14.11.1962

FALLSCHIRMSPRINGENEiner hatte Liebeskummer

Sechs Männer sprangen in 7000 Meter Höhe rasch hintereinander aus dem Flugzeug. Wie auf Kommando zündeten sie Rauchpatronen. Farbige Qualmschweife hinter sich herziehend, stürzten sie 130 Sekunden lang in Korkenzieherbahnen der Erde entgegen. 600 Meter über dem Boden ließen sie fast gleichzeitig ihre Fallschirme aus den Tornistern schlüpfen und landeten alsbald wieder.
Mit diesem geschlossenen 7000-Meter -Sprung überboten fünf deutsche Luftsportler - ein Schweizer sprang zum Vergnügen mit - Ende vergangenen Monats bei Vechta (Südoldenburg) den nationalen Höhenrekord im Gruppen -Fallschirmspringen.
"Wir werden bei nächster Gelegenheit auch den internationalen Höhenrekord (Inhaber: fünf Russen mit einer Leistung von 7600 Metern) angreifen", sagte Deutschlands Fallschirmsprung -Exmeister Willi Ernst, der den neuen Rekordsprung organisierte.
Das Streben deutscher Fallschirmsportler nach internationalen Höhenrekorden entspricht dem Aufschwung, den der Fallschirmsport in Deutschland genommen hat, seit die Bonner Republik 1955 ihre Lufthoheit erhielt. Damals zählte die "Fallschirmspringer-Kommission" des "Deutschen Aero Clubs" nur 90 Mitglieder, vorwiegend alte Fallschirmjäger und Berufsspringer (Sprunglehrer). Heute umfaßt die luftige Gemeinschaft 20 Klubs mit rund 1000 aktiven Springern, darunter nahezu 400 Frauen und Mädchen (USA: über 5000 registrierte Fallschirmsportler).
"Niemals hatten wir so viele Neuzugänge wie in diesem Jahr", erklärte der Rendsburger Sprunglehrer und Neulingsprüfer Konstantin Schiering. Im Rekordjahr 1962 errangen die bundesdeutschen Fallschirm-Athleten auch ihren bisher größten internationalen Erfolg: Sie belegten auf der im September in den USA beendeten Weltmeisterschaft unter 18 Nationen den sechsten Platz.
Fallschirmsport-Vorsitzender Richard ("Papa") Kohnke, der seit 1916 genau 398mal am Schirm zur Erde schwebte und in Heidelberg Fallschirme fabriziert, glaubt allerdings aus zwei Gründen nicht, daß sich das Fallschirmspringen jemals zu einem Volkssport entwickeln wird. Kohnke über den einen Grund: "Es ist nicht jedermanns Sache, etwa in 1000 Meter Höhe bei einer Geschwindigkeit von 110 Stundenkilometern aus dem Flugzeug zu springen."
Der zweite Grund liegt in den enormen Kosten. Allein die Springerausrüstung - sie besteht aus Hauptschirm (auf dem Rücken) und Reserveschirm (vor der Brust), Sturzhelm, Spezialbrille, Kombination, Springerschuhen, Bandagen, Stoppuhr und Höhenmesser - verschlingt je nach Ansprüchen zwischen 2500 und 3000 Mark.
Anwärter auf einen "Luftfahrerschein für Fallschirmsprung" müssen mindestens 17 Jahre alt sein, ein polizeiliches Führungszeugnis und ein fliegerärztliches Tauglichkeitsattest vorlegen, den Fallschirm verpacken können und außerdem in Luftrecht und Wetterkunde bewandert sein. Fünf Absprünge unter Lehreraufsicht und ein weiterer Sprung vor einem Prüfungsrat der Zulassungsbehörde sind die letzte Bedingung, um den Luftfahrerschein der Stufe I zu erhalten.
Die höheren Freuden des Springens bleiben den so legitimierten Neulingen vorerst verschlossen, denn sie dürfen nur mit automatischer Schirmauslösung abspringen. Erst nach zehn weiteren Prüfungssprüngen mit automatischer und zwei Sprüngen mit manueller Auslösung (nach drei Sekunden freiem Fall) erhalten die Schirmsportler den Schein der Stufe II und dürfen nunmehr an jedem Wettbewerb teilnehmen.
Erfordert das Hüpfen aus dem Flugzeug oder dem Hubschrauber auch bei automatischer Schirmauslösung bereits Mut und Überwindung, so verlangen der freie Fall bis zur Auslösung des Schirms, der Flug und die Landung dem Springer zusätzlich ein hohes Maß an Körperbeherrschung und Reaktionsvermögen ab. Denn der Zweck des sportlichen Sprungs ist nicht das Herabschweben zur Erde aus verschiedenen Höhen, sondern die gezielte Landung auf oder möglichst nahe einem 15 Meter großen Landekreuz inmitten des sogenannten Landekreises.
Geübte Springer vermögen ihren Körper während des freien Falls durch genau koordinierte Arm- und Beinbewegungen in Looping- und Korkenzieherbahnen auf das Ziel zu steuern. Durch weitere Körperbewegungen und durch Zerren an den Fangleinen lassen sich auch die Sportschirme bis zu einem gewissen Grade lenken. Die Springer sehen jedoch die Hohe Schule ihres Sports in den Kapriolen des gesteuerten freien Falls und empfinden dabei die schönsten Gefühle des ganzen Sprungs.
Bei Wettbewerbssprüngen ist entscheidend, daß die jeweils vorgeschriebenen Verzögerungszeiten bis auf drei Sekunden genau eingehalten werden. Bewertet werden Anzahl und Art der Körperdrehungen und die Zielgenauigkeit des Springers. Weltrekordhalter im Zielsprung ist der Rumäne Gheorghe Iancu: Er sprang am 31. Mal vergangenen Jahres aus einer Höhe von 1000 Metern genau auf den Schnittpunkt des Landekreuzes.
Eine Sicherheitsvorschrift verlangt, sofort nach dem Öffnen des Schirms einen Blick auf die "Kappe" (Stoffbahnen) zu werfen. Die Sportspringer sollen sich vergewissern, daß kein Durchschlag (Reißen einer oder mehrerer Bahnen), kein "Brötchen" oder "Schornstein" (Verwirrung der Schirmleinen) entstanden ist.
Bei einem solchen Malheur müßte der betreffende Springer den Reservefallschirm unverzüglich aus seiner Verpackung reißen, denn nur wenige Sekunden dauert der freie Fall aus 500 Meter Höhe. Unterhalb der 60-Meter -Grenze ist das Öffnen des Ersatzschirms bereits sinnlos, weil die Fallgeschwindigkeit nicht mehr genügend abgebremst werden kann. Was dann unweigerlich eintritt, heißt im Fallschirmspringer-Jargon "Begräbnis in der Flasche, in die man die Überreste des Springers gießen kann".
Immerhin endeten seit 1955 in der Bundesrepublik nur drei von über 13 000 Sportsprüngen mit tödlichen Unfällen. Zwei dieser Abstürze waren Selbstmorde, einer davon aus Liebeskummer.
Der dritte Todessprung wird in der Statistik auf Leichtsinn zurückgeführt: Eine Frau versuchte, während einer Sprungveranstaltung einen persönlichen Rekord zu brechen; sie zog die Auslösung ihres Schirms zu spät. Vielleicht hatte sie auch den Höhenmesser nicht korrekt abgelesen. Denn insgesamt gilt das Fallschirmspringen als ausgesprochen sicherer Sport. Der amerikanische Schirm-Champion Jim Arender: "Ich fühle mich während des Sprunges sicherer als in New York auf der Straße."
Fallschirmsportler in Aktion
Im Freifall die schönsten Gefühle
Fallschirmsportler vor dem Start
Im Unglücksfall Begräbnis in der Flasche

DER SPIEGEL 46/1962
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Einer hatte Liebeskummer