04.04.1962

HEIDEGGERDie Wacht am Sein

Der deutsche Philosoph Friedrich
Nietzsche (1844 bis 1900) verstand unter Metaphysik "die Wissenschaft, die von den Grundirrtümern des Menschen handelt, doch so, als wären es Grundwahrheiten". Er sprach vom "Unsinn aller Metaphysik" und hielt sich für deren Überwinder.
Der deutsche Philosoph Martin Heidegger nennt Nietzsche dagegen den "letzten Metaphysiker des Abendlandes". Diese erstaunliche These hat der 72jährige Freiburger Emeritus Martin Heidegger in seinem neuesten, bisher dicksten Buch ausführlich erläutert*. Es enthält Nietzsche-Vorlesungen aus den Jahren 1936 bis 1940 sowie Abhandlungen und Entwürfe aus den Jahren 1940 bis 1946.
"Metaphysik" war ursprünglich nichts anderes als der Titel einer Sammlung von Abhandlungen des griechischen Philosophen Aristoteles, die Andronikos von Rhodos hinter (meta) dem Band "Physik" einordnete, in dem die naturphilosophischen Betrachtungen des Aristoteles gesammelt sind. Seitdem gilt der Begriff Metaphysik allgemein als Bezeichnung für philosophische Bemühungen, über die Natur hinaus zu fragen und ein gedankliches Bild der Wirklichkeit zu entwerfen, das über Voraussetzungen und Ursachen alles Seins und Denkens Auskunft geben soll.
Das metaphysische Denken kulminiert in Systemen, wie sie Aristoteles (384 bis 322 vor der Zeitrechnung), der scholastische Theologe Thomas von Aquino (1225 bis 1274) und der deutsche Denker Friedrich Hegel (1770 bis 1831) geliefert haben.
Mit Nachdruck distanzierte sich jedoch Nietzsche vom Systemdenken überhaupt; den metaphysischen Denkern des Deutschen Idealismus, Fichte, Schelling, Hegel und Schleiermacher, warf er höhnisch vor, sie alle seien "Schleiermacher". Nietzsches ehrgeiziges Ziel war die "Umwertung aller Werte"; insofern nannte er sein Denken sogar "nihilistisch".
Obschon Nietzsche zwar die geschichtlichen Konsequenzen des Nihilismus - etwa in der Massengesellschaft - erst noch kommen sah, glaubte er, seine neue Wertsetzung und deren Prinzip, der "Wille zur Macht", hätten den Nihilismus bereits überwunden.
Heidegger unterstellt hingegen, auch Nietzsche sei ein Systemdenker gewesen, und zwar insofern, als auch den Lehren Nietzsches eine verborgene Einheit zugrunde läge. Diese verborgene Einheit, behauptet Heidegger, mache "das Wesensgefüge der Metaphysik Nietzsches aus". Nietzsche deute, meint Denker Heidegger, nach metaphysischer Tradition das Wesen der Wirklichkeit, das bei ihm zum "Willen zur Macht" wurde.
Alle Metaphysik, sagt Heidegger, beginne mit Platon (427 bis 347 vor der Zeitrechnung) und sei in ihrem Wesen, "onto-theologisch", das heißt, sie setze, Gott als Quelle des Seins und mache eine übersinnliche Welt der Ideen und Werte zum Maßstab der sinnlich wahrnehmbaren Welt.
Nietzsche hat zwar demgegenüber seine Philosophie als "umgedrehten
Platonismus" verstanden, der als höchsten Wert das Leben im Diesseits proklamiert ("Umwertung aller Werte"). Nietzsche glaubte zum Beispiel, "daß die Verehrung der Wahrheit schon die Folge einer Illusion ist", er behauptete aggressiv, die Wahrheit sei "die Art von Irrtum, ohne welche eine bestimmte Art von lebendigen Wesen nicht leben könnte".
Diese Umkehrung des Platonismus durch Nietzsche, der Ersatz übersinnlicher Maßstäbe durch Maßstäbe aus der sinnlichen Welt, aus dem Diesseits, bleibt aber laut Heidegger auf dem Boden der metaphysischen Denkweise stehen. Auch Nietzsches Auffassung der Wahrheit als "Un-richtigkeit" könne nur dann gedacht werden, wenn "das Wesen der Wahrheit im (metaphysisch-platonischen) Sinne der Richtigkeit festgehalten wird".
Zugleich ist Nietzsche nach Meinung Heideggers auch der erste bewußte Denker des Nihilismus. Der Nihilismus Nietzsches lehne zwar die bereits bestehenden, anerkannten Werte ab, setze aber in der "Umwertung aller Werte" neue an ihre Stelle. So sei das Denken in Werten, das nach Meinung Heideggers alle Metaphysik charakterisiert, keineswegs aufgegeben.
Die Philosophie Nietzsches, meint Heidegger, sei also, eben weil sie herkömmliche Metaphysik darstelle, gar nicht imstande gewesen, das Wesen des Nihilismus zu denken, sie habe deshalb den Nihilismus auch nicht überwinden können.
Die Nietzsche-Interpretation Heideggers ist nur von Heideggers Philosophie her zu verstehen. Heidegger stellt der metaphysischen Denkweise seine eigene "seinsgeschichtliche" Denkweise entgegen. Diese Heideggersche Denkweise wird von der These beherrscht, die Metaphysik habe zwar immer nach dem Wesen der Wirklichkeit und damit nach dem Sein des Seienden gefragt, das Sein als solches sei jedoch nie in das Blickfeld der metaphysischen Denker getreten.
Der französische Philosoph Descartes ("Cogito, ergo sum" - "Ich denke, also bin ich") hat in einem Brief die Philosophie mit einem Baum und die Metaphysik mit den Wurzeln dieses Baumes verglichen. Heidegger schließt an dieses Gleichnis mit der Behauptung an, das "Sein selbst" sei der Boden, der Grund, aus dem sich wiederum die Wurzeln (Metaphysik) des Baumes (Philosophie) nährten.
Da sich die Metaphysik nicht um ihren Nährboden, um ihren Grund gekümmert, sondern ihn - das "Sein selbst" - "ausgelassen" habe, nennt Heidegger das gesamte metaphysische Denken "nihilistisch". Er interpretiert den Nihilismus bei Nietzsche als die Erfahrung, "daß es mit dem Seienden ... nichts ist", und er interpretiert den Nihilismus generell als Erfahrung, "daß es (in der Geschichte der Metaphysik) mit dem Sein ... nichts ist".
Heidegger ("Die Metaphysik ist als Metaphysik der eigentliche Nihilismus") findet, "die Metaphysik Platons ist nicht
weniger nihilistisch als die Metaphysik Nietzsches".
Die gesamte Geschichte des metaphysischen Denkens wird damit für Heidegger zur Geschichte des "Nihilismus". Nach Heideggers radikaler Lehre ist jedes Denken "nihilistisch", das sich zwar um das Sein des Seienden, nicht aber um' das Sein als Sein gekümmert habe.
Theologie, Metaphysik und die anderen Wissenschaften sind demnach "nihilistisch", und auch die Logik ist nur eine metaphysische, das heißt ebenfalls nihilistischeAuslegung des menschlichen Denkens.
Heidegger, der Verfechter einer "seinsgeschichtlichen" Denkweise, für den "alles Klären ... aus einem Klaren ins Dunkle gehen" muß, hatte schon in seinem Buch "Holzwege" (1950) die - augenscheinlich aus einer Art Privatoffenbarung stammenden - "Winke des Seins" über alle "Beweise des Denkens" gestellt:
"Das Denken beginnt erst dann, wenn wir erfahren haben, daß die seit Jahrhunderten verherrlichte Vernunft die hartnäckigste Widersacherin des Denkens ist."
* Martin Heidegger: "Nietzsche". Verlag Günther Neske, Pfullingen; zwei Bände, 1148 Seiten; 68 Mark.
Philosoph Nietzsche
Aus dem Klären ...
Philosoph Heidegger
... ins Dunkle

DER SPIEGEL 14/1962
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