07.02.1962

USA / ADSCHUBEJ-BESUCHViele kleine Schritte

Seine Karriere begann, als er damals noch Student der Zeitungswissenschaften - die hübsche Tochter eines prominenten Politikers heiratete.
Der prominente Schwiegervater: Nikita S. Chruschtschow, 67, heute Erster Parteisekretär der KPdSU und Regierungschef der Sowjet-Union.
Der rasch avancierte - Schwiegersohn: Alexej I. Adschubej, 37, Chefredakteur des Moskauer Regierungsblattes -"Iswestija" und Mitglied- des Zentralkomitees der KPdSU, in der vergangenen Woche mit Chruschtschow-Tochter Rada Lunch-Gast des amerikanischen Präsidenten.
Adschubej, als Koexistenz-Botschafter seines Schwiegervaters in Lateinamerika auf Reisen, hatte die Einladung nach Washington mit der Bitte provoziert, den Pressesekretär des Präsidenten, Pierre Salinger, wiedersehen zu dürfen. Salinger hatte im vergangenen Herbst das Kennedy-Interview des "Iswestija "-Chefs vorbereitet.
John F. Kennedy zögerte nicht, seinen sowjetischen, Interviewer, der ihm zum ersten Male Gelegenheit gegeben hatte, seine Argumente unzensiert vor sowjetischen Lesern auszubreiten, zum Fasanenessen ins Weiße Haus einzuladen.
Um jeglichen Verdacht zu zerstreuen, er komme als Parlamentär seines mit inneröstlichen Querelen belasteten Schwiegervaters, würzte Adschubej seine amerikanische Reise mit knalligen Bonmots.
In Havana gelobte er: "Die Sowjet -Union würde in den Krieg ziehen, um Kuba zu verteidigen." Und den Mexikanern riet er gar, "um die Rückgewinnung von Texas zu kämpfen" (das seit 1845 nordamerikanischer Besitz ist).
Nach solcher Vorbereitung schien das zweite Zusammentreffen des Chruschtschow-Schwiegersohns mit Präsident Kennedy tatsächlich nicht mehr zu sein als einer der "vielen kleinen Schritte" (Adschubej) zur Verbesserung der Beziehungen zwischen den beiden Supermächten.
"Der Augenblick ist noch nicht gekommen", erläuterte Politreisender Adschubej seine Bemühungen, "um einen großen Schritt vorwärts zu tun oder um sensationelle Entscheidungen zu treffen."
Die von seinem Schwiegersohn praktizierte. "Politik der kleinen Schritte" hatte Chruschtschow selbst eingeleitet, als er am 27. Oktober 1961 vor dem XXII. Parteitag der KPdSU beiläufig mitteilte, daß "die Frage der Termine keine große Bedeutung haben wird, wenn die Westmächte sich bereit zeigen, das Deutschland-Problem zu regeln". Chruschtschow: "Wir werden nicht darauf bestehen, daß der (Separatfriedens-) Vertrag (mit der DDR) bis zum 31. Dezember unterzeichnet wird."
Die Preisgabe des Berlin-Ultimatums verhüllte der Sowjetpremier mit einem Witzchen: "Wir sind nicht abergläubisch und finden, daß sowohl der 31. wie der 13. ein Glückstag sein kann." Worauf das Parteitagsprotokoll "Heiterkeit, Beifall" verzeichnete.
Mit der Beseitigung dieser Zeitgrenze, die insbesondere auf die amerikanischen Politiker und Militärs eine fast hypnotische Wirkung ausübte, hatte sich Chruschtschow genügend Spielraum für jene "kleinen Schritte" geschaffen, mit denen er nun den Westmächten zu suggerieren sucht, man nähere sich wieder einer Periode sanfter westöstlicher Koexistenz.
Zu diesen Schritten gehört:
- das sowjetische Aide-memoire ("Die Sowjet-Union und die Bundesrepublik sind die größten Staaten Europas...") vom 27. Dezember 1961, mit dem die Bonner Regierung zu zweiseitigen deutsch-sowjetischen Verhandlungen eingeladen wurde;
- die inoffizielle Einladung an den US-Justizminister und Präsidentenbruder Robert ("Bobby") Kennedy, seine Weltreise, die ihn Ende Februar auch nach Berlin führen wird, zu einem Besuch in Moskau zu benutzen;
- die Ernennung des ehemaligen sowjetischen Uno-Untersekretärs Anatolij F. Dobrynin, 42, der sich als enger Mitarbeiter Dag Hammarskjölds (1957 bis 1960) in den USA besonderes Ansehen erwarb, zum neuen Sowjetbotschafter in Washington;
- das von der Moskauer "Prawda" Mitte Januar propagierte "Programm für die Zusammenarbeit ... mit den wichtigsten kapitalistischen Ländern". Begründung: "Das Interesse aller Staaten an der Verhinderung eines atomaren Weltkriegs."
Der Sowjetpremier hat freilich mit seinen kleinen Schritten (zur friedlichen Koexistenz) bisher an sichtbaren Erfolgen kaum mehr erreicht als mit seinen großen Drohungen.
Die Bonner Regierung fürchtet, mit zweiseitigen deutsch-sowjetischen Verhandlungen das Mißtrauen ihrer westlichen Alliierten zu erregen. Der amerikanische Justizminister' Robert Kennedy hat die sowjetische Einladung mit dem Hinweis auf Terminschwierigkeiten abgelehnt. Der neue Sowjetbotschafter für Washington sitzt immer noch in Moskau. Und die als offizielle Verlautbarung gekennzeichnete "Prawda" -Offerte verschwand in den Archiven.
Adschubej, der drei Stunden lang im Weißen Haus konferierte, wird allerdings nicht mit leeren Händen in die Sowjet-Union zurückkehren. Als an der Tafel des Präsidenten der Nachtisch gereicht wurde, hatte er bereits die Zusage für eine bedeutsame Einladung erhalten: Pierre Salinger, der Pressesekretär John F. Kennedys, wird Ende April nach Moskau reisen.
Salinger, wie Adschubej 37 Jahre alt, ehedem von Präsidentenbruder Bobby an John F. empfohlen, hatte sich außerordentlich beeilen müssen, um rechtzeitig zum Fasanenessen in Washington zu sein.
Kennedys Pressesekretär, längst einer der politischen Vertrauten des Präsidenten, war über das Wochenende in Paris gewesen, um dort - wie Salinger selbst mitteilte - "Fragen des Informationsaustausches" mit dem Pressechef
des sowjetischen Außenministeriums, Michail Charlamow, zu erörtern.
Ähnlich lautet auch Salingers offizieller Auftrag für Moskau: Verbesserung des Informationsaustausches zwischen beiden Ländern. Doch war Salinger im Sommer 1961 auch nach Wien gereist, als es galt, die erste Begegnung seines Präsidenten mit dem Sowjetpremier vorzubereiten.
Das Treffen der Pressechefs in Paris und Salingers angekündigte Reise nach Moskau erzeugten daher in den westlichen Hauptstädten eine solche Flut von Gerüchten, daß Kennedy selbst eingreifen mußte.
"Vorerst werde ich nicht nach Moskau reisen", verkündete der Präsident auf jener Pressekonferenz, an der auch sein Lunch-Gast, "Isswestija"-Chefredakteur Adschubej, teilnahm. Kennedy: Auch die Sowjetregierung wünsche einen solchen Besuch erst dann, wenn ein "bedeutsamer Durchbruch zum Besseren in den amerikanisch-sowjetischen Beziehungen" erreicht sei:
Auf einen solchen "Durchbruch" hatte Kennedy-Interviewer Adschubej bereits im November 1961 hingearbeitet, als er dem US-Präsidenten das Zugeständnis entlockte, der Bonner Republik keine Verfügungsgewalt über Atomwaffen einzuräumen (Kennedy: "Ich würde es höchst ungern sehen, wenn Westdeutschland in den Besitz einer eigenen nuklearen Rüstung gelangt").
Der Sowjetpremier hatte seinerseits schon einen Monat zuvor die ultimative Zeitgrenze für eine Berlin-Lösung beseitigt. Damit blieb zwar der Konflikt unverändert, aber - so kommentierte "New York Times"-Star Sulzberger - "auf eine sonderbare Weise scheint ihm die Hitze entzogen worden zu sein".
Dem stürmischen sowjetischen Werben um amerikanische Gunst liegt offensichtlich die Spekulation zugrunde, daß die vielen kleinen Schritte, die Chruschtschow-Schwiegersohn Adschubej in Washington empfahl, am Ende doch zum Ziel führen: zu einem Versöhnungstreffen der beiden mächtigsten Männer des Erdballs, das zwar keine Probleme löst, wohl aber dem Prestige beider dient.
Es stärkt die Kennedy-Sippe für künftige Wahlkämpfe, es hilft dem Chruschtschow-Clan im Streit mit seinen stalinistischen Widersachern in Peking und anderenorts.
"Das alles bestätigt", resümierte das Pariser Weltblatt "Le Monde", "daß Chruschtschow vorerst die Entspannung gewählt hat."
Chruschtschow-Schwiegersohn Adschubei, Ehefrau: Entspannung bei Fasan

DER SPIEGEL 6/1962
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