14.02.1962

UFABei Durchsicht der Bücher

Ludendorff hatte sie gezeugt, Hugenberg hatte sie aufgepäppelt, Goebbels uniformiert. Die Alliierten befahlen ihren Tod, doch ein Treuhänder namens Arno Hauke hauchte ihr neues Leben ein. In den vergangenen Wochen allerdings drohte sie, noch nicht einmal 45 Jahre alt, dahinzusiechen: die "Tante Ufa" ("Süddeutsche Zeitung").
Der Glanz des Firmenzeichens - nach der Ufa-Diktion "drei markante Lettern, in einen Rhombus eingeschlossen" -, gleich den Krupp-Ringen und dem Mercedes-Stern ein Symbol deutschen Wirkens, ist verblaßt. Die größte Filmfirma des Kontinents, die "Universum -Film AG", will nie mehr einen Spielfilm produzieren und notfalls ihre Berliner Atelierhallen schließen, die sie noch vor zwei Jahren zu Recht als Deutschlands technisch modernste Filmwerkstätten rühmen durfte. Erklärte der Sprecher der Ufa-Aktionäre, Dr. Kleffel von der Deutschen Bank: "Die hinter der Ufa stehenden Kreise haben bewußt das Risiko getragen, ihr Kapital riskiert, aber jetzt ist Schluß."
Bis in die Abendstunden des vergangenen Freitags verhandelten die Ufa -Bevollmächtigten mit der amerikanischen Filmgesellschaft Columbia, wie der Ufa-Schlußstein zu setzen sei. Die Amerikaner hatten sich erboten, der durch Millionenverluste lebensgefährlich erkrankten Ufa aufzuhelfen. Sie waren willens, die seit 1958 unter dem Ufa-Rhombus gefertigten 57 Filme in das Sortiment ihres Verleihs aufzunehmen.
20 Prozent der Abspielgelder wollte die Columbia behalten, alles übrige sollte der siechen Ufa überwiesen werden. Doch die Amerikaner stellten eine Forderung, die der filmmüde Konzern nicht mehr bereit war zu erfüllen: Die Columbia wollte künftig mit neu zu drehenden deutschen Filmen beliefert werden, damit die US-Firma auch die Kinobesitzer in der deutschen Provinz als Vertragspartner gewinnen könnte; die sich bislang an dem rein amerikanischen Zuschnitt des Columbia-Sortiments gestoßen hatten.
Die Ufa-Unterhändler sahen sich außerstande, die verlangte Garantie -Erklärung auszusprechen. Da die Aktionäre angesichts der nach sachkundigen Schätzungen auf rund 30 Millionen Mark gekletterten Ufa-Verluste keine Mark mehr für die Fertigung von Lichtspielen auswerfen wollen (Dr. Kleffel: "Der Entschluß steht fest, wir produzieren nicht mehr"), blieb den mit der Columbia feilschenden Firmenabgesandten nur die Hoffnung, einen Filmproduzenten aufzutreiben, der gleichsam an ihrer Statt der Columbia die geforderte Zusicherung geben würde. Doch den Ufa -Vertretern gelang nur, der Columbia eine Fristverlängerung ihres Hilfsangebots bis Mitte dieser Woche abzutrotzen.
Der Ende des vergangenen Monats abrupt verkündete Entschluß der einst schier allmächtigen Ufa, der Spielfilmproduktion grundsätzlich zu entsagen, hat Außenstehende nicht gerade dazu ermuntert, sich nun ihrerseits mit Millionen im Flimmergeschäft zu versuchen, dessen Risiken durch die spektakulären Verluste der Ufa in den letzten drei Jahren eindringlich demonstriert wurden.
Nachdem aufwendige Ufa-Filme - wie Helmut Käutners 1870/71er Lustspiel "Die Gans von Sedan", die B.-Traven -Verfilmung "Das Totenschiff" und die Krebsballade "Solange das Herz schlägt" - im Firmenhauptbuch ein Loch von 5,4 Millionen Mark gerissen hatten, wurden die Aktionäre, vor allem die Hauptaktionärin und Konsortialführerin Deutsche Bank, von Panik befallen. Sie drängten den Konzern-Boß Arno Hauke im Sommer 1960 mit Eklat aus der Firmenleitung.
Einige Monate lang trieb die Ufa führerlos dahin: Die Filmfirma suchte einen neuen Steuermann. Die Wahl fiel schließlich auf den der Pensionierungsgrenze nahen Hamburger Filmverleiher Theodor Osterwind, der gemeinsam mit einem alten Geschäftsfreund namens Johann Rathsam in der Hansestadt einen Filmverleih, die Deutsche Film Hansa, leitete. Osterwind, damals 62, erschien den Ufa-Aktionären als der rechte Mann. Er hatte sich durch gewinnträchtige Geschäftspolitik empfohlen: Seiner Film Hansa waren Jahresgewinne von 800 000 und einmal gar anderthalb Millionen Mark vergönnt gewesen.
Die Ufa-Besitzer waren von diesen Zahlen fasziniert, obgleich Osterwind die fetten Erträge in Zeiten erwirtschaftet hatte, da der deutsche Filmmarkt weniger unter der Fernsehkonkurrenz litt. Über Bedenken im Hinblick auf die mangelnde Konzern-Erfahrung des hanseatischen Kaufmanns, der zwar als geschickt operierender Filmverleiher und -produzent galt, jedoch niemals ein Wirtschaftsunternehmen vom Range der Ufa mit ihren siebzehn ineinander verschachtelten Tochter- und Beteilieungsgesellschaften geleitet hatte, setzten sie sich hinweg.
Sie akzeptierten den Preis, den Osterwind für seinen Ufa-Einstand forderte: rund 2,2 Millionen Mark. Mit dieser Summe erwarben sie - wie Osterwind es wünschte - die Hälfte der Film -Hansa-Anteile, die einen Nominalwert von etwa 750 000 Mark besaßen. Dieser Handel erschien um so unverständlicher, als die Ufa ein eigenes Verleihunternehmen (Ufa-Filmverleih) besaß, das durchaus gewinnbringend arbeitete und nun, nach dem Pakt mit Osterwind, aufgelöst werden mußte.
Offenbar vertrauten die Aktionäre darauf, daß die Ufa zum Ausgleich künftig von allen Risiken der Spielfilmproduktion entlastet sein müsse, da nun nicht mehr die Universum-Film AG Lichtspiele fertigen würde, sondern ihre halbe Tochter: die fortan als "Ufa Film Hansa GmbH und Co" firmierende neue Verleihgesellschaft unter Theodor Osterwind. Dieses Vertrauen wurde noch durch die Gewißheit erhärtet, daß Osterwind als der neue Ufa-Boß künftig dem Wohlergehen des Gesamtkonzerns alle Kräfte widmen werde.
Freilich, nur zu bald befielen den Ufa-Aufsichtsrat Zweifel. Aus den Berliner Ufa-Betriebsstätten kam die beunruhigende Nachricht, daß Theodor Osterwind einen Betrag von 2,3 Millionen Mark hatte auflaufen lassen, den er in Form von Atelierkrediten für die von ihm in Personalunion geleitete Ufa Film Hansa in Anspruch genommen hatte.
Die Mitteilung mißfiel dem Ufa-Aufsichtsrat um so mehr, als ruchbar wurde, daß diese Kredite nicht gesichert waren. Zwar ist es branchenüblich, bei der Fertigung von Lichtspielen die Ateliersachleistungen, wie Bereitstellung von Aufnahmehallen, Apparaturen, Dekorationen und Handwerkern, zu kreditieren. Doch ebenso ist Branchenregel, diese Vorleistungen dadurch abzusichern, daß zwischen Atelierbetrieb und Mieter vertraglich vereinbart wird, welchen Anteil der eingehenden Einspielergebnisse des produzierten Films das Atelier Zug um Zug erhalten soll.
Freundschaftlich ermahnte der Ufa -Aufsichtsrat den von ihm als Ufa-Retter auserkorenen Theodor Osterwind, den Saldo abzutragen. Osterwind versprach es und erhärtete seine Absicht durch den Hinweis, daß die neu gefertigten Lichtspiele in Kürze anlaufen und ihre Produktionskosten einspielen würden.
Doch die Hoffnung der Ufa-Aktionäre, der bis dahin in der Branche erfolgreich wirkende Osterwind werde ihnen jene geschäftsträchtigen Spielfilme bescheren, die der gelernte Betriebswirt Arno Hauke nicht hatte zustande bringen können, wurde enttäuscht.
Von den 16 für die Verleihsaison
fertiggestellten deutschen Ufa -Film-Hansa-Lichtspielen brachten elf erhebliche Verluste. Resümiert der Sprecher der Ufa-Aktionäre, Dr. Kleffel: "Die haben einfach miserable Filme fabriziert."
Lediglich drei waren in der Schlußabrechnung ausgeglichen. Gewinne erzielten nur der krachlederne Millowitsch-Schwank "Der Hochtourist" und der zeitkritische Film "Frage 7", der die religiöse Bedrängnis eines Ostzonen -Jungen schildert. Auch der aus der Vorsaison übernommene Ufa-Film "Wunder des Malachias", der auf der Berlinale mit dem "Silbernen Bären" dekoriert worden war, mußte intern in "Opfer des Malachias" umgetitelt werden. Regisseur Bernhard Wicki hatte bei der Herstellung 3,7 Millionen Mark verbraucht; aber nur eine runde Million Mark konnte der Film bislang erbringen.
Der Saldo der Ufa-Ateliers war inzwischen um eine weitere halbe Million Mark gewachsen, da auch die den Ateliers angegliederten Kopierwerke der Ufa Film Hansa mit Sachleistungen im voraus dienlich gewesen waren. Doch der Ufa-Aufsichtsrat mußte außerdem Ärgerliches vernehmen.
In der Erkenntnis, daß Osterwinds Kräfte durch die Doppelbelastung als Spielfilmhersteller und Konzern-Boß offenbar überfordert waren, hatte der Aufsichtsrat einen Finanzfachmann als weiteres Ufa-Vorstandsmitglied gewonnen: den früheren Rheinstahl-Direktor Dr. Max Bruecher.
Finanzexperte Bruecher mußte beider Durchsicht der Ufa-Bücher bald bemerken, daß von Ufa Film Hansa gewisse Gelder nicht so zügig einliefen, wie erwartet worden war.
Bei Vertragsabschluß mit der Film Hansa war vereinbart worden, daß von den für alte Ufa-Lichtspiele noch eingehenden Beträgen 85 Prozent in die Ufa-Kasse fließen, der Rest bei der Ufa Film Hansa als Entgelt für Verleihermühen verbleiben sollte. Nach dem gleichen Schema sollten die Einnahmen der Ufa-Wochenschau abgerechnet werden, die von einer Ufa-Tochtergesellschaft weiterhin gefertigt, jedoch von der Ufa Film Hansa an die Kinotheater verliehen wurde.
Von diesen bei der Ufa Film Hansa durchlaufenden Geldern, so mußte Finanzexperte Bruecher feststellen, waren bis Januar eine runde Million Mark nicht an die Ufa-Kasse abgeführt worden. Angesichts der offenstehenden Millionenbeträge schien es dem Sprecher der Ufa-Aktionäre, Dr. Kleffel, und dem Finanzmann Dr. Bruecher dringend notwendig, mit dem Ufa-Boß eine generelle Bereinigung zu erörtern.
Sie verlangten die Einberufung einer Gesellschafterversammlung der Ufa Film Hansa und reisten nach Hamburg zu Theodor Osterwind.
Indes, die um die Ufa-Finanzen besorgten Gäste vernahmen nichts darüber, wie sie zu den Firmengeldern kommen könnten. Im Gegenteil, Osterwind mußte ihnen offenbaren, daß bei der halben Ufa-Tochter Film Hansa Verbindlichkeiten in Höhe von 17 Millionen Mark aufgelaufen waren, die restlos abzutragen er nicht in der Lage sei. Dr. Kleffel: "Die Film Hansa hat uns in den letzten Wochen fünf verschiedene Verlustzahlen genannt. Daran war nur das eine logisch, daß sie immer größer wurden."
Die Doktoren Kleffel und Bruecher resignierten. Angesichts der drohenden Gefahr, daß die Ufa Film Hansa liquidiert werden müsse, strebten sie nur danach, den einst hochangesehenen Firmennamen Ufa nicht mit dem erwarteten Konkurs der Ufa Film Hansa zu belasten. Da der Ufa vertraglich das Recht zustand, den Rhombus aus dem Firmentitel der Hansa zu entfernen, wenn sie dies für unumgänglich halte, wurde beschlossen, die drei markanten Lettern in Sicherheit zu bringen. Theodor Osterwind räumte seinen Posten.
Für die große Ufa endete die Ära Osterwind bitter. Bereits vor acht Monaten hatte sie offenbaren müssen, daß mehr als die Hälfte des Aktienkapitals in Höhe von 18,5 Millionen Mark verloren war. Jetzt blieb ihr nur übrig, sich aus dem Filmproduktionsgeschäft zurückzuziehen und ihre Firmenreste, vor allem den Theaterpark und die Ateliers, zu retten. Der Ufa-Wochenschau wird sich künftig der Constantin-Verleih annehmen. "Die Ufa-Werbefilm, die Theater verdienen gut, die Frage ist, was aus den Ateliers wird. Man wird versuchen, sie für das Fernsehen zu nutzen", erläuterte Dr. Kleffel. "Wenn die Fernsehseite nicht bereit ist, werden die Ateliers eingehen."
Doch auch die bislang noch ertragreich arbeitenden Ufa-Theater werden die Rechnung mitbezahlen müssen. Ihre Dachgesellschaft, die Ufa-Theater AG, ist mit der Universum-Film AG in einem Poolvertrag zusammengeschlossen und muß ihre Erträge an ihre Konzernschwester Universum-Film AG abführen, um deren Verluste zu mindern.
Wenn der Handel mit der amerikanischen Columbia nicht zustande kommt, ist ungewiß, wie der todkranken Ufa geholfen werden soll. Klagte Dr. Kleffel in der vergangenen Woche: "Wir wissen noch nicht, wie wir's machen."
Ufa-Erfolgsfilm "Der Hochtourist"*: "Jetzt ist Schluß!"
Hauke*
Ex-Ufa-Chef Osterwind
Opfer des Malachias?
* Willy Millowitsch (l.).
* SPIEGEL-Titel 4/1959.

DER SPIEGEL 7/1962
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