24.01.1962

WEDEKINDWider die Damen

Ihr erster Kunde an diesem Abend ist ein stummer Engländer, der zweite ein Negerprinz, der ihren Mann erschlägt. Als dritten bringt das Straßenmädchen Lulu einen Schweizer Privatdozenten in die Dachwohnung. Dann kommt Jack the Ripper, der Bauchaufschlitzer.
Jack, nachdem er eine lesbische Verehrerin der Dirne niedergestochen und Lulu lustgemordet hat: "Das war ein Stück Arbeit! - Ich bin doch ein verdammter Glückspilz."
Die blutrünstige Schauerszene, Finale des mit Greueln gespickten Bühnenstücks "Die Büchse der Pandora" von Frank Wedekind (1864 bis 1918), soll noch in diesem Jahr in deutschen Kinohäusern gezeigt werden. Seit Montag dreht Regisseur Rolf Thiele ("Das Mädchen Rosemarie") in den Ateliers am Wiener Rosenhügel einen Farbfilm über den Lebensweg des Mädchens Lulu, jener amoralischen "Nachtwandlerin der Liebe" (Karl Kraus), die ungerührt hinnimmt, daß sich Männer ihretwegen umbringen und umbringen lassen, bis sie am Ende selbst gemetzelt wird.
"Die Mädchen von heute sind doch allesamt Lulus", begründet Thiele die Aktualität seines jüngsten Projekts. "Auch die heutigen Mädchen kennen sich nicht, fragen sich nicht und sind daher entschuldbar wie Lulu."
Unbestreitbar ist immerhin, daß eine Wedekind-Renaissance angebrochen ist: Seit rund zwei Jahren werden die Liebes- und Triebesgeschichten, mit denen Wedekind die Bürger der Jahrhundertwende schockierte, auf zahlreichen Bühnen in Westdeutschland, Österreich und der Schweiz gespielt. Wedekind-Witwe Tilly Newes: "Die Zeit ist reif!"
Schon einmal, nach dem Ersten Weltkrieg, war die Zeit reif gewesen für Wedekinds Stücke (Alfred Polgar: "Pamphlete wider Gott und die Menschen, insbesondere die Damen"). Wedekind wurde auf vielen deutschen Bühnen gespielt. Mehrere Stummfilme entstanden nach seinen Dramen; in einem spielte Asta Nielsen die Rolle der Lulu.
Den Kulturhütern, im Dritten Reich mißfielen Wedekinds verderbte Bühnenhelden. Vergebens präsentierter Witwe Tilly den Funktionären des NS-Propagandaministeriums eine arische Ahnenskala ihres Gatten bis zurück ins 14. Jahrhundert ("Mancher von euch würde sich dazu jubelnd gratulieren"). Wedekind blieb vorn den deutschen Bühnen verbannt.
Aber auch nach dem Zweiten Weltkrieg wurden Wedekinds Werke nur selten gespielt und noch seltener beklatscht. Uneingeschränkten Beifall fand lediglich 1950 eine Hamburger Aufführung des Lulu-Dramas in der zuvor nicht gespielten Urfassung. Ein Versuch des Berliner Schiller-Theaters hingegen, Lulu wieder bühnenfähig zu- machen, "schlug völlig zum Negativen aus" (Friedrich Luft). "Wedekind ist", so urteilte der Berliner Kritikerstar, "eine Sache der Theatergeschichte. Nicht mehr des Theaters."
Nach vereinzelten Wedekind-Aufführungen, die in den folgenden Jahren allenfalls Achtungserfolge errangen, wagten nur wenige deutsche Intendanten, Wedekind-Stücke herauszubringen. 1960 aber schlug die Meinung um: Sieben deutschsprachige Bühnen nahmen innerhalb Jahresfrist Wedekind -Werke in ihre Spielpläne auf. Als Signal der Wende werteten die Kritiker vor allem eine Lulu-Aufführung am Wiener Volkstheater.
"Wien hat Wedekind eben laut und vernehmlich bejaht",} stellte Kritiker Hans Weigel; damals fest. "Man meinte angesichts des Triumphs der Premiere und des ungewöhnlichen Interesses für die 'Novität' eine geheimnisvolle Stimme sagen zu hören: Hiermit erkläre ich die Wedekind-Renaissance für eröffnet.
Das von Wedekind vielfach variierte Thema vom "Unterleib ohne Dame" (Alfred Polgar) sagte plötzlich nicht nur Theaterbesuchern und Kritikern zu; Gleich- vier deutsche Rundfunksender strahlten Wedekind-Stücke aus. Und im nächsten Monat wird "Der Marquis von Keith" als erstes Wedekind-Werk auf den bundesdeutschen Bildschirmen erscheinen (10. Februar, Zweites Programm).
Da wurde der Dramatiker auch vom Film wiederentdeckt:
- Regisseur Thiele, und der österreichische Produzent Otto Dürer ("Ich bin ein Lulu-Fan!") entschlossen sich, "Die Büchse der Pandora" zu verfilmen.
- Der Schauspieler Charles Regnier - Gatte der Wedekind-Tochter Pamela - will seines Schwiegervaters Drama "Frühlings Erwachen" verfilmen (eine Schulbanktragödie dreier vierzehnjähriger Kinder, von denen nur eines überlebt).
Dem Regisseur Thiele ist inzwischen längst aufgegangen, daß sein Vorhaben, die symbolträchtige Lulu-Handlung zu verfilmen, große Risiken birgt. "Einer der großen Regisseure aus Frankreich", zierte sich Thiele, "müßte diesen Wedekindschen Reigen drehen."
Wedekinds Lulu (im Film von Thieles Lieblingsdarstellerin Nadja Tiller gespielt) ist einie Schwester jener Pandora der griechischen Mythologie, die der Göttervater Zeus als - Scheinbild eines verlockenden Mädchens schuf, damit sie den frevelnden Menschen in einer Büchse alle Erzübel bringe. Die betörende, doch charakterlose Schönheit steht jenseits von Gut und Böse. Jeder Mann sieht sie anders: nach dem Gesetz seiner eigenen Begierde.
Während in der ersten Hälfte des Dramas Lulu die Männer vernichtet (drei Tote), beginnt in der zweiten die Revanche einer Männerwelt (drei Tote), "die noch die eigene Schuld zu rächen sich erkühnt" (Karl Kraus). Lulu wird von Männern gepeinigt. Ihr Ende ereilt sie als Straßendirne in einer Mansarde, als Jack the Ripper auftaucht.
Da diese Handlung bei der Zensur Anstoß erregte, machte Wedekind mit Hilfe zurückhaltend braver Ergänzungen zwei Stücke daraus: "Erdgeist" und "Die Büchse der Pandora". Erst nach seinem Tod hat Wedekinds Tochter Kadidja die Urfassung wiederhergestellt. Nach dieser Fassung will Thiele seinen Film drehen.
"Damit die vielen Toten erträglicher werden", will Thiele das kontinuierliche Morden und Selbstmorden als "ironischen Reigen" inszenieren. Zudem gedenkt er, die von dichterischem Pathos getragene. Sprache Wedekinds zu entrümpeln ("Wedekind vom Ballast seiner Zeit zu befreien"). Thiele: "Darf ich einem durchschnittlichen Kino-Publikum den Satz ,In die Knie, Mörderin!' zumuten?"
Obwohl einige Kritiker Bedenken gegen eine Buntfilmversion des Wedekind-Stückes anmeldeten, hält Thiele die Kolorierung des Stückes für erforderlich. Er möchte "jeder Episode einen anderen Farbwert unterlegen" - Anfang des Films: "jungmädchenhaft zart", Mittelstück: "grell leuchtend", Schluß: "blutig-düster".
Lulu in Wedekind-Premiere "Die Büchse der Pandora" (1905)*: Besuch vom Bauchaufschlitzer
Wedekind-Regisseur Thiele
"Alle Mädchen sind Lulus"
Dramatiker Wedekind, Familie (1916): Verlockung vom Olymp
* Lulu: Tilly Newes, Wedekinds spätere Frau.

DER SPIEGEL 4/1962
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