21.11.1962

ZEITGESCHICHTE / VON DER HEYDTEGeneral-Anzeiger

Der Vorschlag des Verteidigungsministeriums, den Oberst der Reserve von der Heydte zum General der Reserve zu befördern, ging im Bundespräsidialamt Ende Juni dieses Jahres ein.
Der bayrische Freiherr selbst: "Ein absolut einmaliger Fall, es hat in Deutschland noch nie einen General der Reserve gegeben. Ich weiß auch, daß der Herr Bundespräsident deswegen lange gezögert hat."
Der ehemalige Fallschirmjäger von der Heydte, der General werden wollte, zögerte im Gegensatz zu Heinrich Lübke keineswegs. Wie er es auf Kreta und im Reichswald gelernt hatte, sprang er am 6. Juli 1962, offenkundig zur Entlastung seines Fibag-bedrohten obersten Befehlshabers Strauß, tollkühn hinter den feindlichen Linien ab.
Er ließ in dem Würzburger Katholiken-Blättchen "Deutsche Tagespost" einen aggressiven Aufsatz erscheinen, der anschließend vom CDU-finanzierten Kölner "Rheinischen Kreis" als Flugblatt vertrieben, wurde. Heydte brandmarkte die Kritiker des Franz-Josef Strauß als "gesinnungslose Publizisten" und den SPIEGEL als landesverräterisches Organ.
Nachdem ihm ein Hamburger Gericht die weitere Verbreitung seiner Erkenntnisse verboten hatte, zeigte der Fallschirmjäger, dessen Beförderung noch immer im Präsidialamt schlummerte, den SPIEGEL bei der Bundesanwaltschaft an. Vorwurf: Landesverrat und landesverräterische Fälschung.
Am 23. Oktober wurden in Karlsruhe die Haft- und Hausdurchsuchungsbefehle gegen die SPIEGEL-Redakteure unterzeichnet. Einen Tag zuvor, am 22. Oktober, durfte der Oberst d.R. von der Heydte seine Ernennungsurkunde in Empfang nehmen. Er war jetzt Brigadegeneral d. R.
"Aber", so versicherte der Freiherr dem baltischen Edelmann Otto von Loewenstern eine Woche nach diesen Ereignissen, "Ihre Leser dürfen es nicht damit in Verbindung bringen, daß das sozusagen eine Belohnung war."
Loewenstern hatte den Friedrich August von der Heydte als Vertreter der Hamburger Illustrierten "Stern" aufgesucht, um sich über die Hintergründe der Würzburger Anzeige informieren zu lassen. Inwieweit sein Gastgeber denn wissen könne, was Landesverrat sei und was nicht, wollte der Balte von dem Bayern wissen.
Heydte, der eben erst befördert war: "Ich bin kompetent. Einerseits als Professor der Rechte in Würzburg und Direktor des Instituts für Wehrrecht, andererseits als ranghöchster Reserveoffizier der Bundeswehr."
Vorsichtig schob der Journalist die Frage nach, auf wessen Fürsprache die Beförderung zurückgehe.
Statt des Freiherrn, der sich lediglich lächelnd die Hände rieb, antwortete hierauf die Freifrau: "Aber, ich bitte Sie, das Ganze ist doch einzig und allein der Lohn für seine Tüchtigkeit."
Der "Stern"-Vertreter verstummte. Die Generalin hätte in der Tat keine treffendere Begründung geben können. Tüchtig nämlich ist der Dr. Friedrich August von der Heydte seit mindestens 30 Jahren und auf wenigstens drei Ebenen:
- als einsatzfroher Politiker, der kaum
je eine Gelegenheit verpaßt, in irgendeiner Richtung vorzuprellen und sich durch Unternehmen oder Ideen auszuzeichnen;
- als Gelehrter, der - wiewohl von den Fachgenossen mitunter recht kritisch betrachtet - es dennoch zum vor allem im iberischen Ausland geschätzten Tagungsredner brachte;
- als Soldat, der von Kameraden und
Untergebenen als Durchhaltefanatiker gefürchtet und von seinen Chefs dekoriert wurde und der dennoch heute von sich bekennen kann, den Staatsstreich vom 20. Juli 1944 mit vorbereitet zu haben.
Solche Vielfältigkeit brachte dem heute 55jährigen Münchner Dutzende von Orden, Titeln, Berufungen, Präsidentschaften, Posten und Pöstchen ein.
Im Augenblick darf er sich unter anderem Statthalter der deutschen
Statthalterei des Ritterordens vom Heiligen Grabe, Mitglied der "Abendländischen Akademie", Ordinarius für Völkerrecht, Allgemeine Staatslehre, deutsches und bayrisches Staatsrecht und politische Wissenschaften an der Universität Würzburg, Brigadegeneral, assoziiertes Mitglied des "Institut de Droit International", Gründungsmitglied der Organisation "Rettet die Freiheit", Mitarbeiter von Theodor Oberländers Frankfurter "Studiengesellschaft für staatspolitische Öffentlichkeitsarbeit", Gründer des Münchner "Deutschen Kreises 1958", Vorsitzender der "Christlich demokratischen Hochschulgemeinschaft" und Mitglied der CSU des Franz-Josef Strauß nennen.
Freilich konnten gegenüber einer derart dynamischen Persönlichkeit auch die Anfeindungen nicht ausbleiben. Nicht nur seine gelehrten Kollegen mißverstanden vielfach die eher populär denn streng wissenschaftlich gehaltene Stilentfaltung des Professors von der Heydte, selbst christdemokratische Politiker hatten nicht immer das rechte Verständnis für die Intuitionen des Brigadegenerals.
Von seinem Standpunkt aus klagte denn auch der Würzburger Schriftsteller und Heydte-Fan Emil Franzel ganz zu
Recht: "Es ist eine der bedenklichsten Erscheinungen unseres politischen Lebens, daß Persönlichkeiten dieser Prägung und dieses Formats in der deutschen Politik heute nicht den ihnen gebührenden Platz finden können ... Man kann von Männern dieses Ranges nicht verlangen, daß sie in die Niederungen eines politischen Kampfes steigen, wie er heute leider in Deutschland geführt wird."
Wünschte Franzel dem Heydte in der Würzburger "Deutschen Tagespost", die sich ebensogut "Heydte-Post" nennen könnte: "Möge Freiherr von der Heydte als Forscher, Lehrer und wissenschaftlicher Schriftsteller jene Befriedigung finden, die ihm das öffentliche Leben heute nicht gewähren kann."
Worauf es nach seiner Auffassung zurückzuführen war, daß Heydte öffentlich nicht befriedigt werden konnte, legte Franzel an einem Beispiel dar: "Der Versuch ... als Vorsitzender der Abendländischen Akademie wenigstens auf dem Felde der europäischen Zusammenarbeit zu wirken, wurde von der heimatlosen Linken mit Denunziationen und Drohungen beantwortet, die den Gelehrten verbitterten und zum Rücktritt von der exponierten Stellung bewogen."
Hier nun irrte Franzel freilich: Die sogenannte heimatlose Linke hatte den Professor ursprünglich gar nicht direkt angegriffen. Noch weniger hatte sie ihn bedroht. Sie hatte sich allerdings mit den absonderlichen Meinungen befaßt, die auf den Akademie-Tagungen vertreten wurden.
Zum Rücktritt als Akademie-Vorsitzender wurde von der Heydte andererseits durch etliche Akademie-Mitglieder gezwungen, die ihrem Vorsitzenden den Vorwurf machten, er habe sie über seine Rolle in den Jahren nach Hitlers Machtübernahme getäuscht.
Die Abendländische Akademie ging aus der 1951 mit materieller Unterstützung des Fürsten von Waldburg-Zeil gegründeten "Abendländischen Aktion" hervor. Die Ziele dieser "Aktion" hatte der CSU-Politiker Dr. Gerhard Kroll im "Manifest der Abendländischen Aktion, Grundlagen Abendländischer Erneuerung" und - pointierter noch - Im "Ordnungsbild der Abendländischen Aktion" abgesteckt.
Beide Publikationen vermittelten interessierten Bundesbürgern alsbald den Eindruck, daß Kroll und sein Aktiv Hochverrat betreiben, zumindest aber anstreben.
Der bayrische Gerhard Kroll hatte schlankweg festgestellt, daß die Demokratie, wie sie im Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland fixiert ist, nur mit Vorbehalten akzeptiert werden könne, nämlich nur, "soweit sie geschichtlich gewachsen ist, sich praktisch bewährt hat, das natürliche Recht bejaht und das Volk zur Ordnung des Staates verpflichtet, ohne zu behaupten, daß alle Staatsgewalt vom Volke ausgehe".
Kroll weiter: "Die Abendländische Aktion' erblickt im modernen Vielparteienstaat und in der durch ihn herbeigeführten Vergiftung des öffentlichen Lebens einen Ausdruck neuzeitlicher Willkür."
Als Remedur schlug der Autor vor, "die bunte Fülle des westlichen Jahrmarktes" durch ein einheitschristliches
Weltbild zu ersetzen und später die Prinzipien der Volkssouveränität und der Gewaltenteilung aus der Verfassung auszumerzen. Gründe:
- Durch die Volkssouveränität, die in
allgemeinen, gleichen und direkten Wahlen Ausdruck findet, werde "die Möglichkeit echter politischer Verantwortung" ausgehöhlt, "und an ihrer Stelle steht die Abhängigkeit der Regierenden von der jeweiligen Mehrheit".
- "Als Träger der Regierungsverantwortung kann man nicht gleichzeitig Gott in seinem Gewissen für sein Handeln verantwortlich sein und die Gesetze aus der Hand Dritter empfangen."
Als die Hochverrats-Vorwürfe nicht mehr zu überhören waren, wurde die "Abendländische Aktion" umgetauft in "Abendländische Akademie". Kroll trat ins Glied zurück, und von der Heydte, der bis dahin nur Vorstandsmitglied gewesen war, wurde zum Vorsitzenden gekürt. Im übrigen blieben Förderer wie Aktivisten beider abendländischen Vereine dieselben. Aktion wie Akademie bedienten sich auch derselben Zeitung: der Monatsschrift "Neues Abendland" des Fürsten Waldburg -Zeil.
Die Akademie, die aus den Erfahrungen der "Aktion" gelernt hatte, verzichtete freilich auf ein stipuliertes Programm. Nach außen hin gab sie sich als harmloser Debattierklub, in dem jeder seine Meinung vertreten könne.
Akademie - Vorsitzender von der Heydte glaubte, noch mehr tun zu müssen. 1955 schrieb er an den SPIEGEL, der soeben seine Leser mit den Kroll-Ideen bekannt gemacht hatte: "Ich persönlich lehne die wirklichkeitsfremden, utopischen und zum Teil gefährlichen politischen Thesen des von Ihnen zitierten Manifestes der Abendländischen Aktion' ab."
1950 hatte derselbe von der Heydte zu Krolls Ausführungen bemerkt: "Die Schrift Krolls (fällt) auf durch Klarheit, mit der die behandelten Probleme angesehen und auf die eine Grundfrage nach dem letzten methaphysischen Sinn von Individuum und Gemeinschaft zurückgeführt werden, durch die Unerschrockenheit, mit der den Phrasen einer säkularisierten Staatstheorie die Maske vom Gesicht gerissen und Tabu-Begriffe unserer Zeit mit kritischer Sonde untersucht und analysiert werden. .."
Der Freiherr, der 1950 das Kunststück fertigbrachte, sich als immerhin nicht nur dem Abendland, sondern auch der deutschen Sprache verpflichteter Gelehrter darüber zu freuen, "daß den Phrasen einer Theorie die Maske vom Gesicht gerissen wurde", und der 1955 dem SPIEGEL gegenüber davon kaum noch etwas wissen wollte, vertrat vor den Akademie-Mitgliedern Krolls Ansichten nach wie vor.
Nur: Er drückte sich verquollener aus als Kroll. Und er kleidete sein Mißbehagen an der Demokratie der Gegenwart vorzugsweise in Bekenntnisse zu halbvergessenen Philosophen.
So stellte er den verblüfften Abendland-Akademikern auf der zweiten Jahrestagung in dem bayrischen Bischofsstädtchen Eichstädt den Spanier Donoso Cortés als den "Philosophen der rechtverstandenen Freiheit" vor.
Cortés habe nicht, wie bis auf den heutigen Tag alle Historiker lehren, die klerikale Diktatur verherrlicht, sondern lediglich den zutreffenden Beweis erbracht, daß "auch die Herrschaft des Volkes nicht zur Freiheit führt".
Dazu muß man wissen, daß Cortés In die Geschichte einging mit einer Rede, die er am 4. Januar 1849 im spanischen Parlament hielt: "Wenn die Legalität genügt, die Gesellschaft zu retten, dann meinetwegen Legalität. Wenn sie aber nicht genügt, dann eben die Diktatur... Heute ist nur die Wahl zwischen der Diktatur von unten und der Diktatur von oben. Ich wähle jene, die von oben kommt... Sie haben heute nur noch die Wahl zwischen der Diktatur des
Dolches und der Diktatur des Säbels. Ich wähle die Diktatur des Säbels, weil sie vornehmer (gemeint ist: adeliger) ist."
Freund Franzel interpretierte die Gedankengänge seines Heydte alsbald in der "Deutschen Tagespost", die sich als "das führende, meinungsbildende Organ der deutschen Katholiken" versteht: "Eine Staatsform, in der jeder Schafskopf wählen kann, muß es sich auch gefallen lassen, daß die Schafsköpfe ihresgleichen mit einem Mandat ausstatten."
Nunmehr glaubte sich der sozialdemokratische "Vorwärts" zu folgenden Feststellungen berechtigt: "Aktion und Akademie verhalten sich etwa so zueinander,wie die wegen Verfassungsfeindlichkeit verbotene SRP zur erlaubten DRP... Im Grunde ist die DRP eine Nachfolgeorganisation der SRP wie die Akademie' eine Nachfolgeorganisation der Aktion'."
Und in der Bundestagssitzung vom 7. Dezember 1955 versprach der damalige Bundesinnenminister Schröder nach einer Anfrage des Hamburger Abgeordneten Helmut Schmidt, die Verfassungsmäßigkeit der "Abendländischen Akademie" zu überprüfen.
Das Ergebnis der nahezu einjährigen Untersuchungen - Thema: Verfassungsverrat und Hochverrat - des Bundesanwalts Dr. Max Güde war in mehrfacher Hinsicht grotesk: Zwar entwerfe das "Ordnungsbild der Abendländischen Aktion ein Weltbild, das im Falle seiner Verwirklichung zu einer weitgehenden Änderung der verfassungsmäßigen Ordnung der Bundesrepublik führen würde. Auch unterliege das Manifest der Abendländischen Aktion zweifellos schwererwiegenden Bedenken", aber den Organen der Abendländischen Akademie gehöre eine Reihe von hochgeachteten Persönlichkeiten an, "in deren Verfassungstreue keine Zweifel gesetzt werden können".
Sodann attestierte Dr. Max Güde den Abendland-Akademikern so etwas wie einen politischen Paragraphen 51: Die Strafgesetze verböten nicht schon die Äußerung wirklichkeitsfremder Vorschläge und abwegiger Gedanken, sondern setzten ein gegen die freiheitliche Grundordnung der Bundesrepublik gerichtetes Tätigwerden in verfassungsfeindlichem Sinne voraus. Die Schriften der "Abendländischen Akademie" aber verblieben bei "Gedanken und Wunschgebilden, denen eine ernsthafte Beziehung zur Wirklichkeit" abgehe.
Zu den Kuratoriums-Mitgliedern der Abendländischen Akademie, deren Gedankengänge dem damaligen Oberbundesanwalt Güde ohne rechte Beziehung zur Wirklichkeit erschienen, gehörten seinerzeit neben von der Heydte die Bundesminister von Brentano, von Merkatz, Oberländer und Wuermeling.
Indes, es war nicht etwa dieses Verdikt des Dr. Güde, das den Rücktritt des Akademie-Vorsitzenden von der Heydte erzwang.
Die Akademiker nahmen ihrem Sprecher vielmehr die Art übel, wie er versucht hatte, sich von Kroll zu distanzieren. Kroll seinerseits gab bekannt, daß ihm Heydte noch 1953 geschrieben habe: "Die zweite Auflage des 'Ordnungsbilds' habe ich durchgesehen, Ich bin sehr damit einverstanden."
Der untergegangene Abendländer Kroll über Heydte: "Wenn sich nunmehr ehemalige Gründungs- und Vorstandsmitglieder bemüßigt fühlen, ihre geistige Zugehörigkeit zur 'Abendländischen Aktion' zu verleugnen, so ist dies nur ein Zeichen ihrer menschlichen Schwäche.. . ."
Zeichen menschlicher Schwäche glaubten die Kuratoriums-Mitglieder aber auch noch in anderen Verhaltensweisen des Freiherrn entdeckt zu haben.
Von der Heydte hatte ihnen erzählt, jener SA-Mann von der Heydte, der mit etlichen Fußnoten in den Münsteraner Universitätsannalen der frühen dreißiger Jahre auftaucht, müsse ein Vetter gleichen Namens sein.
Der SA-Mann Friedrich August von der Heydte aber war mit dem Professor Friedrich August von der Heydte genauso identisch wie der Kroll-Enthusiast Friedrich August von der Heydte mit dem Kroll-Gegner Friedrich August von der Heydte.
Tatsächlich hat der Freiherr erst in der vergangenen Woche den Zeitpunkt für gekommen erachtet, seinen bisherigen, von ihm selbst inaugurierten Lebenslauf zu erweitern und zu berichtigen.
Früher pflegte Heydte schlicht zu bemerken, er sei 1933 "auf seine Weise ins Exil gegangen", nachdem sein akademischer Lehrer, bei dem er Assistent war, als Jude und Sozialdemokrat zur Emigration gezwungen worden war. Jetzt erläutert er: Er habe zu denjenigen gehört, die glaubten, "man könne als Katholik eine totalitäre Weltanschauung von innen her durchsetzen und im Laufe der Jahre taufen".
Bis zur vergangenen Woche lautete die Lesart, der oppositionelle Katholik und Offizierssohn Heydte habe vom Umsturz 1933 bis zum Eintritt in die Reichswehr 1935 seine Studien im Ausland fortgesetzt. Noch am 31. Oktober dieses Jahres schrieb der - vom Helden offenbar selbst inspirierte - Journalist Nobécourt in "Le Monde", von der Heydte habe diese Jahre in Wien, Paris und Italien verbracht.
Tatsächlich aber verfaßte Heydte - ohne jede Bezugnahme auf seinen emigrierten akademischen Lehrer und ohne jeden eigenen Exilgeist - noch im Sommer 1933 allenthalben emphatische Berichte über die "Dritte soziologische Tagung des Katholischen Akademikerverbandes in Maria-Laach" vom 21. bis 23. Juli 1933,über jene Tagung also, auf der das Bündnis zwischen den Vertretern des aktiven Rechts - Katholizismus und einflußreichen Förderern des Nationalsozialismus erstmalig öffentlich demonstriert wurde.
Beispielsweise jubelte er in dem eben gegründeten Wochenblatt "Zeit und Volk": "Aus allen Vorträgen und Reden der Tagung spricht das Bewußtsein der Verantwortung gegenüber Kirche und Volk ... und der zielbewußte Wille zum Dienst am Volk und zum Dienst am Reich im nationalsozialistischen Staat und in der nationalsozialistischen Bewegung."
In der ständestaatlich orientierten österreichischen Zeitschrift "Schönere Zukunft" ließ er sich unter der Überschrift "Die Katholiken im neuen Deutschland" vernehmen, es gehe um die Erkenntnis, "daß das große Geschehen, das die Struktur des deutschen Reiches in den 180 Tagen der deutschen
Revolution von Grund auf verändert hat, nur das äußere Zeichen eines gewaltigen geistigen Umbruchs ist, eines geistigen Umbruchs, der alle Begriffe und alle Formen von gestern völlig entwertet und den mit dem Maßstab und im Geist der früheren Zeit zu messen völlig sinnlos erscheint.
Signifikanter als solche Phrasen, die mehr durch ihr Deutsch als durch ihren Inhalt verletzen, ist freilich des Freiherrn persönliches Auftreten in jener Zeit. 1935 zog er zusammen mit dem Wiener Geheimen Hofrat Professor Dr. Hugelmann in die westfälische Wilhelms-Universität zu Münster ein - als Emigrant. Freilich wichen Hugelmann und Heydte nicht vor dem Nationalsozialismus aus, sondern sie waren, als Nationalsozialisten, im Heimwehrregierten Wien - wo Heydte sich kurze Zeit an der Universität etabliert hatte unerwünscht.
Kultusminister Rust zwang den Münsteranern den Hugelmann auf, der alsbald -zum Rektor ernannt wurde. Der Wiener sollte überdies den Katholischen Studentenverband KV (Kartellverband), dem einst auch Adenauer und Brentano angehörten, nationalsozialistisch reorganisieren.
Von der Heydte übertrumpfte den schon senilen Hofrat. Seine Kolloquien über Staats- und Verfassungsrecht zeichneten sich zwar nicht durch juristische Qualität, dafür aber durch eine Art aus, an die sich der spätere Bundestagsabgeordnete Peter Nellen, damals Münsteraner erstes Semester, heute so erinnert: "Das war das Übelste, was ich je mitgemacht habe."
Und: "Heydte stand gerade in seiner Sünden Maienblüte."
Und: "Er hat sich auch das Studentenheim zur Nazifizierung vorgenommen."
Tatsächlich sorgte der Hugelmann -Assistent dafür, daß in dem feudalen Studentenheim der Universität, der Burse, die einschlägigen NS-Presseerzeugnisse ausgelegt wurden.
Für die Zeitungen in der Burse war seinerzeit ein Dr. Pülke verantwortlich. Heydte drohte ihm schriftlich: "Sie haben auf unser Verlangen, das "Schwarze Korps" im Studentenheim auszulegen, nicht reagiert. Falls die Zeitschrift innerhalb kürzester Frist nicht ausliegt, werden wir unserer vorgesetzten SS-Dienststelle Meldung machen."
Seine damalige Aktivität sollte dem katholischen Politiker von der Heydte später noch manchen Ärger bereiten.
Der Dr. Pülke verschickte 1954, als von der Heydte in allen möglichen katholischen Führungsgremien mitzureden begann, Photokopien des Drohbriefes an prominente Katholiken.
Der einstige Münsteraner katholische Theologie-Professor Quasten, der emigriert war und 1954 aus Amerika zu einer Tagung des katholischen Studentenverbandes "Unitas" erschien, verließ demonstrativ die Tagung, als er in von der Heydte den SA-Mann wiedererkannte, der ihm seinerzeit in Münster die Tage vergällt hatte.
Aber auch für die wissenschaftliche Laufbahn des Freiherrn können jene Lehrjahre nicht eben förderlich gewesen sein. Statt vom Folianten-Geruch der Seminare fühlte sich von der Heydte plötzlich vom Pferdedunst der Ställe fasziniert.
Von der Heydte selbst: "Ich ging 1935 zum Reichsheer und wurde 1936 im Reiterregiment 15 in Paderborn als Leutnant in den aktiven Dienst übernommen."
Des Freiherrn Begründung für das Umsatteln: "Ich verlor meine Assistentenstelle in Münster von einem Tag zum anderen, weil ich mit meinem Freund Carl-August Klönne offen für den Hausmeister des Münsteraner Studentenhauses, Herrn Landwehr, eintrat, der von einem im Heim wohnenden damaligen nationalsozialistischen Studentenführer bei der Gestapo denunziert worden war."
Wie immer der Freiherr heute den Kausalzusammenhang zwischen den Problemen des Hausmeisters Landwehr und dem Eintritt von der Heydtes in das Reichsheer sehen mag, sicher ist jedenfalls, daß der Entzug der Assistentenstelle der Münsteraner Universitätsverwaltung verborgen geblieben sein muß: Das "Personal- und Vorlesungsverzeichnis" der Wilhelms-Universität führt nämlich den Dr. Heydte noch bis zum Sommersemester 1937 als Fakultäts-Assistenten der Juristischen Fakultät auf.
Von der Heydte ritt freilich ohnehin nur kurze Zeit. Er wurde, vom Pferd auf Pferdestärken umgerüstet, zum Panzerjäger. Nach dem Frankreich-Feldzug, im Sommer 1940, trat er von der Infanterie zur Luftwaffe über und kam zum Fallschirmjägerregiment 3.
1941 sprang er auf Kreta mit dem ersten Bataillon des 3. Regiments ab. Das Bataillon eroberte den wichtigen Platz Chanea. Der Draufgänger Heydte erhielt das Ritterkreuz. Vor Leningrad erwarb er ein halbes Jahr später das Deutsche Kreuz in Gold, in Nordafrika einige italienische Orden und an der Invasionsfront im Jahre 1944 dann das Eichenlaub.
Als Hitler die Ardennen-Offensive befahl, war von der Heydte Oberstleutnant. Er erhielt den Auftrag, mit einem verstärkten Bataillon - "Kampfgruppe von der Heydte" - hinter den amerikanischen Linien nördlich von Malmedy abzuspringen, um den Panzern Sepp Dietrichs den Durchbruch zu ermöglichen. Dieser letzte Sprungeinsatz deutscher Fallschirmjäger im Zweiten Weltkrieg mißglückte: Die Kampfgruppe wurde zerschlagen. Heydte geriet mit den Überlebenden in Gefangenschaft und wurde nach England gebracht. Später rekonstruierte der britische Intelligence-Service aus Gefangenen -Vernehmungen die Ansprache von der Heydtes vor dem letzten Einsatz: "Ich verlange, daß jeder Soldat alle persönlichen Wünsche aufgibt. Wer auf die preußische Fahne schwört, hat nichts mehr, was ihm selber gehört. Wer Fallschirmjäger ist und zu meinem Regiment kommt, gibt alles andere auf ... Es gibt in Zukunft nur noch ein Gesetz für ihn - das Gesetz meiner Einheit ..."
Das waren die klischierten Wendungen jener Zeit, im Grunde so wenig erstaunlich oder gar für Heydte belastend wie sein Bekenntnis zum Nationalsozialismus aus dem Jahre 1933.
Was ihm seine ehemaligen Soldaten und Offizierskameraden in Wahrheit übelnahmen, geschah erst jenseits des Kanals. Die Engländer gaben eine Kriegsgefangenenzeitung heraus: "Die Wochenpost". Wie mit DDT von Läusen, so sollten die Deutschen mit Hilfe dieses Blattes von NS-Rückständen befreit werden. Die Landser nannten das gutgemeinte, aber penetrante Organ "Die Wochenpest".
Von der Heydte wurde alsbald fleißiger Mitarbeiter, so wie er heute fleißiger Mitarbeiter der "Deutschen Tagespost" ist.
Nun erst regten sich die Soldaten aus Heydtes Regiment über den Freiherrn auf, der noch ein paar Wochen zuvor ihr Haudegen-Vorbild gewesen war.
Die Engländer hielten es jedenfalls für richtig, Heydte für den Kriegsver brecherprozeß gegen den einstigen Oberbefehlshaber der deutschen Fallschirmtruppe, den Generaloberst Kurt Student, als Zeugen der Anklage zu benennen. In dem sogenannten Kreta -Prozeß wurde dem Generaloberst unter anderem vorgeworfen, seine Fallschirmjäger hätten beim Angriff ihre Gefangenen vor sich hergetrieben, um die Engländer am Feuern zu hindern.
Zu einer Aussage des Freiherrn kam es jedoch nicht, weil sich der neuseeländische General Ingles der Verteidigung vorher als Zeuge anbot. Der Neuseeländer attestierte Student, daß die deutschen Fallschirmtruppen auf Kreta äußerst ritterlich gekämpft haben. Student wurde freigesprochen.
Auch in den folgenden Jahren fand von der Heydte zu seinen ehemaligen Untergebenen ebensowenig wieder Kontakt wie zu den Offizierskameraden von der Fallschirmtruppe, deren Korpsgeist er bei jeder Gelegenheit als vorbildlich preist: "Wissen Sie, das war eine verschworene Legion, ein Orden."
Der dem Zivilleben wiedergegebene Soldat wandte sich den beiden alten Steckenpferden zu, die er 1936 zugunsten der Kavalleriegäule aufgegeben hatte: der Politik und der Wissenschaft.
Freilich schien er in dem unbekannten Nachkriegsdeutschland, über dem er sich nun abgesetzt fand, zunächst Orientierungsschwierigkeiten zu haben. Er fraternisierte in München mit der Bayern-Partei und schloß sich an jenen Abgeordneten Donhauser an, der - vor dem SPIEGEL-Ausschuß belastet - später von den Gerichten wegen verschiedener Vermögensdelikte verurteilt wurde.
Bald aber hatte von der Heydte sein Ziel aufgefaßt: Er fand zur Christlich -Sozialen Union, der in der Tat für ihn einzig gemäßen Partei.
Auch in seiner wissenschaftlichen Karriere kam er nun weiter. Schon 1949 durfte er sich als Privatdozent für Staatsrecht an der Universität München habilitieren.
Dabei hatte es sich günstig getroffen, daß an den westdeutschen Universitäten damals gerade ein staatsrechtliches Thema diskutiert wurde, dessen speziell bayrische Behandlung dem Fallschirmjäger durch einfachen Rückgriff möglich war: Sowohl Bayern-Partei als auch Christlich-Soziale Union waren sich in der Ablehnung des Bonner Grundgesetzes einig.
Pointe: Der Privatdozent von der Heydte brauchte nur die Kritik des einstigen Assistenten von der Heydte zurechtzuschneidern - jetzt eben auf das Grundgesetz anstatt auf die Weimarer Verfassung -, und er mußte richtig liegen.
Während der Parlamentarische Rat noch mit der Redaktion befaßt war, veröffentlichte der Freiherr "Das Weiß-Blau-Buch zur deutschen Bundesverfassung"*, ein schlecht geschriebenes, ziemlich oberflächliches Pamphlet, das voller Ausfälle gegen den "Geist von Bonn" steckt:
"Eine Verfassung muß zu den weltanschaulichen Problemen der Zeit klar und eindeutig Stellung nehmen. Der Bonner Vorschlag sucht dieser Stellungnahme zu entgehen. Er will, so scheint es, weltanschaulich neutral sein. Doch es gibt keine weltanschaulich-neutrale Verfassung. Eine weltanschaulich-neutrale Verfassung ist immer eine Verfassung, die das Christentum verrät..."
Von der Heydte erklärte, von Grundrechten könne nur dann gesprochen werden, wenn die gesamte Rechtsordnung im Rahmen dieser Grundrechte verstanden werde "und an diesen Rahmen gebunden ist". Dabei verschwieg er, möglicherweise aus Unwissenheit, daß eben seine bayrischen Freunde für die von ihm befehdete Schwächung der Grundrechte eingetreten waren.
Selbst als - gegen den zähen Widerstand der bayrischen CSU - das Grundgesetz schon Rechtskraft erlangt hatte, trug von der Heydte nochmals einen Angriff gegen die nunmehr jeden Westdeutschen verpflichtende Verfassung vor: "Die Berufung auf Gott in der Präambel ist das Einzige, was in der Verfassung von Bonn an den erinnert, von dem im letzten Grunde alles Recht ausgeht. Diese Berufung auf Gott erinnert an das Gebet des Taschendiebs vor dem Diebstahl um das Gelingen seiner Tat!"
Hatte sich der Ex-Fallschirmjäger dergestalt den Weg zur Dozentur freigekämpft, so galt es nun, einen Lehrstuhl zu erobern.
Mit der Bereitstellung war der Freiherr im Jahre 1950 fertig. Damals ließ er sein erstes wissenschaftliches Werk erscheinen: Montesquieu, "Vom Geist der Gesetze" - Eine Auswahl, übersetzt und erläutert von Friedrich August von der Heydte.
Hätte nicht Montesquieu selbst in dieser Übersetzung noch so glänzend gewirkt, so wäre sicher schon damals aufgefallen, wie merkwürdig sich die Zutaten des Kommentators von der Heydte lasen. Da findet sich beispielsweise auf Seite 63 der ebenso kuriose wie typische Satz: "So bleibt der Geist der Gesetze', um ein Wort Rankes zu gebrauchen, unter dem Anschein des Systems Fragment - ein Fragment freilich, das ebenso die Meisterhand verrät wie Beethovens Unvollendete' oder ein Torso des Praxiteles."
Mochte dem Fallschirmjäger der noch das Dröhnen der Ju 52 im Ohr hatte, allenfalls die Verwechslung Beethovens mit Franz Schubert als Gehörfehler durchgehen, so hätte der Privatdozent von der Heydte doch wenigstens die logische Unebenheit vermeiden müssen: Von Montesquieus "L'Esprit des lois" gingen eben gerade nicht nachträglich Teile verloren. Und umgekehrt hat Praxiteles keine Torsos angefertigt. Von der Heydte aber vergleicht unbefangen die gewollte mit der ungewollten Fehlerhaftigkeit.
Zwei Jahre später setzte von der Heydte zum nächsten literarischen Sprung an. Er gab ein Buch heraus, das er selbst als "die Frucht langjähriger, oft unterbrochener Forschungsarbeit" bezeichnete, deren "Drucklegung durch die Einsatzbereitschaft meines Verlegers" ermöglicht wurde.
Zu dem - von ihm selbst gewählten
- Titel "Die Geburtsstunde des souveränen Staates" bemerkte er im Vorwort,
daß es sich bei dem, was er beschreiben wolle, gerade nicht um ein geschichtlich genau zu bestimmendes Geschehen - eine Geburtsstunde - handele. Aber: "Leider hat die deutsche Sprache, wie mir scheint, für solch geistesgeschichtlichen Vorgang keinen entsprechenden Ausdruck."
Freund Franzel lobte in der "Deutschen Tagespost": "Es ist eine glänzende und bahnbrechende Arbeit."
Und: "Von der Heydte konnte... das staatsrechtliche Denken des Mittelalters rekonstruieren ... Er konnte nachweisen, daß das Reich kein Staat im modernen Sinne war und daß der souveräne Staat' erst seit dem Ende des Hochmittelalters langsam auf dem Boden des sich auflösenden Reichsbegriffes entstand."
Der "Tagespost"-Mitarbeiter steht mit dieser Hymne bis auf den heutigen Tag recht einsam da. Andere deutsche Gelehrte, etwa Hermann Heimpel, eine Koryphäe der deutschen historischen Wissenschaft, urteilten wesentlich zurückhaltender.
Heimpels Rezension im 208. Jahrgang der "Göttingschen Gelehrten Anzeigen" beginnt, gegen alle militärischen Konventionen, mit einem Feuerschlag nicht der schweren, sondern der leichten Waffen - und mutet über Seiten hin an, als spielten die Harlem Globe Trotters gegen die Basketballgruppe des Sportvereins Itzehoe. Heimpel kritisierte mit Humanistenfleiß die grammatikalischen und historischen Klein-Fehler des Kollegen von der Heydte:
Es heißt nicht die Ordo, sondern der Ordo; überschwengliche Berufung auf Otto von Gierke müßte einem Juristen die Feder sich sträuben lassen, wenn sie ohne Ausnahme fünfmal Giercke schreibt; Aristoteles seinerseits schreibt sowohl Ethik als auch Politik, daher auch Konrad von Megenberg keine oeconomia, sondern oeconomica; der
englische Exchequer heißt nicht saccarium, sondern scaccarium, da er nicht vom Sack, sondern vom Schach kommt; ,Una Sancta' ist eine löbliche Bewegung, aber die gemeinte Bulle Papst Bonifaz' VIII. beginnt: 'Unam Sanctam'; der sehr bekannte Dante-Forscher heißt nicht Witt, sondern Witte; Guido Vernani schrieb nicht "De reprobatione Monachiae", sondern Monarchiae; ein Speculum regum ist kein Speculum regnum."
Hermann Heimpel litt offenkundig nicht unter der notorischen Munitionsknappheit der Fallschirmjäger: "Bolognia klingt ganz schön, wird aber nicht so geschrieben. Seite 149 strebte der Kaiser doch wohl, sich etwas anzueignen, nicht anzuzeigen; bei einem (mehrmaligen) Hanseatischen (lies: Hansischen) Urkundenbuch bekommt ein geschulter Historiker Krämpfe, während er auf 'die' Seite 172 wiederkehrende ,Ordo' nun schon trainiert ist; Augustin hinwieder schrieb nicht 'in psalmis', sondern (Enarrationes) 'in psalmos'; wollen wir beatudinis (197) hingehen lassen, so reut uns die Nachsicht schon wieder bei Handelsmann, welcher Pole Handelsman heißt. Jetzt erlahmen wir und springen gleich auf die Seite 320, wo wir, Anmerkung 13, Dantes (in Bertalots Ausgabe 111 Seiten starke) Monarchia in Bände eingeteilt finden; übrigens heißt der bekannte französische Rechtshistoriker nicht Ermein, sondern Esmein."
Allmählich wird Heimpels Kritik an von der Heydte zu einer wissenschaftlichen Hinrichtung- "So saust dieser Beklagenswerte, auch hier ohne Kontrolle, in voller Fahrt die Bahn der Druckfehler über den Text hinaus. Wenigstens in den Registern hätte er doch merken müssen, daß, von anderem wieder zu schweigen, der Biograph König Philipp Augusts von Frankreich nicht Pigord, sondern Rigord heißt, der Cid nicht Campedor, sondern Campeador zubenannt ist, Honorius IV. aus einer Familie Savelli, nicht Sarelli, stammt, daß Konrad von Megenbergs Lebensjahre falsch angegeben sind; daß Lupold von Bebenburg nicht Bischof von Würzburg, sondern von Bamberg war, der Spruchdichter Reinmar nicht der Zweter, sondern von Zweter heißt; daß der Normanne Roger 1. nicht König und Rudolf von Habsburg nicht Kaiser war, daß Birckmann nicht Birkmann ist, Gierke also nicht Giercke, Longpré nicht Lougpré. Aber nein, man hat nichts gemerkt, man hat vielmehr fast jede Gelegenheit zu trivialen Fehlern auch noch in den Registern ausgekostet."
Dann folgt schierer Hohn: "Der Übergang von den Druckfehlern zu den Sachfehlern ist, wie schon angedeutet, fließend, besonders, wenn man einen Assistenten nicht beaufsichtigt, der offenbar in der Grammatik nicht ganz sattelfest ist."
Die Liste der falsch zitierten, falsch übersetzten oder falsch verstandenen Textstellen könnte nicht grotesker sein.
Sodann bemerkt der Protestant Heimpel zu der Arbeit des katholischen Aktivisten: "Ein lockeres Verhältnis, um einen gelinden Ausdruck zu gebrauchen, scheint der Verfasser - oder also der Assistent - sowohl zum Kirchenrecht als auch zur scholastischen Methode zu haben."
Und abermals ein Katalog von Beispielen, aus denen sich ergibt, daß der Professor von der Heydte mitunter geradezu das Gegenteil von dem aus seinen Quellen herauslas, was darin zu finden war:
"Heydte macht das so, daß er sich an einer ihm bequem scheinenden Stelle seines Folianten niederläßt und in freudiger Eile erntet, was seinem Buche bekömmlich scheint."
Schließlich: "Man glaube nicht, daß mit den bisher angeführten und zu vermehrenden Beispielen für die Art, in welcher der Verfasser mit der Überlieferung umgeht, schon der Gipfel der Quellen-Mißhandlung erreicht sei. Auf diesen schleift der Verfasser den Zisterzienser Helinand von Froidmont, wobei er ihm beharrlich das Femininum ,Froidemont' verabreicht. Den Zisterzienser? Oder sind es zwei, gibt es noch einen Helinand ...
Heydte machte aus einer historischen Figur schlankweg zwei. Dazu Heimpel: "Persönlichkeitsspaltung eines Zisterziensers, bei der sich dessen Beruf und Lebenszeit verändern, angebliche Auffindung seines Fürstenspiegels, Verwechslung des zweigeteilten Zisterziensers aus dem 13. Jahrhundert mit einem Autor des 9. Jahrhunderts, und das alles nur wegen unsolider Lektüre moderner, klarer, leicht zugänglicher und vom Verfasser oft zitierter gelehrter Vorleistungen."
Heimpels Fazit: "In diesem Buch ist die Grenze des Erträglichen überschritten... Nimmt man alles in allem, so bleibt kein Ausweg vor der Tatsache, daß mit diesem Buche die wissenschaftliche Wahrhaftigkeit selbst verletzt worden ist. Dieses Buch stellt an seine Leser die Frage, nicht nur: Wie es um die kritischen Fähigkeiten unserer Generation bestellt ist, sondern auch: Wie es im gegenwärtigen, sich so existentiell und christlich gebenden Deutschland eigentlich um die Wahrheit steht,'
Von der Heydtes Sprung in die historische Wissenschaft hatte mit einer Katastrophe geendet. Er wiederholte ihn nicht und widmete sich fortan mehr einer populärwissenschaftlichen Vortrags- und Aufsatztätigkeit. Zusammen mit dem Mainzer Psychologen Karl Sacherl veröffentlichte er 1955 eine "Soziologie der deutschen Parteien" und bis 1960 unter seinem Namen allein das zweibändige "Lehrbuch des Völkerrechts".
Noch 1951 hatte er sich von dem rheinpfälzischen Christdemokraten Altmeier als Professor für Öffentliches Recht nach Mainz rufen lassen. Bald fand er Kontakt mit dem benachbarten Saar -Separatisten Johannes Hoffmann (Joho) - und damit Gelegenheit, zu ungefährlicherem und zugleich lohnenderem Einsatz.
Heydte schrieb für das Hoffmann-Regime einen Werbe-Artikel, "Europäisierung der Saar". Hoffmann ließ den Aufsatz sofort verbreiten: Es standen die Landtagswahlen vom 30. November 1952 an, die der Ministerpräsident vorbereitete, indem er umsichtig alle demokratischen Freiheiten der deutschgesinnten Parteien und Politiker stornierte.
Die Saar-Politiker Becker, Ney, Conrad und Schneider, die damals sogar noch die Unterstützung des Bundeskanzlers hatten, waren empört, daß ein hochdekorierter deutscher Offizier sich zur französischen Lösung bekannte. Von der Heydte aber erhielt vom Sommersemester 1953 an bis zum Ende des Wintersemesters 1954 eine Gastprofessur an der von den Franzosen gegründeten Saar-Universität.
Seit 1954 wirkt von der Heydte als Professor in Würzburg. Seine Beziehungen zur Jurisprudenz intensivierte er freilich seither nicht mehr weiter, statt dessen machte er sich die Public Relations der katholischen Kirche zur Herzensangelegenheit. Gleichzeitig richtete er sein Augenmerk auf die künftige Bundeswehr. Mitunter fand er originelle Wege, das eine Anliegen mit dem anderen zu koppeln.
So befürwortete er, lange vor den ersten Aufrüstungs-Beschlüssen des Bundestages, zeitweilig die Aufstellung von Freiwilligen-Kader aus jungen Katholiken, um die ganze künftige Wehrmacht mit katholischem Geist zu erfüllen. Später, als die Einführung der allgemeinen Wehrpflicht feststand, regte er an, das Volksheer wenigstens
in evangelische und katholische Divisionen aufzuteilen.
Bald fehlte er bei keiner Konferenz, auf der sich katholische Kirchenmänner und Politiker mit dem Aufrüstungs-Problem befaßten, und auf keiner Versammlung, bei der es galt, katholischen Kampfgeist zu entfachen:
- Im Mai 1956 wird er Vorstandsmitglied des in München gegründeten Vereins "Westliches Wehrwesen";
- im Februar 1957 wählen Ihn die
Kollegen in Bonn zum Vorsitzenden der neugegründeten "Christlich-Demokratischen Hochschulgemeinschaft", eines Vereins der CDU-Professoren;
- im Juli 1958 findet sich von der
Heydte in München unter den Gründungsmitgliedern des "Deutschen Kreises", dessen Mitglieder, Professoren, Politiker und Journalisten, gegen die Koexistenz-Propaganda des Ostens kämpfen wollen;
- im Juni desselben Jahres wird von
der Heydte gar in den "Ausschuß für auswärtige Angelegenheiten des Instituts für amerikanische Strategie" berufen, eines Klubs, der ungeachtet des aufwendigen Namens freilich mit dem Pentagon wenig zu tun hat;
- im November 1959 betätigt sich von
der Heydte als Mit-Begründer des Unternehmens "Rettet die Freiheit". Diese letzte Gründung brachte ihn erstmals auf Tuchfühlung mit Franz -Josef Strauß. Mit Heydte zusammen stand der Major Sagner an der Pinne des Rettungsschiffleins. Sagner war damals Leiter des Ministerbüros im Verteidigungsministerium und Vertrauter des Behördenchefs.
Die einzige Arbeits-Entlastung, die dem vielbeschäftigten Komitee-Mitglied In all den Jahren zuteil wurde, war der Wegfall der "Abendländischen
Aktion" und seine Kaltstellung in der "Abendländischen Akademie".
Von der Heydte hetzte von einer Kundgebung zur anderen. Er sprach in Würzburg und in Spanien, vor Delegierten katholischer Männervereine und vor der "National Military Industrial Conference" in Chicago.
An Niveau hatten seine Reden gegenüber den Tagesbefehlen an seine Fallschirmjäger nichts eingebüßt: "Wir sind klerikal - und bleiben klerikal, was immer kommen mag. Gott möge uns dabei helfen."
Oder etwa: "Mit gefährlichen Waffen bekämpfen die Gegner der Kirche die gläubigen Katholiken. Sie kämpfen mit bestimmten Schlagwörtern wie ,Objektivität', Parität' und Toleranz'."
Das ist gute alte Abendländlerei, der sich "Aktion"-Gründer Kroll nicht zu schämen brauchte - hätte er sich nicht mit Heydte zerstritten.
Von der Heydte auf der Woche für portugiesische Kultur in Würzburg:
"Jedenfalls sehen wir In Portugal ein Verfassungs-Experiment, das versucht zu haben schon eine Leistung bedeutet."
Dazu später der Abgeordnete Nellen: "Bei diesen Leuten stehen doch immer Franco und Salazar in der Ikonen -Ecke."
Heydte vor dem Christlich-Demokratischen Hochschulring in Münster: "Es darf keinen totalen Staat geben, weder eine totale Diktatur noch eine totale Demokratie'!"
Das war wieder der alte Donoso Cortés.
Weiter: "Nächstenliebe bedeutet, daß man den Nächsten im Glauben zu erhalten hat. Wie, wenn dieser später sagen kann, man hat mich mit schmutzigen Zeitungen und Zeitschriften verdorben und von Pressefreiheit gefaselt."
Nur ein einziges Mal fand der überlastete Katholik von der Heydte Zeit, sich auch um Heiden zu kümmern. Freilich, es handelte sich, um Fallschirmjäger. Im Februar und März 1956 weilte der Würzburger Ordinarius in Ägypten: einerseits um Vorlesungen zu halten, andererseits um die Ägypter bei der Ausbildung ihrer Luftlande - Einheiten zu beraten.
Die ägyptische Exkursion machte sich doppelt bezahlt. Als der Gelehrte wieder im Abendland war, konnte er dem bayrischen Kultusminister Maunz einen Ruf zum Nildelta vorweisen - und Maunz besserte das Würzburger Gehalt auf.
Den gleichen Nutzen zog Heydte Anfang dieses Jahres aus einem Ruf an die Universität Wien, obschon feststand, daß in Wien keine Einigkeit über die Berufung des Würzburger Fallschirmjägers zu erzielen gewesen wäre.
So verbindet der Freiherr in idealer Weise seine Lust am Reisen und am Abenteuer mit dem Kampf für die freie Welt und mit den Interessen des Katholizismus.
Was nach außen als hektische Betriebsamkeit erscheinen mag, die rallyehaften Autofahrten quer durchs Abendland, zum Europa-Kolleg in Brügge, zu den Salzburger, Wiener und Meraner Hochschulwochen, nach Bonn
- das hat bei ihm auch noch eine interne Seite: Auf seinen Reisen nächtigt der Gelehrte gerne, gelinde jugendbewegt noch immer, unter seines Gottes freiem Himmel im stets mitgeführten Zelt, das ihm der Begleit-Student des Abends aufstellen und des Morgens abbrechen hilft.
Diese merkwürdige Fähigkeit, das scheinbar Unvereinbare zu kombinieren, zeichnete ihn schon von jeher aus.
Selbst im Brüsseler Kriegsverbrechergefängnis, wohin ihn die Engländer vor seiner endgültigen Entlassung überstellt hatten, erklärte er den Zellenkameraden im gleichen Atemzuge: "Ich bin nur aktiver Offizier geworden, um die deutsche Wehrmacht zu zersetzen." Und: "Das Ritterkreuz behalte ich natürlich, das wird später einmal zum Frack recht dekorativ aussehen."
Das alles braucht nicht Heuchelei zu sein.
Viel wahrscheinlicher ist, daß von der Heydte ebensooft die Kontrolle über seine politischen Äußerungen und Aktionen verliert, wie ihm - laut Professor Heimpel - die Kontrolle über Grammatik und Historie zu entgleiten pflegt.
Wahrscheinlich wollte der Professor von der Heydte auch dem Franz-Josef Strauß keine Schwierigkeiten bereiten, als er mit seiner Landesverrats-Anzeige gegen den SPIEGEL jene Lawine lostrat, in deren staubenden Wolken der Oberbefehlshaber nahezu unsichtbar geworden ist.
* Verlag Joseph Habbel, Regensburg.
Reserve-General von der Heydte: "Wir sind klerikal - und bleiben klerikal"
Abendländler Kroll
Diktatur des Dolches...
Abendländler Franzel
... oder Diktatur des Säbels?
Minister von Merkatz
Honorige Herren...
Minister von Brentano
... sind keine Hochverräter
Schloßherr Waldburg-Zeil
Dem Orden ein Heim
Major von der Heydte (M.) an der Invasionsfront: Dem Heros einen Orden
Heydte-Rezensent Heimpel
Den Zisterzienser zweigeteilt
Frankfurter Rundschau

DER SPIEGEL 47/1962
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ZEITGESCHICHTE / VON DER HEYDTE:
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