nach einem letzten Blick in den Halbkreis grinsender, flüsternder und gähnender Gesichter begann er zu lesen.
Er las vom Blechtrommelgnom Oskar Matzerath und vom Alltagsleben im Irrenhaus, von Verbrecherjagd und kaschubischer Leidenschaft bei der Kartoffelernte.
Nach den ersten Sätzen hatte sich Schadenfreude in Beifallsgelächter verwandelt, übernächtig Gähnende zwangen sich zur Konzentration. Spätestens am Ende der Lesung war offenkundig, daß das kritische Auditorium - die "Gruppe 47" - von Oskars Abenteuern angetan und vom Talent des Oskar-Urhebers überzeugt war: Günter Grass hatte - und die Beckmesser des literarischen Meistersingens bescheinigten es ihm - mit seiner Probe aus dem noch unfertigen Roman "Die Blechtrommel" reüssiert.
Tags darauf, zum Abschluß des ländlichen Dichterkongresses im Oktober 1958, promovierte Grass in freier und geheimer Wahl zum siebenten Preisträger der Gruppe 47.
Als die "Blechtrommel" ein Jahr später auf den Büchermarkt kam, folgte der exklusiven Sensation von Großholzleute öffentliches Spektakel. Grassens satyrhaftes Schelmenstück, in den Feuilletons als das erste Großwerk der jungen deutschen Schreibgeneration gepriesen, avancierte zum Bestseller (heutige deutsche Auflage: 130 000 Exemplare) und wird seither auch für Leser in Frankreich, Schweden, England, Amerika, Portugal, Spanien, Italien, Jugoslawien, Norwegen und Dänemark gedruckt.
Gruppenchef Hans Werner Richter: "Wir haben den Grass berühmt gemacht." Der Berliner Kritiker Günter Blöcker urteilte ähnlich, doch mit deutlichem Mißbehagen, über den Erfolg des 700-Seiten-Epos, das ihm als "peinliches Privatvergnügen" erschien: "Die Gruppe 47 ließ es sich nicht nehmen, den Roman preiszukrönen, noch ehe er fertig war."
Der 49jährige Buchprüfer warnte vor "gewissen Gruppenbildungen von Autoren, die durch Tagungen, Verlautbarungen und Preisverteilungen die literarische Meinungsbildung an sich zu reißen und das literarische Urteil zu präjudizieren suchen".
"Es handelt sich", erläuterte Blöcker, "dabei nicht etwa um Gesinnungsgemeinschaften, sondern um prinzipienlose Cliquenbildung, um ein rein kommerziell gerichtetes demagogisches Managertum, das gewissermaßen mit vorfabrizierten Erfolgen zu operieren wünscht und nicht selten tatsächlich operiert. Die Helfer und Gefolgsleute sitzen vielfach in den Redaktionen der Zeitungen und der Rundfunkanstalten."
Der katholische Schriftsteller Rudolf Krämer-Badoni ("Vorsicht, gute Menschen von links") kommentierte: "Ich weiß nicht, wie viele solcher Gruppen Blöcker im Auge hatte, ich selbst kenne nur eine einzige, die Gruppe 47, und es wäre sonderbar, wenn er nicht auch an sie gedacht hätte."
Auch Krämer-Badoni hatte offensichtlich an die "lautstarke Gruppe 47" gedacht, als er gegen Ende vorigen Jahres in einem Brief an die "Zeit" zu verraten meinte, "wie ein literarisches Zeitklima entsteht": Es werde, so offenbarte er, "durch rührige Gruppenbildung" geschaffen. Krämer-Badoni, der vor Jahren auf einer Tagung der Gruppe 47 nicht unkritisch rezensiert worden war, beklagte sich: "Und was geschieht mit Romanciers, die nicht solchermaßen gemanagt werden? Und die sogar die Gruppenwirtschaft und ihre Tendenz verhöhnen? Sie verscheuchen die literarische Clique und damit die Claque."
Gruppenfeind Krämer-Badoni ließ freilich unbedacht, daß beispielsweise die Schweizer Schriftsteller Max Frisch und Friedrich Dürrenmatt durchaus ohne Cliquen-Claque zu Ruhm und Erfolg kommen konnten.
Gerd Gaiser ("Schlußball"), der von Richters Fähnlein als wesensfremd empfunden und gemieden wird, gilt zumindest bei konservativen Lesern als gewichtiger Vertreter zeitgenössischen Schrifttums und erfreut sich stattlicher Auflagen.
Auch die bündnisscheuen Einzelgänger Hans Erich Nossack ("Vor dem Letzten Aufstand"), Arno Schmidt ("Kaff, auch Mare Crisium") und Wolfgang Koeppen ("Der Tod in Rom") haben ohne Gruppenlizenz zum "literarischen Zeitklima" rüstig beitragen dürfen.
Während Blöcker und Krämer-Badoni die Gruppe 47 beharrlich zu einer monopolistischen Verschwörung dämonisieren, sieht wiederum die Würzburger rechtskatholische "Deutsche Tagespost" in Richters "Intelligentsija-Klüngel" einen anarchistischen Linksliberalismus am Werk.
Im April dieses Jahres alarmierte der Jesuitenpater Hubert Becher in den "Stimmen der Zeit" seine Leser mit der Entdeckung, "daß sich in der Gegenwart die Anfänge eines neuen Nihilismus zeigen. Einer seiner Mittelpunkte ist die Gruppe 47".
Dagegen definiert der Tübinger Altphilologe, Romancier und Gruppengenosse Walter Jens ("Der Mann, der nicht alt werden wollte") den Poetenbund als "liberale Kumpanei", zu der nur "Verfassern von Hitler- und Stalin-Gesängen, Antisemiten und Zensoren in braunem, rotem oder schwarzem Gewand der Zutritt verwehrt" sei.
Ob Clique oder Kumpanei, Autorenbörse oder Prüfstand der Talente, ob nihilistisch, links oder liberal - Tatsache bleibt, daß die Gruppe 47 heute Deutschlands literarische Metropole ist.
Ebensowenig wird bestritten, daß erfolgreiche Autoren, wie Heinrich Böll, Ingeborg Bachmann, Martin Walser und Günter Grass, ihren literarischen Aufstieg begannen, nachdem sie von der Gruppe 47 entdeckt und prämiiert worden waren. Der Richter-Preis ist ein Richtpreis geworden.
Allherbstlich folgt die Mehrheit der Schriftsteller, die wie Günter Eich (geboren 1907) die mittlere und wie Uwe Johnson (geboren 1934) die jüngste Schreibgeneration westlich-deutscher Sprache repräsentieren, folgen freilich auch entdeckungsfreudig Verleger, Feuilletonchefs und Funkredakteure der lapidaren Postkarten-Einladung ihres Quartiermeisters und Rektors Richter, um in entlegenen Gehöften, rustikalen Herbergen, mittelalterlichen Burgen und luxuriösen Hotels für drei Tage den einzigen literarischen Salon der Bundesrepublik zu eröffnen. Reise- und Pensionskosten tragen die Geladenen; Rundfunkanstalten schießen zu.
Bevor noch die Gilde Ende dieser Woche, fünfzehn Jahre nach ihrer Gründung, zum Erntedank- und Jubelfest am Großen Wannsee in Berlin zusammentrifft, hat Hans Werner Richter, ohnehin zu Bestandsaufnahmen neigend, in einem "Almanach der Gruppe 47" eine Art Rechenschaftsbericht über das von ihm kreierte "literarisch-publizistische Kuriosum unserer Zeit" vorgelegt*.
Gleichzeitig brachte der Karikaturist Henry Meyer-Brockmann unter dem Titel "Dichter und Richter" im Münchner Rheinsberg Verlag - stiller Teilhalber: Hans Werner Richter - einen Band mit Tagungsberichten und Zeichnungen von Gruppengästen heraus**.
Richter und die Mitarbeiter am Musen-Almanach - er enthält in seinem Hauptteil eine Auswahl aus den rund 400 Texten, die auf den bisherigen 23 Zusammenkünften gelesen wurden - haben sich unter anderem redlich bemüht, unkundigen Lesern ihr "literarisch-publizistisches Kuriosum" zu erklären.
Der Cliquen-Adept Hans Magnus Enzensberger belehrt über den Poeten-Klub, der in keinem Vereinsregister geführt wird und weder Satzungen noch Kassenwart und feste Mitglieder hat: "An 362 Tagen des Jahres ist die Gruppe 47 nur virtuell vorhanden, als ein Gespenst, das Günter Blöcker heimsucht. Sie ist eigentlich nichts anderes als ihre eigene Tagung."
Tatsächlich ist die Gruppe 47 während ihrer dreitägigen Existenz pro Jahr - bis 1956 existierte sie sogar zweimal jährlich - einfach eine geschlossene Gesellschaft, auf der sich unter dem Vorsitz ihres Gastgebers und Zeremonienmeisters Linksintellektuelle und weniger linke Literaten, Realisten und Formalisten, Prominente und Anfänger der mühseligsten Beschäftigung hingeben, die ein Schriftsteller kennt: der Beschäftigung mit den Schreibprodukten anderer Schriftsteller.
Zwischen Katerfrühstück und abendlicher Enthemmung bei Whisky und Wein verbringen sie gequält duldend acht bis zehn Stunden am Tag mit dem Versuch, den Gedichten, Erzählungen, Romankapiteln und dramatischen Szenen ihrer Konkurrenten zuzuhören.
Ihre Konkurrenten dulden noch intensiver. Die Debütanten und Arrivierten, die - ohne Recht auf Selbstverteidigung und ohne Recht auf Ovationen - ihre Arbeitsproben einer sezierlustigen Handwerkskritik ausliefern, sind sich durchaus des Risikos der Blamage vor einem sachkundigen Publikum bewußt.
"Wer durchfällt - neun von zehn Novizen schaffen's nicht -, kommt (meist) nicht mehr wieder ... Junge Talente wachsen nach", gibt lakonisch Gruppen-Chefkritiker Jens zur Kenntnis.
Gruppenchef Richter schwächt etwas ab: "Wer ... auch die schärfste und vernichtendste Kritik hinnehmen konnte, ohne emotionelle Reaktionen zu zeigen, der konnte gewiß sein, auch dann wieder eingeladen zu werden, wenn er literarisch nicht gleich zum Zuge gekommen war."
Die Novizin Luise Rinser ("Die vollkommene Freude") konnte es zum Beispiel nicht. Als sie 1949 am Ammersee den Richter-Geschworenen eine Novelle vorlas, bezeichnete die Kritik das Rinser-Opus als Nachfolge des samtenen Kitschromans "Die Heilige und ihr Narr" der Marlitt-Epigonin Agnes Günther (1863 bis 1911). Günther-Nachfolgerin Luise Rinser (geboren 1911) reiste ab und kam nicht wieder. Ihre Bücher wurden dennoch Bestseller.
Ein halbes Jahr später machte der heutige Gruppenfeind Krämer-Badoni in dem ehemaligen Augustinerinnen-Kloster Inzigkofen auf der Schwäbischen Alb die Siebenundvierziger mit einem Kapitel aus seinem Roman "Der arme Reinhold" vertraut. Es wurde als "rechtskatholisch" und "zu provinziell" abgetan und erhielt das Prädikat "Mit Krummstab und Klampfe". Krämer-Badoni vermochte das herbe Verdikt des Richter-Kollegiums nicht zu ertragen; er ging und ließ die Dichter-Brigade fortan links liegen.
Aber auch Autoren, denen der damals kahlschlägerische Korpsgeist weniger fremd war, mußten sich mit bitterem Urteil abfinden. "Es entstand", erinnert sich Richter jener frühen Jahre, "eine kritische Rücksichtslosigkeit, die heute kaum noch faßbar ist."
Richter: "In den ersten Jahren hielten die Zuhörer die Daumen nach unten, wenn sie eine Vorlesung nicht mehr hören wollten. Dann mußte der Leiter der Tagung den Vorlesenden unterbrechen und auf seinen Stuhl zurückschicken. Er war durchgefallen. Es war dabei völlig gleichgültig, ob es sich um einen Freund, einen Prominenten, einen Unbekannten oder um den Gründer der Gruppe 47 selbst handelte."
Der damals prominente Walter Kolbenhoff, Autor der Erfolgsromane "Von unserem Fleisch und Blut" (1947) und "Heimkehr in die Fremde" (1949), folgte dem Daumendruck. Auch Gruppengründer Richter mußte sich in seiner Vorlesung unterbrechen und sich auf seinen Leiter-Stuhl zurückdirigieren.
Diese strikte Gleichheitspraktik wird, obwohl nach Richters Meinung die Kritik inzwischen "zivilisierter" geworden ist, bis heute geübt. So wurde ein Text des holländischen Humoristen Adriaan Morriën, der aus unerfindlichem Grund 1954 als einziger Fremdling der Landessprache mit dem "Preis der Gruppe 47" honoriert worden war, auf der Aschaffenburger Tagung 1960 von Richters Scharfrichtern in aller Kürze abgeurteilt.
Auf dem literarischen Oktoberfest 1961 im einstigen Welfen-Jagdschloß Göhrde bei Lüneburg machte der Dichter Enzensberger kund, daß er, wie seine Gruppenkollegen Günter Grass, Siegfried Lenz, Heinrich Böll und Martin Walser, nach Bühnenruhm strebe: Er präsentierte sich mit einem ersten dramatischen Versuch. Die Versammlung fand das zeitkritische Halbstarken-Stück indiskutabel - Enzensberger verschonte das deutsche Theaterpublikum mit seinem Schauspiel.
Solche freiwillige Selbstkontrolle der Literaturschaffenden ist auch bisher recht wirksam gewesen - und um so effektreicher, als sie durch keinerlei ästhetisches Programm eingeschränkt wird: Nahezu jeder der kritischen Schreckensmänner hat eine andere Vorstellung davon, wie die deutsche Literatur der Gegenwart und die Sprache im technischen Zeitalter, wie ein Gedicht, ein Prosastück oder ein Bühnendialog aussehen müsse, um als gut gemacht zu gelten.
Das Ergebnis ist ein Kritiker-Schaukampf vorm Publikum und vor den Mikrophonen der Übertragungswagen. Im rhetorischen Wettbewerb mühen sich die Professoren Walter Jens und Walter Höllerer, eifern Joachim Kaiser ("Süddeutsche Zeitung") und "Zeit"-Kritiker Marcel Reich-Ranicki ("Marcel") nach Kräften und mit artigem Bedauern, einander Widersprüche und Fehlurteile, professorale Eitelkeit und akademische Weltfremdheit nachzuweisen.
Die gegensätzlichen kritischen Meinungen bei dieser Frühlese summieren sich zu einem massiven Gesamturteil, das - berechtigt oder nicht - Autoren wie Kulturfunktionäre beeindrucken muß. Richter: "Der Stuhl, auf dem der jeweils Vorlesende Platz nimmt, im Scherz 'elektrischer Stuhl' genannt, wurde literarisch meinungsbildend."
Folgerichtig hat die spontane Bewertung denn auch einen beachtlichen kommerziellen Effekt. Sie entscheidet über den Marktwert der Autoren und dirigiert deren Verhältnis zu den Vertretern der literarischen Konsumgüterindustrie: Eine vernichtende Kritik kann eine kaum begonnene Autorenkarriere beenden. Erfolgreichere Debütanten hingegen sehen sich nach ihrer Darbietung von verheißungswilligen Lektoren umworben - sie werden zu einer Art Versteigerungsobjekt, das dem Meistbietenden zufällt.
Angesichts solcher nicht eben gefühlvollen Aktivität wirkt Richters simple Erklärung, die Gruppe 47 sei ein "Freundeskreis", eher euphemistisch.
"Fünfzig Schriftsteller in einem Raum", widerspricht Enzensberger, dem Literatenmentalität vertraut ist, "können einander nicht freundschaftlich gesonnen sein. Die meisten betrachten einander gleichgültig; auch Rivalität war da, gelegentlich Feindschaft, selten Haß, ab und zu Schadenfreude. Mehr als drei Freunde hatte am Ende keiner der Versammelten. Bosheit und Wohlwollen waren nicht anders gemischt als bei einem Geburtstagsfest, bei einer Beerdigung oder einer Kirchweih."
Dennoch, trotz Poeten-Zwist und Poeten-Intrigen, hat das gruppenbildende Naturtalent Richter sein belletristisches Korps anderthalb Jahrzehnte lang, vom "Kahlschlag" bis zum "Halbzeit"-Gong, zu befehligen und dem nicht ungünstigen Zeitlauf anzupassen verstanden. Richter über die Gründerzeit: "Der Ursprung der Gruppe 47 ist politisch-publizistischer Natur. Nicht Literaten schufen sie, sondern politisch engagierte Publizisten mit literarischen Ambitionen."
Belletristischen Ehrgeiz hat der Fischerssohn Hans Werner, der 1908 auf der Pommern-Insel Usedom geboren wurde, tatsächlich erst spät und nach etlichen politischen und journalistischen Versuchen bewiesen. Er begnügte sich anfangs mit dem Buchhändlerberuf, trat 1930 in die Kommunistische Partei Deutschlands ein und ging 1933 - er war kurz zuvor aus der KPD ausgeschlossen worden - in die Emigration nach Paris. Nach einjähriger Hungerkur kehrte er, von den Nationalsozialisten geduldet, in Hitlers Berlin und schließlich in den Buchhandel zurück.
Wenige Monate nach Kriegsbeginn wurde Richter eingezogen. Er marschierte als Infanterist durch Frankreich und Italien und ließ sich nach dem Badoglio-Putsch 1943 am Monte Cassino gefangennehmen. Die Amerikaner transportierten ihn über den Atlantik.
In Amerika aktivierte Richter, inzwischen 35jährig, nunmehr journalistische Neigungen: Während der heutige EWG-Präsident Walter Hallstein den heutigen Romancier Alfred Andersch ("Die Rote") beim Baumwollpflücken im südlichen Dixieland für eine politische Karriere zu erwärmen versuchte, redigierte Richter die Lagerzeitung des Camps Ellis im nördlichen Illinois.
Zwei Jahre später - in Europa war mittlerweile das Dritte Reich liquidiert worden - wurde er in die Redaktion der Kriegsgefangenenzeitschrift "Der Ruf" abkommandiert. Als Chefredakteure amtierten die späteren Gruppenmitglieder Walter Mannzen, im Zivilberuf heute Amtsgerichtsrat in Kiel, und der Romancier Walter Kolbenhoff, bürgerlich Walter Hoffmann. Die sozialistischen "Ruf"-Schreiber träumten vom neudeutschen Erwachen.
"Der Ruf" nannte sich dann ebenfalls die Halbmonatsschrift, die Richter zukunftsfroh nach seiner Rückkehr aus Amerika im Jahr 1946 zusammen mit Alfred Andersch in München herausgeben durfte (SPIEGEL 18/1962).
Doch Richters publizistische Tätigkeit blieb von nur kurzer Dauer. Den amerikanischen Lizenzgebern waren die "Unabhängigen Blätter der jungen Generation" (Untertitel), die von über 100 000 Abonnenten in allen vier Besatzungszonen bezogen wurden, bald allzu unabhängig: Die "Ruf"-Mitarbeiter - Richter: "Ihre Hoffnung war ein vereintes sozialistisches Europa" - bekundeten zwar, alliierten Vorstellungen entsprechend, entschieden antifaschistische Mentalität, mäkelten aber gleichzeitig an der schulmeisterlichen Umerziehungspolitik der Amerikaner ebenso wie an den rüden Verstaatlichungspraktiken der sowjetischen Militäradministration. Beides erschien den Militärregenten vorlaut.
Nach Erscheinen der sechzehnten Nummer im April 1947 standen die Herausgeber Richter und Andersch wegen "unzulässiger Kritik" an den Besatzungsmächten draußen vor der Tür. Die Zeitschrift wurde verboten und später unter Erich Kuby fortgeführt. Richter und seine Gefolgsleute resignierten und wechselten zur schönen Literatur über. Richters Ruf galt jetzt belletristisch Berufenen.
Monate später lud er die brotlosen "Ruf"-Beiträger - unter ihnen Kolbenhoff, Schnurre, Mannzen, Andersch und Eich - in das Haus der Lyrikerin und Photographin Ilse Schneider-Lengyel bei Füssen, um mit ihnen eine literarische Zeitschrift, den "Skorpion", vorzubereiten. Sie lasen sich ihre Schreibversuche vor und suchten unter ihnen druckwürdige Beiträge aus.
Wolfdietrich Schnurre (Richter: "Schnurre macht den Eindruck, als reinige er immer noch Gewehre") war erwählt, als erster auf dem Vorlesestuhl zu sitzen. Seine Erzählung ".Das Begräbnis" - Schnurre: "Von keinem geliebt, von keinem gehaßt, starb heute nach langem, mit himmlischer Geduld ertragenem Leiden: Gott" - bewies enge Geistesverwandtschaft mit der nebligen Trümmer-Trauer Wolfgang Borcherts ("Draußen vor der Tür"), den sein Tod im November 1947 vor dem Richter-Kreis bewahrte.
Doch auch der "Skorpion" durfte nicht stechen. Die Probenummer der Zeitschrift, die Richter in einer Auflage von 200 Exemplaren drucken ließ und beim nächsten Autorentreffen in der Nähe von Ulm präsentierte, wurde von den Militärzensoren als "zu nihilistisch" erachtet und nicht lizenziert. Richters Literaten-Stammtisch aber war eröffnet.
Der Hamburger Schriftsteller und Sartre-Übersetzer Hans Georg Brenner, der 58jährig im August 1961 starb, etikettierte die Versammlung durchaus stilgerecht als "Gruppe 47": Als Namensvorbild hatte ihm die spanische "generación de 98" gedient.
Tatsächlich mußte den Siebenundvierzigern die iberische Dichtergeneration von 1898 beispielhafter erscheinen als alle Poetenzirkel der deutschen Literaturgeschichte.
Die Gruppe "Sturm und Drang" zwischen 1770 und 1780 der "Göttinger Hain" (1772 bis 1774) mit dem Balladendichter Johann Heinrich Voß und den lyrischen Grafenbrüdern Christian und Friedrich Leopold Stolberg und der Jenaer Kreis der Frühromantiker Tieck, Brentano, Novalis und Schlegel um 1800 waren Jugendbewegungen mit verbindlichen ästhetischen Grundsätzen.
Programmgebunden war auch die Jugendbewegung des Expressionismus vor und nach dem Ersten Weltkrieg. Das "Junge Deutschland" (etwa von 1830 bis 1848) mit den liberalen Schriftstellern Karl Gutzkow und Heinrich Laube wiederum war keine geschlossene Dichtervereinigung.
Für Jugendbewegung und pubertären Sohneszorn jedenfalls waren die Siebenundvierziger zu alt. Die kurz vor der letzten Jahrhundertwende einsetzende spanische Dichterbewegung hingegen gab ihnen ein brauchbares Vorbild ab.
Die spanischen Autoren, unter ihnen die Philosophen Miguel de Unamuno (1864 bis 1936) und José Ortega y Gasset (1883 bis 1955), der Lyriker und spätere Nobelpreisträger (1956) Juan Ramón Jiménez (1881 bis 1958) und der Romancier Ramón del Valle-Inclán (1866 bis 1936), hatten nach dem verlorenen Krieg mit den Vereinigten Staaten (1898) - Spanien mußte damals fast seine gesamten Überseebesitzungen abtreten - an dem politischen und kulturellen Erneuerungs-Experiment in ihrem Land reformeifrig teilgenommen. Sie bemühten sich, ihre traditionsgebundene Literatur aus der Isolation zu lösen, sie zu modernisieren und den zeitgenössischen literarischen Strömungen Europas anzugleichen.
Ähnlich, doch weit rigoroser, experimentierten ein halbes Jahrhundert später Deutschlands Sprachroder nach dem Ende der ruhmlosen völkischen Blut-und-Boden-Ära. Sie verwarfen die "Sklavensprache" (Richter) und "Kalligraphie" (Andersch) nationalsozialistischen Reichsschrifttums und wollten, laut Richter, in ihren Büchern "von vorn anfangen, ganz von vorn, bei der Addition der Teile und Teilchen der Handlung, beim A-B-C der Sätze und Wörter". Der Lyriker Wolfgang Weyrauch plakatierte den Tabula-rasa-Versuch als "Kahlschlag".
Als Musterbeispiel dieser neuen Schreibart zitierte der Neuanfänger Weyrauch in seiner Anthologie "Tausend Gramm" (1949) das Gedicht "Inventur" des Siebenundvierzigers Günter Eich:
Dies ist meine Mütze,
dies ist mein Mantel,
hier ist mein Rasierzeug
im Beutel aus Leinen.
Konservenbüchse,
mein Teller, mein Becher,
ich hab in das Weißblech
den Namen geritzt.
Geritzt hier mit diesem
kostbaren Nagel,
den vor begehrlichen
Augen ich berge...
Anthologist Weyrauch: "Wir sind glücklich darüber, daß unsre Einsamkeit beendet ist, daß die Vielfalt der Literaturen der ganzen Erde, ihre Thesen und die Zeugnisse ihrer Thesen, uns durchsäuert. Wir hatten das bitter nötig, und wir haben es bitter nötig."
Durchsäuert wurden die Neo-Realisten von 1947 zum Beispiel von den Amerikanern William Saroyan ("Ich heiße Aram", deutsch 1946), John Steinbeck ("Die Straße der Ölsardinen", deutsch 1946) und John Dos Passos, dessen New-York-Epos "Manhattan Transfer" 1946 in Deutschland neu herausgebracht wurde.
Die Romane Franz Kafkas kamen, gleichsam als ausländische Erzeugnisse deklariert, ein Vierteljahrhundert nach ihrer Niederschrift in Deutschland an. Die Stücke Thornton Wilders ("Wir sind noch einmal davongekommen") und Jean Anouilhs ("Antigone"), die Existenznachweise der Franzosen Jean-Paul Sartre und Albert Camus, vor allem aber die wortkargen Kurzgeschichten des amerikanischen Kahlschlägers Ernest Hemingway wurden Stil-Idole für die Kriegs-, Heimkehr-, Hunger- und Trümmergeschichten, mit denen sich die enttäuschten Sozial-Utopisten über ihre politische Heimatlosigkeit hinwegschrieben.
Mit Militärfahrscheinen versehen, die ihnen das französische Gruppenmitglied Louis Clappier ("Festung Königsberg") als Kulturoffizier der Militärregierung in Baden-Baden ausstellte, reisten die notleidenden Reform-Dichter im Schwarzmarkt-Interregnum und im Neuwährungs-Tief kostenlos und privilegiert zweimal jährlich zu ihren Tafelrunden an die Bergstraße und nach Oberbayern, an den Main und nach Schwaben.
Sie lasen, lobten und lehnten ab, diskutierten jedoch nicht nur ihre geglückten und mißlungenen Texte, mit denen sie literarisch die Gegenwart zu bewältigen suchten: Die ökonomische Bewältigung machte gleichfalls Schwierigkeiten.
1949 hatte Richter seinen Erstlingsroman "Die Geschlagenen" veröffentlicht. Die Rezensenten verglichen das Erfolgsbuch, das seither in sieben Sprachen übersetzt worden ist, mit Remarques eklatantem Anti-Kriegsroman "Im Westen nichts Neues". Der seigneurale "Gegenwart"-Kritiker Friedrich Sieburg, seit Anbeginn dezidierter Gegner der Kahlen Welle, gestand damals dem Fontanepreisträger Richter "hohe Erzählgabe" zu.
Zuvor schon waren vom frühen Gruppenmitglied Ernst Kreuder die Nullpunkt-Romanzen "Die Gesellschaft vom Dachboden" und "Die Unauffindbaren" erschienen. Der Richter-Gefolgsmann und spätere deutsche Botschafter Hans Jürgen Soehring - er ertrank 1960 beim Baden im Kongo - hatte seinen Erzählungsband "Cordelia" herausgebracht, dessen Titelheldin der französischen Filmschauspielerin und zeitweiligen Soehring-Gefährtin Arletty ("Kinder des Olymps") nachgebildet war. Von Böll wurden Bücher mit Kurzgeschichten, von Eich Gedichtbände verlegt, von der Wienerin Ilse Aichinger erschien der Roman "Die größere Hoffnung".
Aber den schreibfleißigen Nachkriegsautoren schwand selbst geringere Zuversicht. Sie mußten erkennen, daß im jüngsten Deutschland schöner Geist noch weniger gefragt war als sozialistische Taten. "Das Publikum kauft keine Bücher", stellte 1949 das "Sonntagsblatt" fest, und noch drei Jahre später erkannte der "Rheinische Merkur": "Der Beruf des Schriftstellers gehört heutzutage zu den armseligsten Lebensmöglichkeiten."
Richters Engagierte mußten zu tieferen Erwerbsquellen hinabsteigen, um sich und ihre Familien zu nähren. Sie fertigten Illustrierten-Ware, dichteten Schlagertexte und Heimatfilm-Dialoge und begaben sich unter die "Diktatur der Feuilletonredakteure" (Richter).
So gering das Publikums-Interesse an Büchern aber auch sein mochte - das Prestige der Richter-Gruppe stieg zusehends an. Die Zeitungen der Bundesrepublik lieferten Tagungsberichte; italienische, französische und brasilianische Zeitungen machten ihre Leser mit dem deutschen Unikum vertraut.
Die Pariser "Nouvelles Littéraires" befanden sogar, daß "ungefähr alles, was in Deutschland an junger Literatur vorhanden ist", in der Gruppe 47 zu suchen sei. Outsider Sieburg allerdings befand anders. Er attestierte dem Dichter-Fähnlein "schlechtestes Deutsch" und "geistige Unzulänglichkeit": "Wenn einige jüngere Schriftsteller durch 'Absage an das Ästhetentum' die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken versuchen, so verbirgt sich dahinter das Bedürfnis, bei ihren Kriechübungen nicht durch die Anwendung von Qualitätsmaßstäben gestört zu werden."
Doch das schreibende Volk Richters legte seinen Übungen sehr wohl Richtmaß an und machte seine Messungsergebnisse schließlich auch publik. Im Mai 1950 wurde der Lyriker ("Abgelegene Gehöfte") und Hörspielautor ("Träume") Günter Eich nach dem Wettlesen in Schwaben zum Poeta laureatus erwählt. Eich erhielt den ersten 1000-Mark-"Preis der Gruppe 47". Richter über den insgesamt siebenmal vergebenen Preis, der zuerst von der amerikanischen Werbefirma McCann Company, später von Funkanstalten und Verlagen spendiert wurde: "Der Preis hat lediglich die Funktion, unbekannte Autoren einer größeren Öffentlichkeit bekannt zu machen." Der Preis funktionierte.
1951 führte Richter den 33jährigen Kölner Nachwuchsautor Heinrich Boll in seinen ambulanten Literatensalon ein. Böll las den Kahlschlägern die Geschichte "Die schwarzen Schafe" vor und wurde in einem zweiten Wahlgang - Böll-Konkurrent war der deutsch schreibende Serbe Milo Dor ("Tote auf Urlaub") - unter Minderheits-Murren für preiswürdig erachtet. "Das ist eine Blamage", murrte der Minderheitler Jens; Hans Georg Brenner sah düster "das Ende der Gruppe 47" gekommen.
Mit dem Wahlsieg begann nach dem harten Brot der frühen Jahre Bölls Aufstieg. Seine Romane wurden in den folgenden Jahren vor und hinter dem Eisernen Vorhang Deutschlands, in Frankreich und in der Sowjet-Union gerühmt und nicht nur zur Weihnachtszeit in Bestsellerauflagen verkauft.
Heinrich Böll, laut Cliquenfeind Günter Blöcker "ein realistischer Kleinkünstler", avancierte zum Repräsentanten jungdeutschen Schrifttums und gelangte schließlich als erster Poet der Gruppe 47 zur Nobelpreis-Kandidatenwürde. Für die Gruppe 47 begann die Zeit der Reife.
Im September 1952 resignierte Friedrich Sieburg in der "Gegenwart": "Sie brauchen nur zu einem ,Dichtertreffen' zusammenzukommen, so sind schon die Lektoren, Reporter und Funkwagen zur Stelle, um das erste Piepsen des ausschlüpfenden Kükens für die Nachwelt festzuhalten und für den Betrieb zu erwerben ... Die frühesten stammelnden Laute werden registriert, über die Windeln beugen sich erwartungsvoll die Talentjäger."
Talentjäger waren vor allem die Redakteure der Rundfunkanstalten, die, wie etwa der damalige Frankfurter Nachtstudio-Leiter Alfred Andersch, vielfach selber als Gruppenautoren praktizierten.
Im Mai 1952 transportierte ein Autobus des Nordwestdeutschen Rundfunks die Mitglieder der Gruppe 47 von München und Frankfurt in das Ostseebad Niendorf, wo sie unter dem Protektorat des NWDR - Hamburger Intendant: Gruppenautor Ernst Schnabel ("Der sechste Gesang") - zu ihrem zehnten Meistersingen zusammenkamen.
Auch Verleger ("Papa") Rowohlt und die Firma Osram zeigten Wohlwollen. Die Lichtlieferanten, von einem Gruppen-Gefolgsmann zu finanziellem Beistand animiert, hatten hilfswillig 150 Glühbirnen gestiftet. Richter erhielt diesen "Osram der deutschen Literatur" von seiner Mannschaft zum Preis und ließ ihn versteigern. Rowohlt kaufte: Er zahlte 300 Mark und zahlte weiter, als die Auktionssumme beim Abschiedsgelage verzecht war. Papas Rechnung nach liberaler Kumpanei betrug 1200 Mark.
Nach dem Ostseekongreß inszenierte Schnabel anschließend einen NWDR-Empfang und führte die innere Gruppen-Clique, darunter die österreichischen Novizinnen Ilse Aichinger und Ingeborg Bachmann, zum Kaffeetrinken in ein St.-Pauli-Bordell.
Von nun an wurde der Rundfunk den Wortkünstlern Mäzen und Alma mater. Die erjagten Talente verfaßten Features und Radio-Essays, sie schrieben für den Frauen-, Kirchen- und Kinderfunk und versuchten sich am Hörspiel - mit Erfolg: Als erste holten Eich (1952) und Wolfgang Hildesheimer (1954) den renommierten "Hörspielpreis der Kriegsblinden" heim.
Zugleich mit der Funkperiode begann für die Gruppe auch eine neue literarische Strömung wirksam zu werden. "Die Zeit des großen Schrecks, der skelettierenden Bestandsaufnahme ist vorüber", erkannte damals die "Neue Zeitung".
Mit der wirtschaftlichen Erholung Westdeutschlands regenerierte sich auch der Sprachschatz westdeutscher Autoren. Das "A-B-C der Sätze und Wörter" wurde als unzulänglich erkannt.
Deutschlands Neo-Realisten waren nicht mehr en vogue. Die Avantgardisten von 1947 gingen auf neuen Kurs - Jens: "Auch Weyrauch sagte dem Kahlschlag Valet" - oder blieben als Arrière-Garde zurück.
So hat beispielsweise Richter, dessen zweites Buch "Sie fielen aus Gottes Hand" (1951) noch mit dem René-Schickele-Preis ausgezeichnet worden war, seine Schreiber-Reputation nicht über die fünfziger Jahre hinweg erhalten können.
Dem Titelgebot seines vierten Romans, "Du sollst nicht töten" (1955), gehorchten jedenfalls die Kritiker nicht. Als Richter, der inzwischen auch für Film ("Vor Gott und den Menschen") und Funk ("Pipapo - Die Geschichte eines Drehbuchs"), gearbeitet hatte, 1959 seinen bisher letzten Roman "Linus Fleck oder der Verlust der Würde" herausbrachte, schrieb Sieburg: "Hans Werner Richter, der uns einmal mit seinem Kriegsbuch 'Die Geschlagenen' zu ergreifen vermochte, hat diesmal einen schlechten Roman geschrieben." Der Richter-Getreue Joachim Kaiser war in der "Süddeutschen Zeitung" ähnlicher Meinung.
Nicht nur die literarische Mode hatte gewechselt - das Schriftstellerhandwerk war sichtlich schwieriger geworden. Die neue Welle forderte verfeinerten Stil und eine differenzierte Erzähltechnik. An die Stelle literarischer Affekthandlungen trat die kühle Errechnung des künstlerischen Effekts.
Dem Ruinenromantiker im Rollkragenpullover folgte 1952 die surrealistische Kafka-Adeptin im Reisekostüm: Die Wiener Neutönerin Ilse Aichinger wurde für ihre "Spiegelgeschichte" zur Preisträgerin der Gruppe 47 gewählt, und zusätzlich erwählt noch vom "Träume"-Dichter Eich: Aichinger-Eich gründeten einen Schriftsteller-Hausstand.
Ein Jahr später - die Richter-Geschworenen tagten im Kurfürstlichen Schloß zu Mainz, das der Gruppen-Bruder und Pressechef der Stadt Mainz, Walter Heist, requiriert hatte - erhielt die doktorierte Lyrikerin Ingeborg Bachmann für wispernd gestammelte Verse den Preis. Der Einzug der Doktoren in die Dichter-Arena hatte begonnen. Es präsentierten sich Deutschlands tüchtige junge Männer; Höllerer, Enzensberger, Kaiser und Walser trafen zum Sängerkrieg ein. Zur Berliner Tagung - der Doktor Martin Walser wurde preisgekrönt - erschien weniger akademisch, so erinnert sich Richter, "eine finstere Type mit Schlägermütze": Günter Grass.
Daß die Trümmerträume ausgeträumt waren, ließ längst auch die Equipage der Schriftsteller-Equipe erkennen. Bereits 1952, nach einem herbstlichen Besuch bei der Gruppe 47 auf Burg Berlepsch bei Göttingen, wo er im Burghof eine hinreichende Zahl von "Volks- und sonstigen Kleinwagen" addiert hatte, schrieb Erich Kuby: "In der Transport-Verbesserung darf man einen Erfolg der Gruppe, nicht nur eine Folge des allgemeinen Aufstieges Westdeutschlands, sehen. Sie hat es verstanden, die Querverbindungen zu den Geldgebern herzustellen."
Diese Querverbindungen blieben fortan stabil. Nicht nur die bundesrepublikanische Industrie, auch der Literaturbetrieb durfte Vollbeschäftigung melden. Die Gruppe 47 nahm nach Kräften am deutschen Wirtschaftsboom teil und stellte ihren Erfolg, in zeitgemäßer Touristen-Manier zur Schau.
Während 1954 der literaturkundige Bundespräsident Theodor Heuss noch allzu pessimistisch über die Unterbewerbung des Schriftstellerberufs klagte, machten sich die Dichter schon, mit einem Zuschuß des Auswärtigen Amts versehen, auf ihre Italienische Reise: Richter empfing im Luxushotel Magacirce am Strand von Cap Cireeo südlich Roms.
Auf Roms Capitol empfing nach der Tagung und nachdem Kulturattaché Dieter Sattler den zechenden Künstlern mit Lira-Bündeln zu Hilfe geeilt war, Bürgermeister Rebecchini die fahrenden Sänger. Botschafter Clemens von Brentano weilte auf einem römischen Empfang deutscher Schuhindustrieller und ließ sich entschuldigen.
Die Literaten-Konjunktur brachte freilich auch Gefahren für die Notgemeinschaft von 1947. Mit zunehmendem Wohlstand für alle schien das Ende der poetischen Entente cordiale nahe.
In einem Bericht über die Gruppe - sie war auf rund fünfzig Fellow-travellers angewachsen - sorgte sich 1956 die "Frankfurter Allgemeine", ob "nicht auch die stabilisierte Gesellschaftsordnung mit ihrem gesättigten Klima auf die Schriftsteller abgefärbt und damit die Zusammenkünfte dieser gar nicht steifleinenen Gruppe zur Konvention gemacht" habe.
Auch Mentor Richter zeigte, freilich anders motivierte, Unlust: "Wir wollten Schluß machen. Ich fand, die Sache hatte sich überlebt."
Richters Abschied von den Dichtern fand nicht statt. Der einst "politisch engagierte Publizist mit literarischen Ambitionen" blieb den Belletristen treu, obwohl sein Schriftsteller-Ehrgeiz inzwischen wieder politischer Leidenschaft gewichen war.
Der heimatlos Oppositionelle gründete im Februar 1956, mit Honorarvorschüssen der Rundfunkanstalten versorgt, in der Sportschule Grünwald bei München nach dem Vorbild der formlosen Gruppe 47 den "Grünwalder Kreis". Seine Gefolgsmänner, unter ihnen der Humorist Werner Finck, der Verleger Kurt Desch, Münchens heutiger Oberbürgermeister Hans-Jochen Vogel und die Publizisten Erich Kuby und Thilo Koch, sahen die Republik in Gefahr und wollten als "Feuerwehr der Demokratie" das Vaterland vor einem "faschistischen oder chauvinistischen Abenteuer" bewahren.
Die Grünwalder beratschlagten beispielsweise, ob ehemalige Angehörige der Waffen-SS höhere Bundeswehr-Chargen einnehmen dürften; sie protestierten gegen die Lex Soraya, erwirkten Einstweilige Verfügungen gegen die Veröffentlichung von Großnazi-Memoiren und schlugen einen politischen Ehrenrat vor, der Verstöße im Wahlkampf prüfen sollte.
Doch die zuweilen linkische Links-Aktivität blieb wirkungslos und erregte allenfalls die "Deutsche Soldaten Zeitung" und Kapfingers "Passauer Neue Presse". Richter heute: "Ich habe den ,Grünwalder Kreis' einschlafen lassen."
Zwei Jahre später schritt Richter zu neuer Aktion. Nachdem im März 1958 der Bundestag mit den Stimmen der CDU und DP für die Ausrüstung der Bundeswehr mit "modernsten Waffen' votiert hatte, ließ Richter ein "Komitee gegen Atomrüstung" ins Vereinsregister eintragen. Die SPD applaudierte, zog sich aber bald zurück. Die rund 1500 Komitee-Mitglieder fühlten sich im Stich gelassen.
1961 resignierte der Präsident der "Europäischen Föderation gegen Atomrüstung". Richter: "Fragen wir nicht nach der Anti-Atomwaffen-Bewegung. Es war jammervoll."
Bei allem politischen Eifer mochte jedoch der Vereinsgründer seinen "Freundeskreis" nicht entbehren. Zusammen mit Ehefrau Toni ging Richter einmal im Jahr - die Frühjahrstagungen hatte er aufgegeben - auf Fahrt, um für die Gruppe 47 Quartier zu machen. Allherbstlich im Oktober berief er seine nicht immer Getreuen - Andersch und Schnurre etwa blieben jahrelang fern, Ernst Kreuder und Rolf Schroers ("Der Partisan") sind abgefallen - zum Dichter-Konvent ein.
Richter lud Komponisten wie Hans Werner Henze ("Elegie für junge Liebende") und Luigi Nono ("Intolleranza"), Altdichter wie Hermann Kesten ("Meine Freunde, die Poeten") und Erich Kästner ("Die Konferenz der Tiere"), BBC-Redakteure und polnische Publizisten, er lud französische, italienische, israelische und indonesische Gäste - 1957 hatte auch der Korrespondent Alexander Tscheischwili von der Moskauer "Literaturnaja Gaseta" die Gruppe besucht und über sie berichtet. Richter präsidierte und vermittelte, tröstete und versöhnte, verbot und befahl. Sein Klub näherte sich siegreicher Halbzeit.
1958, als in Großholzleute der bisher letzte "Preis der Gruppe 47" (5000 Mark) an Grass vergeben wurde, hatte die Dichter-Kolonne annähernd 70 Mitglieder. Im Jahr darauf fiel sie, zur Hundertschaft angewachsen und um Uwe Johnson bereichert, in das Schloßhotel Elmau am Karwendel ein - in eine Renommier-"Stätte kultivierter Begegnung" (Hotelprospekt) für konservative Bundesnabobs, die von deutschen Dichtern eher milde Innerlichkeit als scharfe Debatten erwartet haben mochten. Seufzte ein Elmau-Gast: "Mein Gott, sind das Typen."
Auf dem folgenden Treffen im Rathaus von Aschaffenburg hatte die Gruppe, die 1947 siebzehn Kahlschläger protegierte, Kompaniestärke erreicht. Rund 130 Literaten, Kritiker und Literaturmanager hörten zu, was 27 jugendliche und prominente Autoren zu offerieren hatten. Mindestens für die Verleger und Lektoren war die Dichter-Metropole vollends zur Mustermesse und Börse geworden, auf der Schreibtalente und talentlose Schreiber eingekauft und die Kurswerte literarischer Strömungen notiert wurden.
Daß Deutschlands Schriftsteller endlich auch mit dem Wohlwollen der Verleger rechnen durften, war schon etliche Zeit vorher zu erkennen gewesen. Gegen 1956 machten sich während der Tagungen die Lektoren der großen Verlagshäuser auf gründlichere Suche nach der vermißten deutschen Literatur. Ihre Konkurrenten aus den Rundfunkanstallen wurden zurückgedrängt.
Das Resultat dieser Recherche wird auch heute noch unterschiedlich bewertet. So meint der kritische Olympier Sieburg, "daß der Born der deutschen Literatur nicht reichlich fließt und fast schon bei dem fontaneschen 'Drippeln' angelangt" sei. Walter Jens hingegen ist nicht unzufrieden mit den zeitgenössischen deutschen Autoren, die das Schrifttum, so meint er, "nicht ohne Anstand und Würde repräsentieren".
Jens in seinem Essay über die "Deutsche Literatur der Gegenwart"*: "Das Durchschnittsniveau hat sich nun einmal - nicht nur in der Technik und nicht nur im Sport - beträchtlich gehoben; man behandelt das Handwerk, die Machart, viel selbstverständlich-exakter als früher, und mancher gefeierte Autor der zwanziger Jahre könnte sich, was die Praktik betrifft, mit den Legionen von zeitgenössischen Schreibern nicht messen. Mögen die Genies sich noch immer verbergen - das Mittelmaß von heute hat das gute Zweite von einst längst überflügelt."
Positiver noch urteilte der Londoner "Observer" in einem Artikel über Grass, dessen "Blechtrommel" als "Tin Drum" kürzlich nach England exportiert wurde: "Eine neue Generation junger deutscher Schriftsteller kommt in Europa zur Blüte. Es wird sogar gesagt, daß gegenwärtig in Deutschland interessantere Werke entstehen als irgendwo sonst in Europa."
Vertreter dieser "Gruppe" seien, so informierte der "Observer", Grass und "einige andere junge Romanciers wie Uwe Johnson und Martin Walser": "Obwohl ihr Stil und ihre Methoden voneinander abweichen, ist ihnen ein hoher Grad linkspolitischen und sozialen Bewußtseins und eine maßlose Abneigung gegen Adenauers krankhaft-opulentes Nachkriegsdeutschland gemein."
So unscharf die Fernbeobachtungen des "Observer" auch anmuten, ihre Abneigung gegen Adenauers Deutschland haben Richters Intellektuelle bei aller Neigung, im Wohlstand angenehm zu leben, oft genug dokumentiert.
Sie verfaßten anklägerische Boykotterklärungen und Solidaritätsbekenntnisse und klagten in Taschenbüchern über das opulente Leben in der Bundesrepublik.
Im Sommer letzten Jahres wurden die Poeten von der SPD um Wahlhilfe gebeten. Wenige Monate vor der Bundestagswahl ließen sie sich von Willy Brandt im Bonner Berlin-Haus zu einer Aussprache empfangen. Nach vier Stunden strenger Dichter-Kritik am Parteikurs zur Mitte - Richter: "Brandt nahm sie hin wie ein hartgesottener Autor auf dem elektrischen Stuhl" - hatte der Kanzler-Kandidat die Intelligenzler so weit für sich gewinnen können, daß sie ihm geistigen Beistand versprachen.
Im August 1961 gab Martin Walser das Rowohlt-Taschenbuch "Die Alternative" heraus, in dem unter anderen Schnurre, Enzensberger, Grass, Walser und Richter mißmutig für eine SPD-Regierung plädierten. Die unlustige Sympathie-Erklärung blieb wirkungslos, wurde jedoch mit 75 000 verkauften Exemplaren Bestseller. Richter: "Mit poetischer Publizistik bewirkt man heute mehr als mit aktiver Politik."
Dieses politische Bekennertum möchte Richter freilich nicht als geschlossene Demonstration seiner Gruppe verstanden wissen. Richter: "Die Gruppe 47 ist kein Verein und keine fixierte Körperschaft."
Zweifellos hat gerade dieser Mangel an Fixierung und der Verzicht auf ein ästhetisches oder politisches Programm die Gruppe 47 als "literarisch-publizistisches Kuriosum unserer Zeit" (Richter) und als Unikum in der deutschen Literaturgeschichte fünfzehn Jahre lang am Leben erhalten.
Professor Walter Höllerer: "Ein Manifest, eine Grundsatzerklärung wäre ihr Ende."
Professor Walter Jens: "Wenn Hans Werner Richter erkrankt, wenn er sich ein Bein bricht, wenn er nicht mag, dann sind die Tage der Gruppe gezählt."
Vorläufig mag Richter noch. Nach der Aschaffenburger Mammuttagung 1960 hatte er letztes Jahr nur den "inneren Kreis" der Gruppe geladen. Im Göhrder Jagdschloß, wo Gruppen-Primadonna Ingeborg Bachmann im Kaiserzimmer nächtigte, fanden sich an die 60 Autoren ein. Diese Beschränkung empfand Richter jedoch nach dem Treffen als "völlige Inzucht".
Am Donnerstag soll in Berlin wieder eine Hundertschaft antreten. Auf dem Programm steht nicht nur das traditionelle Dichterschießen, nicht nur Kritiker-Schaukampf und Verleger-Rennen, sondern auch der Versuch, eine Neue Welle zu schlagen: Richter will seine Dichter mit den Produzenten und Regisseuren der rebellierenden Oberhausener Filmgruppe ("Papas Kino ist tot") zusammenbringen.
Richter: "Ich weiß nicht, ich habe ein gutes Gefühl."
*"Almanach der Gruppe 47", herausgegeben von Hans Werner Richter. Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg; 472 Seiten; 10,80 Mark.
**"Dichter und Richter", gezeichnet von H. M.-Brockmann. Rheinsberg Verlag, München; 160 Seiten; 12,80 Mark.
***Walter Jens: "Deutsche Literatur der Gegenwart". R. Piper Verlag, München; 160 Seiten; 11,80 Mark.

DER SPIEGEL 43/1962
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LITERATUR / GRUPPE 47:
Richters Richtfest

  • Videoanalyse aus Brüssel: "Der Gipfel droht zum Frustgipfel zu werden"
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  • Walkadaver in der Tiefsee: Gefundenes Fressen
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