07.03.1962

US-INTERVENTIONSchleier des Schweigens

Als die amerikanische - Düsenmaschine auf dem Flugplatz von Saigon im hinterindischen Dschungelstaat Südvietnam landete, griff die blonde Stewardeß zum Mikrophon: "Alle Herren, die zum amerikanischen Militärpersonal gehören, werden gebeten, an Bord der Maschine zu bleiben, bis ihre Abfahrt arrangiert worden ist."
Kaum einer der Passagiere erhob sich von seinem Platz. Kurz darauf fuhren Taxis vor, die - ohne die Zollkontrolle zu passieren - die US-Militärs in Zivil einluden und in reservierte Hotels brachten.
Mit einer Umsicht, wie sie einst von Soldaten der großdeutschen "Legion Condor" auf ihren Schleichwegen an die Front des spanischen Bürgerkriegs geübt wurde, rückten die GIs in die für sie vorbereiteten Stellungen an der Bürgerkriegsfront von Südvietnam ein.
Schon einen Tag nach der Landung fuhren sie, in Stahlhelm und giftgrünem Kampfanzug, dem unbekannten Krieg im Dschungel entgegen. Die Flugpassagiere gehörten der getarnten 5000-Mann -Armee des Vier-Sterne-Generals Paul D. Harkins an, die Amerika in Südvietnam unterhält.
So geheim sie aber auch ins Land sickerten - die rotchinesischen Polit -Mandarine ließen sich von der amerikanischen Mimikry-Spielerei nicht irreführen. Ende Februar enthüllte das Pekinger Außenministerium in einer Erklärung, was es "die bewaffnete imperialistische Intervention und Aggression der Vereinigten Staaten in Südvietnam" nennt.
Die Rotchinesen lüfteten damit den Schleier, den Amerikas Präsident John F. Kennedy kunstvoll über eine politischmilitärische Aktion geworfen hat, mit der er das Südvietnam des katholisch antikommunistischen Präsidenten Ngo Dinh Diem, mehr noch, Südostasien dem Westen erhalten will.
Dieses Ziel hofft Kennedy durch eine Parallel-Aktion erreichen zu können:
- Das Königreich Laos, zur Hälfte bereits in der Hand der Kommunisten, soll neutralisiert werden, um die Durchgangsstraße der aus Nordvietnam und Rotchina nach Südvietnam einsickernden Partisanen zu sperren.
- Der roten Rebellion soll sowohl mit militärischen Mitteln als auch mit politisch-sozialen Reformen entgegengetreten werden.
Zunächst hatten freilich Präsident Kennedys Berater mit dem Gedanken gespielt, durch den Einsatz amerikanischer Truppen
auch in Laos den roten Vormarsch aufzuhalten. Doch die voraussehbaren immensen Schwierigkeiten einer solchen Dschungelkampagne sowie die Kriegsmüdigkeit des US-Kongresses und der Laoten führten im Sommer 1961 zur Aufgabe solcher Interventionspläne.
Um so dringlicher wurden die Hilferufe des Südvietnam-Präsidenten Ngo, der sich von einem wachsenden Heer roter Partisanen bedrängt sah. Zwar kann er den 20 000 Rebellen eine Armee von 175 000 Mann entgegenstellen, doch seine schwer bewegliche, von Korruption gelähmte Streitmacht wurde geschlagen, wo immer sie auf die Partisanen traf.
Der Herr des Weißen Hauses schickte schließlich seinen militärischen Chefberater, General Maxwell D. Taylor (SPIEGEL 34/1961), nach Saigon. Als Taylor erfuhr, wie viele rote Partisanen in Südvietnam operierten, herrschte er den vortragenden US-Offizier an: "Warum töten Sie sie nicht, anstatt sie zu zählen?'
General Taylor empfahl Kennedy, die US-Militärmission müsse durch Kampfpersonal verstärkt werden und den militärisch unfähigen Südvietnamesen die Leitung des Kampfes gegen die Partisanen aus der Hand nehmen. Erste Aufgabe sei, die Armee Südvietnams auf den Guerillakrieg umzuschulen.
Der Präsident stimmte zu, und bald rückten die GIs in die vorderste Linie des südvietnamesischen Bürgerkriegs:
- Im Dezember 1961 riegelten Einheiten
der amerikanischen Pazifikflotte die Küste Südvietnams gegen rote Landungsunternehmen ab und übernahmen die Kontrolle der Küstengewässer.
- Kurz darauf wurden drei Hubschrauber-Kompanien der US-Armee und zwei Nachschub-Kompanien der US -Luftwaffe nach Südvietnam verlegt, um südvietnamesische Einheiten an die Front zu fliegen, die Rebellen zu beobachten und Flugblätter über Guerillagebiet abzuwerfen.
- Anfang Februar schuf Präsident Kennedy ein spezielles Militärkommando für den Raum Südvietnam und unterstellte es dem Korea-Veteranen Paul D. Harkins, einem Vier -Sterne-General aus der Schule des Weltkrieg-II-Haudegens Patton, dessen stellvertretender Stabschef er gewesen war.
Kommandeur Harkins durfte sich freilich seiner Macht über die 5000 Mann der angeblich nichtkämpfenden Berater-Armee, die er bis zum Sommer 1962 auf 7000 verstärken will, nur heimlich erfreuen, denn ein präsidialer Sonderbefehl erlegte ihm Schweigepflicht auf Er war sogar gehalten, Kontakt mit Journalisten zu meiden.
Zu solcher Pressescheu bestand Veranlassung, weil Washington den tatsächlichen Umfang der amerikanischen Militärhilfe zu verbergen wünschte. Grund: Das Genfer Abkommen von 1954, durch das der Indochinakrieg beendet und Vietnam in zwei Staaten aufgeteilt wurde, schreibt Südvietnam vor, es dürfe höchstens 685 ausländische Militärberater auf seinem Territorium unterhalten.
Präsident Kennedy befürchtete daher, mit den Garantiemächten des Genfer Abkommens - Großbritannien und der Sowjet-Union - in Konflikt zu geraten, falls es der 1954 eingesetzten Internationalen Kontrollkommission in Vietnam gelänge, die wahre Zahl der amerikanischen Militärexperten zu ermitteln.
Die polnischen und indischen Mitglieder der Kommission (weiteres Mitglied: Kanada) traktierten denn auch bald die US-Botschaft in Saigon mit peinlichen Fragen über die amerikanische Militärmission.
Als die Polen und Inder der Botschaft im August 1961 verrechneten, die Ankunft neuer Militärberater übersteige ständig die Abreise zurückbeorderter Experten, flunkerten die US-Diplomaten, offenbar seien zahlreiche Mitglieder der Militärmission abgereist, ohne sich offiziell abgemeldet zu haben.
Die amerikanischen Diplomaten in Saigon hätten das Versteckspiel durchgehalten, wäre nicht am 11. Februar eine Transportmaschine der US-Luftwaffe mit acht GIs an Bord über Partisanengebiet abgestürzt.
Zwar verschleierten die US-Behörden in Südvietnam noch 30 Stunden nach dem Absturz die Herkunft der Maschine, doch inzwischen hatte sich Amerikas republikanische Oppositionspartei der Affäre bemächtigt.
Die Republikaner gaben die Parole aus, zugunsten des stets von Attentaten verfolgten Diktators Ngo - in der vergangenen Woche entging er erneut einem Bombenangriff meuternder Luftwaffenoffiziere - stürzten die US -Demokraten das ahnungslose Amerika in einen neuen Krieg. "Man sollte nicht warten, bis die Verlustlisten eintreffen, und das Volk darüber aufklären, welche Verpflichtungen wir eingegangen sind", zürnte das republikanische Parteiorgan "Battle Line".
Als das Mißtrauen der republikanischen Kritiker ("Battle Line": "Steuert das Land in einen neuen Koreakrieg?") noch durch dunkle Warnungen Pekings und Moskaus vor "alarmierenden Konsequenzen für den Weltfrieden" - so die "Prawda" - genährt wurde, sah sich der Präsident Ende Februar genötigt, mit vielen Umschreibungen Einzelheiten über das amerikanische Eingreifen in Südvietnam mitzuteilen. Kennedy: "Ich glaube, wir sind so aufrichtig, wie wir sein können."
Zu dieser begrenzten Aufrichtigkeit gehört es, daß der Präsident seinen Landsleuten die im Pentagon bereitliegenden Pläne verschwieg: die auch den Einsatz regulärer amerikanischer Verbände in Südvietnam vorsehen.
Denn: Sollte es Amerikas Diplomaten nicht gelingen, Laos zu neutralisieren und damit die laotische Durchgangsstraße für die in Südvietnam operierenden Partisanen abzuriegeln, wollen die Strategen des Pentagon entlang der Autostraße 9 (siehe Karte), die das antikommunistische Südlaos mit der Küste Südvietnams verbindet, eine Abwehrfront mit Truppen aus den USA. Thailand, Laos und Südvietnam aufbauen.
Offiziere des amerikanischen Marinekorps haben bereits- das Gelände an der Autostraße 9 erkundet. Der Aufmarschraum der US-Divisionen liegt fest - der neue Koreakrieg kann jederzeit beginnen.
US-Instrukteur (r.), Dschungel-Rekruten: Nicht zählen, töten!

DER SPIEGEL 10/1962
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