21.11.1962

USA / ÖLDIEBSTAHLSchiefe Schächte

Eine großangelegte Fahndungsaktion amerikanischer Polizisten, Techniker und Geologen droht Texas, das Paradies der Superlative, um eine neue Spitzenleistung zu bereichern. Eine neue Spezies wirtschaftlicher Freibeuter wurde entdeckt - der Ölpirat.
"Unsere Untersuchungen", kündigte der texanische Generalstaatsanwalt Will Wilson an, der die Fahndungsaktion leitet, "könnten zur Aufdeckung des größten Diebstahls in der Geschichte von Texas führen."
Wilsons Rechercheure ermittelten, daß man nach dem flüssigen Gold auch schief bohren kann: Landbesitzer in Texas, - die ihren Ölstrom anreichern oder, eine versiegende Quelle erneut zum Sprudeln bringen wollten, trieben die Bohrer nur ein kleines Stück senkrecht ins eigene Erdreich und ließen sie dann im Winkel bis zu 56 Grad vom erlaubten Kurs abweichen.
War eine nachbarliche Ölquelle getroffen, dann zapfte der Ölpirat dem nichtsahnenden Nachbarn das kostbare Naß ab, wobei er ebenso zielsicher wie erfolgreich vorging. Die Ermittler des Generalstaatsanwalts schätzen, daß in Texas während der letzten Jahre Öl im Werte von 50 Millionen Dollar gestohlen wurde.
Das lukrative Treiben der Schrägbohrer wäre unentdeckt geblieben, hätten sich nicht eines Tages- die Bohrer eines ungenauen Fremdgängers in den Steigrohren des Petroleumkonzerns "Shell Oil" verirrt.
Den "Shell Oil"-Technikern fiel auf, daß nicht nur gutes schwarzes Rohöl, sondern auch ein Gemisch aus Erde und einer Flüssigkeit, die zur Kühlung von Bohrmeißeln benutzt wird, hochgepumpt wurde. Sie gingen der Sache nach und fanden, daß der Abfall im eigenen Öl im gleichen Rhythmus hochsprudelte, in dem ein etwa 900 Meter entfernter, hinter einem Hügel versteckter Bohrturm arbeitete.
Als sich solche Zwischenfälle häuften, strengten drei Ölkonzerne im Sommer dieses Jahres ein Strafverfahren gegen acht kleinere Unternehmen an, die von den Ölquellen der Giganten genascht hatten, und forderten Schadenersatz in Hohe von 1,7 Millionen Dollar.
Generalstaatsanwalt Wilson, der sich als eifriger Korruptionsjäger den Weg in den Gouverneurspalast von Texas bahnen möchte, griff den Fall auf und gab Order zu einer großen Fahndung.
Von 50 Texas-Rangern beschützt, überprüften staatliche Techniker die Neigungen von rund 1000 texanischen Ölquellen. Mit einem Winkeltest stellten sie fest, ob der Schacht mehr als die gesetzlich erlaubten drei Grad aus dem Lot war. Traf der Verdacht zu, wurde in einem langwierigen Richtungstest (Testkosten für jede Ölquelle: 1700 Dollar und 36 Arbeitsstunden) erkundet, wohin der Pirat seine Bohrer gelenkt hatte.
Die Fahndungen erwiesen sich als so ergiebig, daß Generalstaatsanwalt Wilson 183 Fördertürme wegen erwiesener Schrägbohrung von dem Pipeline-Netz trennen ließ. Viele millionenschwere Grundbesitzer und manches prominente Mitglied der aufgescheuchten Öl-Society zogen es daraufhin vor, für Wilsons Rechercheure unerreichbar zu sein.
Bald zeigte sich auch, daß nicht einmal die "Railroad Commission", die staatliche Überwachungsbehörde für die gesamte Erdölindustrie in Texas, vor den Schrägbohrern sicher war.
Mitte Oktober ließ Justiz-General Wilson den für Ost-Texas zuständigen Inspektor der "Railroad Commission", Lauren Dwight Murphy, verhaften, weil er mehr als 150 000 Dollar aus geheimen Teilhabergeschäften mit "schiefen Schächten" bezogen hatte. Zwei andere Inspektoren waren schon vorher entlassen worden.
Das Zusammenspiel zwischen den Kommissions-Inspektoren und profithungrigen Schrägbohrern war freilich durch die komplizierte, fast planwirtschaftliche Kontrolle erleichtert worden, die die "Railroad Commission" über die Ölindustrie von Texas ausübt.
Um das Angebot der Nachfrage auf dem Weltmarkt anzupassen und Preisabstriche infolge von Überproduktion zu verhindern, setzt die "Railroad Commission" Produktionsquoten fest. Die Quoten werden jedoch nicht im Verhältnis zur Förderkapazität einer Ölquelle kalkuliert, sondern nach der Zahl der Fördertürme festgelegt.
Diese kontrollierte Marktwirtschaft aber bewirkte nun, daß in den letzten Jahren etwa doppelt soviel Förderschächte gebohrt wurden, wie technisch erforderlich waren. Und da sich die Bohrtürme der kleineren Unternehmen auf engem Raume drängeln, wurde die Versuchung groß, den nahen Nachbarn anzuzapfen.
Der Skandal wäre nicht entstanden", ärgerte sich Leonard F. McCollum, Präsident der "Continental Oil Company", "wenn in Texas die Schächte weiter voneinander getrennt wären."
Eben diese unübersichtliche Enge auf den Bohrfeldern von Texas verlockte die Ölindustriellen zu einem gewagten Manöver. Da nur Ölquellen, die weniger als 20 Tonnen am Tage fördern können, unkontrolliert bearbeitet werden dürfen, kauften produktionsfreudige Unternehmer versiegende Quellen auf, um sie dann mit Hilfe von Schrägbohrungen an eine Quelle mit gedrosselter Produktivität anzuschließen.
Ein sogenannter Grandaddy (Opa} versorgte dann aus seinem ungenützten Überschuß mehrere Satelliten. So verkaufte der Ölhändler William O. Davis der "Nortex Oil & Ga Corporation" für sechs Millionen Dollar 20 Ölquellen, von denen 15 nur Satelliten waren, die von einem "Grandaddy" versorgt wurden, während die restlichen fünf durch geknickte Steigrohre fremden Ölbesitz hochpumpten.
Händler Davis ist denn auch der erste texanische Ölpirat, gegen den Generalstaatsanwalt Wilson ein Strafverfahren eingeleitet hat. Ob den Ölpiraten Davis freilich eine harte Strafe erwartet, gilt im Ölparadies Texas als fraglich.
"Die Geschworenen in Texas-Gerichten", spottete die "New York Times", "verurteilen zwar Pferdediebe zu Gefängnisstrafen bis zu drei Jahren, aber sie überfällt ein Gähnen, wenn man ihnen erzählt, daß ein Ölmann einen anderen übers Ohr gehauen habe."
Ölfeld in Texas: Beim Nachbarn genascht

DER SPIEGEL 47/1962
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