12.12.1962

BERG-SENDUNGLandschaftsnah

Der Kolumnist des "Hamburger
Abendblattes", Wilhelm Backhaus, 57, stellte am Mittwoch vorletzter Woche sein Rundfunkgerät auf die Welle 1538 Kilohertz ein. Über diese Welle will der in Köln ansässige ,Deutschlandfunk" satzungsgemäß dem europäischen Ausland "ein umfassendes Bild Deutschlands vermitteln".
Laut eigener Programmvorschau für die 48. Rundfunkwoche wollte der Kölner Sender, den die Bundesregierung vorläufig durch Darlehen in Höhe von rund 20 Millionen Mark jährlich alimentiert, an diesem Tage von 11.30 Uhr bis 12 Uhr ein akustisches Porträt ausstrahlen, das Wilhelm Backhaus angefertigt hatte. Sein Modell: Fritz Berg, der Präsident des Bundesverbandes der Deutschen Industrie (BDI).
Der geplante Sendebeginn verstrich. Statt der Berg-Sendung ertönten Tschaikowski-Weisen. Gegen 11.45 Uhr ahnte der Publizist, "daß etwas nicht in Ordnung war".
Die Vermutung erwies sich als stichhaltig. Die starke Hand des BDI, dessen Präsident sich einst öffentlich rühmte, wirtschaftspolitische Pläne des Bundeswirtschaftsministers Ludwig Erhard "vom Tisch bringen" zu können, hatte den Kölner Deutschland-Funkern in die Taste gegriffen. Die Porträt-Sendung .Versuch über Fritz Berg' war auf Betreiben des BDI kurz vor Sendebeginn vom Programm abgesetzt worden.
Den Leiter der Funkdirektion "Kulturelles Programm", Dr. Jürgen Petersen, hatten die "psychologisch vertieften Porträts repräsentativer Persönlichkeiten", die Backhaus im bürgerlichen "Hamburger Abendblatt" ("Seid
nett zueinander") gezeichnet hatte, derart beeindruckt, daß er zehn Folgen für seine eigene Porträtreihe erwarb. Backhaus gestand den Kölner Wellenglättern das Recht zu, die Zeitungsmanuskripte funkgerecht zu redigieren.
Im Funk konterfeite Wilhelm Backhaus aus seiner Abendblatt-Reihe unter anderen den Wirtschaftsminister Ludwig Erhard ("viele Jahre lang war er ein weit übärdurchschnittlicher Klavierspieler"), den fränkischen Liberalen Thomas Dehler ("das schmale Gesicht ... zeigt die besonderen Spuren des von Gefühlen belasteten Denkens"), den lebensfrohen Sozialdemokraten Carlo Schmid ("ein aus dem Geiste Lebender") und den christlich-sozialen Bundesinnenminister Hermann Höcherl ("viel zu klug, um ein schöner Mann sein zu können"), ohne daß sich einer der Betroffenen räusperte.
Dann stand am 28. November Fritz Berg auf dem Programm. Im Deutschen Industrieinstitut zu Köln, der Meinungswerkstatt des BDI, entdeckte die BDI-Rundfunkabteilung die Programmankündigung des Kölner Senders. Entsprechend dem in solchen Fällen üblichen innerdienstlichen Brauch informierte das Institut unverzüglich seinen Geldgeber, den BDI, und dessen Präsidenten, Fritz Berg.
Schon der Berg-Artikel Im "Hamburger Abendblatt" hatte den BDI -Oberen nicht recht behagt. Daher hatten die Verbandsfunktionäre hinsichtlich der Rundfunksendung die schlimmsten Bedenken. Beim BDI bezeichnete man die geplante Sendung als "Skandal".
Im Rundfunkmanuskript hatte es über Fritz Berg geheißen: "Das plastische Gesicht mit den kleinen, mißtrauischen Augen ist ... landschaftsnah, und es wird durch die Schmisse des Korpsstudenten und durch die weltmännisch zurückgekämmten Haare weder in diesem Eindruck der Bodenständigkeit noch In seiner sehr persönlichen Prägung beeinträchtigt."
Berg sei von "kräftigster Individualität", dem jede vorsichtige Zurückhaltung fehlt". Der selbstbewußte Industrie-Präsident lege eine "unverstellt kapitalistische Art" an den Tag und führe eine Sprache, die "nie die eines nur Beauftragten (der Großindustrie) ist".
Den Gewerkschaften stehe Fritz Berg feindlich gegenüber, der Sozialdemokratischen Partei unterstelle er sozialrevolutionäre Absichten, und von der Wirtschaftspolitik Ludwig Erhards halte er nicht viel. Aber: "In seinen eigenen Betrieben ist Berg ... ein mustergültiger Arbeitgeber", der "mit seinen Arbeitern und Angestellten in einem wohl ziemlich patriarchalischen, aber menschlich warmen Verhältnis steht."
Eine entscheidende Passage, die Backhaus in seiner Berg-Studie für das "Hamburger Abendblatt" geschrieben hatte, war von den Funkredakteuren bereits vorsorglich eliminiert worden. Im "Hamburger Abendblatt" hatte Backhaus jenen Ausspruch Bergs wiedergegeben, wonach "es der Industrie nur recht sein könne ... wenn alle Parteien vom Staate selbst legitim unterhalten würden". Denn dann könne die Industrie "viel Geld sparen
und den in vielen anderen Ländern üblichen Weg gehen, indem sie die nötige Anzahl von Abgeordneten einfach kaufe".
Dem Chefredakteur im Deutschen Industrieinstitut, Dr. Wolfgang Mansfeld, blieb es schließlich vorbehalten, dafür zu sorgen, daß die Berg-Sendung nicht in unbefugte Ohren kam. Mansfeld rief seinen alten Bekannten Dr. H. F. G. Starke an, der als Intendant dem Deutschlandfunk vorsteht. Wolfgang Mansfeld trug dem Intendanten Starke die Bedenken des BDI mit der üblichen Verbrämung vor. Mansfeld: "Ich habe Herrn Starke nur meine Vermutung ausgedrückt, daß es sich bei dem Backhaus-Porträt für den Funk um keine Originalsendung handele, sondern um einen bereits im 'Hamburger Abendblatt' abgedruckten Artikel."
Der Intendant verstand Mansfelds Hinweis auf die mangelnde Exklusivität der Backhaus-Porträts spontan richtig: Die Berg-Sendung wurde unverzüglich vom Programm abgesetzt.
* Der Deutschlandfunk sendet seit Anfang 1962 mit zwei Mittelwellensendern und einem Langwellensender. Da die Rundfunkanstalten Im Bundesgebiet sich bislang welgerten; zehn Prozent ihrer Gebühreneinnahmen für die Finanzierung des Deutschlandfunks abzuzweigen, unterhält die Bundesregierung den Sender mit Darlehen.
Berg-Porträtist Backhaus
Psychologische Studie ...
Backhaus-Modell Berg
... vom Tisch gefegt

DER SPIEGEL 50/1962
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